Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/198/
augenblicklich große Gefälligkeiten. DaS ist durchaus nicht 
der Kall:Z Rußland geht nicht auf große Eroberungen aus. 
Kaiser Alexander war unS stets ein treuer Bundesgenosse 
Rußland verlangt von unS nur unsere Mitwirkung auf der 
Conferenz zur Besserung der Stellung der Christen in der 
Türkei, wozu unser Kaiser und die Nation gern die Hand 
bieten. Unsere Unterstützung dafür ist außer aller Frage. Sie 
wird durch die Sympathie für die Glaubensgenossen und die 
Zwecke der Civilifation gerechtfertigt. Verläuft die Conferenz 
resultatlos, so ist ein kriegerisches Borgehen Rußlands wahr- 
scheinlich. Auch dazu verlangt Rußland unsere Hilfe nicht. 
Niemand wird aber verlangen, daß wir ein Veto dagegen ein- 
legen, da eS sich um Zwecke handelt die wir selbst anstreben. 
Eine Vermischung wirtschaftlicher und politischer Zwecke in 
diesem Punkte würde zu Ungeheuerlichkeiten führen. ES ist 
unmöglich für eine Zollfqche Feindschaft einzuhandeln oder 
Feindschaft zu bereiten. Sollte die Interpellation uns mit 
Rußland entzweien, wie man das schon früher wollte, so ist 
das bedauerlich. So lange wir auf diesen Fleck stehen, wird eS 
Ihnen nie gelingen in unsere hundertjährige, historisch begrün« 
dete Freundschaft mit Rußland einen Riß zu bringen. Seien 
Sie überzeugt, daß das Drei-Kaiser-Bündniß noch vollkommen 
seinen Namen verdient und fortbesteht. Wir haben wie mit 
Rußland so mit England hundertjährige FreundschaftSbeziehun« 
gen. Wir haben uns in der orientalischen Frage die Aufgabe 
gestellt zwischen den Mächten zu vermitteln, und so viel an unS 
ist den Frieden zu erhalten. Wenn die jetzige Lage auch für 
unS keine KriegSfrage enthält, so enthält sie doch die Aufforde- 
rung zu einer außerordentlich vorsichtigen Haltung. Wir 
müssen die guten Beziehungen zu den Mächten erhalten, 
und können nur dann aktiv eingreifen, wenn einer unserer 
Freunde durch eine andere Macht gefährdet wäre. Unsere 
wohlwollende Stellung zu allen Mächten ist von allen aner- 
kannt worden. Sie wird, wie wir hoffen, dazu beitragen den 
Krieg zu lokalisiren. Darauf sind alle unsere Bemühungen 
gerichtet. Wir glauben daß eS zu einer Verständigung bezüg- 
lich etwaiger Differenzen Rußlands und Englands kommen wird. 
U»fere Aufgabe ist also in erster Linie die Erhaltung deS Frie 
dens, in zweiter di» Vermittlung unter den Mächten zur Zer 
streuung von Differenzen und zur Lokalisirung eines etwa un- 
vermeidlichen Krieges. Gelingt dieß nicht, dann freilich ent- 
steht eine neue Lage, über welche man kombiniren, ich aber 
heute noch keine Auskunft geben kann " 
Oesterreich. Die „Wiener Abendpost" gibt eine Zusam- 
menstellung von Journalstimmen über die jüngsten Erklärungen 
deö Fürsten Bismarck, und sagt: Übereinstimmend wird der 
hohe staatsmännische Geist und die friedliche, auf Ausgleichung 
und Vermittlung gerichtete Tendenz der deutschen Politik und 
die BundeStreue hervorgehoben, von welcher der Fürst getragen 
ist. In der kräftigen Betonung deS Drei-Kaiser-BündnisseS erblickt 
die öffentliche Meinung fast ausnahmslos zugleich die Veto- 
nung der konservativen Prinzipien, welche die Orientfrage.in 
den bisherigen Schranken erhalten und Europa vor einer 
ernsten Friedensstörung bewahrt haben» Daß in den AuSfüh- 
rungen deS deutschen Reichskanzlers mit in erster Linie auch 
Oesterreich-Ungarns geschichtliche und politische Stellung inner- 
halb deS europäischen StaattnsystemS in ebenso staatSmännischer 
alS sympathischer Weise gewürdigt wurde, wird insbesondere 
in der österreichisch-ungarischen Presse mit wachsender Zustim 
mung und in einer Form geltend gemacht welche ein weiteres 
Zeugniß davon geben daß der Werth unserer freundschaftlichen 
Beziehungen zu Deutschland hier lebhaft empfunden wird, und 
die Versicherungen deS Fürsten Bismarck werden nur dazu bei- 
tragen eine Richtung der öffentlichen Meinung zu kräftigen, 
die, ohne dem Selbstgefühle Oesterreich-UngarnS etwas zu ver- 
geben, in der Pflege unseres Verhältnisses zu Deutschland die 
gewichtigsten Bürgschaften für die Wohlfahrt beider Reiche und 
die friedliche Entwicklung Europas erblickt. 
