Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/179/
Rußland Bon der russischen Grenze werden der A. A. 
Leitg. über die gegenwärtige Stimmung in den russischen Re- 
HierungSkreisen folgende bemerkenSwerthe Mittheilungen gebracht. 
"ES unterliegt keinem Zweifel mehr, daß sich die russischen Re- 
gißrungSkreise sowohl in Betreff der Schätzung der eigenen und 
der türkischen militärischen Kräfte als in Betreff der Allian 
zen auf die Rußland rechnen könne, getäuscht haben. 
Vielleicht hat daS seine gute Seite und bringt uns, 
für jetzt wenigstens, dem Frieden näher, denn mit dem „ultrs 
posse" wnd man auch in Livadia trotz allen verhaltenen Grim- 
meS rechnen müssen. Die Mißgriffe die Rußland in letzter Zeit 
begangen, sind alle auf die erwähnten Täuschungen zurückzu- 
führen. Wie hätte man sonst zu dem Ultimatum schreiten kön- 
nen daS, vielleicht bestimmt den russischen Ginfluß in Konftan- 
4inopel mit einem gewissen Lustre zu umgeben, gerade den ent- 
gegengesetzten Erfolg hatte. Jedes Kind weiß heute bereits 
daß die Annahme des Waffenstillstandes nicht die Frucht des 
Ultimatums ist. Rußland erscheint im Lichte deS brutalen 
StörefriedS, die Pforte in jenem deS großmüthigen Friedens- 
freundes Die Sympathien haben sich überall von Rußland 
abgewendet, selbst in jenen Kreisen die von den türkischen Zu- 
-ständen nichts weniger als erbaut sind. Mehr noch als über 
die militärischen Kräfte der Türkei hat sich Rußland über seine 
eigenen Allianzen getäuscht. Man hat immer offiziell davon 
gesprochen, daß Rußland keine JsolirungSpolitik treiben werde; 
nun ist es faktisch isolirt, in der Hand der MächteDDgt eS 
täglich Rußland isolirt erscheinen zu lassen, und wenn De daS 
nicht thun, so thun sie eS eben nur im eigenen Interesse, um 
deS Friedens willen, nicht. Ich will nicht erst von Deutsch- 
land reden. Man hat weder in St. Petersburg noch in Li- 
l>adia den Sinn der deutschen Thronrede mißverstehen können. 
Man weiß nun, daß man selbst auf die deutsche Neutralität 
nur so lange rechnen könne als durch daS Vorgehen Rußlands 
Vicht deutsche Interessen, also auch nicht deutsche HandelSin- 
teressen verletzt werden. Aber selbst bezüglich Rumäniens hat 
man sich getäuscht An dieser Stelle ist zuerst, während alle 
Welt Rumänien als die Vorhut Rußlands betrachtete und alle 
Zeitungen mit Berichten über russisch-rumämsche Verträge an- 
gefüllt worden, darauf hingewiesen worden, daß man sich be- 
züglich Rumäniens irre, daß dieses eher Front gegen Rußland 
als gegen die Türkei machen dürfte. Die Thatsachen bestätigen 
dieß nun. Nur in Rußland glaubte man nicht daran. Der 
Landweg nach Konstaminopel ist Rußland fürs erste geschlossen, 
und daß eS auf dem Seewege nicht bessere Aussichten habe, 
zeigen die fortgesetzten maritimen Rüstungen Englands am deut- 
lichsten. Oesterreich kommt jetzt gar nicht ins Spiel, denn von 
elner Besetzung der nördlichen türkischen Provinzen kann jetzt, 
wo die Türken siegreich in Serbien vorrücken, wohl kaum mehr 
die Rede sein, die Frage einer Mitbesetzung von Seiten Oester- 
reichS entfällt von selbst. Rußland wird froh sein müssen, wenn 
sich die Pforte beim Friedensschluß dazu herbeilassen sollte die 
festen Punkte Serbiens, in deren Besitz sie gelangt ist, wieder 
preiszugeben. Unter solchen Verhältnissen macht eS geradezu 
einen erbärmlichen Eindruck wenn man sieht wie nun die ruf- 
fischen Blätter psr oräre in demselben Augenblick abzuwiegeln 
beginnen wo man eben erst um der öffentlichen Meinung wil- 
len den Mund mit dem Ultimatum so voll genommen. So 
wenig als man aber aus dem Säbelgerassel auf ein sofortiges 
Losschlagen schließen durste, ebenso wenig wird man fich nun 
durch daS Abwiegeln, dessen fich Rußland, wenn nicht alle An- 
zeichen trügen, nun bedienen wird, durch die Versicherungen, 
daß es die Dinge eben nur dahin bringen wollte wo sie jetzt 
stehen, nämlich auf den Weg der zu gewärtigenden Conferenz- 
Verhandlungen, irre machen lassen dürfen. Man wird vielmehr 
auf der Hut sein müssen, denn Rußland will nichts als Zeit 
gewinnen, will nichts als alle Anstalten treffen können um 
doch loszuschlagen, und erscheint ihm einmal der Moment für 
geeignet, so wird eS nicht viel um Waffenstillstand fragen, fon» 
dern die Gelegenheit ergreifen sobald sich ihm eine solche bietet. 
