Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/123/
— 123 — 
Unterschied Erlaubniß die serbischen Lager zu besuchen. Eben Corr." über Athen, 23. Juli, telegraphisch gemeldet: Wir ste- 
heute haben sich die Vertreter deS „P. Lloyd", der „Presse", hen unmittelbar vor einer neuen schweren KrisiS. Auf einer 
deS „Fremdenblatt" und des „Extrablatt" in das Lager von fremden Botschaft erfahre ich, daß längstens in acht Tagen 
Belma begeben. Der Vertreter deS „Neuen Wiener Tagblatt" ein neuer Thronwechsel bevorstehe. Sultan Murad, schon vor 
macht die Runde in ganz Serbien. Gegenwärtig befindet er seiner Thronbesteigung in hohem Grade kränklich, ist durch die 
sich im Hauptquartier. Bei den Türken ist eS umgekehrt. Ereignisse der letzten zwei Monate so afficirt und tief inner- 
Anfangs war den Berichterstattern der Besuch aller Lager er- lich zerrüttet worden, daß sich seit drei Wochen bereits die 
laubt, ja sie wurden dazu förmlich aufgefordert. Jetzt aber wird ausgeprägtesten Spuren eines schweren GehirnleidenS zeigen, 
ihnen derselbe verboten. Wahrscheinlich meinten Anfangs die Tagelanges dumpfes Hinbrüten mit häufigen Krampfanfällen 
Türken, vaß sie fortwährend siegreich sein würden. Nach- lassen den Eintritt einer nahen Katastrophe besorgen. BiS 
träglich haben sie sich aber überzeugen müssen, daß die Mei- jetzt wurde das Geheimniß auf der hohen Pforte so gut ge- 
nung falsch war. Daher stammt jedenfalls das Verbot deS wahrt, daß die ganze hauptstadtische Bevölkerung keine Ahnung 
Besuches der Lager und deS Kriegsschauplatzes. von dem sich Vorbereitenden hat. Nur einige Botschaften und 
Gesandtschaften wissen wie es mit dem Sultan steht, der aller 
Türkei. Die „Correspondance Onentale" veröffentlicht Wahrscheinlichkeit nach noch vor seinem Ableben szur Resigna- 
die 6 Fundamentalartikel der für das osmanische Reich in j j 0n zu Gunsten seines Bruders Abdul Hamid veranlaßt wer- 
Aussicht genommenen Constitution. Midhat Pascha hat die- ist der erste Tag, wo man auf den Redae- 
selben dem großen Rath persönlich vorgelegt. Die Artikel jjonen einzelner hiesigen Blätter hierüber einzelnes erfahren hat. 
lauten wie folgt: 1) Absolute Gleichberechtigung der Moham- 
medaner und der Christen. 2) Zulassung der Christen zu allen Aus Pera schreibt man der A.A. Ztg. vom 21. Juli: 
Aemtern, selbst zum Großwessierat. 3) Wahl von Deputirten Die Theilnahme der Bevölkerung am Krieg ist eine ganz 
zur Bildung einer Kammer. Jede Provinz hat 4, Konstant!- außergewöhnliche, und es würde Seiten füllen wenn man all 
nopel 16 Abgeordnete zu wählen. 4) DaS Ministerium ist die einzelnen Züge von Hingebung und Opferwilligkeit regi- 
der Kammer verantwortlich. 5) Abschaffung desjenigen Arti- striren wollte. So benimmt sich nur ein Volk, das wirklich 
kelS des Gesetzes Cheri, welches den Christen verbietet, als leben will. Ein tunisischer General, Ben-Ayad-Mahmud Pascha, 
Zeugen vor Gericht gegen Mohammedaner aufzutreten. 6) rüstet auf seine Kosten 4000 Freiwillige aus; ein greiser Ta- 
Richter und Beamten dürfen nicht auS ihren Stellungen ent- tarenfürst, Saadet Kerai Chan, taucht plötzlich auf und macht 
lassen werden, wenn sie sich nicht eines Vergehens schuldig ge- sich anheischig binnen kurzem 40,000 der Seinigen zu stellen 
macht haben. — „Bassiret" veröffentlicht den Wortlaut der u. s. f. Kurz, ein neuer Geist scheint in dieses Volk gefahren 
Adresse, welche die freiwillig in Kriegsdienste eingetretenen zu sein, denn daß es nicht ein Wiedererwachen des alten Gel- 
SostaS an die christlichen Freiwilligen gerichtet haben. Die steS ist, dafür gibt die Stimmung für die Christen, die viel- 
Adresse lautet folgendermaßen: leicht nie günstiger war als jetzt, und die thätige Mitwirkung 
„An unsere christlichen Brüder. DaS osmanische Reich ist derselben ein unwiderlegliches Zeugniß. Der wachsende Bei- 
stark genug, um sich seiner Feinde erwehren zu können Aber I tritt christlicher Freiwilligen, die pecuniäre Beisteuer der Christen, 
