Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/191/
tur. Mit Hilfe eines nicht einmal bedeutenden Trinkgeldes ist 
übrigens der Uebergang unschwer zu erzielen " 
Ueber Haltung und Schicksal der Russen in Serbien aber 
schreibt man der „Pester Corr." aus Belgrad, 19. Nov.: 
„Laut Ministerial-Erlaß vom 17. d. ist eS keinem in ser- 
bischen Diensten stehenden russischen Offizier mehr gestattet 
außerhalb deS serbischen Territoriums die serbische Uniform zu 
traget». Veranlassung zu dieser Maßregel gab daS „sonder- 
bare" Benehmen der Russen, das ste an allen Orten ohne jede 
Schonung gegen Mann und Frau, ohne Scheu ob bei Tag oder 
Mcht, sich zu Schulden kommen ließen. Damit die serbische 
Soldatenehre durch daS Betragen der Russen nicht weiter ver- 
Vächtigt oder verletzt werde, war die Regierung gezwungen 
Min solchen Befehl zu erlassen. Hier sowohl alS in Semen- 
bria hat man den massenhaft heimkehrenden Russen die ferbi- 
Wen Uniformen ausgezogen und ihnen alte Lumpen gegeben 
um nothdürftig den Leib zu bedecken. Von Gage ist natür- 
lich keine Rede, weßhalb sie gezwungen sind von Thür zu 
Thür betteln zu gehen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen 
Wie ein hiesiger serbischer Kaufmann einem russischen Offizier, 
dem „moSkowitifchen Bruder," 20 Para als Almosen reichte. 
Einige tfcherkessische Offiziere, die mit den Russen gekommen 
Waren um den Krieg mitzumachen, haben sich auf den Schif 
fen reichen Reisenden als Diener angeboten." 
Türkei. P e r a, 20. Nov. Unter der Ueberschrist „ Mon 
tenegrinische Menschlichkeit" lesen wir im „Levant Herald" fol- 
genden Artikel: „Bei dem letzten Kampfe von Medun, in dessen 
Folge sich die unter Mahmud Pascha befindlichen Truppen zu- 
rückziehen mußten, fielen den Montenegrinern 11 Gefangene in 
die Hände. Sieben von ihnen sind in Konstantinopel ange- 
kommen und in den Cafernen untergebracht, mit Ausnahme 
eines einzigen, der auf Befehl deö Sultans im Palast von 
Dolma Lagtsche Gast ist. Von diesen sieben sind fünf ver 
stümmelt, indem man ihnen die Nase und die Oberlippe ab- 
geschnitten hat. Sie haben außerdem an ihrem Körper die 
Narben der Wunden, welche ihnen mit dem Messer beigebracht 
worden sind, und einer von ihnen hat deren 24. Sie machen 
«ine schauerliche Beschreibung von der ihnen widerfahrenen Be- 
Handlung. In dem Zimmer, in welchem sie eingesperrt waren 
und an den auf dem Schlachtfeld empfangenen Wunden litten, 
führten die berauschten Montenegriner eine Orgie auf. Sie 
tanzten um das Zimmer herum und hieben mit ihren Messern 
links und rechts auf die unglücklichen Gefangenen, und riefen 
bei jedem Hieb: „Nimm das hin, Türk!" Die sieben Ueberle- 
benden versichern, daß zwei von den andern vier vor ihren 
Augen lebendig verbrannt wurden, und daß von den andern 
beiden dem einen die Arme und Hände zerstückelt wurden; da- 
raus gössen die Montenegriner Petroleum auf daS wunde Fleisch 
und zündeten eS an. Der andere wurde gezwungen seine Hände 
auf einen Tisch zu legen, während dessen die Montenegriner 
sie mit ihren Messern in kleinen Stücken abhieben, und als 
das Messer nicht mehr zu dieser schauverhaften Arbeit taugte, 
ergriffen sie Beile und hieben die Vorderarme bis zum Ellbo- 
gen ab. Unter dieser Behandlung starben die beiden Menschen. 
Bei der Ankunft der sieben Ueberlebenden in Konstantinopel 
hörte der Sultan die grauenhafte Erzählung und wollte einen 
von diesen Leuten sehen und zwar den am wenigsten leidenden, 
einen Burschen von 18 Iahren aus der Umgegend von Smyrna; 
er »wurde vor Se. Majestät geführt. Der Sultan ward durch 
diese Erzählung tief ergriffen, da der junge Soldat mit großer 
Einfachheit berichtete, und Se. Majestät unterhielt sich lange 
mit ihm. Der Sultan befahl ihn im Palast einzuquartie- 
ren und durch seine eigenen Aerzte behandeln zu lassen. 
