Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/127/
Knjaschewatz und über die in Folge derselben in Belgrad Herr- 
schende Stimmung folgendes: „Die Lage der serbischen Armee 
auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz ist eine ernste. Oberst 
Uzun MirkovitS zog sich auf Vratarnitza, in der Richtung 
gegen Zaitschar, zurück. Horwatowitsch zog sich auf Banja, 
drei Stunden von Alexinatz entfernt, zurück. Knjaschewatz, eine 
kleine wohlhabende Stadt mit 5000 Einwohnern, existirt nicht 
mehr. Während des fünftägigen Kampfes, der um diese Stadt 
wüthete, wurde sie von den Türken total eingeäschert. (Nach 
anderen Nachrichten wäre Knjaschewatz durch serbische Schuld 
in Flammen aufgegangen. DR.) Wenn die türkische Armee 
ihren Erfolg ausbeuten und den Vormarsch fortsetzen sollte, 
würde die Straße nach Banja - Belgrad gefährdet sein. Bei 
Vratarnitza müßte Tschernajess eine entscheidende Schlacht lie- 
fern. Indessen deutet mehrereS darauf daß man von dieser 
Seite vielleicht doch jeder entscheidenden Affaire aus dem Wege 
gehen werde. Die letzte Hoffnung knüpft sich an Zaitschar und 
Deligrad. Füllt aber Zaitschar, dann können die Türken Deli- 
#r«d umgehen. Aus ein Vordringen der Türken bei Gramada, 
ein sehr gebirgiges Terrain, ist man hier nicht gefaßt gewesen. 
Man sah sich nur am unteren Timok und bei Alexinatz-Deli- 
grad vor. Dieses gewöhnliche EinfallSthor nach Serbien wurde 
aber von türkischer Seite nicht benützt, und viel schlechtere 
Straßen sind zum Angriff auf die serbische Ostarmee gewählt 
worden. Horwatowitsch hatte kaum 8000 Mann bei Dervent 
und konnte dem aus 22.000 Mann Kerntruppen bestehenden 
Armeekorps des Achmed Ejub Pascha auf die Länge nicht 
widerstehen. Diese HiobSposten vom oberen Timok haben eine 
sehr gedrückte Stimmung hervorgerufen. Man ^ibt sich über 
die mißliche Lage keiner Illusion mehr hin. Vom Frieden wird 
gesprochen; "doch ist es gewiß, daß man einen ehrenvollen 
Frieden annehmen möchte. In Regierungskreisen ist aber bekannt 
daß die türkische Negierung Serbien demüthigen will. Sollte 
Zaitschar auch fallen, dann würde Ristitsch bei den Mächten 
eine Mediation nachsuchen." 
Dem Triester ,,Cittudino" wird aus Serbien, 30 Juli, 
geschrieben: 
„Der Kampf, der seit einigen Tagen östlich von Nifch und 
am Timok entbrannt ist, hat bisher kein entscheidendes Ergeb- 
niß geliefert — es scheint jedoch ein Vorspiel zu einer großen 
Schlacht zu fein. Zn Alt-Serbien dagegen haben die serbischen 
Waffen gute Erfolge erzielt. Hier hat Tfcholak Antitsch den 
Befehl anstatt deS Generals Zach übernommen, welcher sich 
durch ein starkes rheumatisches Leiden veranlaßt sah, um einen 
längeren Urlaub, nachzusuchen. Dieser wurde ihm um so weniger 
verweigert, als man mit seiner Kriegführung unzufrieden war, 
und wenn er nicht schon vor drei Wochen von seinem Posten 
abberufen wurde, so verdankte er eS den wesentlichen Verdien 
sten, die er sich um die Organisation der serbischen Miliz 
erworben hatte. Zach selbst sah wohl ein, daß er den Erwar 
tungen, die man auf ihn gebaut hatte, nicht entsprach, und 
kam den Wünschen deS Fürsten und anderer Befehlshaber zu- 
vor, indem er einen Urlaub verlangte. Tfcholak Antitsch ist 
Populär und seine Ernennung wurde von den Soldaten mit 
Jubel begrüßt. Er ergriff alsbald die Offensive. Derwisch 
Pascha war im Begriff nach Bosnien zu gehen, um den 
Oberbefehl über die dortigen Truppen zu übernehmen, erhielt 
jedoch unterwegs den Befehl, Mehemed Ali Pascha zu Hülfe 
zu eilen, und marschierte mit vier Bataillonen gegen Sjenitza. 
