Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/98/
halben Stunde war dieß große Werk vollbracht und um ja 
nichts von dem Großartigen einzubüßen, behielt der Strom die 
einmal angenommene Weit? und Stärke bis zum Abend bei 
und erst gegen stacht' zeigte dexselk eine Mäßigung. Menschen- 
leben sind Gottlob nicht zu beklagen, keine Häuser und keine 
Brücken find dem wüthenden Elemente zum Opfer gefallen, 
obschon 26 Familien mit dem Vieh und der unentbehrlichsten 
Fahrhabe auswanderten, da Wohnungen und Ställe schon tief 
im Wasser standen. Es war ein wehmüthiger Anblick, als in 
den ersten Stunden des TageS mit Hülfe herbeigeeilter Nach- 
barn die Gefährdeten, Karawanen gleich, mit Vieh und Ge 
schirr auszogen, unerschrocken sich Bahn brechend durch daS 
sich drohend entgegenstellende Wasser. Einen traurigen Anblick 
aber bieten unsere verwüsteten Gefilde dar und mit Angst und 
Bangen sehen wir der Zukunft entgegen; denn mit der Ueber- 
fluthung unserer Fluren sind auch alle Produkte derselben un 
ter Wasser und dem Verderben ausgesetzt worden. Und Alle 
sind von diesem Schlag betroffen worden, d^r Taglöhner mit 
seinen wenigen Quadratfuß, wie der begüterte Bauer. Für 
Alle ist die Ernte ein bedeutungsloses Wort geworden. 
Im Kanton Zürich ist namentlich auch die Gemeinde Wülf- 
lingen schwer mitgenommen worden. Der Schaden an Stra- 
ßen, Brücken, Stegen, Wuhren beträgt jedenfalls über Fr. 
100,000 — jeder Privatschaden ausgeschlossen Von 6 Brücken 
und Stegen hat die Eulach fünf weggerissen. — In Klein- 
und Groß-Andelfingen sind in Folge von Beschädigung der 
Wasserleitung plötzlich alle Brunnen abgestanden — Wasser- 
noth und Wassermangel zugleich. Der „Landbote" ruft mög- 
lichst rascher und energischer Hilfe deS Staates 
Nach der „N. Z Z." ist alle Aussicht vorhanden, daß der 
durchgehende Bahnbetrieb auf der ganzen Strecke Zürich-Win- 
terthur am 13. d. wieder eröffnet werden kann. Ebenso wird 
Winterthür-Romanshorn (mit beschränkter FÄhrordnung) in den 
nächsten Tagell wieder befahren werden; zwischen JSlikon und 
Frauenfeld wird ein Omnibusdienst organisirt. 
Die fahrplanmäßigen Züge zwischen Winterthur, Singen 
und Stein haben am 15. begonnen. Die angeordneten Arbej- 
ten lassen hoffen, daß der Betrieb schon am Samstag jeden- 
falls aber am Sonntag bis Steckborn ausgedehnt werden 
kann. 
Der Rhein ist am Mittwoch rasch gesunken, so daß die 
Gefahr für die Rheinbrücke in Basel vorübet ist. Die über- 
schwemmten Straßen wurden Mittwochs durch die Hydranten 
gereinigt und am Donnerstag begann man mit der Entwässe- 
rung der Keller vermittelst der neuen, großen Dampsspritze des 
PompierkorpS. Ganz bedeutend ist der Schaden in Groß- 
- und Kleinhüningen. Das Wasser stieg in Kleinhüningen 
bis zur Wiesenbücke; die Häuser gleichen Inseln; die dortigen 
Brücken, die Schiffbrücke und die im Bau begriffene Eisenbahn- 
brücke sind total zerstört. Bei den Rettungsarbeiten bei der 
letztern sollen einige Menschen umgekommen fein. 
Mit Schiffen befahren wurden während der Ueberfchwem- 
mung in Basel die obere und untere Rheingasse, die Schiff- 
lände mit angrenzenden Gassen und einTheil des St. A/ban- 
thaleS. Wiewohl der Mazimalstand des Wassers noch einige 
Zoll unter dem von 1852 zurückblieb, so ist doch vermöge ihrer 
Dauer die Ueberschwemmung eine weitaus intensivere. Jetzt 
noch, wo die hölzernen TrvttoirS entfernt werden, wo man auf 
dem obern Rheinquai wieder trockenen FußeS schreiten kann, 
ist die Wafferabnahme doch nur eine sehr langsame. Die trau- 
rige Folge wird die sein, daß in den betroffenen Wohnungen 
und Kellern der Schaden viel nachhaltiger ist. Aufbrechen der 
Trottoirs konnte man an der Schiffslände bemerken; Private 
werden noch lange genug von den Einflüssen zu reden Und zu 
leiden haben, die ihnen das eingedrungene Wasser verursachte. 
