Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1876
Erscheinungsjahr:
1876
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1876/118/
heseS MonatS; vom 20. Juni ab folgten sich in ununter- 
brochener Reihe 12 Hommertage mit + 22,4° R. an 2, 
über + 21° R. an 4 Tagen, sonst über -j- 20" R. Maxi- 
mum im Schatten; dann traten von den letzten 3 Tagen des 
Zuni an und in der ersten Hälfte des Juli warme Regen 
wechselnd mit heißem Sonnenschein ein; kurz, eS herrscht das 
reine TreibhauS-WachSwetter. Im Rauenthaler- und Rädels- 
heimer Berg, - im Marcobrunner Areal, am Steinberg und 
JohanneSberg, in den besseren Geisenheimer, Hattenheimer, 
Winteler und Hallgarter Lagen gestalten sich die Aussichten 
gleich schön. Bleibt die gegenwärtige üppige Vegetation von 
Vestand, so können, da jetzt schon Beeren von Erbsengröße 
gar nichts seltenes sind, die Trauben in den besseren Lagen in 
über 3 Wochen völlig ausgewachsen sein. Ein alteS Rhein- 
gauer Sprichwort sagt: ,Wenn am JatobStag (23. Juli) die 
Traube hat den Hang, dann hat es einen guten Gang/ wo- 
mit unsere Rebleute sagen wollen: Wenn am 23. Juli die 
einzelnen Beeren bereits so entwickelt und voll sind daß sie 
durch ihre Schwere die Traube nledersenken, dann gibt'S ein 
guteS Jahr. Nun, wenn jetzt die Beeren schon erbsengroß, so 
werden sie in guten Lagen in 9 Tagen ihre volle auSgewach- 
sene Größe erreichen. Kurz und wirklich gut: die Aussichten 
bei unS sind brillant. Ebenso günstig lauten die Nachrichten auS 
Rheinhessen, wie die Traubenblüthe einen so raschen und de- 
friedigenden Verlauf wie in den renomirtesien Jahren nahm. 
Nicht minder hoffnungsvoll lauten die Berichte auS der Pfalz, 
wo schon am 5. Juli am ganzen unteren und mittleren Gebirge 
die Blüthe glücklich durch war und wo auS den Gemarkungen 
Affelheim, Grünstadt, Weisenheim von genügenden Fruchtan- 
sätzen gemeldet wird, während allerdings die Weindistrikte von 
Deidesheim, Freinsheim, Wachenheim bedeutend, Dürkheim theil- 
weise gelitten haben. AuS dem Taubergrund, vom Nekar und 
auS dem Marktgräflerland schreiben unS Geschäftsfreunde nur 
erfreuliches; auch von Würzburg und Umgebung liegen günstige 
Berichte vor uns. 
Ueber die Ernteaussichten in Oesterreich-Ungarn konstatirt 
ein vom österreichischen Ackerbauministerinm zu Anfang Juli 
ausgegebener Bericht) daß die Witterungsverhältnisse in dem 
weitaus größten Theile CiSleithanienS sehr günstig waren, und 
daß sich extreme Nässe oder drohende Dürre nur auf wenige 
und nicht sehr ausgedehnte Gebiete beschränkte. Der Weizen 
steht fast überall sehr günstig und verspricht in Böhmen, Mäh- 
ren und Schlesien eine übermittelgute, in Galizien und in den 
Alpenländern eine sehr gute, in der Bukowina eine mittlere 
Ernte. Roggen steht zwar durchgehend schwächer als Weizen, 
aber doch noch schön. Gerste steht in den Nordwest«ändern 
sehr ungleich, der Hafer daselbst in den bergigen Gegenden 
vorzüglich, sonst wenigstens gut. Raps welcher fast überall 
entweder schon geerntet oder der Ernte nahe ist, läßt im Gan- 
zen einen mittelmäßigen Ertrag erwarten, ist aber nach den 
einzelnen Lagen sehr ungleich ausgefallen. Hackfrüchte, Hül- 
senfrüchte, Mais und Kartoffeln versprechen ziemlich guten, 
theilS reichlichen Ertrag. Der Klee hat mehr oder weniger 
vom Froste gelitten, jedoch noch immer einen befriedigenden ec- 
sten Hieb gegeben. Der Stand des WeineS ist in den Alpen- 
thälern sehr verschieden, in den Karstländern hat er gut ange- 
setzt und läßt eine gute Mittelernte erwarten. In Dalmatien 
bezeichnet man die Aussicht sogar als unübertrefflich. Im Kü- 
stenlande zeigte sich hie und da das Oidium. In Ungarn steht 
der Weizen im ganzen vortrefflich. Roggen ist bereits geschnit- 
ten und wurde eine ziemlich gute Mittelernte erzielt. Gerste 
hat einen ungleichen Stand, etwas besser steht Hafer. MaiS 
ist etwas zurückgeblieben, jedoch nicht geschädigt, Hirse steht 
ausgezeichnet. Raps, dessen Schnitt beendet ist, hat einen gu- 
ten mittleren Ertrag mit schöner Qualität gegeben. 
