Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/194/
ren ungefähr zwanzig Gedecke und unter, den Gästen alle Frak 
tionen, auch das Zentrum mit drei Mitgliedern, vertreten. 
Räch aufgehobener Tafel blieb die Gesellschaft noch bis 10 
Uhr zusammen; de^MichSkattzler reichte die Pfeifen und war 
WDeiner besten Lautte, die höchstens bei Erwähnung der Zu- 
stizgesetze etwas weniger gemächlich wurde. Ueber die orien- 
talische Frage hielt er einen Vortrag, der gegen % 
Stunden währte. WaS so Vielen gesagt wurde, kann nicht 
unter dem Scheffel verborgen, bleiben und ist auch wohl nicht 
dazu bestimmt. Der Fürst selbst bemerkte, er werde steh bei der 
dritten Lesung der Justizgesetze im Reichstag über die orienta- 
tische Frage aussprechen in demselben Sinne, aber natürlich 
in weniger bestimmter Weise. Er begann damit, daß die Stelle 
der Thronrede über die Mächte, nut denen Deutschland durch 
Lage und Geschichte am nächsten verbunden sei, mißverstanden 
worden sei. ES wäre nicht bloß Rußland und Oesterreich, 
fondern auch England gemeint gewesen. Scherzhaft bemerkte 
er eS sei schon schwer, sich zwischen zwei Stühlen niederzulas- 
fett, und nun vollends zwischen dreien! An der Erhaltung 
deS Friedens sei noch nicht zu verzweifeln. Sollte eS aber 
zum Kriege kommen, wie eS allerdings scheine, so würden 
Rußland und die Türkei wohl nach einiger Zeit desselben müde 
werden und Deutschland dann mit mehr Aussicht auf Erfolg 
vermitteln können, als jetzt. Gegenwärtig einen Rath an Ruß- 
kand zu ertheisen, sei mißlich. Er entwickelte die Gründe dafür 
und bemerkte namentlich, die Folge eines solchen RatheS würde 
sein die russtsche Ration zu verstimmen, und daS sei schlimmer, 
alS eine vorübergehende Differenz mit einer Regierung. WaS 
er über England bemerkte, wurde so verstanden, daß der Reichs- 
kanzler hoffte, daß England keinenfalls offenen Krieg mit Ruß- 
land führen werde, sondern Höchstens einen offiziösen, wie Ruß- 
land in Serbien. Ueber Oesterreich sprach sich Fürst 
Bismarck sehr sympathisch aus. Wenn auch Oester- 
reich in den Krieg gezogen werden sollte, wenn Gefahren für 
dessen Bestand, sich zeigen sollten, so sei eS Deut sch landS 
Beruf, für den Bestand Oesterreichs und überhaupt 
im Großen und Ganzen für den der jetzigen Landkarte einzu- 
stehen. Deutschland werde seine volle Uneigennützigkeit zeigen, 
uyd sei die Bleigarnirung, welche die Figur immer wieder zum 
Stehen bringe. Oesterreich habe übrigens eine große Lebens- 
kraft, eine größere, als Manche meinten. Das habe er auch 
Lvrd SaliSbury bemerkt, und dies würde sich zeigen, wenn 
Kaiser Franz Joses unter Umständen selbst sich an seine Völ- 
ker wenden sollte. Von einer Besetzung der Bulgare! habe er 
in der ihm zugeschriebenen Weise kein Wort zu SaliSbury ge- 
sprochen. DaS ist eS, was man ohne Indiskretion aus den 
Aeußerungen des Fürsten Bismarck mittheilen kann." Gr 
ließ noch eine Menge treffender Bemerkungen und geflü- 
gelter Worte fallen; er hat sich z. B. lebhaft gegen die Schlacht- 
und Mahlsteuer ausgesprochen, durch die Fleisch und Brod 
nicht wohlfeiler geworden feien. Als Löwe-Calbe entgegnete: 
ihm koste daö Brod jetzt 20 Prozent weniger als sonst, rief 
Bismarck: „Ei, das muß man sich merken, wo wohnen Sie?" 
