Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/79/
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dem er die Konsulate und einige andere Privatwohnungen 
mit GenSdarmen und Schildwachen zum Schutze versah." 
Da der vorliegende Fall einen internationalen Charakter 
hat, so wird die Untersuchung namentlich von deutscher und 
französischer Seite streng überwacht werden, und eine exempla- 
rische Bestrafung der Schuldigen erfolgen müssen, um den durch 
den Aufstand in der Herzegowina und die Politik der Groß- 
mächte geschürten Christenhaß in der türkischen Bevölkerung 
zu dämpfen. Wenn eS sich aber um die Folgen handelt welche 
der Vorgang für die Türkei hat, so werden, dieselben natür- 
lich nicht auf die Bestrafung der Schuldigen beschränkt bleiben. 
Die öffentliche Genugthuung, zu der die Pforte sich wird »er* 
stehen müssen, das Erscheinen der Kriegsschiffe der Großmächte 
aus der Rhede von Salonichi wird den Much der christlichen 
Bevölkerung in diesen Provinzen heben, und sie indiiect zu 
dem Versuch ermuntern Abhülfe für ihre seit Jahrzehnten ver 
geblich erhobenen Klagen über die türkische Verwaltung zu 
finden. Die Verbreitung der aufständischen Bewegung wiro 
bei dieser Entwicklung der Dinge immer wahrscheinlicher. Neu 
erdings soll der „TimeS" zufolge die Bewegung in Bulgati-n 
eine ernstere Gestalt annehmet«, obgleich die christliche itfevol* 
kerung dieser Provinz die verhältnismäßig wohlhabendste und 
intelligenteste ist Die Entwicklung des allgemeinen AusstandS 
der chrstlichen Völkerschasten der europäischen Türkei, welker 
der Herrschaft der Pferte mit einem Schlag ein Ende machen 
konnte, ist gleichwohl nicht wahrscheinlich, da die religiösen 
Gegensätze zwischen den einzelnen chttitlichen Bekenntnlssctt der 
Herrschast der an Zahl geringen Mohammedaner einen Halt 
geben. Je mehr Licht alle diese Borgänge aus oie tyatsachU, 
chen Verhallnisse welche auf der Balkan-Halbinsel bestehen, 
werfen, um fo unglaublicher wird es daß die Diplomatie stv 
noch länger der Illusion hingeben kann mit Resormplojcflen 
wie dasjenige deS Grafen Andraffy den Frieden wieder her zu- 
stellen. 
Der „TimeS" wird auS Konstantmopel über die dortigen 
Zustände berichtet: „Eine allgemeine Panik herrscht in jfim» 
ftantinopel. Sostas und Türken auö den niederen Classen 
kaufen Revolver und Dolche mit dem Gelee das von Intri 
ganten geliefert wird, welche auf den Sturz des Sultans uns 
der Regierung und auf Nieoermetzelung und Plünderung der 
Christen hinarbeiten. Die SoftaS beschimpfen und bedrohen 
Griechen und Armenier und fordern sie auf sich auf ihren be 
vorstehenden Tod vorzubereiten Reisende verlasset» c»e wiaöt 
in Schaaken, europäische Einwohner senden ihre gamtlien weg, 
und Personen welche herannahende Gefahr befürchten wenoen 
sich ohne Unterlaß an die Botschaften. Die Diplomaten sitzen 
täglich in Permanenz und handeln in Ueberelnjttmmung. Dir 
Gegenwart europäischer Geschwader und die Bildung x>ou 
Freiwilligen-Miliz der Europäer, unterstützt durch die Mann- 
schastell der Kriegsschiffe, vermag allein den Schrecken zu dam 
pfen." Ueber den Aufstand in Bulgarien uuo o«e Lage in 
Salonichi meldet derselbe Correspondent: „Der Aufnauv »n 
Bulgarien breitet sich auS. Dte Aufstä»tdjjchen brennen die 
türkischen Dörfer nieder. Die Baschi BozukS feuern auf oie 
Bulgaren von den Eisenbahnwagen auS im Voibet/ahren, und 
die Telegraphenverbindung ist unterbrochen. Die Eisenbahn' 
bediensteten sind demoralisirt. In Rustschuk werden Unruhen 
befürchtet. Die Kommission zu Salonichi fordert Verstärkung 
gen um eine Erneuerung der Unruhen zu verhüten " 
Frankreich. Der französische Minister des Innern Ri- 
card ist plötzlich gestorben. ' 
Amerika Am 10. Mai wurde, wie der Telegraph 
berichtet, d»e Weltausstellung in Philadelphia durch den Prä- 
stdenten der Vereinigten Staaten UlysseS Grant feierlich eröff 
net. Anwesend waren: der Kaiser und die Kaiserin von Bra 
silien, die Minister, zahlreiche Kongreßmitglieder, die Spitzen 
der Militär- und Civilbehörden und gegen 50,00t) Zuschauer. 
