Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/90/
ten zu Rgthe gezogen werden müssen und meinte, daß, was 
die Berechtigung der ^frelhändlerischen und schutzzöllnerischen 
Bestrebungen anbelangt, die Mehrheit wohl in der Mitte zu 
suchen sein werde. 
Dem Versuche der Deputation, die Konversation auch auf 
die Eisenbahn fragen zu lenken, begegnete er mit einer Ablehn- 
ung der Erörterung dieser Angelegenheiten a!S nicht in seinen 
Ressort gehörend^ und verwies die Deputation an Herrn v. 
Chlumecky, nicht ohne warme Lobeserhebungen die er den 
Eigenschaften deS neuen Handelsministers spendete. 
Beim Handelsminister Hrn. v Chlumecky nahm die Audi- 
enz der Deputation den Charakter einer ziemlich lebhaften Eon- 
versation an. Hr. v. Chlumecky wieS darauf hin, daß an dem 
Entwürfe eines EisenbahnprogrammS über HalS und Kopf ge 
arbeitet werde, erklarte aber, daß an die Bewerkstelligung gros- 
ser Eisenbahnanlagen, wie man sich dieselbe in industriellen 
Kreisen als HülfSmaßregel denke, aus Rücksichten für den 
Staatssäckel und die Steuerträger nicht gegangen werden könne, 
und empfahl vielmehr die Vervollkommnung des NetzeS geeig 
neter Lokal- und Verbindungsbahnen. Was die HandelSyer- 
träge anbelangt, so meinte er: daß sich allerdings über die 
österreichisch-englische Nachtragökonvention reden lassen werde, 
daß aber, selbst wenn man diese Konvention opfern wollte, an 
Zollerhöhungen, wie man sie in den industriellen Kreisen in 
Aussicht nehme, nicht gedacht werden könne. 
Als im Laufe der ziemlich erregten .Controverse auf die 
Frage deS Ministers: ob man es denn auf Errichtung öfter- 
reichifch-ungarifcher Zollschranken ankommen lassen wolle, einige 
Mitglieder der Deputation behaupteten: sie würden selbst diese 
Eventualität nicht scheuen, erklärte Hr. v. Chlumecky auf daS 
bestimmteste: daß er zu Errichtung einer Zollgränze zwischen 
beiden Reichöhälsten nie seine Hand bieten werde. Hr. fo. 
Chlumecky verwies die Industriellen auf die Notwendigkeit, 
die Handelsbeziehungen zum Orient zu pflegen und zu erwei- 
tern, und unterdrückte den Borwurf nicht, daß der Han- 
delSverkehr mit dem Orient durch die Schuld der Gewerbetrei- 
benden selbst gelitten habe. i 
In jüngster Zeit macht wieder ein gegen den deutschen 
Reichskanzler gerichtetes Attentat, welches in Wien seinen Ur- 
Heber hat und sich schließlich als eine gemeine Geldspekulation 
entpuppte, viel von sich zu reden. Die N Fr. Pr. theilt hier- 
über Nachstehendes mit." Anfangs der vorigen Woche erhielt 
der in Wien domizilirende Provinzial des Jesuiten-OrdenS durch 
seinen Diener ein Paquet zugestellt, welches einen gesiegelten 
Brief und einen demselben beigeschlossenen Zettel enthielt. In 
dem Brief erbot sich ein energischer; kräftiger und gewandter 
Mann den deutschen Reichskanzler Fürsten Bismarck auf sichere 
Weise zu ermorden, wenn ihm dafür der Zesuiten-Orden durch 
den Provinzial einen Betrag von rund einer Million Gulden 
garantire. Der diesem geschlossenen Brief beiliegende und von 
einer andern Hand herrührende Zettel enthielt kurz etwa fol 
gendes: „Die Antwort auf den Brief werde ich persönlich 
(zu der und der Stunde) abholen. Joseph Wiesinger" Der 
OrdenS-Provinzial verständigte von dem Vorfall sofort die Be- 
Hörde und deponirte die Briefe, in Folge dessen die geeigneten 
Anordnungen getroffen wurden. Zur bestimmten Stunde fand 
sich in dem Wohnhaus des ProvinzialS in der That ein etwa 
Währiger. Mann ein um die Antwort in Empfang zu nehmen. 
Statt dieselbe zu erhalten wurde seine Festnahme versügt.jES wurde 
konstatirt, daß der Verhaftete der in der Abele-Gasse Nr. 8 wohn- 
hafte verheirathete Diurnist Josef Wiesinger sei. Derselbe will von 
dem Inhalt des Brieses oder einem beabsichtigten Verbrechen 
absolut nichts wissen, sondern den Brief von einem unbekann- 
ten Mann zur Zustellung erhalten haben. Die etwaige Ant- 
wort hätte er dem Auftraggeber zu einer vereinbarten Stunde 
an einem bestimmten öffentlichen Platz übermitteln sollen. Auf 
behördliche Verfügung wurde Wiesinger auch dahingebracht; 
der vermeintliche Komplice fand sich jedoch nicht ein. So be- 
richtet die „N. Fr. Pr.," deren Erzählung übrigens auch mit 
Andeutungen der „Presse" und deS „Vaterland" übereinstimmt. 
