Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/11/
Umfange und in einer Art und Weise, wie man eS nicht er- 
wartet hatte, sehr feindlich gegen daS neue Gesetz auf. ES 
hieß: -Die Kapitalisten, die Gläubiger, alle mit fixem Gehalte 
im Lande Angestellten haben den Gewinn und alle Anderen 
und zu dem Alle, die mit Vorarlberg viel verkehren haben den 
Schaden, also weg mit dem Münzgesetze. (Wir können für 
diesmal nicht näher auf diese Vorwürfe und Fragen eingehen 
und werden dieselben später einer gründlichen Besprechung un- 
terziehen.) Bald und sehr rasch wuchs die Erregung und 
wurde zu einer „friedlichen Revolution." 
Die Eschnerberger kündigten den Verkehr mit dem Oberlande, 
einige gingen sogar so weit und wollten die LandeSgxenze 
torrigiren, und am 13. dS. Monates kamen circa 300 Mann 
mit dem Landtagsabgeordneten Oehri an der Spitze nach Va- 
duz, um ihren Einfluß zur Geltung zu bringen. Da die 
eigentliche Adresse: der Landtag, an welchen die Demonstration 
gerichtet war, bereits geschlossen war, wurde die Regierung 
interpellirt. < Eine Deputation begab sich zur Regierung und 
verlangte im Namen und Auftrage der unterländischen Bevöl 
kerung: die SistirungdeS MünzgesetzeS und Auf 
lösung d eS Landtages oder wenn vaS nicht ge- 
fchehe Anschluß an Oesterreich. (Seitdem haben zwar 
sämmtliche Vorsteher vom Unterland erklärt: die Deputation 
habe gegen ihren Auftrag gesprochen, wenn sie mit Anschluß 
an Oesterreich gedroht habe). Die fürstliche Regierung mel« 
dete die Sachlage telegraphisch dem Fürsten. — Die Männer 
vom Unterland zogen sodann ruhig und ohne jede Störung 
nach Hause zurück. 
Die erste Hoffnung, man werde im Oberlande die nöthige 
Stütze und Gegenströmung gegen ein solches Vorgehen erlan- 
gen, erwies sich nach näheren Erkundigungen aussichtslos; da 
auch ein Theil der oherländischen Bevölkerung dem Münzgesetze 
feindlich gestimmt war, wennauchnie m i tderDrohung, 
die staatliche Existenz als Liechtensteiner aufzu- 
geben. 
Damit war der Weg, der nun eingeschlagen war, wenn 
man nicht an fremde Hülfe appellieren wollte, genügend vor- 
gezeichnet. Sämmtliche Abgeordnete, die für das Münzgesetz 
gestimmt hatten, legten am 15 dS. ihr Mandat nieder. (Die 
Begründung der MandatSniederlegung ist am besten auS der 
unten angeführten Erklärung zu ersehen.) 
BiS jetzt ist von unserem Fürsten noch keine weitere Ver- 
Soweit in kurzen Zügen die geschichtliche Entwicklung und 
der bisherige Verlauf der neuesten Ereignisse. ES kann natür 
lich nicht in der Aufgabe und dem Zwecke einer Wochenzeitung 
liegen, sämmtliche kleinere Tagesereignisse bis ins Detail vor- 
zuführen. 
Wie kann und soll man nun die Lage, die durch diese 
Vorgänge geschaffen wurde, auffassen? 
^ Wir wollen nicht mit harten Reden und wuchtigen Vor- 
würfen Feuer in'S Feuer tragen, sondern in kurzer und ruhiger 
Weise unsere Ansichten vorbringen. 
Vorerst ist nicht abzuleugnen, daß uns obige Vorgänge in 
eine sehr kritische Nothlage gebracht haben. Hätten die Geg 
ner deS MünzgesetzeS sich nur zu einer Oppositionspartei ver- 
einigt und ihren Einfluß ausgeübt, damit ein außerordentlicher 
Landtag einberufen werde, um mit und durch denselben vor- 
behaltlich der fürstlichen Genehmigung daS Münzgesetz abzu- 
ändern oder auch aufzuheben, so wäre daS immerhin ein kon 
stitutionelles und gesetzliches Vorgehen gewesen. Ja die Oppo 
sitionspartei hätte, falls sie die bedeutend überwiegende Mehr- 
heit deS Volkes hinter sich gehabt hätte, die bisherigen Abge- 
ordneten auch auffordern können, ihr Mandat niederzulegen, 
um dann, wenn der Fürst die MandatSniederlegung angenom- 
men hätte, durch Neuwahlen Männer ihres Vertrauens zu er- 
wählen. 