Neueste Nachrichte«. 
Rom, 6. Nov. Cardinal-Staatssekretär Amonelli ist ge- 
storben. (Geb. 1806.) 
Berlin. 6. Nov. Heute Mittag fand die feierliche Auf- 
fahrt des türkischen Botschafters Edhem Pascha statt, welcher 
dem Kaiser in Gegenwart deS Staatssekretärs v. Bülow seine 
neuen Creditive überreichte. 
Wie», 6. Nov. Die offiziöse „SonntagSrevue" kanstatirt 
daß die Annahme deS russischen Ultimatums seitens der Pforte 
die WaffenstillftandSfrage zum Abschluß brachte; die Gefahrey 
eines Winterfeldzuges seien definitiv ausgeschlossen; die Rege- 
lung der Demarkationslinie fei bereits durch internationale 
Satzungen normirt, denen auch das St. Petersburger Kabinet 
sich nicht leicht zu entziehen vermöge. Die Basis des territo- 
rialen swtus quo ante sei ebenso sehr dem Streit entzogen alS 
die prinzipiellen Punkte der Reformfrage. Die Andrassy'sche 
Reformnote und das Berliner Memorandum wiesen den Nt' 
gotiationen eine bestimmte Richtung an. So lange Rußland 
die Gefahren einer Selbstisolirung scheue, sei eine ernste KrisiS 
nicht zu befürchten Noch habe Rußland sich nicht von den 
Mächten getrennt, noch behaupte eS zwar eine gesonderte, aber 
von den übrigen Mächten nicht grundsätzlich geschiedene Stel- 
lung. Gegenwärtig seien gegründetere Aussichten auf die AuS- 
sührbarkeit deS FriedenSwerkeS vorhanden als je zuvor. 
Wien, 6 Nov. Im Abgeordnetenhaus wird die Debatte 
über die Oriettt-Frage fortgesetzt. WoSniak (Slovene) meint: 
Oesterreich hätte beim Beginn des AufstandS für die Slaven 
interveniren sollen. Fanderlik (Mähre) will die Lösung der 
Orient-Frage im slavischen Sinne, er hält den Fortbestand der 
Türkei, die Einführung der versprochenen Reformen für unver 
einbar mit der ethnographischen und religiösen Zusammensetzung 
der türkischen Bevölkerung, und weist darauf hin daß Bosnien 
früher österreichisches ReichSland gewesen sei. Menger warnt 
vor dem Krieg und vor Annexionen. Oppenheimer will die 
Aljfrechterhaltung deS »tsw8 quo, aber nicht Frieden um jeden 
Preis. Fux (Mähre) führt aus daß Eroberungen nicht zur 
Steigerung der österreichischen Macht beitragen können. Schließ- 
lich werden Herbst und Greuter zu Generalrednern gewählt. 
Wien, 6. Nov. Der „Polit. Corr." wird aus Konstan- 
tinopel telegraphirt daß am Freilag bei Sir H. Elliot, den 
englischen Botschafter, eine Conferenz der Botschafter über die 
Demarkation stattgefunden habe. Nach allem was über den 
Verlaut derselben von beglaubigter Seite verlaute, dürfe die 
Feststellung der Demarkation nach den in solchen Fällen üb- 
lichen Prinzipien schwerlich besonderen Schwierigkeiten begeg- 
nen. Am Sonnabend nnd Sonntag wurde an der Feststellung 
der Instruktionen für die Militärattaches der Botschafter ge- 
arbeitet, welche längstens am Mittwoch nach Serbien abreisen. 
Hiefür wurden designirt: von Oesterreich Oberstlieutenant 
Dorey, von England General Kemball, von Rußland Oberst 
Zelonin. Für Italien und Deutschland werden die Militär- 
Attaches der betreffenden Wiener Botschaften fungiren. Für 
Montenegro wurde von Oesterreich Oberstlieutenant Tbömmel, 
von Rußland Oberst Bogolebow zu Commissären designirt. 
Wien, 6.. Nov. Nachrichten aus Belgrad melden, im Wi- 
derspruch mit einem Semliner Telegramm: Tschernajeff seiden 
Oberbefehls enthoben. 
Wien, 6. Nov. Die. „Deutsche Zeitung" schreibt daß zwi- 
schen dem Grafen Andrassy und dem Fürsten AuerSperg eine 
bedeutende Spannung herrsche, und daß eine neue Jnterpel- 
lation über die Wendung in der Orientpolitik zu erwarten sei. 
Aus dem innern Rußland gehen starke Geschützsendungen nach 
Odessa und Sebastopol. Bei Odessa sind 5000 Arbeiter Tag 
und Nacht an der Errichtung von Batterien von Armstrong- 
und Kruppkanonen beschäftigt. Die Befestigung der Bug- und
        

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