Im österreichischen Abgeordnetenhause wurde 
die Generaldebatte über daS Budget geschloffen. Der Finanz? 
minister DepretiS widerlegte in längerer beifällig aufgenommenen 
Rede die im Laufe der Debatte gegen die Regierung vorge- 
brachten Anschuldigungen. Cr weiSt die Besserung der volkS- 
wirtschaftlichen Verhältnisse nach, konstatirt, daß der österrei- 
chische Credit unerschüttert sei, und prstestirt entschieden gegen 
die gefallene Aeußerung, daß eine Zinsenreduktion bevorstehe. 
Bezüglich deS ungarischen Ausgleichs solle man vor Fällung 
eines UrtheilS erst den Erfolg abwarten. Lasser erklärt unter 
lebhaftestem Beifäll deö HaufeS daß bei Gelegenheit derMe- 
fprechung deS ungarischen Ausgleichs, insbesondere der Bank- 
frage, seitens der österreichischen und ungarischen Minister in 
Gegenwart deS Monarchen allerdings eine Differenz bezüglich 
der gemachten Vorbehalte sich gezeigt babe. 
Rußland. Nach aus MoSkan vorliegenden Nachrichten 
ist der Oberkommandirende der aktiven Armee, Großfürst Niko- 
lauS Nikolajewitsch, dort von der Bevölkerung enthusiastisch 
empfangen worden. Der Großfürst begab sich nach der Be- 
grüßung durch die Spitzen der Militär- und Civilbehörden mit 
seinem Stab in das Kloster von Troizka Sergjew, wo der 
Archimandrit den Grsßfürsten und den Stab segnete. Darauf 
begab sich der Großfürst mit dem Generalgouverneur Fürsten 
Dolgoruky zur Kathedrale deS Erzengels Michael, zum Tschu- 
dowa.Kloster und endlich zur UspenSki Kathedrale, wo er von 
der gesammten Geistlichkeit empfangen und von dem Metropo- 
liten gesegnet wurde. Nachdem der Großfürst alsdann den 
Kremel besucht hatte, fand bei dem Fürsten Dolgoruky ein Früh- 
stück statt, bei welchem dieser einen Toast auf den Großfürsten 
ausbrachte, der mit den Worten schloß: „ES ist eine große 
Ehre für mich, daß der Feldherr des russischen KriegSheereS 
auS meinem Hause zu seinen Waffenthaten auszieht." Bei 
der Abfahrt vom KurSker Bahnhofe hatte sich eine große Volks- 
menge eingefunden. — Der Adel deS Don'schen Gebiets und 
und der von Tula haben ErgebenheitSadressen an den Kaiser 
gerichtet. 
England. Der berühmte fast 82jährige englische Ge 
schichtsschreiber Carlyle veröffentlicht in den englischen Journa- 
len eine Zuschrift, über die Orientfrage, welcher lgendeS 
entnehmen: „Zu Gunsten der Türkei sich gegen d stür- 
zen würde geradezu ein Akt der Narrheit sein. i dürfe 
hoffen, daß eine solche Politik für jedes englische Ministerium 
zur Unmöglichkeit geworden sei. Die Türkei habe trotz aller 
Versprechungen keine einzige Reform eingeführt, ja nicht einmal 
den Versuch dazu gemacht. Jetzt gebe eS kein Mittel weiter, 
als eine summarische und unverweilte Vertreibung der herrschen- 
den türkischen VolkSklassen aus Europa und ein Zurückbehalten 
der friedlichen mongolischen Bevölkerung, die dann auf voll- 
ständig gleichheitlichem Fuße zu behandeln sein würde. Auf 
die Dauer sei eine solche Eventualität gänzlich unvermeidlich. 
Die Theilung türkischen Gebietes durch Oesterreich und Ruß- 
land dürfte ernsthafte Schwierigkeiten kaum erregen; England 
habe nur ein LebenSinteresse bei der Frage und daS bestehe darin, 
sich seinen Weg nach Indien durch Egypten und den Suezka- 
nal zu sichern. Ein Einverständniß zwischen England, Rußland 
und Oesterreich bleibe dringend zu wünschen. 
Rumänien AuS Bukarest wird der A. A. Ztg. unterm 
7. Dez. geschrieben: Wie gefährlich eS ist, wenn Völker in 
die KriegStrompete stoßen und, bis an die Zähne bewaffnet, 
einander gegenüberstehen — selbst wenn der erste Kanonen- 
schuß noch nicht gefallen ist — beweisen die neuesten Vor- 
gänge in Rumänien. Bei der Bevölkerung, insbesondere der 
Donaustädte, ist eine vollständige Panik eingerissen. Letztere 
flüchtet in hellen Haufen in daS Innere deS Landes. Mehr 
als die Hälfte der Bewohner deS an der Donau gelegenen 
Städtchens Turn - Mogurelli hat ihren häuslichen Herd ver- 
lassen und sich mit Kind und Kegel in das Innere deS Lan- 
deS begeben. Die andere Hälfte hat ihre bewegliche Habe zu-
        

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