Die oben geschilderten Vorgänge beruhen aber, auch da fie 
ohne äußere Ruhestörungen abgelaufen find, nicht auf dem ge- 
schlichen Boden, schon gar nicht, wenn man von der Annahme 
oder Nichtannahme der Forderungen die staatliche Existenz alS 
Liechtensteiner abhängig macht. Eine solche Alternative kann 
in keinem Staate erlaubt sein, sonst würden die Gesetze auf 
den Gassen gemacht werden. Darum müssen wir die stattge-i 
fundene Demonstration als Aufruhr bezeichnen, und müssen 
vorerst die Entschließungen unseres Fürsten abwarten, bevor 
wir weiter in die Zukunft blicken können. Die Lage ist in- 
sofern eine traurige, und wir glauben sicherlich, daß die meisten, 
die an der Demonstration Theil genommen, die Folgen nicht 
genau ermessen haben, die ein solcher Schritt mit sich führen> 
kann. Es handelt sich im gegenwärtigen Augenblicke um viel 
mehr als um das Münzgesetz, daS man ja auch ohne diese 
: Demonstration auf verfassungsmäßigem Wege hätte abändern 
oder auch sogar stürzen können. 
Die Blutsteuer, die jetzt wie eine riefige Decke ganz Europa 
überdacht hält und mit dem Kanonenrecht donnert, hat unser 
kleines Ländchen die letzten 10 Jahre verschont. Möge daS 
Ungewitter, daS man im eigenen Haufe heraufbeschwor, und 
daS drohend über uns hängt, durch sofortige Umkehr zur Ruhe 
und Ordnung sich wieder zertheilen und unS verschonen, und 
zugleich daS beredteste Wort für alle Zukunft bleiben: nur auf 
verfassungsmäßigem Wege Aenderungen oder Aufhebungen bc* 
stehender und von unserem Fürsten sanktionirter Gesetze anzu- 
streben. Möge auch der persönliche Eigennutz, der in allen 
Schichten unserer Bevölkerung sich mehr oder weniger einge-. 
wurzelt hat, mit seinem treuen Freunde: dem „Oertlegeiste" 
nicht zum Unkraute sich immer mehr und mehr entwickeln, 
daS den Sinn für das Allgemeine und Gemeinnützige über- 
wuchert und zuletzt tödtet. 
Aber nie und nimmermehr möge eS sich wiederholen, Ge- 
setzeSaufbebungen oder Aenderungen mit Drohungen auf unser 
glückliches wenn auch noch so kleines Staatsleben anzustreben, 
denn daS heißt: Verratb im eigenen Hause. 
Vaterländisches. 
Vaduz, 15. Jänner. Die Abgeordneten Amann, Ente, 
Fritsche, Rheinberger, Dr. Schüdler, Dr. Schlegel, Alois 
Schlegel, Johann Schlegel, Walser, Wanger, Wolfinger haben 
! heute mit nachfolgendem, an die fürstl. Regierung gerichtetes 
Schreiben ihr. Mandat niedergelegt: 
Hohe fürstl. Regierung! 
Als vor 3 Jahren der Landtag in Folge der damals be- 
ginnenden Silberentwerthung den einhelligen Beschluß faßte, 
eS sei die bisherige Landeswährung einer Regelung zu unter- 
ziehen, begegnete derselbe den Wünschen deS größten TheilS 
der hiesigen Bevölkerung. Treu diesen Wünschen und feine? 
eigenen Üeberzeugung hat der Landtag ferner im Verlaufe vott 
3 Jahren kein verfassungsmäßiges Mittel unbenützt gelassen, 
um daS vorgesteckte Ziel zu erreichen, er hat die Frage der 
Währungsregelung eingehend und allseitig erörtert und wie- 
derholt die Nachtheile nachgewiesen, welche eine schwankende 
Währung überhaupt auf den Wohlstand der Bevölkerung auS- 
üben müsse. Seiner Mühe vereint mit der fürstl. Regierung 
ist eS endlich gelungen, einen Gesetzentwurf inS Leben zu ru 
fen, welcher unsere Landesmünzverhältnisse auf Grundlage der 
stabilen Goldwährung endgültig regeln sollte. 
Nun muß derselbe Landtag angesichts deS mit großen An- 
strengungen erreichten Zieles heute die traurige Erfahrung ma- 
chen, daß die Stimmung der Bevölkerung, welche Anfangs sich 
entschieden für die Einführung einer stabilen Währung äußerte, 
umgeschlagen hat, daß nicht nur der größere Theil der untern 
Landschaft durch drohende gesetzwidrige Demonstrationen gegen 
daS neue Münzgesetz Sturm lauft, sondern auch ein Theil der
        

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