Die Eröffnungsrede GrantS betont: die auswärtigen Nationen 
seien eingeladen Zeugniß abzulegen von dem aufrichtigen Wut,- 
sche Amerikas die Freundschaft zwischen den Gliedern der gros- 
sen Familie der Nationen zu pflegen; sie dankt dafür, daß die 
Nationen dem Wunsch Amerikas auf's bereitwilligste entsprochen 
haben, und heißt sie herzlich willkommen. Ein MusskkorpS 
spielte verschiedene Volkshymnen. DaS Wetter war schön. 
ES ist dieS die sechste internationale Ausstellung; noch in 
bescheidenen Verhältnissen bewegten sich diejenigen von 1851, 
1355 und 1862 in London. Mit denjenigen von 1367 in 
Paris und 1873 in Wien schienen dann solche Unternehmungen 
ihren Höbepuukt erreicht zu haben, bis nun die neue Welt in 
verschiedenen Beziehungen jene Leistungen noch zu überbieten 
unternimmt. Die Philadelphia-Ausstellung soll noch größer 
werben a!S diejenige zu Wien. 
Verschiedenes. 
* Der getreue H i n ter p om mer. Phantasieannen 
Dichtern empfiehlt d;e „Tribüne" den folgenden Vorfall, der 
sich in Berlin in der Gegend vor dem Rosemhaler Thor er- 
eignet hat. 
Ein Herr R dessen häueliche Einrichtung in der letzten 
Zeit aflmälig auf die Stufe gesunken war, die man kurzweg 
mit dem AuSdruck „Exekution fruchtlos" zu bezeichnen pflegt, 
hatte einl't bessere Tage kennen gelernt und noch letzten Som- 
nur mit seiner Familie das Seebad besucht. Dieser glückliche 
ren Zeit verdankte seine Tochter Ph.lippine die Bekanntschaft 
m:t einem biedern und wohlhabenden pommerschen Gutsbesitzer. 
Zunächst knüpfte sich an die schönen Tage von MiSdroy eine 
Korrespondenz zwischen . hilippine und dem Pommer, die im- 
u»er interessanter und intimer wurde. Dann kam die Bewer- 
bung Herr und Frau R. gaben gern daS Jawort, worauf 
der glückliche Bräutigam sofort seinen Besuch an einem der 
nächsten Tage ankündigte. „An ein«'m der nächsten Tage?" 
sagte Herr R. zu seiner Tochter. —- „Philipptiie daS geht nicht, 
mitten i« der Wache können wir ihn nicht empfangen; schreibe 
sofort, er möchte eist am Sonntag kommen, da ich in der 
Woche zu sehr beschäftigt fei und daher von seinem Besuche 
nich'tö haben würde." Phtlippine schrieb an den Geliebten 
ih es Heizens und die umgehende Antwort deS Bräutigams 
lautete, daß er am Sonnabend mit dem ersten Morgenzuqe in 
Berlin eintreffen werde. Freudestradlend z^gte die selige Braut 
ihrem Vater den Blies, der sie jedoch ersuchte, abermals ihrem 
Bräutigam drieflich mitzutheilen, daß erst Sonnabend )iach- 
mlttagS sein Besuch aiigenommen werden könnte. 
Zur bestimmten Stunde traf dann auch der Bräutigam auS 
Pommern ein. Er fand eine sehr komfortabel eingenchtete 
Wohnung; denn Herr R. harte für den Sonntag, für den 
einzigen Tag, wo er vor dem Exekutor sicher war, daS nöthige 
Mobilar beschafft, um den Herrn Schwiegersohn anständig 
aufnehmen zu können Es kam ein schöner glücklicher Tag 
für Phllippine, für dea Bräutigam, für alle. Herr R. beuN- 
ruhigle sich allerdings nicht wenig wegen der Abreise. Indessen 
verlief alles ganz glatt, der Pommer reiöte am Montag schon 
um 7 MorgenS ad. daS überflüssige Mobilar konnte noch 
rechtzeitig entfernt und der Exekutor ruhig erwartet werden. 
Mit einem Male klingelte eS an der Thüre. „Der Exekutor," 
rief die ganze Familie. Hr. R öffnete — und herein trat der 
Bräutigam'aus Pommern, der den Zug verspätet hatte. Die 
peinlichste aller Scenen folgte. Der biedere Pommer stand auf 
der verwandelten Bühne, als wenn er aus Schiller deklamiren 
wollte: „Leergebrannt ist die Stätte." Eine Unterhaltung kam 
vor Verlegenheit kaum zu Stande. Der Bräutigam b.ieb sehr 
nachdenkend und kühl und als Nachmutag die wirkliche Abfahrt 
erfolgte, da rief Philipme in Verzweiflung. „O Mutter, Mut- 
ter, hin ist hin, verloren ist verloren!" Aber, Gott sei Dank, 
der Bräutigam aus Pommern war nicht verloren Sehr bald
        

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