Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/22/
diese verwüsteten Gegenden zurückkehren zu sehen. Die Note 
spricht dann die Befürchtung auS daß der Aufstand sich im 
Frühjahr verstärken würve, da die Regierungen Serbiens und 
Montenegros der Volksstimmung kaum wiederstehen könnten. 
Der von den Mächten bei Herstellung des Friedens verfolgte 
Zweck könne durch eine Aufforderung an die fürstlichen Regie- 
rungen und die christlichen Untherthanen der Pforte nicht al- 
lein erreicht werden. Die Mächte müßten ftch vielmehr auf 
klare praktische Reformen berufen können. 
Die „N. F. Presse" gibt eine Uebersicht der liquidirenden 
Aktiengesellschaften WienS drei Jahre nach Ausbruch der Kri- 
siS, auS welcher hervorgeht, daß 111 Gesellschaften von die- 
fem Schicksale ereilt wurden, wobei etwa 700 Millionen öfter. 
Gulden verloren gingen. 
Der Präsident des ungarischen Abgeordnetenhauses, Kolo- 
man Ghycy, hat am Grabe Deaks eine Rede gehalten, die 
wir im wesentlichen mittheilen wollen, da sie in kurzen Zügen 
die Lebensgeschichte des gefeierten Todten enthält. 
Herr Ghytiy sprach: 
„Fünfzehn Jahre sind eS nnn, daß ich die traurige Pflicht 
hatte als Präsident des Abgeordnetenhauses am Grabe zweier 
Patrioten zu sprechen, deren Namen ich bloß nennen muß, 
damit Sie Veten Wirken sofort in den Annalen unserer Ge- 
schichte auffinden. Diese Männer sind: Teleki und Paloczy. 
Und nun wird mir wieder die traurige Pflicht am Sarq eines 
der höchsten von jenen Großen zu sprechen, die unser Land 
verehrt. ES kann meine Aufgabe nicht sein Ihnen eine Bio- 
graphie DeakS zu bieten, oder sein Leben und seine Verdienste 
zu schildern — wo nähme ich dafür die Worte in meinem be- 
klommenen Busen? Soll ich von seiner Weisheit, von seiner 
Selbstlosigkeit, von seiner Biederkeit, von seinen patriotischen 
Tugenden sprechen? Ich müßte, um Deak zu würdigen, die 
Geschichte Ungarns erzählen seit 40 Iahren. Allein ich muß 
mit wenigen Worten seine Laufbahn skizziren, und dieß will ich 
versuchen. Die parlamentarische Laufbahn Deaks begann mit 
dem 1. Mai 1633. Mit seiner ersten Rede war er einer 
der Führer der liberalen Partei geworden und nach kurzer Zeit 
war er der einzige Führer derselben. Dieses Parlament, das 
kein einziges Gesetz geschaffen ohne DeakS Hinzuthun, ohne 
feine Initiative könnte ich sagen, erstreckte seine Reformthätig- ! 
keit auf alle Gebiete unseres öffentlichen Lebens — es war 
seine Thätigkeit der Ausgangspunkt für die Aufhebung der 
Leibeigenschaft, die Herstellung der Rechtsgleichheit und der all- 
gemeinen Steuerpflicht, sowie der meisten unserer neuen öko- 
nomischen Reformen. Dieses Parlament hat auch bei Gele- 
genheit der Berathung des'RechtStitelS Sr. Majestät Ferdinand 
V. zum erstenmal in neuerer Zeit die staatsrechtlichen Befug- 
niffe Ungarns hervorgehoben, die durch lange Nichtbeachtung 
fast in Vergessenheit gerathen waren. Im Reichstage von 
1843 war Deak nicht zugegen , und — hier kann ich als 
Augenzeuge sprechen — eS fehlte dem Reichstage jede Führung, 
eS fehlte jede Initiative, dieser Reichstag ging erfolglos 
aus einander. Zu Beginn deS JahreS 1847 war Deak durch 
Krankheit verhindert am Reichstage theilzuehmen. Allein er 
erschien bald und sein weiser Rath leitete die Mehrheit jenes 
Reichstags in ihrem Werke liberaler Reform. Im ersten und 
unabhängigen Ministerium war Deak Justizminister. In den 
künftigen Jahren, sowie eine politische Thätigkeit möglich ge- 
worden, begann er dieselbe, unverzagt inmitten der Hindernisse 
fest inmitten der gebesserten Verhältnisse. Der Ausgleich von 
1867 war sein Werk, er hat ihn erdacht und sormulirt und 
hat damit der Nation den größten Dienst erwiesen, den ein 
Bürger in friedlicher Weise seinem Land erweisen kann. Dieser 
Ausgleich machte Ungarn nicht zu einem vollständig selbständi- 
gen Staate, wie eS die anderen Staaten Europas sind, da 
ja Ungarn mit den anderen Ländern Sr. Majestät durch den- 
selben Herrscher verbunden ist, aber es regelte die gesetzliche 
l Selbständigkeit Ungarns innerhalb dieses Verbandes, welche im 
Laufe der Zeit gegen unseren Willen alterirt worden; er gab 
uns nicht alles was verlangt worden, aber er gab alles was 
unter den damaligen Verhältnissen erreichbar war. Die Ge- 
schicke der Nationen liegen in Gotteshand; allein waS einem 
' Menschen zu thun möglich, daS hat Deak für dieses Land ge- 
than. Ein Beweis dafür ist die hohe Theilnahme, welche Se. 