Ausland. 
Vom serbisch-türkischen Kriegsschauplatz. 
Eine entscheidende Schlacht läßt noch immer auf sich war- 
ten; beiderseits wechseln Angriff und Abwehr mit Scharmützeln, 
die allerdings nicht wenige Opfer kosten, aber von keiner ent- 
scheidenden Wirkung sind, keinem von beiden weiter Helsen. 
Nach bereits vierzehntägigen, mehr oder weniger blutigen Ge- 
fechten stehen die beidseitigen Armeekorps noch immer so ziem- 
ljch auf demselben Boden. Auch wieder blieb ein neuer Kampf 
an der Dryna, wobei die Türken angriffsweise gegen das Korps 
Alimpitsch vorgingen — wenn anders die an anderer Stelle 
mitgetheilte Depesche aus Belgrad Glauben verdient — un 
entschieden. Wenn diese entscheidungslosen Scharmützel sich 
in die Länge ziehen, so stände — nur in größerem Umfange 
ein Krieg in Aussicht, wie der Jnfurgentenkrieg in der Herze- 
gowina und Bosnien Für beide Theile liegt aber in der Ver- 
zögerung einer entscheidenden Aktion große Gefahr: für die 
Türken, daß die Flamme der Insurrektion sich allmälig über die 
ganze Halbinsel des Balkans ausbreitet; für Serbien, daß 
feine materiellen Mittel sich völlig erschöpfen, Muth und Kampf- 
begeisterung seiner Milizen ermatten und deren Disziplin sich 
lockert. Für die Pforte ist die Lage in Bulgarien, je mehr 
der Krieg sich in die Länge zieht, eine um so bedrohlichere. 
In dieser Beziehung wird der „Polit. Korr." aus Rustschuk, 
15. Juli, geschrieben: 
Zwischen den Behauptungen der türkischen Behörden: daß 
trotz der serbischen Invasion die bulgarische Bewegung in'S 
Stocken gerathen sei, und den serbischen Angaben: daß ganz 
Bulgarien im Aufstande sei, muß die rechte Mitte gefunden 
werden. Ungeachtet der Unzulässigkeit der serbischen Macht 
am Timok ist es doch Thatsache, daß eS im Widdiner Sand- 
schakate genug Aufständische gibt. Da aber die serbische Ti- 
mok-Armee mit ihrem Gros über die Grenze nicht weit hin- 
auskam, konnte eine Bereinigung der Insurgenten mit den 
Serben nicht stattfinden. Nur die Bevölkerung der am Donau- 
Ufer gelegenen Dörfer gewann mit der Avantgarde LeschjaninS 
Fühlung. Daher beläuft sich die Zahl der zu Lefchjanin ge- 
stoßenen Insurgenten kaum auf 2000 Mann, wahrend wohl 
gegett 3000 Bulgaren im Rücken die bei Veliki-Jzvor stehen- 
den Türken von Belgradschik auS beunruhigen. Auch von 
Wratscha aus bedroht eine größere bulgarische Insurgenten- 
schaar die Stellung Osman Pascha'S. Die großen Städte 
in Bulgarien, wie Ruckschuk, Varna, Philippopel, Sophia 
Schumla ic., verhielten sich bis jetzt ziemlich ruhig. Seit 
wenigen Tagen aber gährt es auch in diesen Eentren der tür 
kischen Macht. Die Regierung kann sich nicht anders, alS 
durch zahlreiche Verhaftungen helfen. Leider bewirkt diese Maß- 
regel die konträren Consequenzen. Von hier sind trotzdem einige 
hundert junge Bulgaren zu den Aufständischen gestoßen. Einer 
der Abziehenden rief sogar der gaffenden Menge zu: „Bald 
kehren wir wieder, um die Raubthiere zu erschlagen!" Die 
hiesigen Behörden haben sich diesem ExoduS gegenüber ruhig 
verhalten, da die hiesige Garnison kaum 400 Mann beträgt. 
Bei Schumla sind gleichfalls einige hundert Insurgenten. Die 
türkischen Verwaltungsbeamten können eS nicht mehr riSkiren, 
sich ohne Bedeckung auf's flache Land zu begeben. Den größ- 
ten Suceurs aus Bulgarien haben die Serben unter Tscher- 
najeff erhalten. Der größte Theil kam auS der Sucha-Pla- 
nina, einem Plateau südlich von Nisch, dessen Einwohner 
sämmtlich zu den Waffen gegriffen haben. Philippopel und 
Sophia haben starke Garnisonen erhalten. Die dünn gesäete 
mohammedanische Bevölkerung deö flachen Landes flüchtet in 
die Städte." 
Und was die Aussichten Serbiens betrifft, schreibt ein 
Korrespondent der „Allg. Ztg." u. A.: Der größte Theil der 
in der Miliz dienenden Serben ist mit den Türken niemals 
früher, in näherer Berührung gewesen, und hat auch nicht die
        

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