Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/131/
zu beklagen, doch das war ein Bürgerkrieg, und seine Bekämpfer 
waren eben Baschi Bozuks; jetzt aber kämpfen zwei Kaiserreiche 
gegen einander, von denen das eine das andere zur Civilisation 
zwingen will. Und zur regulären Armee Rußlands gehören 
jetzt auch die Kosaken die an den Unthaten vielfachen Antheil 
genommen haben. Man denke an Sibirien, Polen, China, den 
jetzigen Krieg, die Tausende von ermordeten friedlichen Bürgern, 
Weibern und Kindern, die verbrannten türkischen Dörfer und 
an sonst ncch alle die Gräuel welche die Scham verbietet hier 
niederzuschreiben, und dann wage man noch zu sagen: Rußland 
sei berufen als Befreier der unterdrückten Christen des Orients 
aufzutreten! Die Zahl der Opfer und die Art der Verwundungen 
hier in Rasgrad (doch das ist ein kleiner Theil) habe ich Ihnen 
ausführlich telegraphisch mitgetheilt. Wir wollen sehen ob man 
uns gegenüber das abzuläugnen versuchen wird was die Vertre- 
ter von elf Zeitungen hier mit eignen Augen angesehen haben." 
Einem Briefe der „Deutschen Ztg." aus Jassy, 8.Aug., 
eutnehmen wir über die Behandlung der türkischen Gefangenen 
folgende Angaben: 
„Vorgestern passirten hier 380 und gestern etwa 500 ge 
fangene Türken. Die Armen waren nicht einmal ordentlich ver- 
bunden und lagen zu 40 Mann auf den nackten Bodenbrettern 
in den sogenannten Viehwaggons. Das Verbandzeug auf den 
Wunden dieser Unglücklichen bestand durchgehends aus Fetzen 
ihrer eigenen schmutzigen Hemden, und ich traute kaum meinen 
Augen, als ich sah, wie ein Redif, dem das Kinn beinahe gänz- 
lich zertrümmert war, ohnmächtig zwischen den Uebrigen dalag, 
ohne daß man demselben irgendeine Hülfe hätte angedeihen las- 
sen. Ein wachthabender russischer Soldat, den ich befragte, 
warum die Armen so behandelt werden, antwortete mir trocken: 
„„Was kümmert das uns! Sollen crepiren, die Hunde. Wir 
haben so eben zwei und bei Bukarest zehn derselben hinausge- 
worfen."" Nicht recht wissend, was der Mann mit dem Worte 
„hinausgeworfen" meinte, fragte ich ihn nach dem Grunde des 
Hinauswerfens uud erhielt zur Antwort: „„Weil sie unterwegs 
crepirt waren."" Heute werden hier wieder 400 türkische Ge- 
fangene erwartet, und es nimmt Jedermann Wunder, woher die 
Russen so viele Gefangene nehmen, während dieselben in der 
letzten Zeit beinahe stets geschlagen werden. Der Sache ist je- 
doch leicht auf die Spur zu kommen. Die meisten der von den 
Russen gefangen genommenen Türken sind eben keine Soldaten 
und auch keine Baschi Bozuks, für die man sie so gerne aus- 
gibt, sondern einfach türkische Bauern und Bürger, die während 
ihrer Feldarbeiten oder in ihren Häusern von den Russen über- 
rascht und gefangen wurden. So äußern sich wenigstens alle 
Gefangenen, die man hieher in Civilkleidern bringt und für 
Baschi-Bozuks ausgibt. Daß dem wirklich so sei, beweist auch 
der Umstand, daß sich unter den gefangenen Türken in Civil- 
kleidern auch viele Knaben, ja selbst Kinder mit ganz unschuldi- 
gen Gesichtchen befinden, die doch unmöglich zu den schrecklichen 
Baschi-Bozuks gehört haben konnten. Einen solchen Knaben 
sah ich gestern in einem Waggon halbtodt liegen. Der Arme 
wurde von den übrigen Türken mit kaltem Wasser begossen und 
auf allerlei Weise gepflegt, doch alles half nichts. Der Kranke 
erwachte nicht aus seiner Ohnmacht, und keinem einzigen Russen 
ist es eingefallen, demselben ärztliche Hülfe zu bringen, oder ihn 
wenigstens aus dem sinstern und schmutzigen Waggon herauszu- 
nehmen und in das nahegelegene Lazareth transportiren zu lassen." 
In der „Ostsee-Ztg." wird dem „Reichsanzeiger" folgende 
Belehrung zugewendet: 
Stettin, 10. Aug. Herr Redakteur! In Ihrem Abend- 
blatte von gestern theilten Sie mit, daß nach einer Angabe des 
„Reichsanzeigers" der Correfpondent der „Times" das bekannte 
Memoire der Zeitungscorrefpondeuten aus Schumla (über rus- 
fische Gräuelthaten), so weit es ihn betreffe, für eine Fälschung 
-erkläre. In der „Times" vom 8. d. findet sich indessen fol- 
gender Brief, überschrieben „Gräuelthaten (per Telegraph von 
Wien. Von unserem Correspondenten bei der türkischen Armee.)" 
