Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/59/
V 
Gefechten in Bosnien nicht jenen Maßstab stellen, wie bei den 
Stampfen in der Herzegowina, denn in Bosnien zählen die 
beiderseitigen Streiter nie nach Tausenden, sondern stets nach 
Hunderten. Wenn man daher von einem Siege spricht, so ist 
dieß nach dem Maßstab in Bosnien zu verstehen. Gestern, 
am 31. März, hat nämlich der erwähnte Golub Babitsch mit 
seiner Schaar 600 Türken in die Flucht geschlagen und dabei 
-eine reiche Beute gemacht. DaS ist immerhin in Bosnien ein 
bedeutender Sieg, denn bisher, wenn die Insurgenten einen 
Sieg erfochten, war eS stets über türkische Schaaren von 200 
—300 Mann. Mit größeren Schaaren haben eS die Insur 
genten in Bosnien niemals aufgenommen, sondern zogen stch 
immer in ihre Schlupfwinkel inS Gebirge zurück. Der Sieg 
deS Babitsch bei Unnatz ist um so bedeutender, alö die Jnsur- 
rection in Bosnien zu erlahmen begann, und gerade auf einem 
Punkt wieder aufloderte, wo man es am wenigsten hoffte. 
Unnatz liegt in der Gegend zwischen dem eigentlichen Bosnien 
und der Herzegowina, in der sogenannten Krajina, parallel 
mit dem österreichischen Knin. Nach dem Siege bei Unnatz 
sind die Znsurgenten nach Grahovo marschirt (nicht zu ver- 
wechseln mit dem an der montenegrinischen Gränze gelegenen 
Grahovo). WaS den von den Insurgenten in der Herzego- 
wina geschlossenen Waffenstillstand anbelangt, so erfährt man 
aus ganz zuverlässiger Quelle, daß von Seite der Türken die 
Bedingung der Verproviantirung von Niksitsch aufgegeben und 
der Waffenstillstand ohne diese Bedingung geschlossen wurde; 
dieß ist jedenfalls für die Insurgenten sehr vorteilhaft. Auch 
erfährt man, daß die Insurgenten fest entschlossen sind, die ge- 
botenen Reformen abzulehnen, weil nach ihrer Anstcht dieselben 
ganz und gar unausführbar sind. Demnach dürfte auch der 
geschlossene Waffenstillstand kaum zur Anbahnung der Paci- 
fication dienen Möglicherweise, daß der Waffenstillstand von 
Seite Montenegros einstweilen angerathen wurde, bis gewisse 
Differenzpunkte zwischen demselben und Serbien, welche mit 
der Mission des serbischen Obersten Alimpitsch im Zusammen- 
hang stehen, geschlichtet sein werden. UebrigenS betrachtet man 
in den Reihen der Insurgenten als ein wahres Unglück die 
bestehende Rivalität zwischen Serbien und Montenegro; und 
wenn die Jnfurrection überhaupt scheitern sollte, so glaubt man 
die ganze Schuld den beiven rivalistrenden serbischen Fürsten 
zuzuschreiben. Man hat aber noch die Hoffnung, daß die na- 
tionale Strömung in Serbien alle Hindernisse hinwegräumen 
werde, und daß schließlich Serbien doch in die Action werde 
treten müssen. 
Türkei. Der Ausschuß der bosnischen Flüchtlinge hat 
ein Telegramm an die Souveräne von Oesterreich-Ungarn, 
Rußland und Deutschland gesandt, dessen Wortlaut, aus dem 
serbischen Original übersetzt, der „D. Ztg." auS Alt-GradiSka 
mitgetheilt wird. Das Schriftstück lautet: „Die von Seiten 
Sr. Maj. dem Sultan bestätigten und unS durch die österrei- 
chisch-ungarischen Behörden bekanntgemachten Reformen geben 
unS keine Bürgschaft für eine glücklichere Zukunft unter der 
Verwaltung deS Türkenreiches. Deßwegen können und wollen 
wir nimmermehr unter türkische Herrschaft zurückkehren. Die 
Türken haben, wie immer, so auch jetzt bewiesen was ihnen 
ein gegebenes Wort gilt. Gerade nach Verkündigung der Re- 
formen sind unzählige Gräuelthaten verübt worden an ruhigen 
Christen — Gräuelthaten, die wir nicht alle aufzählen können 
und welche doch in diesen Tagen geschahen. Lebendige wur- 
den gepfählt, abgeschlagene Köpfe haben die Türken in den 
Städten, in christlichen Häusern herumgetragen, Weiber und 
Mädchen wurden weggeführt, geschändet und bis heute nicht 
freigelassen. Diese Handlungen illustriren am besten die tyran- 
Nische türkische Herrschaft. Hunderte von Christen fliehen noch 
immer über die Unna, Save und Driva, alles zurücklassend 
was sie besaßen. DieS ist der Erfolg der türkischen Verspre 
chungen.. Wir können die Reformen nicht annehmen, denn wir 
haben keine Garantie für die Durchführung derselben. Die 
einzige Garantie erblicken wir nur in der Errichtung einer 
nationalen Regierung und in der Selbstverwaltung, und für 
diese werden wir kämpfen bis zum letzten Mann. Wir bitten 
alle europäischen christlichen Mächte im Namen GotteS, um 
deS Christenthums willen: sie mögen keine Pression auf uns 
ausüben, sie mögen uns nicht zurückjagen unter das Sklaven- 
joch und unter das barbarische türkische Messer. Wir, die wir 
jetzt in Oesterreich-Ungarn leben, werden mit allen Mitteln 
zur Rückkehr gedrängt. Die Gewehre, welche wir herüberge- 
bracht, wurden uns weggenommen, ebenso diejenigen Waffen, 
welche wir für unsere unterdrückten Brüder ankauften. Auch 
erlaubt man unS keine Zusammenkunft, damit wir unS über 
unser weiteres Schicksal besprechen könnten und um unser 
Hab und Gut zu retten aus ven Händen der OSmanen. 
