Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/86/
eintraf, so konnte die Situation welche er bei seiner Ankunft vor- 
fand, kaum kritischer sein. Die deutschen Militärbehörden wa- 
ren fest überzeugt daß Frankreich stch zu einem Angriff auf 
das Reich rüste, zu einem Angriff der um so bedenklicher sein 
mußte, als der Angreifer im Stande gewesen wäre Zeit, Vor- 
wand und Gelegenheit zu wählen. Nach Anficht der militä- 
ifchen Beobachter konnte kein Zweifel darüber obwalten daß 
man auf einen neuen Krieg sann und daß Deutschland in der 
Nothwehr daS Recht hatte dem Unvermeidlichen vorzugreifen. 
Diese Ansichten wurden mit Hartnäckigkeit von Hochgestell- 
ten Männern in der Armee verfochten, und die einzige Frage 
war nur ob sie zur Geltung kommen sollten. Die deutsche 
Regierung mag im Stande sein zu erklären daß ein feindlicher 
Angriff gegen Frankreich nie amtlich beabsichtiget war; allein 
noch vor wenigen Tagen lag eine ernste Gefahr vor daß krie- 
gerische Rathschläge zur. Annahme gelangen würden Wenn 
diese Gefahr augenblicklich überstanden ist, so verdankt man 
nach der Meinung der Welt dieses Ergebniß dem Kaiser Ale- 
xander. Er soll seine Meinung über den Gegenstand sehr be< 
stimmt kundgegeben haben, während Fürst Gortschakoff ohne 
Zweifel die Sache gründlicher und mehr im einzelnen mit dem 
deutschen Kanzler verhandelte. Es wäre interessant den In- 
halt der Argumente des russischen Kanzlers kennen zu lernen 
und zu erfahren m wie weit dieselben für die deutsche Regie- 
rung überzeugend waren; allein wir dürfen annehmen daß 
ein fester, allerdings höflich ausgesprochener Entschluß, den er- 
sten Staat welcher' den Frieden Europas -stören würde, a!ö 
Feind zu behandeln, eine der wirksamsten Waffen unter den 
Ueberzeugungsgründen Rußlands waren. 
Oesterreich. Die tonangebenden Wiener Blatter beleuch- 
ten ohne Ausnahme die nun beendete Reise deS Kaisers nach 
Dalmatien als einen friedlichen Eroberungszug, und zollen der 
Woblthätigkeit, der Versöhnlichkeit deS Kaisers, sowie dessen un- 
ermüdlichen Ausdauer in der Ertragung der mit sehr erheb- 
lichen körperlichen Anstrengungen verbundenen Reise durch die 
unwirklichsten Theile deS Landes die gebührende Anerkennung. 
Gelegentlich deS kurzen Aufenthalts den der Kaiser in Graz 
nahm, sprach sich derselbe mißbilligend über die bekannten Ex- 
zeffe gegen Don Alsonso aus. — 
Die amtliche „Wiener Zeitung" veröffentlicht ein kaiserliches 
Handschreiben betreffend die Ernennung Chlumetzky'S zum Han- 
delSminister!, öeS Grafen v. Mänsfeld zum Ackerbauminister 
und die Enthebung BanhanS'. Letzterer scheidet auf eigenes 
Ersuchen aus Gesundheitsrücksichten aus seiner Stellung unter 
voller kaiserlicher Anerkennung seiner treuen, vorzüglichen 
Dienste. Er tritt in den zeitlichen Ruhestand unter Vorbehalt 
seiner Wiederverwendung .im Dienste. 
England. In England hielt letzter Zeit die sog. Frie- 
denSgeseUschaf: ihre Jahresversammlung und faßte wieder seha 
schöne und unbestreitbare Beschlüsse, die jedoch schwerlich stark 
genug sein werden, um eS mit der herrschenden Kriegöbarbarei 
aufzunehmen. ES wurde unter Anderem folgende Resolution 
beantragt: 
„Daß, nach der Ansicht ^dieser Versammlung, die ungeheu- 
ren Rüstungen, mit welchen die Regierungen Europa'S die 
Nationen unterdrücken, ein Frevel an der Vernunft und ein 
Skandal für die Civilisation; daß sie, weit entfernt eine Si 
cherheit für den Frieden zu sein, beständige Herausforderungen 
zum Kriege sind." 
Wer kann das läugnen, aber wer kann eö ändern? 
Frankreich. Die „AmtSzeitung" zeigt an daß die Be- 
vollmächtigen von 17 Staaten, darunter Deutschland, gestern 
die internationale Convention, betreffend die Feststellung deS 
Metermaßes, unterzeichnet haben. Den übrigen Regierungen 
ist der spätere Beitritt speeiell vorbehalten. 
