Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/162/
162 
Donau und aufwärts nach Belgrad weiter befördert wurde; 
ferner tut .200 berittene Freiwillige, von Tschernigow aus ei- 
nige 50 Mann, von Moskau am 22. fünfundzwanzig, am 
nächsten Tage 53 Freiwillige, darunter wieder mehrere Ossi- 
jiere. Zm Donlande wurden Subskriptionslisten zur freiwillige 
Lieferung vön Pferden für die serbische Armee kolportirt. DK 
Transporte der nach dem serbischen Kriegsschauplätze gehenden 
Freiwilligen geschehen auf Eisenbahnen wie Schiffen völlig un- 
entgeltlich. 
England. Das Anwachsen Londons. Der Jahres- 
bericht der Londoner Polizei enthält interessante Angaben über 
das Anwachsen Londons. Die Riesenstadt dehnt und streckt 
sich nach allen Richtungen hin, 10,023 neue Häuser wurden 
im Laufe des JahreS gebaut, 169 neue Straßen und vier öf 
fentliche Plätze angelegt und der Bau von 3775 Häusern an 
gefangen. Ueber die Thätigkeit der Polizei berichtet der Com« 
Mandant: 1 0,609 Personen wurden als abgängig angezeigt; 
5avon wurden 5225 Kinder, 683 Erwachsene von der Polizei 
aufgefunden und den Ihrigen zurückgegeben, der Rest kam 
größtenteils selbst wieder nach Hause, doch find außer 700 
Selbstmördern immer noch 102 Erwachsene und 7 Kinder 
verschollen geblieben. 72,606 Verhaftungen wurden vorge- 
nommen, von denen 49,712 zu Verurtheilungen vor den Po- 
lizeigerichten und 2343 zu gerichtlichen Untersuchungen führ- 
ten. Eine große Rolle spielen dabei die Fälle von Trunken- 
heitj, die in ihren verschiedenen Kategorien nahezu 31,000 
ausmachen und eine bedeutende Zunahme zeigen. Nächst den 
Menschen machen die Hunde der Polizei am meisten zu schaf- 
fen. 13,989 herrenlose Hunde wurden polizeilich aufgegriffen. 
Für 1736 stellten stch alsbald Herren ein, die übrigen 12,253 
wurden in das große Londoner „Hunde-Heim" verbracht, wo 
herrenlosen Kötern, für die stch kein Käufer meldet, nach Ab- 
lauf einer gewissen Zeit ein trauriges Ende bevorsteht. ' 
Türkei. Aus dem Wirrwarr der Berichte über die 
neuesten Vorkommnisse bezüglich der gegenwärtigen KristS im 
Oriente heben wir hervor : Die Pforte hat die Vorschläge Eng- 
landS und die auch von den anderen Garantiemächten unter- 
stützten Friedensbedingungen verworfen. In Folge dessen be- 
antragte Rußland, in der Türkei militärisch zu interveniren. 
Dieser Antrag wurde jedoch weder von Oesterreich, noch von 
einigen anderen Garantiemächten angenommen. Da also auch 
diese Manöver fehlschlugen, dreht stch heute alleS Interesse um 
den neuesten englischen Conferenzvorschlag. Dazu müßte aber 
erst die Bewerkstelligung eines Waffenstillstandes voran gehen. 
Man ist geneigt in dem Conferenzvo: schlag nur einen letzten 
Versuch zu erblicken, wie er noch jedesmal, wenn ein großer 
Krieg in Sicht war, von Seite einer Regierung gemacht wor- 
den, die hiedurch bekunden wollte wie sehr ste bemüht sei für 
die Erhaltung deS Friedens zu sorgen Rußland scheint nur 
auf eine Conferenz der christlichen Mächte, das heißt auf eine 
solche, von welcher die Pforte ausgeschlossen würde, eingehen 
zu wollen. Eine solche Conferenz ist unmöglich, und daS Pro- 
jekt müßte ebenso scheitern wie 1859 das Congreßprojekt schei- 
terte, weil man Sardinien ausschließen wollte. Aber selbst 
wenn man über diese Schwierigkeiten hinauskäme, wäre noch 
eine zweite zu überwinden, nämlich die Aufstellung eines Pro- 
grammS. Ohne ein solches wäre eine Conferenz sogar höchst 
gefährlich, und Frankreich wie Deutschland würden eine solche 
Conferenz ebensowenig beschicken als stch Oesterreich einverstan- 
den erklären könnte. Nun scheint man noch nicht einmal einig 
darüber wer dieses Programm aufstellen solle. Graf Andrassy, 
dem man das Anerbieten gestellt haben soll ein solches Pro- 
gramm zu entwerfen, soll dieß abgelehnt haben. Um nicht 
viel besser als um die Conferenzfrage steht eS um die Waffen- 
stillstandSangelegenheit. Um einen Waffenstillstand herbeizu- 
führen, stnd vor allem starke und ernst gemeinte Presstonen 
auf Serbien notwendig; ferner müßte das Hinderniß aus 
dem Wege geräumt werden, welches darin liegt, daß die PfMe 
in dem Abschluß eines Waffenstillstands mit Serbien die An- 
erkennung des letzteren als „kriegführende Macht" erblickt. 
