Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/190/
rina feien Illusionen und Phantom«, sie hätten niemals existirt. 
Der Besitz Konst.intinopelS würde ein Unglück für Rußland 
sein. Der Kaiser habe in bestimmtester förmlichster Weise sein 
heiligstes Ehrenwort gegeben daß er nicht die Absicht habe fift 
Dnlstantinopel anzueignen. Wenn ihn die Notwendigkeit daj» 
zwingen Mte einen Theil Bulgariens zu besetzen, so würde 
dieß nur provisorisch bis zum Frieden geschehen und bis die 
Sicherh-it der Christen sicher gestellt fei Als Beweis seiner 
Friedensliebe erwähnte der Kaiser den Vorschlag, daß Oester- 
reich, Bosnien und Rußland Bulgarien besetzen und eine Flot- 
ten-Dcmonstration gegen Konftantinopel stattfinden solle, wobei 
England die erste Rolle zufiele, und daß die Herzegowina die 
neutrale Zone bilde zwischen der russischen und der österreichi 
schen Armee Der Kaiser betonte schließlich den hohen Werth 
den er auf daS vollständige Einvernehmen zwischen Rußland 
und England lege. Der Gedanke, Rußland wolle in Indien 
Eroberungen machen, sei eine Absurdität und Unmöglichkeit. 
Lorv LoftuS fügt seinem Bericht hinzu, die Besprechung trug 
den herzlichsten Charakter Lord Derby antwortete Lord LoftuS 
am 3. Nov. indem er die hohe Befriedigung der Königin und 
der Regierung über die Depesche LoftuS ausdrückte. Derby 
«klärte am 2i. Nov: Die russische Regierung wünsche die 
Veröffentlichung der LoftuS'schen Depesche, damit die öffentliche 
Meinung Englands sich beruhige. 
A«s London wird der A. A. Ztg unter dem 25. Nov. 
geschrieben : Obgleich aus Florenz die Nachricht, eingetroffen 
ist daß die Pforte bedingungslos der Konferenz zugestimmt hat, 
werden die FriedensauSsichten durch daS Zustandekommen der 
Konserenz doch kaum alS gebessert angesehen, da ein befriedi- 
gendeS Ergebniß derselben durchaus noch nicht durch ihre ein« 
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server" meint sogar: die neuesten Ereignisse seien vollkommen 
geeignet seine unverwandt vertretene Ansicht zu bestätigen daß 
die gegenwärtige KrisiS der orientalischen Frage nur eine ge 
waltsame Lösung zulasse. Möglich sei eS gewiß daß der Krieg 
noch vermieden werde, aber die Wahrscheinlichkeit sei dagegen 
Unter diesen Umständen hält das Blatt eS für das Weiseste 
daß England die Tbatsachen unumwunden inS Auge fasse. 
Unserer Meinung nach haben unsere Staatsmänner zwei Sa- 
chen, und nur zwei, in der orientalischen Frage zu erwägen. 
Die erste ist: auf welche Weise die Interessen Englands am 
besten gesichert werden können; diezweite: wie sie so mit mög- 
lichster Beachtung der Wohlfahrt der slavifchen Provinzen ge- 
wahrt werden können". 
Es sei zu befürchten daß in England starke Täuschungen 
über die Macht bestehen, welche eS zur Entscheidung im Orient 
zu entfalten vermag. Im Krimkriege hätte ohne die französische 
Hilfe ein glücklicher Ausgang nicht erzielt werden können. 
Ohne weitere Allianzen könne England für den Fall eines 
Krieges zwischen Rußland und der Türkei deshalb weiter nichts 
thun alS mit seiner Flotte Konstantinopel schützen; seine ver- 
fügbaren Landtruppen seien zu gering an Zahl um Rußland 
falls die türkischen Heere geschlagen werden sollten, von einer 
Zertrümmerung der Türkei abzuhalten. Für den Fall daß die 
Lösung der orientalischen Frage der Entscheidung deS Schwerts 
anheimfallen sollte, müßte England deshalb sich nach einem 
zuverlässigen Verbündeten umsehen, und das einzige Land auf 
das eö sein Augenmerk richten könne, sei Oesterreich. „Hin- 
fichtlich der orientalischen Frage sind die Interessen Englands 
und Oesterreichs nahezu gleich. Wirbeide würden die Aufrecht- 
erhaltung deS statu« qao in der Türkei vorziehen Beide hegen 
wir den ehrlichen Wunsch daß eS den Christen in der Türkei 
Wohlergehen möge, und beide sind wir der Ueberzeugung daß 
die Zerstückelung der Türkei zum Vortheile Rußlands unsere 
Nationalen Interessen auf daS äußerste gefährden würde". DeS- 
halb liege aller Grund vor daß Oesterreich und England Hand 
in Hand gehen. „In Empfehlung solch eines Bündnisses han 
deln wir im Interesse deS Friedens. Aber keine wirksame Alli 
anz dieser Art ist möglich, wenn wir eS ablehnen die noch so 
entfernte Möglichkeit zu kriegerischen Maßregeln gezwungen zu 
werden inS Auge zu fassen. Wollte England von vornherein 
erklären daß eS unter keinen Umständen wegen der orientalischen 
Frage zu den Waffen greifen wolle, so würde eS ferner keine 
Stimme in dieser Angelegenheit haben. . . Oesterreich beson- 
derS ist in einer viel zu kritische»? Lage um sein Schicksal mit 
dem einer Macht zu verketten auf deren Beharrlichkeit es kein 
Zutrauen setzen kann." Ob England weise daran thun würde 
seine Politik bis aufs äußerste durchzuführen, schließt „Ob- 
server", das sei allerdings eine andere Frage; sollte eS aber 
sich dagegen entscheiden, so würde die einzig würdige Haltung 
für die Zukunft die sein: abseitS von jeder ferneren Verhand- 
lung zu stehen welche zu beeinflussen eS nicht die Macht habt. 
