Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/91/
seinem Tode sieben Söhne und sieben Töchter. Der älteste der 
Söhne, dessen voller Name Mehemed Murad Effendi ist, war 
damals 19 Jahre alt (er ist geb. am 21. Sept. 1841), also 
um nur 10 Jahre jünger als sein Oheim, der nunmehr den 
oSmanischen Thron bestieg. Murad Effendi war stets der Lieb 
ling seines kränkelnden VaterS gewesen, der ihm auch eine vor- 
treffliche Erziehung, zum Thell durch europäische Lehrer oder 
wenigstens durch europäisch gebildete Türken geben ließ. Der 
Prinz spricht heute außer dem Türkischen und Arabischem auch 
-ziemlich gut persisch, sehr gut französisch und englisch; er kennt 
Shakespeare ebensogut wie Firdust, LebrunS Oden und Lafon 
taines Fabeln sind ihm gerade so geläufig, wie die Gedichte deS 
Hafiz und die Fabeln LokmanS, des arabischen Aesop. Dabei 
ist er ein vortrefflicher Kenner der Geschichte, nicht nur deS 
-oSmanischen Reiches, sondern auch der bedeutendsten Staaten 
Europas und Asiens; er besitzt anständige Kenntnisse in den 
Naturwissenschaften und ist ein gutgeschulter Militär. Von 
seinem Vater hat er die Güte und Herablassung, von seiner 
Mutter, einer Tscherkessin, die Klugheit geerbt; er ist außerdem 
von schöner, kräftiger Statur, kurz, wie zum Herrscher gebo- 
ren. Sein Vater hätte eS daher gerne gesehen, wenn ihm 
sein Sohy auf den Thron gefolgt wäre, aber er wagte eS vor 
Europa nicht seinem Sohne zuliebe seinen Bruder Abd-ul Aziz 
auS dem Leben schaffen zu lassen, zumal er eS feinem Vater, 
Sultan Mahmud dem Zweiten, an dessen Sterbebette zugeschwo- 
ren hatte nichts gegen das Leben seines einzigen Bruders zu 
unternehmen. Mit diesem Vorgehen feines VaterS war aber 
Prinz Murad Effendi durchaus unzufrieden und er murrte oft 
über die Schwachherzigkeit desselben, die ihm den Weg zum 
Throne verlege. Dieß kam dem jetzigen Sultan zu Ohren 
und derselbe faßte einen unauslöschlichen Haß gegen seinen 
Neffen. Zwar ließ er nach seiner Thronbesteigung, wo er doch 
die Gewalt dazu hatte seinen Neffen zu beseitigen, nichts von 
dem Grolle merken, den er gegen denselben im Herzen barg, 
aber sein Entschluß stand fest denselben von der Thronfolge 
auszuschließen und diese seinem eigenen Sohne, dem Prinzen 
Jussuf Jzzevin Effendi zu sichern. Er entwarf daher den küh- 
nen Plan mit Hülfe deS Scheich-ül-JSlam, dann der ange 
sehensten UlemahS (Theologen) deS Reiches und zugleich auch 
mit Unterstützung deS VizekönigS von Egypten daS bestehende 
Gesetz über die Thronfolge umstoßen und dafür bestimmen zu 
lassen, daß von nun an im oSmanischen Reich auf den Vater 
dessen erstgeborner Sohn, nicht aber daS älteste männliche 
Mitglied der Dynastie, zu folgen habe. Chedive und Scheich- 
ül-3slam hatten sich auch schon bereit erklärt den Sultan in 
dieser Angelegenheit zu unterstützen, nicht aber so die UlemahS, 
von denen einige eine Revolution befürchteten, falls die alte 
ehrwürdige von dem Stifter der Dynastie im dreizehnten Jahr- 
hundert aufgestellte Thronordnung umgestoßen werden sollte, 
während andere meinten, daß nach der Umstoßung der jetzigen 
Thronfolge und Einführung deS ErstgeburtSrechtS in derselben 
die Religion selbst und besonders deren Diener Schaden leiden 
würden, da, wenn der Sohn immer auf den Vater folge, die 
Macht der Sultane so groß sein würde, daß dieselben sich 
dann schwerlich mehr um die Ansichten der UlemahS kümmern 
möchten." 
AlS neuestes Telegramm ist nachzutragen, daß sich der Ex« 
Sultan Abdul Aziz am 4. Juni mittelst einer Scheere die 
Pulsader an den Armgelenken geöffnet hat und in Falge ra- 
scher Verblutung gestorben ist. Der Leichnam wurde unter 
großem Pomp im Mausoleum des Sultans Mahmud beigesetzt. 
Verschiedenes. 
In K ö l n erfolgte letzthin im Maierschen Etablissement eine 
fürchterliche Kesselexplosion. ES war 11 Uhr Vormittags als 
ein fürchterlicher, donnerähnlicher Schlag alle Häuser in der 
Umgebung der genannten Fabrik erbeben machte. Im selben 
Augenblicke flogen große und kleine Eisentheile, Balken, Bret- 
ter, Steine ic. in großer Menge durch die Luft und fielen in 
die nahe der Cunibertökirche liegenden Gärten und Straßen, 
auf die Dächer und durch die Fenster in die Wohnungen nieder. 
