Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/138/
Mannschaft und bereit Aussehen, und erklären eben daraus, 
daß Tschernajeff jetzt guteS Material beisammen habe, die 
Dauer der Schlacht bei Alexinatz. ÄS ist aber eine eigen- 
thüylliche Beobachtung in allen Schlachten, die bisher zwischen 
den Serhen und Türken geliefert wurden, daß beiderseits nicht 
mit großen Massen zu einem Schlag ausgeholt wird, sondern 
daß beide Theile immer nur einzelne größere Truppenkörper in 
den Kampf schicken diese ablösen und wieder durch neue er- 
setzen, so lange eben der Vorrath reicht. Diese Beobachtung, 
die ich an der Drina gemacht, wird mir von Correspondenten, 
die am Zavor und bei Zaitschar gewesen find, bestätigt und 
, daraus auch wieder die lange Dauer des Krieges und der 
Hefechte erklärt. Nous nous däfendrons ä l'outrance ist jetzt 
hier das Schlagwort, und zur Bestätigung dessen sagte mir 
eine einflußreiche Persönlichkeit: „Wir haben im Morawa- 
Thal eine Reihe von Befestigungen stufenweise hintereinander 
angelegt. Fällt die eine, so sammeln wir uns auf der andern. 
Wir kämpfen um unsere Existenz, und ehe die Türken nach 
Belgrad kommen, werden Tausende und aber Taufende von 
ihnen ihre Schädel an unseren Festungen zerschellt haben. Wir 
haben noch ganz besondere Vorbereitungen; in Kragujewatz 
wird fort und fort gearbeitet; man wird uns kennen lernen." 
Wie das Volk die Nachrichten vom Kriegsschauplatz aufnimmt? 
Die Frage läßt (Ich schwer beantworten. DaS Volk bekommt 
so wenig zu hören als nur möglich. Aus den Bulletins kann 
eS sich absolut kein kläreS Bild machen, eS hört nur die Lo- 
beShymnen auf die Armee und muß „glauben und vertrauen." 
Die Konservativen mußten (ich feit acht Tagen zurückziehen, 
und wenn auch ihre Führer mit den politischen Kreisen hier in 
Fühlung bleiben, so ist doch keine AuSstcht, daß ste so bald 
auS Ruder kommen. Vorerst muß die schwebende Rechnung 
abgeschlossen sein. Mit Rücklicht darauf, daß der Kampf noch 
unentschieden ist, war jede besondere Feier deS fürstlichen Ge- 
burtStageS unterblieben. Am Vorabende wurden ein paar 
Kanonenschüsse gelöst, doch schon nach dem ersten hatte der 
Fürst einen Boten in die Festung gesendet mit dem Befehl: 
das Schießen sei zu unterlassen. Weder ein Empfang noch 
ein Diner fand statt. Aber die Stadt war trotzdem am vor- 
gestrigen Abend illuminirt. Ein Symptom der hiesigen Ver 
hältnisse ist auch das Moratorium. Die Kaufleute halten cö 
für überflüssig, denn jeder sucht nur nach außen kreditfähig zu 
bleiben, zu zahlen so viel er kann — und wer nicht zahlen 
will, der hätte auch ohne Moratorium seinen Gläubigern das 
Nachsehen gelassen." 
Die Ausdauer der serbischen Milizen steht jetzt durch that- 
sächliche Beweise außer Zweifel, und auch vie vorstehende Bel 
grader Korrespondenz der „Presse" bestätigt, daß in der ser- 
bischen Armee große KriegSmuthigkeit eingekehrt sei. Nicht also 
scheint eö vordem gewesen zu sein. Vom 2t. noch hatte man 
der „K. Ztg." auS Belgrad berichtet: 
„Gester» und vorgestern ist eS zu blutigen Kämpfen im 
Süden Serbiens gekommen. Tschernajeff hat in und um Alexi- 
natz gegen 32—35000 Mann Truppen vereinigt — eine 
Macht die in einer so festen Stellung einem dreifach überlege- 
»en Feinde die Spitze bieten kann. Doch darf man ja eben 
keine Parallele zwischen den geschulten türkischen und den im- 
provistrten serbischen Truppen ziehen. Der General telegra- 
phirte zwar gestern: der Geist der Leute sei gut, von anderer 
Seite hört man dagegen von fast täglich im geheimen vorkom- 
Menden Erschießungen wegen Feigheit vor dem Feinde. Ginige 
Pröbchen der Tapferkeit deS serbischen HeldenstammeS (ich spreche 
jetzt nur von den verschiedenen Aufgeboten, nicht von den Frei- 
willigen oder dem regulären Militär) mögen hier folgen: „Am 
so und so vielten Juli dieses JahreS", so erzählte mein Ge 
währsmann, ein junger Arzt, „brachen wir früh 4 Uhr, 30 
Reiter und 20 Mann Infanterie stark, von Zaitschar auf, um 
auf der Straße nach Adlie eine Recognoseirung vorzunehmen. 
