Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/123/
than sich derselben zu bemächtigen. Von Wösten her empfing 
die russischen Regimenter nun ein ungeheures Feuer aus allen 
kleinen Büschen und Hecken heraus, sowie von der Chaussee her. 
Der schon verwundete Oberst Rosenbaum des 17. Regiments 
rief seinen Leuten zu: „noch einmal drauf mit Hurrah!" aber 
in Flanke und Front wurden die Truppen mit Kugeln über- 
schüttet, der Oberst Roscnbanm erhielt einen zweiten tödtlichen 
Schuß durch den Kopf, noch weitere 12 Offiziere büßten ihre 
Tapferkeit mit dem Tode, 20 Offiziere, wobei fast sämmtliche 
Kapitäne, wurden verwundet, 1300 Mann Verluste zählte das 
Regiment am andern Tag. Auch das herbeigeeilte 18. Regiment 
hatte einen Verlust von 20 Offizieren und 900 Mann, wo- 
runter der gefallene Oberst. Das 19. Regiment wurde von 
3 Schwadronen türkischer Kavallerie angegriffen und erlitt eben- 
falls große Verluste. Eine Sowie Kosaken war von den Pferden 
abgesprungen und focht mit dem Berdan-Gewehr zu Fuß, um 
nach erfolgreichem Schießen, mit dem Säbel in der Faust, die 
Infanterie zu artakiren; 36 Mann von 86 waren tobt und 
verwundet. Der herbeigeeilte Divisionsgeneral Schilder-Schulduer 
hatte den Rückzug antreten müssen, da gar keine Unterstützung 
zu erwarten war. Er zog deßhalb die Regimenter nach der 
nächsten ihm günstigen Position zurück. Bei dem Ersteigen der 
Höhen gab es die größten Verluste. Nur wenige gefangene Türken 
blieben in den Händen der Russen, jedoch mußten die' Russen 
manchen Schwerverwundeten in den Händen der Türken lassen; 
auch 'mag bei dem Zurückgehen mancher Verwundete in die 
Hände der Ungläubigen gerathen sein. Es ist noch nicht möglich 
den Gang des Gefechtes näher anzugeben als ich es eben gethan. 
Das große Gefecht war ohne obere Leitung, die Regimenter 
handelten selbständig und zu schnell, an den Sieg ihrer Waffen 
durch die vorhergegangenen Begebenheiten gewöhnt, glaubend die 
Bravour des Soldateu allem sei maßgebend. 
Wichtiger noch als eine gewonnene Schlacht ist für die Türkei 
die in mehreren Telegrammen gemeldete Rückbe rufung Mi- 
dhat-Paschas. Ueber die Bedeutung dieses letzten Helfers in 
der türkischen Roth macht ein Berliner Eorrespondent d. A. A. 
Zeitung sehr inte ress ante Mi t t he i lung en. Er schreibt: 
„Samiel hilf!" muß Sultan Abdul Hamid gerufen haben als 
er die Ordre zur Zurückberufung- des gestrengen Zuchtmeisters 
unterfertigte. Denn so viel geht aus allem hervor was man in 
und zwischen den^Zeilen, vor und hinter den Eoulisseu gehört 
hat: was den Sultan an Midhat Pascha genirte, war nicht 
die. Verfassung, nicht die in ihr eingeschaltem Znmuthung künf 
tig blos den Punkt über das I zu setzen, sondern, die Ordnung 
welche der Großwessier in die Staats- und die Palast-Finanzen 
einführen wollte. Beide Finanzen waren bis dahin in erwünsch- 
tem Gleichgewicht gewesen; hatte der Staat noch Geld, so ver- 
breitete sich bieg in die Canäle des Palastes; ja es soll sogar 
vorgekommen sein daß man beide Reservoirs in eine schiefe Ebene 
brachte, die Staatskasse oben, die Palastkasse unten, so daß der 
Staat oft nur spärlich tröpfelte, wenn der Palast schwamm. 
