Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/126/
, 
doch curftrt heute das Gerücht, daß Knjafewatz Ach bereits in 
den Händen der Türken befind?. Unmöglich ist dies durchaus 
nicht, denn die Hauptmacht der Türken stand bireitS am 30. 
Juli in Ragoste und dürste ngch dem ersten veruhglückieyAm- 
gchUngSMsuch in ben letztchglgen Kämpfen Mder aKlttcirt 
sein. W^Wer Horvatovitsch ist ein ausgezeichneter Führer, 
aber eS lW sich nicht verschweigen, daß nicht allein die Wa- 
lachen, sondern zum Theil auch die Serben 'tifcht recht Stand 
halten, so daß tatsächlich in den meisten Kämpfen hauptsäch 
lich die Freiwilligen das Renommee ausrecht erhalten. Aller- 
dingS trägt der Mangel an tauglichen Ofstcieren viel zu den 
Niederlagen bei. Am festen halten sich die Belgrader Briga- 
den. Die Äriillerie ist mustergültig. Während nun türkischer- 
seiw bei Knjasewatz der Versuch gemacht wird, in'zwes Colon- 
nen — auf Banja und im Timok-Thal — in Serbien vor- 
zudringen, beginnt auch die Widdiner Armee ihre Offensiv-Ope- 
rationen, und eS ist mehr als fraglich, ob Leschjanin erfolgrei- 
chen Widerstand leisten kann. Ein anderes türkisches Armee- 
Corps unter Alt Said Pascha forcirte die Überschreitung der 
Gränze von Kurschumlje aus durch die Jankova Klissura und 
bei Dobravoda, und eS soll, noch unverbürgten Gerüchten zu- 
folgender Vormarsch auf Kruschevatz gelungen sein. General 
Alimpitsch muß sich an der Drina ebenfalls auf die Defensive 
beschränken. Dabei fehlt es an Geld und daS Bild der Ge- 
sammtlage Serbiens stellt sich äußerst ungünstig dar. Wenn 
nicht fremde Hülfe oder eine gewonnene Hauptschlacht eine 
Aenderung herbeiführt, kann niemand die Türken im weitern 
Vordringen hindern." 
Ueber die Lage der Dinge auf dem südwestlichen Theile deS 
Kriegsschauplatzes, dem türkisch-montenegrinischen schreibt man 
der „Polit. Corr." aus Cetinje, 29. Juli: 
„Anläßlich deS Sieges von Vrbitza haben heute hier große 
Festlichkeiten stattgefunden. Schon um 1 Uhr nach Mitter 
nacht wurden die Einwohner durch Glockengeläute geweckt, 
welches den Sieg verkündete. Die Thore der fürstlichen Resi 
denz wurden geöffnet uyd diese illuminirt. Die gesammte 
fürstliche Familie, der Metropolit Hilarion und die Senatoren 
begaben sich alsbald zur Fürstin Milena. um dieselbe zu dem 
Siege zu beglückwünschen, von welchem fie zuerst telegraphische 
Nachricht erhalten hatte. Eine große vor dem Palast ange- 
sammelte Menge gab ihrer Freude durch Absingen von Volks- 
liedern, Tanzen und unaufhörliche ZivioS auf den Fürsten AuS- 
druck. Um 8 Uhr begab sich das ganze Volk mit der Fürstin 
und dem Erbprinzen in die Kirche, um einem von dem Metro- 
politen celebrirten Dankgottesdienst beizuwohnen. Als um t0 
Uhr daS dritte Telegramm eintraf, welches die vollständige 
Niederlage MukhtarS meldete, wurde dieß nochmals mit Ka- 
nonenschüssen begrüßt. Man gibt sich nun den überschwäng- 
lichsten Hoffnungen hin. Es ist die Rede, daß dem Fürsten 
sehr wichtige Depeschen in die Hände gefallen find, die sowohl 
von verschiedenen Unterkommandanten als auch vom Groß- 
wessier an Mukhtar Pascha gerichtet waren. Man behauptet 
hier: diese Dokumente feien für Montenegro von der aller- 
größten Wichtigkeit. Gleich nach dem unglücklichen Kampfe 
bei Nevefinje hieß eS: Fürst Nikolaus fei leicht verwundet 
worden. Es stellte sich aber heraus, daß der Fürst zwar in 
großer Gefahr /chwebte und ein Adjutant hart an seiner Seite 
von einer Kugel gestreift wurde, daß er aber unverletzt blieb. 
Runmehr noch eine Thatsache, die bis jetzt gänzlich unbekannt 
blieb. Daß die Montenegriner tapfere Soldatin find, ist 
längst bekannt. Allein neben dieser militärischen Tugend weisen 
sie auch Fehler auf die schon oft genüg Unheil gestiftet haben. 
Vor allem ist die Abneigung des Montenegriners gegen jede 
strenge Disziplin zu erwähnen. Die Kampfeslust verleitet die 
Montenegriner oft zu Unternehmungen die im Hauptquartier 
gar nicht beabsichtigt wurden. DaS Korps des Vozo Petro- 
vatz und Plamenatz bat die strengste Weisung gehabt in der 
Devensive zu verbleiben. EineS TageS — eS war am D. 
