Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/159/
«üthigem Widerstand von der ruffischen Uebermacht endlich be- 
stegt und dann auf das härteste behandelt wurden. Doch genug 
davon, nur mein Gerechtigkeitsgefühl, und weiter nichts, hat 
«ich bewogen diese Zeilen zu schreiben, und dadurch wenigstens 
etwas zur Aufklärung der jetzt von panslavistischer Seite mit 
frecher Unverschämtheit absichtlich verdunkelten Wahrheit bei- 
zutragen. 
Ausland. 
vom Kriegsschauplatz. 
Die Feindseligkeiten haben wieder begonnen, nachdem Ge- 
neral Tschernajeff die tvtägige Waffenruhe dazu benutzt 
hatte sich darauf vorzubereiten, und nachdem während dieser 
Frist eine Masse weiterer russischen Offiziere und Soldaten zu- 
geströmt ist. Wie man der „TickeS" berichtet, hat die fetbu 
{che Regierung zwei Tage lang geschwankt, ehe sie die Der- 
längerung der Waffenruhe abgelehnt hat. Hierauf fährt der 
stetS vortrefflich unterrichtete Correspondent deS City-BlatteS 
fort: „ES liegt nur zu viel Grund zu der Besorgniß vor, daß 
der Fürst und die Minister nicht länger die Herren in dieser 
Frage sind; sie ist ihnen auS der Hand geglitten wie ich eS 
schon vor einem Monat in Aussicht stellte, wenn die Groß- 
mächte die Aktion nicht in die Hand nehmen würden. Noch 
Vor dem Fall Zaitschar? wies ich darauf hin, daß der Krieg 
damals schon fast eingestandenermaßen nur wegen der russisch- 
slavischen Gesellschaften fortgesetzt wurde, deren Ziel eS immer 
gewesen und noch ist Rußland zur Vernichtung deS tür- 
tischen Reichs auf das Schlachtfeld zu treiben. Man wandte 
gegen meine Voraussagen, welche übrigens manche der 
einsichtigsten und patriotischesten Serben theilten, ein, 
daß der Czar und seine Regierung beschlossen hätten, 
von der Neutralität nicht abzugehen, zu deren Bewahrung sie 
sich in Gemeinschaft mit den andern Garantiemächten ver- 
Pflichtet hatten. Gut, ich schrieb nie eine Zeile um das Gegen- 
theil zu behaupten; aber ich konnte meine Augen nicht vor 
der Thatsache verschließen daß je mehr sich daS KriegSglück 
gegen die Serben erklärte, um so mehr russische Hilfe, welche 
anfangs nur ganz im kleinen sich zeigte, jeden Tag ausgiebiger 
und demonstrativer wurde. Anfangs Juli langten die russischen 
Freiwilligen nur zu zwei und drei an; Mitte August schon zu 
20 und 30; jetzt gibt eS keinen Tag mehr der sie nicht zu 
Hunderten brächte, und wir hören aus guter Quelle daß in 
einer Woche sie in Colonnen zu Tausenden anrücken werden. 
Wenn der Krieg fortgesetzt wird — und alles spricht dafür 
— wird er gleichsam ein russischer Krieg ist Serbien sein, bis 
er noch viel mehr wird. Jetzt besteht in Belgrad eine russische 
Verwaltung für die Zwecke der Zuzüge; ein russischer General 
versteht die Stelle des Platzkommandanten. Von ihm werden 
die russischen Offiziere bei ihrer Ankunft empfangen; von ihm 
erhalten sie die Weisungen wo sie ihre Uniformen zu empsan- 
gen und nach welchem Platz sie abzugehen haben. Die Orga- 
ttifation ist wunderbar und arbeitet ohne Geräusch oder Stö 
rung. Ich glaube daß die einzige FriedenSchanee — und der 
würde ein kühner Mann fein der behauptete daß eS mehr als 
eine solche sei — in der raschen Annahme aller großmächt- 
lichen Bedingungen von Seite der Türkei liegt; ich glaube 
ferner daß dieß ihre beste Politik sein würde. Innerhalb einer Woche 
etwa dürfte eine von der früheren ganz verschiedene Armee im 
serbischen Felde stehen. Etwa 400—500 Offiziere langten eben 
zu sehr später Stunde per Dampfer an. Die größte Mehrheit 
derselben kommt in russischer Uniform und mit ihren Säbeln. 
Auf einen Offizier, den man in Belgrad in serbischer Uniform 
steht, kvmmen 20 in russischer Uniform, und fast alle Ober- 
kommandoS nehmen jetzt Russen ein. Für den Frieden Europas 
ist die Lage hier äußerst beunruhigend." 