Ich hatte mich freiwillig dieser größeren Patrouille aNKefchlos- 
fen, theilS um das mir unbekannte, interessante Terrain vor 
uns kennen zu lernen, hauptsächlich aber um den Verwunde- 
ten, auf die wir mit Sicherheit rechneten, meine sofortige ärzt- 
liche Hülfe angedeihen zu lassen. Wie der Verlauf deS Ta- 
geS aber zeigte, hatte eS mit letzteren durchaus keine Roth. 
Wir mochten bereits einen Weg von etwa zwei deutschen Mei 
len zurückgelegt haben und noch immer konnte man keines 
Türken ansichtig werben. Dazu sandte uns die Sonne ihre 
heißen Strahlen gerade ins Gesicht. Nach einer abermaligen 
geraumen Zeit erreichten wir eine Anhöhe, welche uns einen 
ziemlich weiten Einblick in das Land gestattete Da schreit 
plötzlich einer unserer wackern Krieger nn'f " schreckensbleichem 
Munde: „Turci, Turci, Turci!" und zeigt mit in der ^hat 
zitternder Hand nach einer, in einer Entfernung von einer gu- 
ten Meile vor uns sich undeutlich emporwickelnden Rauchsäule. 
Ehe ich Zeit hatte von dem angedeuteten fraglichen Lagerfeuer 
nähere Notiz zu nehmen, hatte unsere gesammte Cavaleade 
nebst den Infanteristen bereits Kehrt gemacht und jagte im 
feurigsten Wetteifer, bei welchem eS die Fußsoldaten der Rei- 
terei fast zuvorthaten, den Berg hinab. Der Offizier und der 
Apotheker waren noch bei mir geblieben. Erstem war kirsch- 
braun vor Wuth im Gesicht, mußte sich jedoch mit einigen 
seinen Kampfgenossen nachgesandtenKrastauSdrücken, wieSchufte, 
Feiglinge, zc., zufrieden geben. Kurz vor Zaitschar trafen wir 
vie gesammte Heldenschaar wieder in einem WirthShause, in 
welchem sie wacker dem „Racki" (Schnaps) zusprachen. Kei- 
nem dieser Leute ist auch nur ein Haar auf dem Haupte ge- 
krümmt worden." Ich äußerte meinem Gewährsmann gegen- 
über mein Befremden, wie eS denn möglich gewesen wäre so 
weit in daS Innere der Türkei, gegen daS türkische Lager zu 
vorzudringen, ohne auf irgendwelche Borposten oder Patrouillen 
zu stoßen. Die Antwort darauf lautet: „Glauben Sie die 
Türken hätten bei Zaitschar und Umgegend irgendwelche Vor- 
Posten u. s. w. aufgestellt? Sie dachten die Serben kommen 
doch nicht, und darin hatten sie ganz Recht!" Ob mein Ge- 
währSmann in diesem Punkte richtig beobachtet hat, wage ich 
nicht zu behaupten. Ein anderes nicht minder erbauliches 
Beispiel, dessen Wahrheit ich verbürgen kann, wurde mir auS 
glaubwürdigstem Munde mitgetheilt. Mein zweiter GewährS- 
mann erzählte folgende Geschichte: „Ich wurde mit einer stär- 
keren Abtheilung auf Recognoseirung an der Drina auSgesandt. 
Wir hatten bereits eine gute Strecke hinter uns, ohne auf 
etwas verdächtiges zu stoßen, als plötzlich einer meiner Leute 
in den SchreckenSruf: „Turci, Turci!" ausbrach und sich fo- 
fort in einem gerade vorhandenen Graben verkroch. Die ganze 
andere Bande folgte seinem Beispiel. Wüthend über diese er- 
därmliche Feigheit, hieb ich mit meinem Säbel die Mannschaf- 
ten aus dem Graben heraus. Mit Mühe und Roth gelang 
es mir, die Leute nach Anwendung der strengsten Mittel zum 
Vorgehen zu bewegen; ich hatte jedoch die Genugthung, sie 
nach einigen Minuten in tiefster Beschämung vor mir zu sehen, 
denn die vermeintlichen Türken waren — drei Schafhirten, 
welche sich nach der Mode deS Landes Mützen aus weißem 
Schaf- oder Ziegenfell gefertigt hatten, die nun meinen Leuten 
in ihrer Angst als türkische TurbanS erschienen waren." Man 
weiß hier sehr gut, wem man die etwaigen Siege, die einige 
Mal vorübergehend errungen wurden, zu verdanken hat. Der 
Fürst selbst sagt in einer Proklamation an sein Volk: daß man 
den Fremden ja mit der ausgesuchtesten Höflichkeit begegnen 
solle, denn ihnen allein habe man einige Erfolge zu danken." 
ÄuS Podgoritza wird dem „Standard" gemeldet: 
„Die Armee Mahmud Pascha'S, 15,000 Mann reguläre 
Truppen und 4000 Freiwillige mit 6 Geschützen, alle in auS- 
gezeichnetem Zustand, ist außerhalb der Stadt Podgoritza ge- 
lagert, 1 2,000 Mann reguläre türkische Truppen, meist syri- 
sche RedifS und Rekruten, kommen in langsamen Märschen
        

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