Diese bequenn Finanzlage des Sultans gedachte Midhat Pascha 
etwas unbequemer zu machen; er befahl dem Finanzminister nicht 
ohne Gegenzeichnung zu zahlen, und die Gegenzeichnung bedeutet 
eine regelmäßige Civilliste. Eine solche Regelmäßigkeit ist aber 
für einen Sultan, der obendrein Chalife ist, das deukbar Ent- 
setzlichste; alle andern Privilegien mag er leichter verschmerzen 
als dieses goldene. Da trat nun Mamnd Damat Pascha, der 
so etwas kennt, an den großherrlichen Schwager heran und sagte 
ihm: die auswärtige Politik mag so weiter gehen, Savfet Pa- 
scha im Amte bleiben; der Krieg von Abdul Kerim und Achmet 
Mnkthar geführt werden; die Verfassung und die Nationalver 
sammlung in Allahs Namen fortfungieren, das wird uns nicht 
beißen. Aber du mußt Geld haben, so lang noch eine Lira vor- 
Händen ist. Du brauchst keinen Rathgeber der dir vorschreibt was 
du ausgeben darfst; du bist nicht nur von Gottes, sondern auch 
von des Propheten Gnade. Schick' den Midhat fort, ich be 
sorge dir die Sache. — Und so geschahs. Die Russen lachten 
sich ins Fäustchen. Die Finanzen gingen — zum Henker, aber 
die übrigen Dinge gingen gar nicht. Die Verfassung kreischte 
in den Angeln; Savfet Pascha schrieb gute Noten, aber Edhem 
schützte sich nicht mit dem Gewicht einer großen Autorität. Mu- 
khtar Pascha besann sich in Armenien eines Bessern, aber Ab- 
dul Kerim that nichts als sich besinnen. Die türkische Jugend, 
namentlich in Konstantinopel, murrte unaufhörlich; die Revolu- 
tion wogte dumpf um den Sultan - Palast herum. Die Russen 
gingen über den Balkan, bedrohten Philippopel — das Ende 
der Dinge kündigte sich an. Da seufzte Sultan Abdul Hamid: 
„Samiel hilf!" 
Aus Bukarest, 28. Juli, gehen dem „Pester Lloyd" fol- 
gende (mittelst Estafette nach Kronstadt beförderte) telegraphische 
Nachrichten zu: Die gesammte türkische Bevölkerung von Kirto* 
zabene und Krißmiö, zumeist Greise, Frauen und Kinder, welche 
bei Ankunft der Russen in die Wälder geflüchtet, wurde durch 
russische reguläre Truppen sammt und sonders niedergemetzelt. 
Die bulgarische Armee laborirt an enormen Verpflegsmängeln in 
Folge der ungenügenden Transportmittel. — Die russische Do- 
brudscha-Armee geht in Eilmärschen en masse gegen Westen, 
die Vereinigung mit dem bei Sistowa stehenden Centrum an- 
strebend. Gleichzeitig ist man bemüht Silistria zu umfassen. 
Die Türken vollziehen Diversionen von Rasgrad aus, Sulei- 
mans Armee marschirt nach dem Schipka-Passe. 
Aus England gelangen bedeutungsvolle Nachrichten von - 
fortwährenden Truppensendnngeu nach Malta-Gilbraltar. Die 
englische Regierung sagt zwar, daß diese Truppen blos zur Ver- 
stärkung und Befestigung von Malta-Gibraltar bestimmt seien; 
doch scheint es außer Zweifel zu liegen, daß man dieselben im 
gegebenen Falle gegen Rußland nahe zur Hand haben möchte. 
Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird England warten bis 
.Oesterreich ans seiner Zuschauerrolle heraustritt! die Gemein- 
samkeit des Handelns beider Staaten gegen Rußland ergibt 
sich' durch die gegenwärtige Lage der Dinge von selbst. Ein rück- 
sichtsloses Vorgehen Rußlands werde ebensowohl die Lebensin- 
teressen Englands als auch Oesterreichs in gleichem Maaße ver- 
letzen. Zuverläßige Wiener Nachrichten melden übrigens als 
zweifellos, daß nächstens die ersten Schritte Oesterreichs zu er- 
warten seien. 
Neueste Nachrichten. 
Wie», 31. Juli. Der Ministerrath stimmte den Anträge» 
Andrassy's in Betreff der eventuellen Trnppenaufstelluug an den 
Gränzen zu und überließ seinem Ermessen die Wahl des Zeit- 
Punktes für die Ausführung. 
Salzburg, 31. Juli. Es ist eine Erklärung Oesterreichs 
an den russischen Reichskanzler, Fürsten Gortschakoff, abgegangen, 
des Inhalts, daß durch die Theiluahme Rumäniens an den 
Operationen und durch die Einführung der russischen Admini- 
stration in Bulgarien, als ob dieses, eine russische Provinz 
bleiben sollte, die Reichstadter Abmachungen verletzt und Oester- 
reichs Interesse bedroht seien Die Erklärung fordert bindende 
Bürgschaften im Sinne jener Abmachungen; im Weigerungs- 
fall würde sich Oesterreich seiner Verpflichtungen für entbunden 
erachten. 
Verschiedenes. 
* Graubünden. Ein hübsches Vorkommniß, vom „Bund- 
ner Tagblatt" mitgetheilt, wird auch unsere Leser interesstreu. 
Jüngst fuhr im schönen Engadin ein Bauer mit seinem Wagen 
Holz und er hatte das Unglück, an dem einen Rade unbemerkt 
den Vorstecknagel zu verlieren, wodurch das Rad nach einiger 
Zeit von der Achse sich loslöste und der Wagen umkippte. Der 
Bauer befand sich in fataler Verlegenheit, er war mit seinem 
Wagen alleinu ud konnte sich .unmöglich selbst helfen. In dieser 
schlimmen Lage nahte endlich Hülfe durch zwei des Weges daher
        

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