. Spanien. Am l3. Mai haben öie Carlisten die Beschie- 
ßung Guetaria's begonnen. Ihre Artillerie besteht , aus 3 
Mörsern und 8 anderen Geschützen. DaS Feuer richtete in 
Guetaria ziemlich große Verwüstungen an; doch gelang eS 
ihnen nicht daS Thor mittelst Dynamit zu sprengen. Das 
Fort San Antonio leistete kräftigen Widerstand, und die Kriegs- 
schiffe „Consuelo", „Asrica" und „Segura" griffen von der 
Bay von Zarauz nachhaltig in die Vertheidigung ein. Der 
„Consuelo" wurde von einer Haubitze getroffen und mußte 
nach Sun Sebastian zurückkehren. Auf die Stadt sind 300 
Bomben und 800 Granaten geschleudert worden, welche zwei 
FeuerSbrünste veranlassten, deren man jedoch bald Herr wurde. 
Die Garnison von Guetari.i ist verstärkt und ihre Artillerie 
vermehrt worden. Wie Madrider Telegramme melden, Hab*« 
die Carlisten bei diesem Angriff starke Verluste erlitten, die 
Verteidiger nur geringe — Die „Gacetta" meldet daß^ der 
General Montenegro die carlistifche Patronen und Kanonen 
fabrik von Villahermosa in der Provinz Valencia zerstört hat. 
Rußland. Nachfolgender öffentlicher Erlaß deS russisch. 
ZustizministerS beweist, daß auch in Rußland die sozialistische 
Bewegung bedeutend Wurzeln gefaßt hat. ES heißt in die- 
fem Erlasse u. a. : 
„In den verschiedensten Gegenden des russischen Reiches 
ist die verbrecherische Propaganda hervorgetreten welche Reli 
gion, Moral und Eigentumsrecht bedroht. Die Socialisten u. 
Communisten werden mit der ganzen Strenge deS Gesetzes be 
straft, und die Justizbehörden erfüllen ihre Pflicht indem sie 
gegen diejenigen welche den Staat und die Gesellschaft bedro- 
hen mit ganzer Entschiedenheit auftreten Aber daS in Rede 
stehende Nebel hat so tiefe Wurzel geschlagen daß die gerichl- 
liche Verfolgung allein ihm nicht zu steuern vermag, da die 
verderblichen Theorien niemand finden der sie als Verbrechen 
und Frevel brandmarkte. Im Gegentheil gibt eS sogar Per- 
sonen deren offizieller Charakter und soziale Stellung sie von 
kommunistischen und revolutionären Wühlereien fernhalten sollte, 
die aber dennoch den Vorgängen im Lande nicht nur gleich- 
gültig zusehen, sondern sogar keck genug sind die Regierung 
wegen ihres Vorgehens gegen Die immer weitere Verbreitung 
gewinnende verderbliche Propaganda zu taveln Es ist daher 
nothwendig, daß, solange eS Zeit ist, alle gutgesinnten sozialen 
Elemente mit vereinten Kräften nicht nur die den Schutz der 
Gesammlheit und der öffentlichen Sicherheit bezweckenden Be- 
strebungen der Behörden unterstützen, sondern auch im Privat- 
verkehr dem Einfluß und der Verbreitung der verbrecherischen 
Theorien entgegenwirken." 
Verschiedenes. 
* Nein, waS zu arg ist, ist zu arg — rief N., Abgeord 
neter bei dem Landtag eines der kleineren thüringischen Staa- 
ten und Mitglied deS Finanzausschusses, voll „sittlicher Ent- 
rüstung" einem seiner Kollegen, der ihn besuchte, zu — waS 
zu arg ist, ist zu arg! Heute bin ich bei der Prüfung deS 
EtatS einem jahrelangen großartigen Betrug unserer StaatS- 
regierung auf die Spur gekommen Denken Sie sich nur, 
sechzigtausend Thaler sind, als für Orgelbälge verausgabt, 
aufgeführt. , Unverschämt — in einem Ländchen von neunzehn 
Quadl atmeilen sechzigtausend Thaler für Orgelbälge — man 
kennt das — wahrscheinlich für die Balge der Minister. — 
Sie irren stch gewiß, Herr Kollege, sagte der andere, das ist 
ja nicht möglich. — Nicht möglich, eiferte Herr N.; da sehen 
Sie selbst, da liegen die StaatSrechnungen; hier tausend Tha- 
ter. Darauf erwiderte jener ruhig: Aber bester Kollege, da 
steht ja keine Silbe von Orgelbälgen, daS heißt ja — Origi 
nalbelege. 
* Als neulich bei einem um diese Jahreszeit? ungewöhn- 
lichen Gewitter der.Blitz in den Kirchthurm zu Hortenstein ge- 
fahren war, wurde Tagö darauf ein Schulknabe von dem 
Lehrer gefragt: „Kannst du wir wohl sagen, woher die Ge- 
witter eigentlich kommen?" worauf derselbe antwortete: „Die
        

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