Majestät der König und unsere Königin, sowie andere Mit- 
glieder deS Herrscherhauses, der Trauer um Deak widmen. Es 
ist daS eine Anerkennung jenes erfreulichen Verhältnisses zwi- 
schen Krone und Volk, das ebenfalls Deaks Werk ist. Wenn 
etwas daS Land trösten kann, so ist eS diese Theilnahme, und 
ist eS die Kenntniß, daß DeakS Werke fortbestehe und 
bestehen wird. Mein waS sollen wir sagen, wo sollen wir 
Trost finden, Mitglieder deS Reichstages, die wir mit ihm ge- 
lebt und ihn bewundert haben, in seinem öffentlichen und in 
feinem privaten Leben? Wir können nur dem Schicksale dan- 
ken, daS uns gestattete zur selben Zeit zu leben wie dieser 
große Mann dessen Andenken erhalten bleiben und gesegnet 
sein wird solang' eS Ungarn in diesem Lande geben wird! 
Möge GotteS Segen ihn zur letzten Ruhe begleiten." 
Deutschland. Der Erzbischof von Posen und Gnesen, 
Graf Levochowski wurde letzter Tage auS dem Gefängnisse ent- 
lassen und ist nach kurzem Aufenthalt in Oesterreich nach Rom 
weitergereist um dort in das Kardinalskollegium aufgenommen 
zu werden. 
Frankreich. Die Senatswahlen sind nun vollzogen, und 
ihr Ergebniß ist mehr als man hoffte, der Republik günstig 
ausgefallen. ES sind bei den letzten Wahlen gegen hundert 
Republikaner gewählt, so daß diese nunmehr im Senate, wenn 
schon nur eine kleine, doch jedenfalls eine sichere Mehrheit be- 
sitzen. — ES ist nicht zu bezweifeln, daß die Abgeordneten- 
wählen am 20. Februar durch dieses Ergebniß bedeutend be- 
einflußt werden müssen. 
Man ist im Lande leicht bereit mit dem Strom zu schwim- 
men; eine Strömung zu Gunsten der Republik ist vorhanden, 
und somit werden viele noch Unentschlossene den Muth finden, 
republikanische Farbe zu bekennen. Damit dürste es auch 
wahrscheinlich sein, daß Frankreich unter der Regierung deS 
Marschalls Mac-Mahon ohne Revolution und Staatsstreich 
sich, zunächst bis 1880 in Ruhe einer republikanischen Ver- 
fassung erfreuen wird. 
Kürzlich angestellten Erhebungen zufolge zählt Paris 2250 
Sonnambulen von denen etwa dreißig mehr als 60,000 Fr. 
jährlich verdienen. Unter diesen letzteren befinden sich eine ruf- 
fische Fürstin V., welche, nachdem sie ihr Vermögen verloren 
oder verschwendet hatte, diesen Beruf wählte und eine hoch- 
aristokratische Elientel anzuziehen verstand. Wie eS scheint, trifft 
die Polizei, Maßregeln der Zunft das Handwerk zu verderben. 
Verschiedenes. 
* DaS Aufbewahren geräucherten Fleisches. 
Der Winter stellt wiederum die Frage: Wo bewahrt man daS 
geräucherte Fleisch am besten aus? Ist die Wärme oder Feuch- 
tigkeit gefährlicher? Wir glauben gewiß letztere. Wir ersah- 
ren, daß man auf griechischen Schiffen bei 29 Gr. R. im 
Schatten am Tage und nicht unter 22 Gr. R. in der Nacht 
Würste von rohem Fleisch und Schinken gut erhalten konnte, 
nicht etwa auf Eis, sondern etwa an einem zugigen Orte auf- 
gehängt. In Griechenland sah man einen sogenannten Flie- 
genschrank zur Aufbewahrung deS Fleisches im Schatten der 
Bäume an einem luftigen Platze angebracht. Im Keller (Fel- 
senkeller) war ein Wärmegrad von 17 Gr. R. und doch hat 
man eS vorgezogen, auch nicht geräucherte Fleischwaaren bei 
obigem Wärmegrad im Freien aufzubewahren, weil hier starke 
Bewegung der Lust vorhanden war, während im Keller auch 
bei dem erheblich niedern Wärmegrad Feuchtigkeit und dumpfe
        

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