Oesterreich« Ueber die Aeußerungen , welche der Fürst 
Bismarck betreffs der Stellung Deutschlands zur Orientfrage 
gethan hat, spricht sich die „N. Fr. Pr." im wesentlichen fol 
gendermaßen aus: 
,,Jn erster Reihe ist die Erklärung deS Reichskanzlers von 
entscheidender Wichtigkeit, daß Deutschland nach keiner Rich- 
tung engagirt ist/ daß eS also Rußland ganz wie der übrigen 
Welt gegenüber freie Hand habe. WaS somit von einem ge- 
Heimen Allianzvertrag zwischen Deutschland und Rußland zur 
Theilung nicht bloß der Türkei erzählt wurde, erklärt der Reichs- 
kanzler für eitel Lug und Trug. Damit kein Zweifel über die 
Bedeutung der freien Hand Deutschlands aufrecht bleibe, so 
bemerkte Fürst Bismarck in seiner Tischrede, daß mit den „mit 
Deutschland historisch verbundenen Mächten," von denen die 
Thronrede sprach, zuvörderst England gemeint sei, und dD p 
sich wundere wie diese Worte der Thronrede anders gedeutet 
werden konnten. Die BiSmarck'fche Tischrede enthält bezeich 
nenderweise kein Wort über daS Drei-Kaiser-Bündniß; dasselbe 
wird vollkommen todtgeschwiegen. Damit aber Niemand dar- 
über im Unklaren sei, waS Fürst Bismarck über den Krieg 
denkt den Rußland gegen die Türkei im Schilde führt, erklärt 
er ausdrücklich, daß in Rußland selbst angesehene Militärs den 
Krieg mißbilligen , „welcher von der Presse und den pansla- 
Vistischen ComilöS geschürt werde." Man kann die Politik der 
kaiserlichen Rede in Moskau und der Gortschakoff'schen Cirku- 
lar-Depeschen nicht drastischer kennzeichnen alS mit diesen Wor 
ten geschieht. Ganz derselben nichts weniger als russenfreund- 
lichen Richtung gehört die weitere sehr energische Erklärung 
Bismarcks an: er habe niemals zur Besetzung Bulgariens an- 
gerathen. Deutschland will die Erhaltung deS Friedens; sei 
dieselbe unmöglich, so werde eS den Krieg zu lokalisiren suchen 
und neutral bleiben. Man wird den Reichskanzler kaum miß- 
verstehen, wenn man annimmt, daß er damit andeuten wollte: 
die Neutralität Deutschlands finde im Aushören deS lokalisirten 
Krieges, im Hinzutreten dritter Mächte ihre natürliche Be- 
gränzung. Alle diese Erklärungen zeigen klar und deutlich die 
Richtung an, in welcher die orientalische Politik Deutschlands 
sich bewegt. In St. Petersburg dürste man darüber nichts 
weniger als entzückt sein. Die deutsche Politik wird hienach 
auf der Konferenz in Konstantinopel nicht für, sondern gegen 
Rußlands Zwecke eintreten; das kann bereits heut als auSge- 
macht betrachtet werden. Aber Bismarck, welcher, wenn er 
redet, wenig Rückhalt kennt, ist in seiner Tischrede viel weiter 
gegangen. Er sprach von Versuchungen die an Deutschland 
herangetreten, welche auf dessen Eigennutz und Ehrgeiz speku- 
lirten; und von welcher Seite diese Versuchungen kamen , ist 
leicht zu errathen. Alle Befürchtungen die in dieser Beziehung 
gehegt werden, seien unbegründet, der weitere Verlaus der Er- 
eignisse werde den glänzendsten Beweis der Uneigennützigkeit 
und Friedensliebe der deutschen Politik geben. Deutschland 
werde alleS aufbieten, sagte Bismarck weiter, den Krieg zu ver- 
meiden und, wenn derselbe unvermeidlich, den Krieg zu lokali- 
siren und den Eintritt dritter Mächte in den Krieg hinauSzu- 
schieben. VermittlungSansinnen habe Deutschland abgelehnt, 
da die Vermittlung daS Eintreten Deutschlands mit voller Macht 
bedingen würde, wozu jetzt noch kein Grund vorhanden sei. 
Aber der Reichskanzler macht kein Hehl daraus, daß der acute 
Moment kommen kann wo daS Eintreten Deutschlands mit 
seiner vollen Macht eine Notwendigkeit werden könnte, und 
in dem waS Fürst Bismarck mit Rücksicht auf diesen Fall sagt 
gipfelt die hohe staatsmännische Bedeutung seiner Rede. AlS 
den Augenblick in welchem Deutschland auS seiner Reserve he- 
rauStreten müßte, bezeichnet der deutsche Reichskanzler denjeni- 
gen „wo Oesterreich, dessen Bestand für Deutschland und 
Europa von höchster Wichtigkeit sei, in seinen vitalen Interessen 
gefährdet würde." Ueber Oesterreich sagte Bismarck weiter, 
daß eS sehr verfehlt fei Oesterreichs innere Kraft im Falle der 
Gefahr zu unterschätzen. Die Ausgleichsschwierigkeiten würden 
übertrieben, und ein Appell deS Kaisers an sein Volk würde 
eine Begeisterung wachrufen, welche über alle konstitutionellen 
Schwierigkeiten hinweghilft. Diese alle Combinationen unserer 
einheimischen Russenschwärmer über den Haufen werfenden Er- 
klärungen deS Fürsten Bismarck verrathen nicht bloß die ge- 
naueste Kenntniß der Lage Oesterreichs, sondern haben ange- 
stchtS der Weltlage eine unleugbar sehr weittragende politische 
Bedeutung. Indem offen ausgesprochen wird, daß Deutschland 
nur so lange neutral bleibt als der russisch - türkische Krieg 
Oesterreichs Interessen nicht gefährdet, wird Rußland seine völ- 
lige Jsolirtheit im Kriegsfälle recht augenscheinlich zu Gemüche 
geführt. Die Reserve Oesterreichs und Deutschlands gegenüber 
dem lokalisirten Krieg, welche Fälle der Verletzung vitaler In-
        

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