Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/38/
Ausland. % 
Oesterreich. DaS Abgeordnetenhaus hat sich am 1. März 
vertagt. Seine letzte Sitzung ist ausgezeichnet durch eine Rede 
größeren StylS deS Ministers Dr. Unger, in welcher derselbe 
die Stellung deS Ministeriums gegenüber den vielfachen Ge- 
rüchten über die Haltbarkeit der Regierung zum Ausdruck brachte. 
Er begann damit die Unterstützung der staatsrechtlichen Opposi- 
tion auf das entschiedenste mit der Erklärung zurückzuweisen: 
daß die Regierung, wenn eS ihr ja zustoßen sollte von der 
rechten Seite deS HauseS mit Vertrauen begrüßt zu werden, 
das Vertrauen zu sich selbst verlieren müßte. Er kam sodann 
auf die Verhandlungen mit Ungarn zu sprechen, deren Schmie- 
rigkeit nicht allein nichts Erschreckendes für die Regierung habe, 
sondern nur noch ihren Entschluß stähle sie zu einem befriedi- 
genven Abschluß zu bringen — zu einem Abschluß der „weder 
den politischen Interessen der Gesammtmonarchie, noch den wirth- 
schaftlichen und finanziellen Interessen der diesseitigen Reichs- 
Hälfte abträglich ist." Er wies weiter mit Ironie die Jnsinu- 
ation zurück: daß die Regierung „sterben wolle," daß sie sich 
bei einer „passenden und unpassenden Gelegenheit aus dem 
Staube zu machen" beabsichtige. Er faßte noch weiter die Re- 
sultate der Thätigkeit einer Regierung zusammen, deren Lebens 
dauer das gewöhnliche Lebensalter konstitutioneller Regierungen 
bereits weit überschritten und die dadurch im Stande gewesen, 
bloß durch die still wirkende Kraft des Lebens die gegenwärtige 
Ordnung der Dinge immer festere Wurzel fassen zu lassen. 
Er betvnte, daß, wenn sich die Opposition gerühmt, daß sie 
nicht um jeden Preis Opposition mache, auch das Ministerium 
nicht |um jeden Preis am Ruder bleiben, sondern daß eS, in 
demselben Augenblick, wo eS die Ueberzeugung gewonnen, daß 
eS das Vertrauen der Krone nicht mehr besitze, oder wo ihm 
die traurige Einsicht geworden, daß eS der Partei, auS welcher 
eS hervorgegangen und mit welcher eS in allen großen Fragen 
sich eins und einig fühle, nicht imhr dienen könne, „wissen 
werde was eS zu thun habe;" daß es in einem solchen Fall 
gleichviel ob „mit oder ohne Charakter," aber „auS Charakter 
quittiren" werde, um, nachdem eS ihm gelungen das Reich auf 
eine festere und solidere Basis zu stellen, im gegebenen Augen- 
blick die Leitung deS Reichs in geästeten und geordneten Ver 
hältnissen mit gutem Gewissen und ruhigem Gemüth in andere 
Hände zu legen. 
Die Bilanz der Weltausstellung liegt nun in offiziellen 
Zahlen vor: daS Unternehmen kostet den Staat nicht weniger 
als 19,123,270 fl. Die dem Rechnungsabschluß beigegebene 
Zuschrift deS HandelSministerS sucht die Gründe für eine so 
außerordentliche Überschreitung deS anfangs nur mit 6 Mill. 
bemessenen „unüberfchreitbaren" CreditS theilö in den „schon 
mit der Organisation" geschaffenen Verhältnissen, theils in der 
plötzlichen erheblichen Preissteigerung deS Materials und der 
Arbeitskräfte, theils und hauptsächlich darin, daß statt deS ur- 
sprünglich für die Ausstellung veranschlagten Areals von 120,009 
Meter eine fast doppelt fo große Fläche verbaut wurde. Erhalten 
bleiben vorläufig nur noch (auf 5 Jahre) die dem Finanz, 
und Handelsministerium zur Verfügung gestellte Rotunde und 
die gegen mäßigen ZinS der Commune überlassene Maschinen- 
halle, sowie (auf 10 Jahre) die zu BildhaueratelierS verwen 
deten beiden kavillons äes amateurs. Die Gesammteinnahmen 
beziffern sich mit stark 4V^ Millionen (sie waren zu 7 Mill. 
veranschlagt) und das zu bedeckende Defizit stellt sich auf nahe- 
zu 15 Millionen. Die Polizei und Überwachung in den Aus 
stellungsräumen, wofür bloß 100,000 fl. präliminirt waren, 
hat 640,000 fl. gekostet. 