Ehe er jedoch diese Ortschaft erreichte, wurde er hei Duga 
Poliana von Tscholak Antitsch angegriffen und derart ge- 
schlagen, daß kaum die Hälfte feiner Leute gegen Hyvi Baros 
entfliehen könnte. Antitsch benützte unverwellt den errungenen 
Erfolg. Er marschirte durch das Thal deö Flüßchenö Unaz 
nach Sjenitza, wo er am 26. Juli anlangte, und begann die 
Belagerung des OrtS, der bereits in seine Hände gefallen 
wäre wenn er einen BelagerungSpark bei sich hätte. Er hat 
zwar einige GebirgSkanonen, deren Kaliber jedoch zu klein ist 
um eine wirksame Beschießung zu ermöglichen. ES ist Übrigens 
unmöglich schwere Geschütze über diese Höhen zu befördern, 
wo eS nicht einmal Reitstege gibt. In der letzten heute hier 
angelangten Depesche meldet Antitsch: er hoffe, allen Schwie 
rigkeiten zu Trotz Sjenitza zu nehmen. In allen serbischen 
Kreisen hört man Klagen über die serbischen Walachen. Es 
heißt nicht nur daß die walachischen Regimenter vor dem 
Feinde nicht Stand halten, man beschuldigt sie auch, daß sie es 
sind, welche den Türken Spionirdienste leisten. ES find gegen 30 
Spione verhaftet worden, die bis auf einen, alle Walachett 
waren. In Pozareva ist ein Kriegsgericht zusammengetreten^ 
welches die Untersuchung führt. Bisher sind etwa 27 TodeS- 
urtheile vollstreckt worden. Wenn man diese Spione nach 
Pozarevatz tranSportiren steht, fo begreift man nicht wo sie 
den Muth hernehmen in ihrem schändlichen Handwerk zu ver- 
harren. In der Regel werden sie auf Karren befördert, die 
von Bauern reqmrirt werden, weil ihre Beine derart zittern, 
daß sie nicht gehen können. Ihre Gesichter sind leichenblaß, 
ihre Augen starr — eS scheint beinahe, daß die Arbeit d^ 
HenkerS überflüssig ist. Mehrere Zeitungen hören nicht auf 
von der gefährlichen Agitation zu sprechen welche der Fürst 
Peter Karageorgewitsch leitet, um auf den serbischen Thron zU 
gelangen. Sie hat jedoch keinen Erfolg. Vor Kurzem hat 
er eine Proklamation veröffentlicht, vorgestern einen Protest 
gegen die Beschuldigung daß er eS mit den Türken halte; er' 
fügte die Versicherung hinzu: er wolle die Serben zu einem 
freien und glücklichen Volke machen. 
In Belgrad fürchtet man diese Agitation nicht. Die Par- 
tei dieses Prätendenten ist so gering, daß er sich nur lächerlich 
macht. ES gibt junge Leute, welche den Thron Milans fchwan- 
ken machen — allein dies geschieht gewiß nicht zu Gunsten 
deS Fürsten Karageorgewitsch, der nur durch fremden Beistand 
. seinen Zweck erreichen könnte. Die Serben werden ihm gewiß 
nicht dazu verhelfen. Vor kurzem sprach man hier von der 
Bildung einer Fremdenlegion. Ristitsch opponirte von Anfang 
an gegen dieses Projekt, indem er behauptete : er finde unter 
den Serben Leute, die fähig sind den Kampf fortzuführen; er 
brauche nur Geld — allein die Umstände haben sich geändert 
— und eine große Zahl fremder Offiziere hat ihre Dienst? 
angetragen, die man ihrer Kenntnisse wegen nicht zurückweisen 
möchte. Allein die Mehrzahl dieser Offiziere spricht nicht ser- 
bisch, und eS ist unmöglich, daß sie sich den serbischen Solda- 
ten verständlich machen; sie finden daher in der serbischen Ar- 
mee keine Verwendung — und eS wird eine Fremdenlegion 
gebildet. Dreißig gewesene deutsche Offiziere haben schriftlich 
oder auf telegraphischem Weg ihre Dienste angetragen. Auch 
französische, italienische, dänische und a^rische Offiziere he- 
werben sich um Verwendung. Doch liefert Rußland das größte 
Eontingent." 
Türkei. Den wahren Sachverhalt über den Zustand des 
Sultans der Türkei meldet die „Allg. Ztg." in Folgendem: 
Ueber die am 11. Mai d. 2 ausgeführte Demonstration der 
SoftaS waren schon vorher dem Sultan Abdul Aziz unbe- 
stimmte Gerüchte zu Ohren gekommen, und derselbe befahl, den 
Prinzen Murad (sowie dessen Brüder) einzuspertell. Fünfund- 
zwanzig Tage dauerte diese strenge Einzelhaft, während wel 
cher Zeit Murad unter beständiger Todesfurcht fast gar nicht 
schlief und durch übermäßigen Genuß alkoholischer Getränke 
seine Angst zu verscheuchen suchte. Unmittelbar darauf fand 
der Thronwechsel statt, und diesem folgte eben so rasch der 
Briefwechsel mit seinem Oheim und der Selbstmord (t) des 
letztern, sowie wenige Tage später der Mord der beiden Mi- 
nister. Diese Schlag auf Schlag erfolgenden Katastrophen 
Übten einen nachtheiligen Einfluß auf da? Gemüth deS Hul- 
tanS aus, und namentlich erschütterte ihn der Selbstmord sei- 
neS OheimS, denn er fühlte sofort heraus, daß man ihn für
        

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