„Schumla, 25. Juli. Aus Rasgrad nahm ich am 18. d. Ge- 
legenheit Ihnen einen detaillirten Bericht über die dort ange- 
sammelten Opfer russischer Grausamkeit zu schicken; auch hier 
find deren einige, deren Zahl auf 40 angeschwollen ist. Unter 
ihnen sind alte Frauen und .Kinder, an welchen die Kosaken 
ähnliche Scheußlichkeiten wie an denen in Aplanova verübten, 
mit der Zugabe, daß die feindlichen Reiter ihre tödtlichen Was- 
sen gegen Säuglinge gekehrt haben. Einer von diesen hat nicht 
weniger als sechs Wunden. Tiefe sittliche Entrüstung wurde 
natürlich von den hier versammelten Vertretern der europäischen 
und amerikanischen Presse empfunden, und es ward vorgeschlagen 
ein Document aufzusetzen, um festzustellen, was wir alle mit 
eigenen Augen gesehen haben, damit später die Wahrheit nicht 
entstellt oder geläuguet werden könne. Dieses Document, dem 
mich anzuschließen ich als Ihr Vertreter mich verbunden fühlte, 
wurde abgefaßt und von allen hier sich aufhaltenden Correspon- 
denten unterzeichnet." " . ' 
Verschiedenes. 
* Türkische Eigenheiten. Wenn der Türke von der 
Fahne des Propheten spricht, greift er gewiß an seinen Säbel- 
griff. Die Entrollung dieser heiligen Fahne, die als eine Reli- 
quie des Propheten betrachtet wird, bedeutet Krieg auf Leben und 
Tod. Zum letzten Male wurde die Fahne 1826 entrollt, als 
die Janitscharen, gefürchtete türkische Söldner, den Sultan und 
seine ganze Regierung maßregeln wollten. Laut der „Ostschweiz" 
wird die Ceremonie folgendermaßen beschrieben: Nachdem der 
Scheik-ül-Jslam (hohe Priester) ans dem Koran die Nothwen- 
bigfeit der Entrollung nachgewiesen hatte, las ein Ulema (tür- 
kischer Mönch) dem Sultan die Lebensgeschichte des Propheten 
vor, worauf er dann eine Ansprache an die Anwesenden richtete, 
in welcher er sie versicherte, daß Allen die Pforten des Para- 
dieses offen stehen werden. Hierauf wurde die Kiste geöffnet, 
in welcher die Fahne des Propheten aufbewahrt wird. So oft 
eine der Enthüllungen, 40 an der Zahl, fiel, warfen sich alle 
Anwesenden, der Sultan inbegriffen, auf den Boden nieder und 
riefen mit lauter Stimme: „Eschhad an la Ilahi illa Allah, 
"WaMahomet Eassul Allah!" d. H.: „Ich bekenne laut, daß 
es keinen Gott gibt, außer dem einen Gott, und Mohamet ist 
ein Prophet." Sowie die Fahne selbst sichtbar wurde, stürzten 
sich alle Anwesenden zu Boden, der Sultan inbegriffen, berührten 
denselben mit der Stirne und zitirten dreimal einen mohamedanisch- 
caballistischen Spruch, der ungefähr lautet: „Gott ist groß! 
Gott ist mächtig! Gott ist erhaben u. s. w." Hierauf küßte der 
Sultan die Reliquie, während die andern Anwesenden nur eiuen 
Seidenlappen küssen durften, welchen man einige Sekunden vor- 
her auf die Reliquie gelegt hatte. Hierauf befestigte der Scheik- 
ül-Jslam die Fahne an eine Stange und überreichte sie dem 
Sultan, der sie dann den zu Trägern bestimmten Ulemas (Geistliche) 
übergab. Mit dem Ausrufe: „Alla akbar!" („Gott ist groß!") 
zog der Sultan sein Schwert, welchem Beispiele dann auch sein 
Gefolge nachfolgte, und dann begann die Niedermetzelung der 
Janitscharen und ihrer Anhänger mit vielen Unschuldigen. Hier- 
aus ist leicht zu ersehen, was türkischer Fanatismus heißt und 
welche rohe Auswüchse derselbe in sich birgt und zwar Alles 
unter der Maske ihrer fatalistischen Religion, welche 80 Milli- 
onen Bekenner in sich schließt. 
* Die Bierbrauereien in Amerika. Einem amerika- 
nischen Blatte entnehmen wir über dieses interessante Thema 
folgendes: 
Vor 40 Jahren wurde nur wenig Bier in den Vereinigten 
Staaten getrunken. Das schäumende Naß wurde zu jener Zeit 
noch nicht in Amerika gebraut, dann und wann wurde ein Fäß- 
chen aus der alten in die neue Welt importirt. Im Jahre 
1848 wurde die erste Brauerei in Philadelphia errichtet. Zwei 
Jahre später gründeten die HH. F. und M. Schäfer eine
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.