Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/26/
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händigte dieses, sowie daS dem Burschen abgenommene Arbeits- 
buch dem Gemeindediener mit dem Auftrage ein, den Dieb in 
die Hrohnfeste nach Bregenz zu überstellen und wollte auch den 
nur mit einem Knotenstock versehenen Gemeindediener veranlas- 
sen den Arrestanten zu binden, was dieser jedoch mit der fälsch- 
lichen Angabe ablehnte, er habe eine geladene Pistole vom 
Posthalter geliehen und sei deshalb gang sicher, daß Bichler ihm 
nicht davon laufe. 
So verließen Beide Wolfurt und schlugen nicht den gera- 
den Weg zur Achbrücke ein, sondern jenen, welcher durch das 
Dorf gerade zur Ach und dann längS vom rechten Ufer der- 
selben zur Lauteracher Brücke führt, auf welchem Wege Beide 
noch gegen 1 Uhr Mittags etwa 920 Schritte von dieser ent- 
sernt gesehen wurden, wo eben zwischen dem Wege und dem 
Laufe der Ach sich ein dichtes Erlen- und Weidegebüsch in 
größerer Ausdehnung findet. 
Als der Gemeindediener von Wolfurt bis Freitag Früh 
nicht nach Hause kam und der Arrestant Bichler in ver hiesi« 
gen grohnfeste auch nicht eingeliefert wurde und daher ein Un- 
glücksfall sich vermuthen ließ, wurden sofort die Nachforschun- 
gen nach dem Gemeindediener und dem Arrestanten angeordnet, 
welche alSbald das traurige Resultat ergaben, daß Ersterer im 
oben erwähnten Erlengebüsch, etwa 30 Schritte vom Wege 
gegen die Ach zu und bei 840 Schritte von der Achbrücke ent 
fernt, erschlagen aufgefunden wurde. Der Gemeindeviener lag 
mit eingeschlagenem Schädel und zahlreichen Kopf- und Ge« 
sichtSwunden bedeckt in dem ganz mit Blut durchtränkten Schnee 
und sein blutiger Hnotenstock, sowie die Brieftasche mit heraus- 
gerissenen Papieren lagen am Boden herum. Es läßt sich 
vermuthen, daß Bichler an jener Stelle des Weges, wo er zu* 
letzt gesehen wurde, dem Gemeindediener entsprungen sei; die- 
ser scheint ihm in daS Gebüsch gefolgt zu sein und ihn dort 
an der Stelle erreicht zu haben, wo die Leiche lag, denn der 
dort festgetretene Schnee weist darauf hin, und Bichler, ein 
kräftiger untersetzt gebauter Bursche und Metzgergehilse neben- 
bei mag hier dem Gemeindediener den Knotenstock entrissen, und 
indem er ihn am Halse fest mit seiner linken Hand gepackt yielt, 
mit demselben die rechte Schädeldecke eingeschlagen, noch weitere 
ÄZunden zugefügt zu haben, worauf Böhler zu Boden fiel. Um 
sich seines Todes zu versichern, dürfte Bichler noch mit seinen 
Stiefeln auf daS Gesicht deS Gemeindedieners gestoßen haben. 
Bis zur Stunde ist eS nicht gelungen des Thäters Hab- 
Haft zu werden. Man will erfahren haben, daß derselbe sich 
* in die Schweiz begeben habe und sind seitens der Behörden 
die umfassendsten Vorkehrungen zur Aussindigmachung dessel- 
den bereits gethan worden. 
Badnz, 16. Februar. In der landwirtschaftlichen Be 
zirksversammlung in Rankweil am 7. d. Mts. wurde unter 
anderem die Frage der Räucherungen gegen die Frühjahrs/röste 
behandelt. Man sprach sich allgemein für die Räucherungen 
auS und erkannte als daS zweckmäßigste, wenn die Rauche- 
rung von einer eigens dazu bestimmten Kommission in die 
Hand genommen und geleitet werde. Wir können diese Idee 
auch bei unS nur zur Nachahmung empfehlen. 
Ausland. 
Deutschland. Der deutsche Reichstag wurde am 10 d. 
durch den Reichskanzler Bismarck geschlossen. Fürst Bismarck 
dankte Namens des BundeSratheS dem Reichstag für die im 
Dienste des Deutschen Reiches und der deutschen Nation bei 
den Arbeiten gewährte Mitwirkung und verlas die kaiserliche 
Botschaft, durch welche die Session geschlossen wird. Die 
Versammlung trennte sich nach einem dreimaligen Hoch auf 
den Kaiser. 
Der deutsche BundeSrath hat den Entwurf einer Verord 
nung betreffend die Aufhebung des Verbotes der Ausfuhr von 
Pferden genehmigt. 
