Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/111/
11 — 
erhalten; doch wird hier allgemein geglaubt, daß er ebenso 
wie der Kommandant von Ardaghan von den Russen gekauft 
worden sei." — Der Sultan soll höchst ausgebracht die 
Minister gefragt haben; wie eS möglich sei, daß die Russen 
so leicht den Uebergang hätten bewerkstelligen können Diese 
schoben die Schuld aus Abdul Kerim Pascha, der seinerseits 
auf eine Anfrage entgegnete: „3ch ersuche Eure Majestät sich 
nicht wegen deS UebergangeS der Russen bei Sistowa zu be- 
unruhigen; es ist das von keiner Bedeutung. Ich habe einen 
ausgezeichneten Plan, der sicherlich auf eine ganzliche Nieder- 
läge der Russen hinauslaufen, und jeden derer die über- 
gegangen verhindern wird, lebendig nach seinem Lande zurück- 
zukehren. Ich muß nur Ew Majestät ersuchen mir die Aus 
führung meines Planes zu gestatten, und den Herrn in Stambul 
zu verbieten meine Operationen zu hindern." Die Mittheilung 
seines Planes verweigerte Abdul Kcrim positiv. 
— 1 
Invasion Bulgariens nehmen ihren Fortgang, aber unter 
großen Verlusten. Letztere werden bis zu 6000 Mann ange- 
geben. Bis zum 5. Juli sollen 40,000 Russen die Donau 
brücke von Simnitza passirt baben. Der Kaiser Alexander 
hat bei dem Fürsten Apsilanti in Simnitza Quartier genommen. 
Im Uebrigen liegt über die Züge und Gegenzüge aus dem 
Kriegsschauplatz an der Donau heute weder von russischer 
noch von türkischer Seite ein zusammenhängender Beriet vor. 
— Die Rumänen haben die Donau noch nicht überschritten, 
bereiten sich aber dazu vor. In diesem Fall werden sie wohl 
kaum ohne russische Corperation, jedenfalls nicht ohne russi- 
sche Leitung sein. Man darf gespannt darauf sein, wie Oester- 
reich in diesem Falle seine „Interessen" auffaßt. Die Ope- 
rationen gegen Montenegro sind seit mehr als einer Woche 
nicht mit der Energie weiter geführt worden, welche die Türken 
in der zweiten Hälfte deS MonatS Juni entfaltet haben. Von 
Einfluß auf diese Operationen war jedenfalls die Lage auf 
den übrigen Kriegsschauplätzen. ES wird ein Theil der gegen 
Montenegro aufgebotenen Streitkräfte an andern Orten benö- 
thigt. Oie Concentrirung in Podgoritza ist vielleicht gerade 
mit Rücksicht hieraus geschehen. 
Der „Daily Telegraph" bringt einen auS Erzerum vom 
Dienstag, 3. Juli, datirten ausführlich«'^,, telegraphischen 
Bericht über die jüngsten Kämpfe auf rem kleinasiatischen 
Kriegsschauplätze Wir entnehmen dieser Mitteilung Folqendeö : 
„Am Sonntag und Montag voriger Woche machten die 
Russen heftige Angriffe auf Kars und suchten namentlich sich 
durch Lturm in den Besitz deS wichtigen, die Straße nah 
Erzerum beherrschenden Forts Tachmos zu setzen. Die Tütken 
sehten den Angreifern entschiedenen Widerstand entgegen und 
trieben sie mit schwerem Verluste zurück. Am vorigen D enkwg 
wurde nochmals ein äußerster Versuch von den Russen unter- 
nommen, der aber keinen bessern Erfolg halte. Die Türken 
machten in großer Stärke einen Ausfall And trieben, unter- 
stützt von heftigem Geschützfeuer der Forts und Batterien, 
die Russen zur Flucht. Inzwischen ging eS auch bei Zewin 
zwischen General LoriS-Melikoff und Ismail Pascha scharf 
her. ES entbrannte ein äußerst hartnäckiger Kampf, dessen 
Ausgang eine Zeit lang zweifelhaft war. Ismail Pascha 
übertraf indeß schließlich seinen Gegner im Manövriren, und 
indem er ihn mit großer Wucht angriff, führte er dessen 
Niederlage herbei. Der Verlust der Russen wird aus 4000 
Mann, darunter zwei DivisionSgenerale, geschätzt. Am Freitag 
Abend bewerkstelligte General Melikoff. unter dem Schutze 
her Dunkelheit, einen hastigen Rückzug, unter Hinterlassung 
von Zelten, Munition und einer großen Menge von' Vor- 
räthen. Am Samstag (30 Juni) und Sonntag (1. Juli) 
ergriff der rechte Flüge! der Türken die Offensive gegen die 
bei Karakilissa stehenden Russen. Diese hatten sich verschanzt 
und machten einen verzweifelten Versuch sich zu behaupten 
Am Sonntag Nachmittag ging der türkische Anführer, unter- 
stützt von heftigem Geschützfeuer, mit ganzer Macht im Sturm- 
schritt gegen die Russen vor. Dieser Angriff setzte letztere in 
solchen Schrecken, daß sie zu feuern aufhölten und sich, mit 
Hinterlassung ihrer Todten und Verwundeten, davon machten. 