Selbst jene Leute, welche mit leeren Händen hinübergehen 
wollten um das Blut ihrer Brüder zu rächen, wurden ver- 
jagt und verhaftet. Angesehenere Flüchtlinge werden unter 
polizeiliche Aufsicht gestellt, so daß sie ihre Geschäfte nicht ver- 
sehen können. Mit einem Wort: eS wird eine solche Pression 
geübt, daß man unS förmlich hinausdrücken will aus diesem 
Lande. Wir appelliren an alle christlichen Mächte Europas, 
welche daS Recht und die Freiheit beschützen, besonders wenden 
wir uns an II. MM. den Kaiser von Oesterreich-Ungarn, 
den Kaiser von Rußland und den Kaiser von Deutschland, 
welche unser ferneres Schicksal in die Hand genommen haben, 
damit wir nicht durch Gewalt gezwungen werden uns aber 
mals türkischer Sklaverei zu beugen. Die christlichen Souve- 
räne bitten wir im Namen GotteS und der Menschlichkeit, daß 
sie unS nicht zurücktreiben, oder daß sie uns unsere Waffen 
zurückgeben. Wir beschwören die hohen Souveräne, daß sie 
— wenn sie unS schon nicht helfen wollen — uns wenigstens 
nicht verfolgen zum Nutzen des Feindes ver gesammten Chri- 
stenheit, denn wir wollen an unfern Bedrückern das vergossene 
Blut der Brüder rächen. Wir rufen die Gerechtigkeit der 
europäischen Mächte an, sie werden den unglücklichen Bosniern 
Gehör schenken." 
Amerika. Zu den vielen Anschuldigungen, welche in letzter 
Zeit gegen amerikanische Staatsmänner erhoben wurden, ist 
nun auch eine gegen den Marineminister gekommen, der im 
Jahre 1872, unmittelbar nach dem Falle des Bankhauses Jap 
Cooke und Comp, in Philadelphia, die gleichfalls bedrohte, 
mit dem genannten HauS in Verbindung stehende Londoner 
Firma Jap Cooke, M. Culloch und Comp., welche die Ge- 
schäfte der amerikanischen Admiralität in England besorgte, mit 
Staatsmitteln gestützt haben soll. Es handelt stch nun darum 
festzustellen ob diese Anschuldigung zu seiner Versetzung in den 
Anklagestand hinreichend ist. Der Marineminister stellt diese 
Thatsache durchaus nicht in Abrede, will jedoch die fragliche 
Unterstützung im Interesse ber Verwaltung/ gegen ausreichende 
Sicherheit und ohne jegliches eigennützige Motiv gewährben hat. 
Verschiedenes. 
* Im Gasthofe zum ^Bayerischen Hof" in Nürnberg lo- 
girte vergangene Woche ein Engländer, dem, als er 34 Jahre 
alt war, eine Kartenschlägerin auS dem Kaffeesatze prophezeit 
hatte, daß er vier Wochen nach seinem Einzug in die neue 
Wohnung sterben werde. Als ein sehr abergläubiger Mann 
kündigte er noch an demselben Tage seine Wohnung auf und 
begab sich, um dem unerbittlichen Fatum aus dem Wege zu 
gehen, auf Reisen. ES war am 16. Oktober im Jahre 1823, 
als er seine Vaterstadt Liverpool verließ. Seit jenem Tage 
reist er rastlos in der Welt umher, bleibt in keiner Stadt 
und in keinem Hotel länger als 14 Tage und ist nun bereits 
53 Jahre auf der Reife. Vor Kurzem feierte er in den 
„Vier Jahreszeiten" zu München seinen 87. Geburtstag, steht 
aber gesund und frisch wie ein Fünfziger aus. Es gibt fast
        

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