Seine Wunden hat er auf dem Schlachtfeld erhalten, eine ist 
an der Brust, eine andere hat ibm den Ellbogen gebrochen, 
und eine Flintenkugel schlug in die Backe ein, ging durch die 
obere Kinnlade und fuhr zum Munde heraus, wobei die 
Zunge, aber kein einziger Zahn verletzt wurde. Der Sultan 
hat den Palastarzt vr. Temple Bey beauftragt die andern 
Verwundeten in Scutari zu behandeln und Sr. Majestät von 
ihrem Zustande Nachricht zu geben. Außerdem sollen diese 
Verstümmelten auf Befehl deS Sultans photographirt werden." 
ES ist möglich, daß dieser Bericht an einigen Stellen über- 
trieben ist; jedenfalls aber wäre eS die Pflicht der Gesellschaft 
deS rothen Kreuzes, der ja auch Montenegro beigetreten ist, 
übet diesen Vorfall eine strenge Untersuchung anzustellen. 
Verschiedenes. 
* EineS der grausigsten Unglücke, diedaSMen- 
schengeschlecht je betreffen, ist wohl der gewaltige Wirb elstulm 
(Typhon, richtiger Teisun), welcher am 3 t. Oktober d. I. in 
Bengalen (Landschaft in Ostindien) und zwar in den Be- 
zirken Backergunga, Noakholly und Ehittagong wüthete. Die 
ersten Nachrichten gaben die Zahl der umS Leben gekommenen 
Menschen auf 20,000 an. Spatere Meldungen ließen diese 
Zahl auf 60,000 anschwellen. Ein Telegramm vom 18. No- 
vember spucht von 120,000 Verunglückten, nun berichtet ein 
Telegramm der „TimeS" aus Kalkutta (Hanptstadt von Ben- 
galen) vom 19. Nov, daß nach Schätzungen, die auf Grund- 
läge amtlicher Erhebungen angestellt wurden, der Wirbelwind 
nicht weniger als 215,000 Menschenleben vernichtete. 
Ueber die Einzelheiten deS beklagenswerthen Ereignisses 
meldet der TimeS-Berichterstatter unter Anderm Folgendes: 
Drei große Inseln — Dakhin- Shahabaypore, Hattiah 
und Sundeep — so wie zahlreiche kleinere Eilande wurden 
von der Sturmfiuth völlig unter Wasser gefetzt, eben so das 
Festland auf fünf bis sechs Meilen landeinwärts. Diese In- 
seln sind allein oder bei der Mündung deS Meghna gelegen, eines 
Stromes, der durch den Zusammenfluß deS Ganges und deS 
Brahmaputra gebildet wird. Die größte derselben ist Daehin- 
Shahabaypore, hat eine Ausdehnung von 800 engl. Qua- 
dratmeilen und eine Bevölkerung von ungefähr 240,000 See- 
len. Die Einwohnerzahl von Hattiah und Sundeep zusammen 
beläuft sich auf ungefähr 100,000. In der UnglückSnacht 
waren bis 11 Uhr keine Anzeichen der Gefahr vorhanden, aber 
vor Mitternacht überschwemmte die Sturmfiuth die Inseln bis 
zu einer Tiefe von stellenweise zwanzig Fuß und überraschte 
die Leute in ihren Betten. 
Glücklicherweise ist eS in diesen Bezirken Gebrauch, um die 
Dörfer herum dichte Baumgärten, hauptsächlich von Palmen 
und EokoSnußbäumen, zu pflanzen. Die Bäume dienten den 
Dorfbewohnern als Zufluchtsort, und beinahe alle Ueberleben- 
den retteten sich dadurch, daß sie in deren Aeste kletterten. 
Einige suchten ihre Zuflucht auf den Dächern, aber daS in 
die Häuser eindringende Wasser brach sie und die zurückgehen- 
den Wellen schwemmten die Unglücklichen in'S Meer. Die 
Bäume boten namentlich deßhalb die beinahe einzig sichere 
Zufluchtsstätte, weil die ganze Gegend sehr flach ist. Beinahe 
alle VerwaltungS- und Polizeibeamten in Dakhin-Shahabaypore' 
kamen um. Der Viehstand ging fämmtlich unter, und durch 
das Hinwegschwemmen der Kähne wurden die Ueberlebenden 
ihrer einzigen Verkehrsmittel beraubt. 
Das amtliche Blatt von Kalkutta nimmt an, daß, wo 
immer die Sturmfiuth raste, kaum ein Viertel bis ein Drittel 
der Bevölkerung am Leben blieb. Der Geruch der in Ver- 
wesung gehenden Leichen ist unerträglich, und einem allgemeinen 
Ausbruch der Cholera wird stündlich entgegengesehen. Im 
Uebrigen ist der Zustand der Ueberlebenden ein besserer, als 
man erwarten sollte. Die Reisvorräthe waren durchgängig in 
Gruben wohl verwahrt, und wenn ste auch Schaden gelitten 
haben, so sind ste doch nicht völlig verdorben. Sir R. Temple 
der die überschwemmte Gegeyd besuchte, fand die Leute allent-
        

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