Sie wurden heftig verfolgt und büßten zahlreiche Gefangene 
ein. Während der Nacht setzten sie ihren Rückzug fort, auf 
welchem sie Waffen und Schießvorrath von sich warfen. Taik 
Pascha, von vajazid kommend, suchte die russischen Colonnen 
abzufangen, während Mussa Pascha die linke Flanke der Russen 
bedrohte und Mukthar Pascha die Russen bis in die Ebene 
von KarS verfolgte." 
Aus Konstantinopel^ 4 Juli, wird dem „Standard" 
über den Eindruck des Donau-UebergangS der Russen berichtet, 
daß dort große Niedergeschlagenheit herrsche. „Der Truppen- 
kommandant bei Sistowa entschuldigt sich wegen seiner Un- 
thätigkeit damit, daß er keine Instruktion zum Widerstand 
Neueste Nachrichten. 
Gt. Petersburg. 8. Juli. Nach einem Tklkgramm des 
„GoloS" auö Bukarest vom 7. Juli ist Tirnowa am 6 d. 
von den Russen eingenommen worden. An dem Kampfe waren 
auf russischer Seite zwei Kavallerie- und zwei Infanterie-Di- 
Visionen, sowie eine SchützenbrUade beteiligt; von drei Seiten 
eingeschlossen, räumten die türkischen Truppen Tirnowa. von 
der russischen Kavallerie verfolgt. Die Stadt wurde von den 
Russen beletzt. 
Et. Petersburg, 9. Juli. Ein Telegramm deS Oberbefehls 
habers aus Tzarewilche vom 8. Juli lautet: Gestern eroberte 
Genera! ZuSko mit der Kavallerie Tirnowa. 3000 NizamS, 
die türkischen Batterien und die R'dW, deren Zahl unbekannt 
blieb, wurden zum Rückzüge gegen Obmanbazar gezwungen. -r- 
Die Bewohner von Tirnowa bezeugen einen unbeschreiblichen 
Besetzung der Stadt ward ein feierlichtr 
Gottesdienst geHallen — General Gmko nahm ein türkisches 
Lager mit MunmonSvorrathen. Unsere Train-Infanterie und 
die Artillerie nähern sich Tirnowa. 
Koustantinopel, 9. Juli. Der Minister deS Auswärtigen 
sandle am 8. Juli den Vertretern der Pforte im Auslände 
Mittheilung über die Meldungen der türkischen Behörden von 
Grauelthaten der Russen in den von ihnen besetzten Orten zu, 
woraus hervorgehe, daß d:e Russen mit dem Niedermetzeln der 
Bewohner, mit dem Plündern und Niederbrenne« systematisch 
vorgehen. Gleiche Gräuelchaten wie in Europa seien auf dem 
asiatischen Kriegsschauplatz begonnen worden. Der Minister 
bittet die Vertreter der Pforte diese Gräuelthaten der öffent- 
lichen Meinung zu unterbreiten; denn dieselben lassen keinen 
Zweifel über das Programm des Mordes und der Verwüstung 
aufkomme^ welches der Feind angenommen habe um daS Land 
zü terroristren und die am Krieg nicht theilnehmende Bevölke- 
rung zu vernichten. 
^onßantinopel, 9. Juli. Zahlreiche Tscherkessen sind nach 
dem Kriegsschauplatz (in Asien?) abgegangen. Der englische 
Flottenfommandant, Admiral Hornby, ist gestern hier einge- 
troffen ^d wird demnächst vom Sultan empfangen werden. 
Mukthar Pascha nähert sich immer mehr KarS; der Weg da 
hin ist frei. Die Russen haben Ardaghan noch nicht geräumt. 
Die Türken bombardiren Tschefketil, im Süden von Potj. 
Zahlreiche Russen koncentriren sich bei Ardaghan. Die Ein- 
sahrt in den Hafen von Smyrna zur Nachtzeit wurde amtlich 
untersagt. 
Konstantinopel, 9. Juli. Der Marineminister ist zur In- 
spizirung der Balkanbefestigungen abgereist Das Korps Su- 
leiman Paschas wird nach der Donau abgehen. — Bon 
der Donau ist keinerlei neuere Nachricht veröffentlicht worden, 
Es zirculiren jedoch verschiedene Gerüchte. —- Ein Telegramm 
des Gouverneurs von Erzerum vom vorigen Freitag meldet: 
die türkischen Truppen haben die Russen bis an die Grenze
        

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