Auf der eigentlichen Unglücksstätte bot sich ein schauderhafter 
Anblick dar. Das Maschinenhaus der Fabrik lag vollständig 
in Trümmern. 3 unter Kahlenhausen stehende Häuschen 
waren ebenfalls eingestürzt. Ein ca. 30 Ztr. schwerer Theil 
deS Kessels war wohl 150' Fuß weit über ein etwa 35' hohes 
HauS der Krahnengasse mit solcher Wucht gegen daS gegen- 
überliegende HauS geworfen worden, daß er einen Theil der 
Vordermauer mit einem Fenster weggerissen hatte. Ein zwei- 
teS großes Stück deS Kessels war noch weiter, etwa 300', 
durch die Luft geflogen, hatte in seinem Falle das Dach eines 
Hauses zertrümmert und war bis auf die zweite Etage der 
Gebäudes durchgeschlagen. Der ganze Viehmarkt lag volles 
Balken, zerfetzter Holztheile ;c. Durch die GlaSdachung des 
noch weiter abliegenden Schlachthofes waren Ventile, sonstige 
Eisentheile und Holztrümmer niedergefallen, gast alle Häuser 
in der Nachbarschaft der Unglücksstelle hatten mehr oder weni- 
ger an Dächern, Mauerwerk und Fenstern gelitten. Energischen 
Anstrengungen gelang es, in kurzer Zeit 17 Personen aus den 
Trümmern hervorzuziehen, wovon 5 Todte und 9 schwer Ver- 
letzte. 4 der letztern gibt man verloren. Außerdem befinden 
sich noch 2, eine Frau und ein kleines Mädchen, im Bürger- 
spitale, welche bei dem Einsturz der 3 kleinen Wohnhäuser 
verschüttet worden waren. Ihr Zustand ist nicht bedenklich. 
* London, Ende Mai. (Neues Verbrechen griechischer 
Matrosen.) DaS TodeSurtheil gegen die griechischen Seeleute, 
welche aus dem Schiffe „Lennie" Kapitän und Offiziere meuch- 
lingS ermordeten, ist noch nicht vollstreckt und schon liegt wie- 
der ein neues ähnliches Verbrechen vor, dessen Urheber gleich- 
falls Griechen sind und bei dem wo möglich noch größere Un- 
Menschlichkeit und Grausamkeit im Spiele war als bei der 
Meuterei auf der „Lennie." Der Hergang ist in Kürze fol- 
gender: Die GlaSgower Barke „CaSwell" erhielt zu Buenos 
Aires eine neue Mannschaft, bestehend auS 3 Griechen, Georg 
Peno, alias „Big George," Christo und NicholaS Baumo und 
zwei maltesischen Seeleuten, Giuseppe Pastori und Morelli. 
Der Kapitän, George Best, war ein Engländer, die Offiziere, 
Wilson und Maelean, Schotten und von der schottischen Mann- 
schaft blieben noch der Schiffszimmermann M'Gregor, ein Ma- 
trose Namens Carrick und die Schiffsjungen Fergusson und 
M'Donnell. Außerdem befanden sich noch der englische Ma- 
trose Dünne und der Koch Griffiths auf dem Schiffe. Die 
Barke ging mit Ballast nach Valparaiso und bald zeigten sich 
Spuren von Unbotmäßigkeit bei den Griechen und Maltesern. 
Drohungen gegen den Kapitän' wurden ausgestoßen und als 
er am 4. Januar, nachdem daS Schiff von Antifogasta abge- 
segelt war, dem Griechen „Big George" besaht an Stelle eineS 
erkrankten Kameraden die Wache zu übernehmen, brach der 
Aufstand loS. Der Kapitän, die beiden Offiziere und der Koch 
wurden in einem günstigen Augenblick mit Dolchen und Re- 
volvern niedergemacht und die englischen Seeleute mußten schwö- 
ren die That geheim zu halten. Das Schiff sollte in der 
Nähe von Buenos Aires landen und die Beute in Sicherheit 
gebracht werden. Inzwischen suchten die Mörder einen der Eng- 
länder zum Morde deS andern zu bewegen, um ihn so zum 
Mitschuldigen zu machen. Aber, wie es in solchen Fällen zu 
geschehen pflegt, eS brachen Zwistigkeiten unter den Meuterern 
auS, die Malteser verriethen den Britten, daß sie alle noch ge- 
tödtet werden sollten, diese rüsteten sich zu einem verzweifelten 
Angriff, bei dem zwei der Griechen mit der Axt deS Zimmer- 
mannS erschlagen wurden, während der dritte, Baumo, arge 
Wunden erhielt. Carrick brachte daS Schiff in englische Ge- 
wässer zurück und am Freitag wurde eS vom Kanonenboot 
„GoShawk" in den Hafen von QueenStown geschleppt. Einst-
        

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