wir wollten an der Seite unserer Truppen kämpfen, weil nach welche eine Breve deS griechischen Patriarchats besonders dazu 
unserem Cheri der Kampf gegen den Feind das Gott wohlge- auffordert, nehmen der Bewegung den religiösen Charakter, und 
fälligste Werk ist. Wir haben uns verpflichtet, euer Leben, geben ihr eine rein staatliche Bedeutung. Nie war eine ge- 
eure Ehre und euer Eigenthum zu schützen, ebenso wie wir wisse Einigung der Christen mit den Muselmanen wahrschein- 
unser Leben, Ehre und Eigenthum schützen werden. Obwohl licher als jetzt, wo der Staat bedroht erscheint. DaS Schreiben 
eure Religion euch nicht die Pflicht auferlegt, gleich uns in deS Propheten über die Christen und über die Pflicht deS 
den Kampf zu ziehen, habt ihr euch dennoch unS angeschlossen, MohammedaniSmuS sich mit ihnen zu verständigen, welches von 
um im Verein mit uns das gemeinsame Vaterland zu verthei- allen Zeitungen veröffentlich und commentirt wird, sowie 
bigen. Nehmt dafür unseren aufrichtigsten Dank entgegen, das offene Sendschreiben der SoftaS, sind beredte Zeichen für 
Unsere Waffen verfolgen ein und dasselbe Ziel. Wir werden diese Stimmung. Der ungeschickten Uebersetzung deS „Levant- 
brüderlich zusammenleben, und niemand wird euch an der AuS- Herald," welcher die freiwillige Beisteuer a!S „Hülfe zum hl. 
Übung eurer religiösen Pflichten hindern. Ihr wißt daS sehr Krieg gegen die Ungläubigen" benannte, sind namentlich die 
wohl. Unsererseits verlangen wir, daß auch ihr den Cheriat- türkischen Blätter energisch entgegengetreten. Die Sammlungen 
JSlamie, das heilige Gesetz der Muselmanen, nicht mißachtet, für diese Beisteuer zu Kriegszwecken sowohl als für jene zum 
Wir ziehen in den Krieg, und wir werden Menschen tödten Behuf von Ausrüstung der Freiwilligen werden hier und in 
müssen, aber der Tod wird nur unsere Feinde treffen. Unsere allen Provinzen mit erheblichem Erfolg fortgesetzt. Bemerkens- 
Waffen werden sich nur gegen diejenigen kehren, die uns an- Werth ist dabei, daß die türkischen Frauen in den Subscrip- 
greifen. Unser Cheri verbietet uns auf das strengste, gewalt- tionSlisten zum erstenmal mit ihren Namen in die Oeffentlich- 
thätig gegen Weiber, Kinder und Greise aufzutreten. Plün- keit treten. Wer die oSmanischen Sitten kennt, wird hierin 
derung, wie die bulgarischen Insurgenten sie ausgeübt haben, ein bedeutungsvolles Symptom erblicken. Auch für den Verein 
ist uns strengstens verboten. Wir betrachten es außerdem als zur Beschaffung von Material für die Verwundeten-Pflege steht 
unsere heilige Pflicht, uns während deS Krieges jeder Belästi- die Gemahlin Midhat PaschaS und die Schwiegertochter des 
gung unserer Landsleute zu enthalten. Auch Lebensmittel GroßceremonienmeisterS Kiamil Bey obenan. Während in 
werden wir nie gewaltsam in Beschlag nehmen. DaS ist eS, PriSrend, in, dessen Nähe auf dem berühmten Amselfeld (Kos- 
was wir euch als Brüder und Kampfgenossen zu sagen haben, sowo Polje), ein bulgarischer Putschversuch augenblicklich unter- 
Wenn jemand sich erkühnen sollte, gegen die vorhin erwähnten drückt wurde, und in der Entwaffnung der dortigen Bulgaren 
Grundsätze zu handeln, werden wir eS als unsere Pflicht er- und mit der Hinrichtung dreier Popen sein Ende fand; wäh- 
achten, ihn daran mit Anwendung aller Mittel zu verhindern, rend der Gouverneur von Sistow neuerdings zweier Mitglieder 
Wir zweifeln nicht daran, daß ihr unsere Anschauungen voll- des bulgarischen RevolutionSkomiteS habhaft wurde, waltet 
ständig theiln Cameraden, vorwärts! Wir wollen brüderlich Kiani Pascha in Adrianopel seines Amts gegen die exessiven 
vereint gegen den Feind kämpfen, aber dabei niemals die Baschi-BozukS. 100 dieser Banditen wurden in Ketten vyr 
Pflichten der Menschlichkeit vergessen." sein Forum gebracht. Die eiserne Energie Kiani Pascha'S ist 
Gewähr dafür, daß ste einer exemplarischen Strafe nicht ent- 
AuS Konstantinopel vom 25. Juli wird der „Polit. ' gehen werden, obschon eS nunmehr erwiesen ist daß die grau-
        

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