AuS der Wasseramtei schreibt man dem „Soloth. Landbo 
ten" über die dortigen Wasserbeschädigungen: Buchstäblich je 
des Bächlein und jeder Bach war angeschwollen und über die 
Ufer getreten, Stege und Wege verwüstend An steilen Orten 
sind die Zwischen- und Ackerfuhren zu förmlichen Bächen ge- 
worden. An Stellen wo viel GraS war ist die Ueberfchwem- 
mung weniger sichtbar geworden, indem es in den Matten 
stagnirte. Empfindlicher wird es dafür im beginnenden Heuet 
werden; das Wasser beginnt zu modern und ungesunde AuS- 
dünstungen zu verbreiten; der zurückbleibende Schlamm wird 
sich in Staub verwandeln und dem Futter mittheilen. 
Unterhalb Utzenstorf ist die Emme ausgetreten und hat bei 
der Station Gerlafingen die Emmenthalbahn unfahrbar ge- 
macht, ohne jedoch an dieser viele Beschädigung zu verursachen. 
Größer als an der Emmenthalbahn sei der Schaden an Pri 
vateigenthum bei Biberist gewesen, wo die Emme oberhalb der 
Brücke über das linke Ufer ausgetreten ist. Die Wassermas- 
fen haben sich zwischen der Säge und Oele durchgewälzt, so 
daß sich die Anwohner flüchten mußten. 
Die Feuerwehren von DegerSheim, St. Gallen und Fla- 
wyl haben in rühmlicher Weise gewetteifert, während der furcht- 
baren Ueberschwemmung den bedrohten Unglücklichen Hülfe zu 
bringen. Solche Nächstenliebe ist anerkennenSwerth. Erst 
seitdem die Waffer sich wieder etwas verlaufen, sieht man das 
Elend in seiner ganzen Grausenhastigkeit. Die unzähligen Erd- 
schlipfe haben manche üppige Halde arg mitgenommen. An 
der Sonnenhalde, in Glatthal, FriedenSthal und a a. O. sieht 
eS traurig aus. Ein doppeltes Wohnhaus oberhalb des Dor- 
feS kann stündlich umstürzen Keller und untere Räumlichkei- 
ten waren mit Wasser gefüllt. Sticklokale, Webkeller und 
Werkstätten müssen feiern bis die Ordnung der Dinge wieder 
hergestellt ist. Dagegen hat die Sängerhütte nicht gelitten. 
Trauernd steht sie da und schaut demüthig auf den nahen 
Bahnhof, wo arbeitende Hände die Verheerungen gut zu machen 
suchen. 
Auch aus dem Aargau gehen schlimme Berichte ein. Laut 
,den Aarauer Nachr." find der Rhein, die Aare, die Reuß, 
die Limmat, die Wyne, die Suhre, die Wigger, die Brienz 
ac. vielerorts über das Ufer getreten und haben an Straßen, 
Brücken, Häusern, Wiesen und Feldern großen Schaden ver- 
ursacht. Der Rhein sei drei Fuß höher als im Jahre 1852. 
Koblenz steht größtenteils unter Wasser; ein großer Theil 
der Bevölkerung mußte ihre Wohnungen auf Weidlingen, die 
leider nicht in großer Zahl vorhanden sind, verlassen Die Fluth 
brach gegen Mittag mit solcher Schnelligkeit ein, daß das 
Vieh nur noch aus den Ställen geführt werden konnte, Men- 
schen aber aus den Häusern getragen oder mit Weidlingen ge- 
rettet werden mußten. Der Rhein ist bedeckt mit schwimmenden 
Balken, Brettern, Gerätschaften, Gartenzäunen, entwurzelten 
Bäumen tt, wodurch Häuser beschädigt und dem Einsturz nahe 
gebracht wurden. Besonders hart wurde die Familie Häfliger 
betroffen. Ihre neugebaute, jetzt mitten im reißenden Strome 
stehende Mühle war der Gefahr am meisten ausgesetzt. AbendS 
6 Uhr wurde der untere Anbau weggerissen, wodurch 1400 Ztr. 
Getreide ein Raub des entfesselten Elementes wurden, im obern 
Anbau leidet der Mehlvorrath ebenfalls. Die Mühle und die 
dem Rheine zunächst liegenden Häuser lassen das Aeußerste be 
fürchten. Unter- und oberhalb Klingnau, zwischen Koblenz und 
WaldShut, Rietheim und Kadelburg alles ein See. 
Laut Berichten, welche dem eidgen. Eisenbahndepartement zu- 
gestellt worden sind, ist der Bahnbetrieb aus nicht weniger denn 
11 Bahnen und Bahnstrecken unterbrochen worden und zwar 
außer: Nationalbahn (ganz), TöSthalbahn (ganz), Emmenthal 
bahn, Zürich-Winterthur, Uster-Wetzikon, Appenzeller-Schmal- 
spurbahn, Goßau«Wyl, Zürich-Luzern, Hedingen-Zug (hier sind 
nicht weniger denn 4 Durchbrüche), Sulgen-Frauenfeld, Sulgen- 
BischofSzell, Schaffhausen-Winterthur. Letzteres wird fast ganz 
von den Verbindungen mit auswärts abgeschlossen sein. Doch
        

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