Nach einer Berliner militärischen Korrespondenz ist die Ar- 
tillerie um ein neues Instrument bereichert worden, daS ihre 
„Wirkungen" noch unendlich erweitert. Dem belgischen Major 
Le Boulangv ist^eS nämlich gelungen, ein Instrument, sogen. 
Telemeter, zu konstruiren/, vermittelst dessen nach dem ersten 
von dem Gegner abgegebenen Schusse aus dem Schalle die 
Entfernung, aus welcher derselbe abgefeuert worden ist, ohne 
jeden Zeitverlust und ohne jede schwierige Berechnung auf daS 
Genaueste bestimmt werden kann. Eine ähnliche Vorrichtung 
soll beim Gewehr angebracht werden, so daß die Treffsicherheit 
auch bei diesem bedeutend erhöht werden würde. Die Kunst 
der Massenvernichtung von Menschenleben macht täglich neue 
Fortschritte. Ein Pendant zu dieser Nachricht bildet eine Er- 
klärung der Krupp'schen Geschützsabrik in der „Nationalzeitung", 
wonach auf der Kruppschen Fabrik bereits ein 1500^Pfünder 
(40 Cm.) und ein 2000-Pfünder (46 Cm.) in Konstruktion 
genommen sind, deren ersterer zu dem in Aussicht stehenden 
Zweikampf mit dem mächtigen englischen Geschütz bestimmt ist. 
Oesterreich. Die jüngst aufgetauchten Gerüchte einer 
Ministerkrisis in Oesterreich haben sich vorderhand wieder ver- 
loren. Jedoch scheint die Lage noch immer eine sehr verwickelte 
zu sein. 
England. In England gibt eS noch 18 Millionen Land- 
bewohner, die nicht stimmberechtigt sind, weil das Stimmrecht 
vom Besitz von Grund und Boden abhängt. Der vierte Theil 
von Schottlands Liegenschaften gehört 21 Personen, und durch 
schnittlich berechnet, besitzt ein einziger Eigenchümer mehr Grund 
und Boden als 3 Millionen Einwohner zusammen. 
Letzter Tage wurde daS englische Parlament durch die 
Königin mit einer Thronrede eröffnet. 
Türkei. Wie Berichte mittheilen, hat die jPsorte den Re- 
formpunkten Anbrassy's Zusage gemacht. Ob damit der all- 
gemeine Frieden gesichert erscheint und 06 vie Insurgenten sich 
ohne weitere Garantien damit zufrieden stellen, dürste immer- 
hin noch sehr zweifelhaft erscheinen. 
Wenigstens haben die Insurgenten in ihrem Eifer eher 
zu- als abgenommen. Eine Korrespondenz von der bosnischen 
Gränze in der „AugSb. Allg. Ztg." berichtet: Kaum daß die 
Külte etwas nachgelassen und Thauwetter eingetreten, ist eS 
auch unter den Insurgenten wieder etwas lebendiger geworden. 
Von den verschiedensten Punktm Bosniens hört man, daß bald 
da bald dort ein Zusammenstoß mit den Türken stattgefunden 
hat. Diese Gefechte sind aber so unbedeutend, daß nach einem 
mehrstündigen Kampfe kaum 2—3 Todte und einige Verwun- 
dete vorkommen ES sind dieS eigentlich keine Treffen, sondern 
Streifzüge der einzelnen Banden, die auf Beute ausgehen und 
bald dieses bald jenes Gehöfte eineS oder des andern Beg an- 
greifen. Nur daS Gefecht bei Topota scheint etwas ernster ge- 
wesen zu sein, denn die Türken verloren dabei 37 Todte und 
einige 50 Verwundete. Vergleicht man diesen Gang deS Aus- 
standeS in Bosnien mit dem in der Herzegowina, wo eS in 
einem Treffen gleich mehrere Hunderte von Todten und Ver- 
wundeten gibt und wo eigentlich Krieg im vollsten Sinne des 
Wortes geführt wird, fo wird man gleich auch der Ursache 
dieses Unterschiedes gewahr werden können. Bosnien, obwohl 
bedeutend größer als die Herzegowina, erscheint im Aufstande 
bedeutend schwächer, weil es sich selbst überlassen ist, während 
die Herzegowina, obwohl kleiner, im Aufstande bedeutend stär- 
ker erscheint, weil sie ihren Rückhalt in Montenegro hat, wo- 
zu auch der Umstand kommt, daß die christliche Bevölkerung in 
der Herzegowina viel kriegerischer ist als die in Bosnien. Aber 
jedenfalls ist die Ursache, daß der Aufstand in Bosnien nicht 
jenen Fortgang hat wie in der Herzegowina, die: daß BoS- 
nien den gehofften Rückhalt in Serbien nicht erhalten hat wie 
die Herzegowina in Montenegro. Es ist auch fraglich, ob der 
Aufstand in Bosnien, überhaupt ausgebrochen wäre, wenn man 
nicht seine Hoffnungen auf Serbien gesetzt hätte. Wenn nun 
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