Serbien. Ueber die 12stündige Schlacht am 28. Sept. 
telegraphirt der „Standard-Correspondent" auS Deligrad: 
„Heute endete die Schlacht mit einem glorreichen Sieg der 
Türken. 5 Uhr Morgens eröffneten die serbischen Geschütze 
auf der ganzen Linie das Feuer. Der Halbkreis von Redou- 
ten und Batterien durch welchen die Serben sich bemühten die 
türkische Armee zu zermalmen, erstreckte sich über 20 englische 
Meilen und enthielt wenigstens l00 Kanonen. Hasts Pascha'S 
Brigade, die Bataillone am Brückenkopf und einige andere 
Truppen standen den ganzen Tag im Geschützfeuer. Kau« 
ein Augenblick verging an dem nicht Geschosse in ihre Reihe» 
fielen. Die türkischen Truppen, obgleich überrascht, widerstan- 
den dem Angriff mit dem äußersten Muth. Am Rachmittag 
ergriffen ste die Offensive, schlugen die Serben zurück und 
fügten ihnen schwere Verluste zu. 
Montenegro. Aus Podgoritza, 26. Sept. veröffent 
licht die „Köln. Ztg." folgendes Telegramm: Ein Bericht des 
Direktors der SanitälS-Anstalten bei der Armee in Podgoritza 
meldet: „Unter den Verwundeten, welche in Folge deS Ge- 
fechteS am 14. d. M. in daS Central-Hospital nach Podgo- 
ritza gebracht wurden, befindet sich eine Anzahl, welche auf die 
schauervollste Weise von den Montenegrinern verstümmelt wur- 
den. Außer den einzelnen Verwundungen wurde konstatirt: 
daß den Blessirten Ohren, Nasen, Lippen und andere Körper- 
theile fehlten. Erfüllt von der Erbitterung, welche jeder Ewi* 
lisirte gegen solche Proben der Barbarei empfinden muß, beeile 
ich mich die Namen der elf Verstümmelten bekannt zu geben." 
(ES folgen die Namen mit Angabe.des Truppenkörpers.) GS 
ist nicht wenig auffallend, daß diese wiederholten schmählichen 
Unthaten der christlichen Czernagorzen in den meisten deutsche» 
Blättern nicht einmal einem Ausdruck der Entrüstung begeg- 
nen; gleich als ob die Türken nicht auch dem Menschenge- 
schlecht angehörten. Die Engländer hätten hier Stoff z» 
montenegrinischen EntrüstungSmeetingS, aber freilich die Monte- 
negriner sind, keine Türken. Oder hält man eö für felbstver- 
ständlich, dt ß die Montenegriner so Hausen? Taxirt man ste 
von vornherein niederer als selbst die Muselmänner, und be- 
lastet man sie nur deßhalb nicht mit der Verantwortlichkeit, 
welche man von den Türken fordert? 
In Oesterreich wird als ein Ereigniß von großer poli- 
tischer Bedeutung bezeichnet, daß der Czar von Rußland de» 
Grafen Sumarokoff mit einem Handschreiben an den Kaiser vo» 
Oesterreich gesendet hat. Was wohl in diesem Schreiben und 
in dem, welches der Kaiser von Oesterreich wieder an de» 
Czaren gerichtet hat, enthalten sein wird, ist bis jetzt noch Ge- 
heimniß. 
Rußland. Zur Eventualität eines russisch-österreichische» 
Krieges nehmen wir Act von einem Artikel der russischen „St. 
Petersburger Ztg.," welcher offen als Rußlands Pflicht aus- 
spricht den Krieg nicht nur nicht zu vermeiden, sondern ihn unbe- 
dingt zu erklären „um Rußland und Europa von dem ste be- 
lastenden bewaffneten Frieden zu befreien, im Vergleich zu dem 
ein energischer Krieg eine Wohlthat sein wird." An dem Miß 
erfolg, den die internationale Diplomatie in der neuesten Phase 
ihrer Thätigkeit davon getragen, sei Oesterreich der Hauptschul- 
dige, dessen energische Opposition gegen die russische Politik alles 
paralyfirt, und einen Zusammenstoß unvermeidlich gemacht habe 
der nicht allein die orientalische Frage lösen, sondern vielleicht 
auch daS Schicksal der habSburgischen Monarchie entscheide» 
wird (— eine Auffassung welcher, beiläufig bemerkt, auch die 
neueste Nummer der Berliner „Nat.-Ztg." sekundirt. D. R.) 
Oesterreich habe sich eine Dictatorenrolle in Europa zugeeignet, 
welche um so mehr empören müsse, als sie der Logik der That- 
fachen, den Forderungen der Zeit und den Begriffen der Hu- 
manität strikt zuwiderlaufe. Bei dem bevorstehenden Krieg 
habe Rußland freilich nicht auf die Mitwirkung Englands zu 
rechnen, welches bei aller Sympathie für die leidenden Slave» 
sich niemals entschließen werde der russischen Orientpolitik Bei- 
stand zu leisten. Auch von Deutschland werde man nichts
        

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