Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/103/
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Zwanzig Minuten hielten die Türken auS. Während dieser 
Zeit fing ihr Befehlshaber, Mehemed Pascha, das Schwert 
itt der Hapd, an der Spitze seiner Leute ÄS ist nur recht 
und billig anzuerkennen, daß die Offiziere daS Beispiel ihres 
Führers nachahmten und ihre Leute ermuthigten. Die Schwierig- 
5eit zu vermehren, fing auä) die Munition zu mangeln an. 
Um 9% pflügte das russische Geschützteuer geradezu den 
Boden Zhre Flankenbewegung kam nun zur Geltung. Das 
türkische Eentrum ward zerrissen. Um H 3 ^ Uhr wurden die 
letzten Ueberreste der Türken auS ihren Stellungen vertrieben. 
Ein Cav.illerie-Angriff der Russen vollendete die Niederlage. 
Die Türken verloren 350 Gefangene und 1000 Todte uftd 
Verwundete. General Kemball entkam nur durch die Schnellig- 
feit feines Pferdes Die Kosaken versuchten ihn zu fangen, 
sie glaubten ein englischer Offiziere habe befehligt. 
Gegen die Montenegriner scheinen die Türken mehr 
Glück zu haben, indem dieselben zuverlässigen Berichten zu 
Folge »n 2 mörderischen Schlachten Sieger geblieben sind. 
Die ,M. Post" bringt folgendes Telegramm ihres Aorrespon- 
denten: „Hier eingetroffene Nachrichten bestätigen pwerlaßig 
die Siege der Türken in Montenegro. Die Gebirgsbewohner 
find vollständig geschlagen, und niemand weiß wo Fürst 
Rikita ist. In wenigen Tagen wird das ganze Gebiet besetzt 
werden, und nachdem eine genügende Streitkraft zurückgelassen 
worden, werden die tm tischen Befehlshaber 50,000 Mann 
frei haben, die als Verstärkungen in jeder andern Gegend 
dienen können." 
AuS Konstantinopel meldet ein Telegramm vom 23. Juni: 
Fürst Nikita von Montenegro ist feit gestern verschwunden. 
In Folge dessen herrscht im montenegrinischen Heer Verzweif 
lung. Die türkischen Truppen sind von drei Seiten in Mon- 
tenegro eingedrungen und gehen nun vereinigt vor. — In 
Asien erlitten die Russen bei Man eine große Niederlage. 
* Die 1300 Millionen Menschen des Erdballs kennen als 
erstes Bedürfniß die Nahrung; das zweite ist die Kleidung, 
die 10=—17 Prozent des HauShaltS verschlingt. Von den 
75 Milliarden jährlichen Verbrauchs in Europa fallen 14 
Milliarden auf Kleidung. 
* Die B rovp reife, welche bei Ausbruch des orienta 
lischen Krieges rasch bedeutend gestiegen, sind jetzt auf »ein 
heften Wege, im gleichen Maße wiederum rückwärts zu gehen. 
ES ist das eine Folge davon, daß die Käufer kurz nach dem 
rapiden Aufschlage inne zu halten begannen Und so der Handel 
inS Stocken gerietb, während man sofort beeilt war, die im 
Orient zurückbleibenden Quantitäten auS andern Gegenden zu 
ersetzen. Auf diese Weise wurden auf den Häupthandelsplätzen 
ungeheure Massen von Frucht aufgestapelt, welche endlich um 
so mehr wieder losgeschlagen werden mußten, und zwar zu med- 
rigeren Preisen, als die Ernteaussichten dieses Jahres allent- 
halben sehr gut sind. Bei der gegenwärtig sehr gedrückten 
Zeit ein tröstender Engel. 
Mittheilungen über den Krieg zwischen 
Rußland und der Türkei. 
(Fortsetzung.) 
Man will jetzt auS allen diesen russischen Deserteuren 
eigene Corps bilden und sie an die asiatische Küste führen, wo 
sie gewiß das Beste leisten und einen grimmigen BerzweiflungS- 
kämpf führen werden. Doch was nützen alle noch so vielen 
einzelnen Erfolge sobald die kräftige Eentralleitung fehlt, und 
den Thron deS Padifchah ein Mann einnimmt, welcher sich 
der furchtbaren KrisiS, in der sich sein Reich befindet, auch 
nicht im allermindesten gewachsen zeigt. Ja, säße jetzt einer 
der frühern kühnen Großsultane auf dem Herrschersitz, oder 
lebte nur noch der Großfultan Mahmud, wie dieS im Kriege 
von 1928—29 der Fall war, so würde alleS ganz anders 
gekommen fein. Der jetzige Padischah mag immerhin ein 
persönlich ganz braver ehrenwenher Mann sein, aber die 
nöthige Energie fehlt ibm entschieden, und so läßt sich daS 
Ende zuletzt mit Sicherheit voraussagen, wenn nicht Ält- 
England sich emporrafft und im letzten entscheidenden Augen- 
blick kräftig für die Integrität deS türkischen Reiches eintritt. 
