Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/174/
deS Friedens mehr zu würdigen wissen als die Regierung Gr. 
Majestät. Die ganze Richtung unserer auswärtigen Politik 
ist ein Beweis der Aufrichtigkeit und Konsequenz dieses StrebenS. 
Ich bin in der Lage zu erklären, daß der Minister deS Aeu- 
ßern im Einverständniß mit der k. k. Regierung auch den in der 
Interpellation berührten Eventualitäten gegenüber in erster 
Linie nach Erhaltung deS Friedens trachtet und, wie bis jetzt, 
auch fernerhin alle Mittel aufbieten werde um denselben der 
Monarchie zu erhalten. Ebensowenig kann einem Zweifel dar- 
über Raum gestattet werden, daß diese Bestrebungen ihre natur- 
gemäße Begränzung darin finden die Sicherheit und die In- 
teressen der Monarchie unter allen Umständen und in jeder 
Richtung energisch zu wahren. Ein Programm, welches Ven 
Frieden ohne diese Begränzung als unbedingtes Ziel hinstellte, 
würde die Interessen der Monarchie im voraus preisgeben, 
hektisch aber am allerwenigsten geeignet sein den Frieden zu 
flchern. Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß der Minister 
deS Aeußern entschlossen ist Kch weder durch eine Manifestation 
kriegerischer Natur, noch durch Kundgebungen, welche die Kraft 
der Monarchie zu schädigen geeignet sind, an der von ihm 
festgehaltenen Richtung beirren zu lassen." (Große Bewegung 
auf der Linken. Oho-Rufe: was ist das? Geht das uns an?) 
Rußland. Ueber die gegenwärtige Stimmung in Ruß« 
land bringt ein Corrtspondent der „A. A. Ztg." unter den» 
25. Okt. sehr interessante Mittheilungen, die nach unserer An- 
ficht dem wahren Sachverhalt ziemlich nahekommen. Der ge- 
nannte Correspondent schreibt: DaS Mißtrauen, welches die 
russische Regierung den Mächten gegenüber hegt, erweist fich 
alS nur zu sehr gerechtfertigt; denn sobald fie Miene macht 
dieManzen zu überschreiten, deren Einhaltung von vornherein 
die Voraussetzung für den Fortbestand deS Drei-Kaiser-Bünd- 
nisseS war, stößt sie quf Hindernisse, die deutlich beweisen, daß 
eben Deutschland sowohl als Oesterreich auch ihre Interessen 
wahren, und nichts zulassen wollen was diesen Interessen wi- 
verspricht, und dieß zwar in so unerschütterlicher Weise, daß 
alle versuchten Beweisführungen, eS liege daS was Rußland 
anstrebe auch im Interesse Deutschlands und Oesterreichs oder 
eines derselben, fruchtlos bleiben. Dazu kommt noch d'.ß auch 
alle weiteren Versuche fich über daS Drei-Kaiser-Bünvniß hin- 
wegzusetzen und direkt Verständigungen mit andern Mächten 
zu suchen, von keinem bessern Erfolge begleitet waren. Die 
italienische Freundschaft mag für den Fall deS Krieges ihre 
Früchte tragen, aber fie ist für Rußland, wenn demselben keine 
andern Alliirten zur Seite stehen, werthlos, kleine Dienste etwa 
abgerechnet, wie die Ginräumung eines italienischen HasenS für 
die Ueberwinterung der russischen Kriegsschiffe ein solcher ist. 
Einen Augenblick hat man an eine direkte Verständigung mit 
England gedacht, aber auch diese ist mißlungen^ England will 
und kann einmal Konstantinopel nicht russisch werden lassen, 
und wenn eS dennoch geschehen sollte, so hat eS auch ohne 
Verständigung mit Rußland alle Anstalten getroffen, daß ihm 
der als eventuelle Compensatio» in Aussicht genommene Erb- 
^schaftSaniheil nicht entgehe. Man hat eS auch an Fühlern 
nichl fehlen lassen ob fich nicht ein Zusammengehen mit Frank- 
reich bewerkstelligen lasse, ja eS ist hierüber von rusfischen hoch- 
gestellten Persönlichkeiten in Paris im Laufe deS SommerS 
genug konferirt worden, allein Frankreich zeigte keine Lust sich 
in so riskante Unternehmungen ^ einzulassen ES ist nicht un- 
'wahrscheinlich'., daß man vielleicht noch einen Versuch machen 
werde sich, mit der Pforte direkt über die? Lösung der Orient- 
frage zu verständigen; ja eS ist nicht unmöglich, daß ein sol 
cher Versuch in Konstantinopel selbst Anklang finden könnte, 
allein seine eigentlichen Ziele kann und wird Rußland auch auf 
diesem Wege nicht erreichen. Man darf heute wohl behaupten 
— und hierin liegt auch die Ursache der neuestenS größern Re- 
serve Rußlands — daß dasselbe gegen den Willen Guropa'S 
