Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/47/
steht in Indien noch die Silberwährung. Der Unterschied der 
beiden Valuten ist so groß, daß die indische Regierung bei 
Geldübersendung nach England an jeder Rupie etwa 3 Pence 
verliert, d. h. nach deutschem Geld an zwei Mark etwa 
25 Pfennige. Angesichts dieser Landeskalamität erörtert 
man in brittischen Regierungskreisen die Notwendig 
keit auch in Indien die Goldvaluta einzuführen, was natürlich 
4\n weiteres Fallen der Silberpreise herbeiführen müßte. Die 
in Folge eines Antrags des Lord George Hamilton vom eng- 
lifchen Unterhaus? bewilligte Berufung einer Kommission be- 
treffS Untersuchung der Silberentwerthung wird voraussichtlich 
dem allgemeinen Verlangen nach Einführung der Silbervaluta 
in Indien offiziellen Ausdruck geben. Deutschland kann seiner 
Regierung Dank wissen, daß eS rechtzeitig die Silberwährung 
preisgegeben hat und zu reiner Goldwährung übergegangen ist. 
Die dadurch entstandenen Kosten sind verschwindend klein im 
Berhältniß zu dem Verlust, welchen andere Staaten durch das 
Festhalten an der Silberwährung erleiden. 
Obgleich eS eigentlich eine unnütze Sache ist, die Beweise 
dafür, daß die Silberentwerthung eine fortschreitende ist, auö 
der Ferne zu holen denn: 
„WaS willst du in die Ferne schweifen, 
Sieh das Schlimme liegt so nah", 
so glaubten wir dennoch diese Auslassungen unfern Gegnern 
in Stichen der Regelung unseres LandeSmünzwesenS, welche 
noch immer an eine Auserstehung deS österreichischen Silber- 
gutdenS glauben, zur weitern Beherzigung nicht vorenthalten 
zu können. 
Ausland. 
Deutschland. Di« .Deutsche Gesellschaft zur Rettung 
Schiffbrü Dn,er" hat im Jahr 1875 404 Menschen dem sichern 
Tod entrissen, sag» der Jahresbericht. Seit zehn Jahren sind 
durch das Institut 810 Menschen gerettet worden. Die Ge- 
fellschast ist bloß auf sre willige Beitrage angewiesen. 
Der berühmte Dichter Ferdinand Freiligrath ist am 18. 
Mä»z in Canstatt (bei Stuttgart) gestorben. 
Main und Rhein sind über ihre Ufer getreten und haben 
insbesondere Mainz mit Überschwemmungen heimgesucht. Bis 
jenieitS BischoiSbeim spülen die Fluthen deS Rheines an den 
Damm der hessischen LndwigSbahn heran, und eS bietet sich 
von diesem aus dem Auge der trostlose Anblick einer Meilen- 
weiten Fläche trübgelben Wassers, auö dem hie und da eine 
Baumkrone oder eine Dachfirste hervorschaut. Weithin gegen 
den Horizont zeichnet jein grünlicher Strich den gewöhnlichen 
Wafferlauf. Die Verwüstungen, welche in dieser unglücklichen 
Niederung durch das Hochwasser angerichtet werden müssen, 
sind, wie sich jetzt schon ermessen läßt, furchtbar. Die Neu- 
stadt von Mainz, daS Gartenfeld stehen vollständig unter 
Wasser, die neuen Festungswerke sind mit einem Male zu un- 
einnebmbaren Seeforts geworden, die freilich der Gewalt dest 
tückischen Elements selbst nicht zu trotzen vermögen. Weite 
Stricken der Umwallung sind eingesunken. Ueberhaupt scheint 
die Hochflnth, die fast bis zum Fuße der berühmten Erbs- 
wuritfab»ik. heranschleicht, eigens bestellt, um die FortifikationS- 
künftier Ulm allerernsttlchsten Nachdenken anzuregen. 
Oesterreich. Auf österreichisch - ungarischem Gebiete wer- 
den ulle Vvl Behningen getroffen, um die Rückkehr der Flucht- 
linqe aus Bosnien und der Herzegowina in ihre Heimat zu 
b's.vleun gen Die Gesamnukosten für die Erhaltung der 
F üchtt'nge bet aqen b-S jetzt 7(10,000 Gulden.^ Mit dem 
3,diie der Verkündigung der Amnestie durch die türkische Re 
gierung dö t jede Unterstützung auf. 
Frankreich. iH r * r Tage haben sich etwa vierzig radikale 
Ce--.uvreii uno Abgevldnete bei Victor Hugo vereinigt und 
folgenden Gesetzentwurf vereinbart, welcher Ende der Woche 

im Senat von Victor Hugo und im Abgeordnetenhause von 
Raspail, Vater, eingebracht werden soll: 
„Die unterzeichneten Senatoren (Abgeordneten), von dem 
Wunsche geleitet, die Spuren des Bürgerkriegs zu verwischen, 
beehren sich nachstehenden Gesetzentwurf einzubringen: Art. t. 
