Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/35/
wiederkehren, so sind die Bonapartisten diejenigen, welche den 
Kern der Opposition gegen die Republikaner bilden. 
Türkei. ES hat ganz den Anschein, als ob die Zweifel, 
welche von verschiedenen Seiten an der Durchführung der tür. 
tischen Reformen gehegt werden, berechtigt sind. Ein der „D. 
Ztg." aus Kostajnitza mitgetheilter Bericht bestätigt das Ge- 
sagte und schildert zugleich die Stimmung der boSnisch.herzego» 
winischen Bevölkerung gegenüber den „Reformen" der Pforte 
und den Großmächten. Der Bericht lautet: „Die Reform- 
Jradö deS SullanS wurde in Bosnien überraschend schnell 
verkündet; aber die Publikation geschah auf eine Art, daß die 
christliche Bevölkerung nicht das mindeste von derselben ver- 
nahm. In Serajewo wurde im Hofe deS KonakS vor mehre 
ren Bataillonen Militär, den Behörden und den Consuln ver 
Ferman vorgelesen; letztere waren erschienen, um gegen diese 
Komödie Einwendungen zu machen, doch wurde ihnen sehr 
höflich die Entgegnung: daß dieS eine auf die innere Verwal 
tung Bosniens bezügliche Angelegenheit sei, und daß dieselbe 
niemanden kümmere. Wie gesagt, sehr Höstich — aber doch 
die Wünsche der Consuln nicht befriedigend. Noch toller wird 
die Verlautbarung in andern bosnischen Städten ausgeführt. 
So erfolgte die Vorlesung in Banjaluka allerdings auf offener 
Straße, aber nur in türkischer Sprache, welche außer den Be 
amten kaum zehn Personen in dieser zweitgrößten Provinzstadt 
verstehen. Derjenige Theil der Bevölkerung, welcher durch die 
auswärtigen Journale über den Inhalt der Reform-Jratd un- 
terrichtet ist, verhalt sich durchwegs ablehnend. Man traut 
den Versprechungen nicht mehr und wartet nur die wärmere 
Jahreszeit ab, um mit den Waffen in der Hand gegen die 
Türken zu kämpfen. Die Flüchtlinge auf österreichischem Bo- 
den fürchten, daß sie bei der neuen Sachlage vielleicht in die 
frühere Heimath zurückgewiesen werden könnten, doch sind auch 
fie fest entschlossen, nicht mehr daö türkische Joch anzuerkennen. 
In einer der größten Flüchtlingscolonien sagten die BoSniaken 
folgendes: „„Wenn man uns ausweist aus Oesterreich, so 
werden wir dem Kaiser dafür danken, daß er uns bisher Gast- 
freundschaft und Unterstützung gewährte; aber eS ist uns leid, 
daß wir den Winter über nur darum am Leben .erhalten 
wurden, um später dem türkischen Säbel doch überantwortet 
zu werden. Wlr sehen uns dann gezwungen, die Kinder in 
die Unna zu werfen, selbst aber den Verzweifiungskampf aus 
Leben und Tov zu führen. Nur bitten wollen wir noch die 
kaiserliche Regierung, dap sie unS die abgenommenen Waffen 
zurückgibt, damit wir den Tyrannen nicht wehrlos 'in die 
Händb fallen!"" Diese Worte, deren Wahrheit ich Ihnen 
verbürge, kennzeichnen die Situation. Nie mehr wird sich daS 
bosnische Volk den Türken gutwillig unterwerfen. Der In- 
surrections-Ausschuß, welcher von der Skuptschtina in Jam- 
nitza eingesetzt wurde, bereitet eine öffentliche Kundgebung vor. 
Es soll ein Memorandum ausgearbeitet werden, welches in 
erschöpfender Weise darthut, daß das bosnische Volk den Tür- 
ken nicht mehr glauben könne, daß der Hattischeris von Gül- 
hanv," welcher in Bosnien erst 1350 publicirt wurde, ver Hat- 
Humayum von 1856, das bosnische Constitutivgesetz von 1865 
und die neueste Jrads von 1875 nicht durchgeführt wurden 
und daß die bosnischen Zustände grauenerregend seien. ^ Man 
wird in dem Schriftstück anerkennen, daß die auswärtigen 
Mächte, besonders Oesterreich, sich viele Mühe gegeben haben, 
um die Pforte zur Gewährung von Reformen zu vermögen, 
aber man bitte die Großmächte: sie möchten nicht ein Volk 
zur Rückkehr unter ein unerträgliches Joch zwingen, unter dem 
eS absolut nicht leben könne. Schließlich sott ausgesprochen 
werden, daß das bosnische Volk entschlossen sei, bis zum letzten 
Blutstropfen für seine Befreiung zu kämpfen, und daß eS nur 
dann die Waffen niederlegen werde, wenn der Halbmond nicht 
mehr über das Vilajet herrsche." 