UebrigenS scheint England dafür gesorgt zu haben daß eS auch 
nicht ohne beachtenSwerthe militärische Hilfsmittel den Roth- 
wendigkeiten entgegengehe welche ihm die Wahrung seiner In« 
teressen auferlegt. 70000 Mann englischer Truppen wären 
eine gewaltige Verstärkung der Widerstandskraft der Pforte. 
Auch besitzt England noch andere Hilfsmittel, welche es im 
Nothfall gegen Rußland ausspielen könnte. 
Serbien. In welch entsetzlicher Weise das Elend des 
grauenvollen Feldzugs unter den slavifchen Truppen aufge» 
räumt hat, zeigen wieder einmal mit furchtbarer Anschaulich- 
feit die beiden nachstehenden Korrespondenzen, welche die Ver- 
fassung schildern in der serbische Soldaten und serbisches Kriegs- 
geräthe sowie die russischen Brüder in ihre respektive Heimath 
zurückkehren. Ein Correspondent des „Pester Lloyd" schreibt 
aus Klenak, 18 Nov.: 
Am <3 h M rückte daS Hauptquartier der Drina- 
Armee, gefolgt von der 2. sSchabaczer) Jnfanrerie-Dryade, 
der 4. Feld- und der 5. GebirgSbatterie und einer Cavallerie- 
EScadron in Schabaez ein. Weiter rückten am 15 eine Bri 
gade Miliz-Infanterie erster Klasse und zwei Cavallerie-Esca- 
dronen und am 16 die Infanterie - Brigaden Waljewo und 
Pozerina in ihre refpektiven Bezirke ein. Den Einzug der 
Schabaczer Brigade habe ich selber mit angesehen. Die Leute 
marschirten barfuß daher; die Uniformen der Mannschaft wie 
der Offiziere sind dermaßen zerfetzt und verwittert, daß sie kaum 
mehr Rang und Branche unterscheiden lassen, viel weniger 
gegen die Unbill der Witterung Schütz gewähren. Die ßanze 
Hermandad, ohne Ausnahme, marschirte zu Fuß, denn die 
Pferde der Eavalleristen mußten, anstatt geritten, von den Leu- 
ten mit Mühe hinter sich hergezogen werden. Die Feldgeschütze 
fuhren von requirirten Ochsen gezogen in Schabaez ein; die 
GebirgSkanonen kamen auf requirirten Bauernwagen an. Ein 
Bild der Zerstörung und deS Elends wie eS jammervoller kaum 
mehr gedacht werden kann. Eine horrende Anzahl von Leuten 
mußte sofort in die Spitäler aufgenommen werden; und daS 
haben nicht etwa feindliche Waffen, sondern TyphuS und Fie- 
ber, Strapazen und die Ungunst des Winters gethan. In 
Schabaez und Umgebung bestehen 19 Spitäler, weitere 4 sind 
in der Einrichtung begriffen: trotzdem aber konnten nur die 
absolut nicht transportablen Kranken Aufnahme finden, alle 
leichter Erkrankten wurden einfach nach Hause geschickt. Trotz 
alle- und alledem aber scheint man eine Wiederaufnahme deS 
Kriegs noch immer nicht aus den Augen verloren zu haben. 
Vor der Entlassung wurde sowohl der Mannschaft alS auch 
bei Trommelschlag in den Städten und Ortschaften überhaupt 
publizirt: daß jeder Soldat verpflichtet sei sich auf daS erste 
Aviso hin an dem Sammelplatze seines Truppenkörpers einzu- 
finden; zwölfstündige Verspätung würde ohne Rücksicht auf 
den Rang mit dem Tode bestraft werden. Zur Verhinderung 
der Desertionen sind nun von Schabaez bis Ratscha längS 
dem Save-Ufer von je 100 zu t00 Schritten Civilposten auf- 
gestellt worden; man verwendet zu diesem Wachtdienste Zigeu-
        

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