Zur Beseitigung dieses Hindernisses ließe stch allenfalls eine 
diplomatische Zauberformel finden; allein so lange die russischen 
Zuzüge fortdauern — und diese dauern in solchem Maße fort, 
daß sich Rumänien, wiewohl stch bewußt Rußland keine auS- 
giebige bewaffnete Macht entgegenstellen zu können, doch zu 
ernsten militärischen Maßnahmen veranlaßt steht — ist nicht 
anzunehmen, daß man eS an der Newa auch nur mit dem 
Waffenstillstandsverlangen ernst meine. 
Da unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Stärke der 
im Mittelländischen Meere vorhandenen maritimen Streitkräfte 
besonderes Interesse bietet, so sei erwähnt, daß, nach einem 
Bericht der „Nordd. Allg. Ztg," deutscherseits stch bei Smyrna 
die Panzerfregatten „Kronprinz" und „Friedrich Karl" sowie 
der Aviso „Pommerania" bestnden, bei Konstantinopel daS 
Kanonenboot „Meteor." Außerdem passtren gegenwärtig meh- 
rere Corvetten auf der Reise von und nach Asten daS Mittel 
ländische Meer. Von den russtschen Kriegsschiffen befinden stch 
gegenwärtig dort: die Schraubenfregatte „Swetlana" (18 Ka 
nonen), die Panzerfregatte „PetropawlowSk" (34 Kanonen), 
die Schraubencorvette „Askold" (12 Kanonen), alle drei in 
Smyrna, die Schraubencorvette „SfoM" (11 Kanonen) in 
Bujukdere, der Schraubenklipper „Kreuzer" (3 Kanonen) in 
Smyrna, die Schraubencorvette „Bogatyr" (8 Kanonen) im 
Piräus, der Schraubenschooner „Psesuape" (4 Kanonen) in 
Smyrna und der Schraubenschooner „Kelassura" (4 Kanonen) 
in Salonichi. Der russtschen Botschaft in Konstantinopel stnd 
zur Verfügung gestellt: der Raddampfer „Taman", bei Bujuk- 
dere vor Anker, der Schraubendampfer „Tuapse" in Galacz. 
Der folgende Hrn. Ashletz'S „Life of Lord Palrnerston" 
entnommene AuSzug eines vom 22 Mai 1853 datnten Briefes 
Lord PalmerstonS an Lord Clarendon dürfte in der gegenwär- 
tigen KristS im Orient interessant gefunden werden : 
„Die Politik und Gewohnheit der russtschen Regierung 
ist stets darauf gerichtet gewesen ihre Anmaßungen rasch und 
so weit vorzuschieben alS eS die Apathie oder der Mangel an 
Festigkeit anderer Regierungen gestatten will, aber stets zu pau- 
stren und einzulenken, wenn ste auf entschlossenen Widerstand 
stieß, und dann auf die nächste günstige Gelegenheit für einen 
neuen Sprung auf ihr beabstchtigteS Opfer zu warten. In 
der Förderung dieser Politik hat die russtsche Regierung stetS 
zwei Sehnen für ihren Bogen: gemäßigte Sprache und Be- 
theuerungen der Uneigennützigkeit in St. Petersburg und Lon- 
don, thätige Aggression durch ihre Agenten auf der Seene der 
Operationen Wenn die Aggressionen lokal gelingen, aeeeptirt 
ste die St. Petersburger Regierung als ein fall accompli, 
welches sie nicht beabsichtigte, aber von dem ste ehrenvoll nicht 
zurücktreten könne. Wenn die Lokalagenten FiaSeo machen, 
werden sie deSavvuirt und abberufen, und man beruft stch auf 
die vorher geführte Sprache als einen Beweis dafür, daß die 
Agenten ihre Instruktionen überschritten haben. Ein Beispiel 
dafür findet stch in dem Vertrage von Hunkia? - Skelesst und 
in den Thaten von Simoniwitsch und Wikowitsch in Persien. 
Orloff gelang es den Türken den Vertrag von Hunkiar-Ske- 
lessie zu erpressen, und derselbe wurde als ein durch die Zeit« 
und örtlichen Umstände eingetretener plötzlicher Gedianke und 
nicht als das Ergebniß irgend welcher früheren Instruktionen, 
sowie als etwas dargestellt waS, nachdem eS einmal gethan 
worden, nicht ungeschehen gemacht werden könne. Andererseits 
mißglückte eS Simoniwitsch und Wikowitsch in Folge unserer 
energischen WiderstandSmaßregeln, in den Besitz von Herat zu 
gelangen. Die Folge ihres FiaSko'S war, daß sie deSavouirt 
und abberufen wurden, und man berief sich auf die früher in 
St. Petersburg geführte Sprache als einen Beweis von der 
Aufrichtigkeit des DeSaveu, obwohl kein Mensch mit zwei Ideen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.