Verschiedenes. 
* Gra usa mkeit gegen Thier«, In jüngster Zeit 
stellte sich in Kalifornien ein Mann in der Office des Polizei 
chefs ein und folgte, ob eS gestattet sei, einen Habn, dem der 
Kopf abgehackt sei und der bei alledem seit Wochen lebe, für 
Geld sehen zu lassen. Er erhielt den Bescheid, daß derartige 
Schaustellungen in Kalifornien verboten seien. Es stellt sich 
jetzt heraus, daß der kopflose Hahn in folgender Weife herge- 
stellt worden ist. Der Schnabel ist an der Basis mit einem 
scharfen Messer abgeschnitten worden. Hierauf wurde die 
Haut rings um den Hals dicht hinter dem Kopf durchgeschnit 
ten und über den Kopf gezogen und festgebunden, worauf der 
Hahn durch eine Röhre gefüttert wurde In Versauf einiger 
Wochen war die Haut über dem Kopf verwachsen, woraus 
der Hahn für Geld zur Schau gestellt werden sollte. Die 
Thäter werden dem Polizeirichter offiziell vorgestellt werden. 
* Prag. (DaS Grubenunglück in Kladno.) 
Ueber die Dynamit-Explosion, welche sich nach telegraphischer 
Meldung am 23. d. M. Morgens im Engerth-Schacht zu 
Kladno ereignete, liegen bis zum Augenblick nur spärliche 
Nachrichten vor. Am 23. AbendS lies folgendes Telegramm 
in Prag ein: „Heut um 6 Uhr früh hat beim Engerth-Schacht 
eine Dynamit - Explosion stattgefunden; das Schachtgebäude 
wurde theilweise demolirt, mehrere Leute sind verschüttet. Die 
Maschine blieb unversehrt." Reisende melden über den Vor- 
fall, daß die Ezploston in einem Seitenstollen des der Staats- 
eisenbahn-Gesellschaft gehörigen Engerth-Schachtes erfolgte Im 
ganzen wurden 30 Personen verschüttet, davon waren bis zum 
24 5 Uhr Nachmittags 10 Todte und 2 lebensgefährlich Ver 
wundete ausgegraben worden. Man gab sich Nachmittags 
noch der schwachen Hoffnung hin, daß es einigen der ver-. 
schütteten Arbeiter gelingen werde, sich durch einen Stollen 
bis zum Bresson-Schacht durchzuarbeiten, und hat alle ersor- 
derlichen Rettungsmaßregeln getroffen. Ein von der k. k. 
Berghauptmannschaft zu Prag abgesendeter Beamter ist am 
24. AbendS dort eingetroffen. Sämmtliche Aerzte der Umge- 
gend waren an die Unglücksstätte berufen worden. DaS Jam- 
mern und Wehklagen der ihrer Ernährer Beraubten, welche 
den ganzen Tag hindurch händeringend die große Gruft Um- 
standen, soll herzzerreißend gewesen sein. Bis zum 25. wur- 
den, wie der „D. Ztg." telegraphisch mitgetheilt wird, 21 
Todte zu Tage gebracht, die am 26. begraben werden. ES 
ist eine großartige Betheiligung an der Leichenfeier angesagt; 
alle Fabriken feiern morgen. Eine Subseription für die Hin- 
terbliebenen wurde eingeleitet; die StaatSbahn stellte sich mit 
einem großen Betrag an die Spitze. 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: vr. Rudolf Schädler 
Amtliche Anzeigen, 
Konkurs-Kundmachung. 
Es wird bekannt gemacht, daß die k. k. Tabak-Großtrafik 
für das Fürstenthum Liechtenstein zu Vaduz in Erledigung ge- 
kommen ist und dieselbe im Wege der öffentlichen Konkurrenz 
mittels Überreichung schriftlicher Offerte jenem geeignet erkann- 
ten Bewerber verliehen werden wird, welcher daS für daS k. k. 
Aerar günstigste Anbot macht. 
Nebst der Provision kommt diesem Großtrafikanten noch der
        

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