Die „Presse" fügt noch bei, daß dem Wiesinger für den Boten- 
gang ein Honorar von 2000 fl. zugesichert gewesen sei 
und überdieß noch ein Antheil an der „Verdienstsumme." 
Der „Andere" wird alS ein sehr elegant gekleideter Herr, im 
besten ManneSalter stehend, bezeichnet — Wohnort, Name u. 
Stand desselben sind aber unbekannt. 
Frankreich. Bei der Wahl deS.Verfassungsausschusses 
in der Nationalversammlung haben ^die Republikaner einen 
glänzenden Sieg davon getragen. 
Spanien. Heber den Tod des Admirals Barcaiztegui 
liegt uns folgende sehr eingehende Schilderung vor: Der Com- 
Mandant des Geschwaders der Nordküste, Admiral Barcaiztegui, 
Generaladjutant. deS Königs, unternahm allwöchentlich einige 
Fahrten an der Küste entlang mit einem oder dem andern 
seiner Schiffe und beschränkte sich darauf auf die vom Feinde 
besetzten Küstenstrecken einige Granaten zu werfen. Bisher 
konnte man dies ohne Gefahr thun, die Schiffe giengen dicht 
an der Küste entlang und suchten sich unbehelligt und unbesorgt 
den Punkt der Rache aus. KarlistischerseitS hatte man längst 
den Wunsch auch der Flotte einmal einen Denkzettel zukom- 
men zu lassen, andererseits aber daS Bestreben die Bevölkerung 
der Küstenstädte vor dem Feuer der Schiffe zu schützen; Gene- 
ral Egana hatte daher dem Drängen der armen» gischerbevöl- 
kerung um Schutz nachgegeben und bei Motrico eine Strand- 
batterie errichtet die mit 6 Hinterladern schwersten Kalibers 
armirt wurde. Von dem Vorhandensein dieser Batterie hatte 
man hier keine Ahnung, als daher heute der Admiral mit dem 
„Kolon" und dem „Ferolano" wieder eine seiner gewöhnlichen 
Fahrten in der Nähe der Küste unternahm, wurde er plötzlich 
in der Nähe von Monlrico mit einem Granathagel begrüßt, der 
gleich unangenehm aus dem Admiralschiff aufräumte. Ehe die 
beiden Schiffe zum Heuern kamen, waren sie schon so arg 
mitgenommen, daß sie unter schwacher Erwiederung deS Feuers 
weiter von der Küste ablaufen mußten. Als der Admiral diese 
Bewegung eben kommandirte, wurde ihm durch eine Granate 
der Leib aufgerissen und er sank entseelt von der LandungS- 
brücke auf die Treppe hernieder. Die durch diesen Vorfall 
hervorgerufene Verwirrung war in den ersten Momenten so 
groß, daß man sogar das Feuern vergaß, die aber unaufhör 
lich in die Schiffswände einschlagenden Granaten brachten sehr 
bald die Besinnung wieder und nach vielen vergeblichen Ver- 
suchen gelang eS endlich die hohe See zu gewinnen. DaS 
Admiralschiff „Colon" hat 17 Granaten in den Rumpf und 
verschiedene in die Masten und Tackelage Erhalten, eine hat 
den Schornstein zerschlagen und die Kommandobrücke zertrüm- 
mert, der „Ferolano" aber wurde so arg zugerichtet, daß er 
bon dem kranken „Colon" in Schlepptau genommen und nach 
PasajeS bugsirt werden mußte; dort ließ man ihn um sein 
Sinken zu verhindern, aus den Strand laufen, und man ist 
augenblicklich mit dem Transport der Verwundeten Hieher be 
schäftigt. Die schlechte Bewaffnung der Schiffe ließ gegen daS 
Feuer der karliftischen Batterie gar nicht auskommen, und eS 
dürste von neuem der Beweis geliefert sein, daß die Holzschiffe 
unserer neueren Artillerie gegenüber fast wehrlos sind. Der 
„Ferolano" wurde von mehreren Granaten vollständig durch- 
bohrt, die Maschine zerschlagen und ihm durch wenige gut 
sitzende Schüsse fast vollständig daS Lebenslicht ausgeblasen. 
England. Der große Strike in SüdwaleS ist nach unzäh- 
ligen Verzögerungen und Enttäuschungen endlich durch einen 
förmlichen Vergleich beigelegt. Die Vertreter der Arbeiter und 
die Grubenbesitzer versammelten sich zu Cardiff. Bedingungen 
derGrubenbesitzer waren bekanntlich seit Aufhebung der Sperre 
eine Lohnherabsetzung von 15 Prozent und eintägige Kündi 
gung bis zur allgemeinen Wiederaufnahme der Arbeit. Dem
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.