Doch ich fürchte der englische Löwe schläft auch wieder, daß 
Ganze beschränkt sich auf bloße diplomatische Noten, und vor 
diesen haben die Panslavisten. welche jetzt daS Reich deS Czaren 
nach Lust und Belieben regieren, nicht mehr Achtung al< wie 
vor leeren Papierpatronen/ wofern sie nicht wissen, daß den 
hoDxabenden Worten auch die entsprechenden kräftigen Thatea 
entschieden nachfolgen werden. / 
Inzwischen vertreibt man sich die unbestimmte Zeit bis der 
gefallene Stand der Donau den Russen wirklich erlaubt zur 
Offensive überzugehen, mit einer lebhaften Kanonade von 
hüben und drüben. ^.Biel Lärm um m4)tS, kann mawhievon 
mit voller Wahrheit sagen, denn außer einige kleine Holz? 
schuppen, die hart am Donau-User standen, in Brand zu 
schießen, haben die vielen Bomben und Granaten, welche die 
Russen über den Fluß sandten auch noch nicht die mindeste 
Wirkung gethan. Der C;ar muß gewaltig viel Geld in seiner 
KriegSkasse besitzen und die russischen Artilleristen eine wahr- 
Haft kindische Freude an diesem nutzlosen Kanonieren hah?n, 
sonst begreife ich nicht, warum dieses eben so koftsyiLliHe 
unschädliche Vergnügen nicht schon längst eingestellt lpurdt, 
Ich befand mich kürzlich hei Turtukäi, welche von einer ^|^?5 
fcben Batterie, die unweit Oltenjtza aufgestellt Mp,' Pix 'hßW 
Rächt hindurch ziemlich lebhaft mit Bomben und Brandraketen 
beschossen wurde. Wahrlich, eS war dieS ein so hübsches 
Feuerwerk wie man eS im Vauxhall in London auch nicht 
besser sehen könnten, und für uny, die beschossen werde^ 
soMen, auch nicht viel gefährlicher alS säßen wir auf einer 
Tribüne dieses VergnügungS Etablissements. Von all den 
vielen hundert Geschossen, welche die russischen Batterien 
übersandten, hat auch nicht ein einziges den minhesten Schaden 
gethan. Viele Bomben explodirten schon mitten über her 
Donau, und ihre Theile flogen zischend in die dunkle Fluch, 
da ihre Zündröhren zu kurz waren; andere sprangen gar 
nicht, weil sie eine schlechte 
Brandraketen waren so 
meter von dem beabsichtigten 
das Ganze war zu komisch nnp bereite uH aften .eznzy 
vergnügten Abend. Un^ nun gar die ruch^yischtN Hatten, 
welche bei Kalasat ausgestellt waren, weM kindisches S^iejl 
trieben diese! Wahrhaftig, der edle Fürst Karl vyn Äumäniea 
muß das Geld zum Fenster hinaus zu werfen Haben, daß er 
so vollständig nutzlos die theure Munition verkna^en läßt, 
sonst begreife ich Dieses komische Treiben nicht. Wenn die 
armen rumänischen StaatSgläubiger, die für ihre unbegreifliche 
Tborheit einem so vollständig bankerotten Staat, wie dieS 
unzweifelhaft Rumänien ist, auch nur einen PennH geliehen 
zu haben, jetzt dafür büßen müssen, daß sie nicht das mindeste 
an Kapital und Interessen jemals erhaben weryefl, gesehf» 
hätten wie die rumänische Artillerie so und so vjel hundert 
Pfund Sterling vollständig nutzlos in einer Nacht verpuffte 
— was diese wohl für mißvergnügte Gesichter bei diesem 
für sie so theuren Schauspiel geschnitten hätten! Aber offen 
gestanden, glaube ich auch nicht, daß die türkischen Batterien 
aiuf dem linken Donau-Ufer einen viel größern Schaden zuge- 
fügt haben werden als die russisch-ruminischen Batterien bei 
uns auf dem rechten Ufer dieS thaten. Ueber einen so- breiten, 
dazu vom Winde bewegten Fluß, wie die Donau hier ist, 
läßt sich stets sehr schlecht schießen, da das sich be 
wegende Wasser ein richtiges Abmessen der Distanz und ein
        

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