kaum etwas wird unternehmen können. Man spricht immer 
von der Herrscherrolle Deutschlands, und fordert dieses unauf- 
hörlich auf, daß eS im Interesse deS Friedens aus seiner Re- 
serve heraustreten möge, während thatsächlich von Deutschland 
schon seit einiger Zeit die wirksamste Pression auf Rußland 
ausgeübt wird, deren Erfolg fich auch darin äußert, daß eben 
Rußland bisher nicht weiter vorwärts gegangen ist, nur daß 
diese Presfion eben schon in seiner neutralen Stellung enthal- 
ten ist, ohne daß eS erst eine^ aktiven Vorgehens bedarf; sollte 
Rußland wirklich weiter vorgehen, so wird General Schweinitz 
schwerlich umsonst nach Livavia geschickt worden sein. Am deut- 
lichsten zeigt fich der wohlthätige Einfluß Deutschlands wohl 
in der Haltung Rumäniens, das denn doch seine Informativ- 
nen mehr auS Berlin als auS Livadia bezieht. Trotz ollen 
GeredeS über ruffifch-rumänische Verträge, die thatsächlich nicht 
existiren, ist Rußland Rumäniens keineswegs stcher. Rumänien 
hat, um seine übrigens unter dem Schutze der Garantiemächte 
stehende Neutralität zu wahren, gerüstet; eS wird kaum etwas 
thun ohne fich auf eine Anordnung der Garantiemächte stü- 
tzen zu können, diese werden aber schwerlich Rumänien den 
Rath ertheilen auS seiner Neutralität herauszutreten. Auf den 
Rath der Garantiemächte, und in diesem Falle wohl auch auf 
ibre Unterstützung rechnen könnend — würde Rumänien viel- 
leicht auch einem rusfischen Einmarsch entgegentreten — eine 
Eventualität, mit welcher nicht minder als mit irgendeiner an- 
dern gerechnet werden muß, wiewohl fie von der Presse bisher 
am wenigsten erörtert worden. Kann Rußland aber über Ru- 
mänien der Türkei nicht zu Leibe, und bleibt ihm die Wasser- 
straße, wie laut eS auch die freie Durchfahrt durch die Darda- 
nellen für alle Mächte verlangen mag, verschlossen, so ist eigent- 
lich nicht abzusehen wie Rußland gegen den Willen Europa'S 
den Krieg mit der Pforte anfangen will. Es könnte also nur 
der Fall eintreten, daß Rußland den einen oder den andern 
Weg zu forciren suchen sollte; dann bleibt eS aber nicht bei 
dem bloß russisch - türkischen Kriege, waS Rußland schwerlich 
wollen wird, oder eS muß die Türkei von asiatischer Seite an- 
greifen; dann gibt eS einen Krieg in Asien, um den eS Ruß 
land nicht zu thun war, Europa aber bliebe vom Kriege ver- 
schont. 
Montenegro. Aus Podgoritza, 15. Okt.schreibt man 
der „N. F. P." folgendes: „Heute war ich abermals Zeuge 
eines Vorfalls der eS dem zivilisirten Europa doch endlich ein- 
mal klar machen wird wie sehr dieses montenegrinische Raub- 
nest eS verdient von der Diplomatie als Schooßkind verzärtelt 
und gehätschelt zu werden. Zwei ZeybekS waren diesen Mor- 
gen auf dem Wege von Gruda, einem eine halbe Stunde von 
hier entfernten Dörfchen, nach Podgoritza begriffen. Da fiel 
ein Schuß, der ven eignen in den Oberschenkel traf, so daß er 
sofort zusammensank/während eS dem zweiten gelang in der 
Flucht sein Heil zu suchen. Auf den am Boden liegenden Ber- 
wunveten, dessen Blut in hellen Strömen auö der Wunde floß, 
stürzte sich nun ein Rudel Montenegriner, die in einem Hin- 
terhalt gelauert hatten, und wollten den Zeybek seiner arm- 
seligen Kleidung berauben. Auf daS Geschrei hin daS dieser 
erhob, eilten ihm mehrere andere ZeybekS, die nicht sehr weit 
weg vom Orte dieser Begebenheit entfernt waren, zu Hilfe. 
AlS die Montenegriner auf diese Weise ihr Vorhaben vereitelt 
sahen ergriffenste die Flucht, nachdem sie dem ohnehin so schwer 
Verwundeten noch die Nase, beite Lippen Md die ganze rechte 
Wange abgeschnitten, so daß. der ga»M Kiefer frei lag, die 
rechte Hand abgehackt und zwei tiefe Schädelwunden und zwei 
Stichwunden in den Unterleib beigebracht hatten. Auf diese 
Weise in dem vollsten Sinn des Wortes zerfleischt, wurde der 
Unglückliche inS hiesige Spital gebracht, wo er nach einigen 
Minuten seinen Geist aufgab. Für die buchstäbliche Wahrheit 
des Ihnen geschilderten bürge ich nicht nur in meinem, son- 
dern auch im Namen von zehn Aerzten deS hiesigen Spitals, 
deren größere Hälfte aus Europäern verschiedener Nationalität
        

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