Von den Überschwemmungen in Ungarn erfährt man nach 
einer Original-Correfpondenz der „D. Ztg " folgendes: 
Pest selbst ist mit einem blauen Auge davongekommen, nur 
am nördlichen und südlichen Ende der Stadt hat das Hoch- 
Wasser Verwüstungen schrecklicher Art angerichtet. In der ver 
längerten Palatingasse waren die Kellerwohnungen nicht recht- 
zeitig geräumt worden und die von der Fluth überraschten 
Einwohner mußten Hab und Gut im Stich lassen um nur das 
nackte Leben zu retten. Aehnlich erging eS der Einwohnerschaft 
in der Soroksarerstraße, nächst dem Schlachthause und dem 
Lagerspital, denen die Größe der Gefahr erst vorgestern Mit- 
tagS nahegerückt wurde, als die Fluth, welche daS Lagerspital 
bis zur Hälfte deS Erdgeschosses ausfüllte, sich über die ganze 
Breite der Soroksarerstraße hinweg wälzte, den Damm der 
Pferdebahn einriß und sich in die Häuser, Fabriken, in daS 
Schlachthaus und auf die umliegenden Holz- und Zimmerplätze 
ergoß. Gräßlich dagegen wüthete daS Element in Neupest, im 
Neustift und in Altofen In Altofen sind unter einer Ein- 
wohnerschaft von 18,000 Seelen zwölftausend Delogirte; in , 
4 Volksküchen wurde heute für 4000 Personen geloch^ denen 
die Speisen unentgeltlich verabreicht wurden. In den Straßen 
von Altofen und Neupest, im Neustift wie in der Raitzenstadt 
fährt man heute noch in Kähnen; daS Wasser steht fast über- 
all 1 bis 1.5 Meter hoch. In Neupest sind mehr als 10 Fa 
briken und 50 Häuser eingestürzt; nach dem Abzug deS Was- 
sers fürchtet man in Ofen und den andern inundirten Gegen- 
den einen massenhaften Einsturz von Gebäuden. Unter den 
Delogirten in Neupest und Ofen kommen zahlreiche Erkrankun- 
gen an Wechsel- und Malaria-Fieber vor. Einen traurigen 
Anblick bietet die Margarethen-Insel. Riesige EiSblöcke ver- 
barricadiren die Ufer; daS Margarethen-Bad, der erzherzogliche 
Pavillon und daS Hotel stehen klafterhoch im Wasser; von 
dem Hotel ist ein Theil der Veranda weggerissen, in den Treib- 
Häusern reicht daS Wasser bis zur Decke. Erzherzogin Clotilde, 
die gestern in Begleitung deS Herzogs und der Herzogin von 
Koburg auf dem Schiffe „Körös" die Margarethen-Insel um 
fuhr, sandte trübe Blicke nach ihrem geliebten Eilande hinüber. 
Nach Neupest ist die Zufahrt auf der Straße von Pest noch 
immer unmöglich; die Kommunikation ist nur über Palota zu 
bewerkstelligen. Die StaatSbahn läßt zum BeHufe der Herste!- 
lung der Kommunikation und der Verproviantirung Neu-PestS 
täglich 2 Separatzüge abgehen. Auch von der Westseite ist 
die Zufahrt durch förmliche Eisbarrikaden unmöglich gemacht. 
Von der Alt-Ofener SchiffSwerfte sieht man von der Wasser- 
feite her nur einzelne unförmliche Kötper hervorragen, die gro- 
ßen Maschinen, deren Untertheile ganz mit Wasser überschwemmt 
sind. Von der Spitze deS Blocksberges steht man, soweit daS 
Auge reicht, nur ein ungeheures Meer, auS welchem bloS die 
Spitzen der Dorfkirchthürme hervorragen. Ueber das Schicksal 
der Einwohner ist nichts bekannt, viel Hunderte mögen in den 
Fluthen ihr Grab gefunden haben. Die Nachrichten, welche 
von der Umgebung Pests einlaufen, rechtfertigen die allertrau- 
rigsten Befürchtungen. 
Für die Opfer der Überschwemmungen hat speziell daS 
Kaiserhaus sofort reiche Gaben gespendet; der Kaiser hat auS 
seiner Privatkasse 21,000, die Kaiserin 40,000, der Erzherzog 
Franz Karl 5000, der Erzherzog Albrecht 3000 fl. angewiesen. 
Montenegro. In der Haltung, welche Montenegro zu 
dem boSnisch-herzegowinischen Aufstand einnimmt, ist eine sehr 
auffallende Aenderung eingetreten. Aus Cattaro geht der 
„Polit. Corr." ein Schreiben zu, welches den unerwartet ein- 
getretenen Umschwung in der Stellung der Regierung in Ce- 
tinje zu den Aufstandischen deutlich genug kennzeichnet. ES 
heißt in dem Schreiben: Kürzlich erschien in Cetinje eine De- 
putation der Insurgenten in der Herzegowina/ Sie war auf 
Beschluß sämmtlicher Führer und Wojwoden der Insurgenten 
zu dem Zweck entsendet um 500 Gewehre besserer Gattung 
und Munition zu erbitten, da eS an beiden den Insurgenten 
sehr zu mangeln anfängt. Wie die Verhältnisse sich geän- 
dert haben, beweist die abschlägige Antwort, welche die Depu- 
tation von maßgeblicher montenegrinischer Seite erhalten hat. 
Man bedauerte sehr, dem betreffenden Ersuchen keine Folge
        

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