Eine Amnestie wird für alle Personen verfügt, welche für 
Acte verurtheilt sind, die auf die Ereignisse vom März, April, 
Mai 1871 Bezug haben. Die Verfolgungen für solche Acte 
sind und bleiben eingestellt. Art. 2. Diese volle und unein- 
geschränkte Amnestie wird auf alle politischen und Preßverbre- 
chen und -Vergehen, sowie auf alle Verurtheilungen erstreckt, 
welche auS Anlaß politischer Ereignisse seit der letzten Amnestie 
von 1870 verhängt worden sind." 
Von Paris treffen Meldungen über Hochwasser ein. Be- 
sonders scheint die Seine oberhalb Paris stark über ihre Ufer 
getreten zu sein und bedeutende Überschwemmungen angerich 
tet zu haben. Nach einem Telegramme vom 18. ist die Seine 
jedoch endlich im Sinken begriffen. 
Montenegro. Nach einer Correspondenz der „Allg.Ztg." 
scheinen die Herzegowina noch wenig Lust zur Unterwerfung 
unter daS türkische „Reformjoch" zu haben. Dieß beweist 
nicht bloß die Antwort, welche dieselben dem österreichischen 
Viceconsul von Trebinje Hrn. Vuk Wrtschewitsch, als dieser 
ihnen im Namen seiner Regierung zur Unterwerfung rieth, er- 
theilten, nicht bloß daS Resultat der Besprechung zwischen den 
Jnsurgentensührern und Feldzeugmeister Frhrn. v. Roditsch, 
sondern weit mehr das Gefecht bei Muratovitza, das mit ei- 
nem glänzenden Siege der Insurgenten endete. Dieselben er- 
beuteten 2 Kanonen, 700 Gewehre, die vorräthige Munition 
und allen Proviant. Durch diesen Sieg gelangten die Jnsur- 
genten nicht bloß zu Waffen und Lebensmitteln, vielmehr 
schöpften sie durch diesen Sieg neuerdings Hoffnung, trotzdem 
daß Oesterreich Maßregeln ergreift, um dem Aufstand die Le- 
bensadern zu unterbinden. Die Insurgenten planen bereits 
mehrere Ueberfälle und wollen sogar — nachdem sie sich nun 
im Besitze zweier Geschütze befinden — mit Hülfe derselben 
die von den Türken besetzten KulaS (FortS) belagern. Der 
Geist unter den Insurgenten ist vortrefflich. Von einer Unter- 
werfung wollen dieselben gar nichts wissen. „Sterben müssen 
wir so wie so", meinen sie, „besser aber wir fallen als Helden 
auf dem Kampfplatz, als unter Martern in den Kerkern der 
BegS oder am Pfahle. Hier sind wir freie Männer bis zum 
Tod und haben die Möglichkeit vor uns zu siegen, dort har- 
ren wir aber in Ketten geschmiedet der Stunde, in der wir 
den schandlichsten Tod erleiden müssen." Dasselbe gilt von 
den geflüchteten Jnsurgentenfamilien, die in der Fremde eine« 
wenigstens menschlichen Tod erwarten können, zu Hause aber 
der furchtbaren Rache ihrer Widersacher nicht entgehen wftr- 
den. In dieser Weise beiläufig beantwortete man den seitens 
deS Fürsten an die Insurgenten ergangenen Rath, die Refor- 
men anzunehmen und von dem weiteren Kriege gegen die 
Türken abzustehen. Der Fürst erfüllte damit seine Pflicht ge- 
genüber den Großmächten und hauptsächlich gegen Oesterreich, 
doch müßte er selbst einsehen, daß die von den Insurgenten 
gegebene Antwort, hauptsächlich aber die in derselben angeführ- 
ten Motive, den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. An 
em Gelingen deS PacificationSwerkeS ist daher gar nicht zu 
denken. Es ist demnach eine schlechte Taktik der Wiener und 
Budapester Offieiösen, wenn dieselben die Wahrheit bemänteln 
wollen und statt, wie bis jetzt daS Publikum über den wah- 
ren Stand der Dinge auf dem Laufenden zu erhalten, daS- 
selbe durch gänzliches Verschweigen der Ereignisse oder durch 
Entstellung deS Sachverhaltes irre zu führen suchen. DaS 
Publicum wird den OfficiöseiDvenig Dank wissen, wenn diese 
über daS Gelingen der Pasificirung und über Türkensiege 
lange Berichte bringen, dasselbe Publicum aber später auS
        

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