Juli -- erhoben sich aber 300 Montenegriner Unter der HH- 
rung deS. Popen Rista und" marschirten in Albanien ein. Äin 
23. wurde diese Schaar von weitaus überlegenen türkischen 
Kräften umzingelt und total vernichtet. 
Die zum Abmarsch nach der Türkei bestimmten ägyptischen 
Streitkräfte werden im Ganzen die Stärke von 9000 Mann 
nicht überschreiten. Es werden nämlich dorthin gesandt wer- 
den: 4 Regimenter Infanterie, 1 Regiment Kavallerie und 2 
Batterien. 
Eine Correfpondenz des „Standard" aus Widdin ent- 
wirft eine glänzende Schilderung vom Zustande deS dortigen 
türkischen Hospitals , von dessen Reinlichkeit und Wohleinge- 
richtetsein der Berichterstatter auf daS angenehmste überrascht 
ist. DaS Hospital besteht auS drei Gebäuden von denen zwei 
vollkommen neu sind , Obgleich keine Bettstätten, welche über- 
Haupt nicht in Brauch bei den Türken vorhanden sind, sind 
die Betten, welche etwa 18 Zoll dick, doch weich und bequem, 
die Laken rein und die Kranken mit weißem Nachtzeug be- 
' kleidet. Die gesammten Räumlichkeiten zeichnen sich überhaupt 
durch eine scrupulöse Reinlichkeit und einen vollständigen Man- 
gel an üblen Gerüchen jeder Art vortheilhaft auS, und sollen 
darin jedeS Militär- oder Civilhospital übertreffen daS der 
Correspondent bisher besichtigt. Der beaufsichtigende Mediei- 
nalbeamte, ein Oesterreicher sagt: daß die Ausdauer der Leute 
im Ertragen körperlicher Schmerzen bewunderungswürdig sei. 
Selbst wenn die Wunden untersucht oder operirt würden, 
ließen die türkischen Kueger auch nicht den geringsten Ausruf 
oder ein Stöhnen hören. In Folge ihrer Geduld und AuS- 
dauer, in Verbindung mit den nüchternen und rauhen Lebens- 
gewohnheiten, der Reinheit der Luft in dem Hospitale befinden 
sich denn auch die Verwundeten ausnahmslos gut. Im Gan- 
zen sind seit Beginn deS Kriegs bis Ende Juli 630 Verwun-' 
dete in dem Widdiner Hospital verpflegt worden, außerdem 
noch etwa 120—130 in dem von Adlick. Täglich werden 
neue Verwundete herzugebracht. — Einen vollen Gegensatz 
zu dieser günstigen Schilderung der Lage und der Verpflegung 
der türkischen Verwundeten bildet eine Darstellung der „Daily 
NewS" über die Zustände der Verwundeten in Serbien in 
> einem Brief aus Paratschin. Der Correspondent schreibt: daß 
er einem mehrere Meilen langen Zuge serbischer Verwundeten 
aus mit Stroh bedeckten federlosen Ochsenwagen begegnet sei, 
und auch nicht eine einzige Person angetroffen habe die mit 
der Pflege der Verwundeten beschäftigt gewesen. Den Stoi- 
eiSmuS der Serben im Ertragen von Schmerzen preist der 
Berichterstatter ebenso wie fein College den der Türken, und 
schreibt wohl berechtigterweise die Ursache desselben nicht sowohl 
einer höher entwickelten moralischen Willenskraft als einer 
weniger intensiven Empfindung physischer Leiden zu, wie sie in 
ursprünglicheren Zuständen lebenden Völkern eigenthümlich ist. 
Diese persönliche Indifferenz gegen ihre Leiden könne aber nicht 
ein volles Gegengewicht gegen die unerbittlichen Naturgesetze 
geben. Vernachlässigung von Wuyden ziehe, auch bei einem 
Serben, fast unvermeidlich den kalten Brand nach sich. In 
den dortigen Hospitälern — wenn man überhaupt diesen Na» 
men auf Plätze anwenden könne, in denen die Verwundeten 
auf Streu umherlägen — gebe eS „Kaltebrand-Gemächer," 
welche, obwohl der Tod beständig aufräume, nichtsdestoweniger 
immer gefüllt seien. In Bezug auf obige Berichte dürfte die 
Mittheilung der „TimeS" und „Daily NewS" über die Ab- 
reise eineS ArzteS und zwßier Damen, deren erster«, Dr. La 
seron, durch zwei Wundärzte begleitet, die letzteren in Gemein- 
schaft mit einem Geistlichen, von dem Londoner Vereine zur 
Hilfe Verwundeter nach Belgrad abgesandt stnd, von Interesse 
fein. 
Einem telegraphischen Bericht der „Polit. Corr." auS 
Belgrad, 6. Aug., entnehmen wir über die Ereignisse bei 
t
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.