Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/84/
stole einmal zeigen. Der Präsident zögerte anfangs, diese 
sonderbare und ungehörige Forderung zu erfüllen, endlich reichte 
man ihm die Waffe. Er blieS in die Mündung hinein und 
bat dann in der höchsten Aufregung seinen Vertheidiger, ihm ' 
eine Feder zu geben. Mit lautloser Stille sahen ihm die Zu- 
Hörer zu, er steckte die Feder in die Mündung deS Schießge 
wehres — plötzlich stürzte ein Strom von Thränen aus seinen 
Augen und mit kreischender, halb lachender, halb weinender 
Stimme rief er: „die Pistole ist noch geladen!" 
Eine allgemeine Aufregung kam hierbei in die Zuhörer u. 
tbat sich hierbei durch ein lebhaftes Geräusch kund. Dieser 
Umstand, das fühlte jeder, mußte der Sache eine andere Wen- 
dung geben. Der Präsident ließ die Aufregung sich legen, 
gebot dann Ruhe und forderte den Angeklagten dann auf, sich 
näher zu erklären. Dieser erwiederte: 
„Während der langen Einsamkeit meiner Haft gingen die 
Ereignisse jenes unglückseligen TageS immer und immer wieder 
an meiner Erinnerung vorüber. Ich besann mich auf jede 
Einzelnheit und suchte mir ein klares Bild davon im Gedächt- 
niß zu verschaffen. Ucber daS aber, was ich gethan hatte, 
nachdem ich mit der Pistole in der Tasche in den Park geeilt 
war, wurde meine Erinnerung nicht klar, eS fanden stch Lücken 
in meinem Gedächtnisse, ich konnte mich nicht mehr genau auf 
den Weg meiner nächtlichen Flucht besinnen, ich wußte nicht, 
ob ich einige Stunden wirklich geschlafen Hatte oder förmlich 
sinnlos gewesen war. Besonders marterte ich mich vergebens 
ab, mich zu erinnern, daß ich den losgehenden Schuß gehört 
hatte. In allen Verhören hatte man mir von der Pistole ge- 
sagt, sie sei abgeschossen gefunden worden. Ich glaubte deß« 
halb, wirklich abgedrückt und in der Verwirrung mich selbst 
verfehlt zu haben, und doch wollte in meiner Erinnerung daS 
Gehörthaben deS Schusses nicht lebendig werden. Ich schob 
daS auf den Zustand der höchsten Aufregung, ich meinte, daß 
der entsetzliche Eindruck des StöhnenS, das ich gleich daraus 
gehört, den Eindruck deS losgehenden Schusses in mir ver- 
wischt hätte, aber immer kehrten meine grübelnden Gedanken 
auf jenen verhängm'ßvollen Augenblick zurück. Hatte ich wirk- 
lich abgedrückt oder nicht? Vorhin aber, als mein Vertheipi, 
ger die Geschichte jener Nacht erzählte, als sie mir nicht aus 
mir „selbst, sondern von außen her, aus anderem Munde vor die 
Seele trat, schoß mir der Gedanke durch den Sinn: „lst die 
Pistole auch wirklich abgeschossen?" Hier ist sie, untersuchen 
Sie sie, noch ist sie geladen. Dadurch aber bewahrheitet sich 
meine Aussage. Mit dieser Pistole ist demnach der Mord nicht 
geschehen. Eine andere habe ich nicht gehabt, also kann ich 
nicht der Mörder sein und jenes Stöhnen, daS mich verscheuch- 
te, rührte offenbar von dem ihm Todeskampfe liegenden Er- 
mordeten her, in dessen Nähe mich ein tückischer Zufall geführt 
hatte, nachdem daS Verbrechen schon vollführt war. 
Der Präsident nahm die Pistole zurück, man überzeugte 
stch, daß sie noch geladen, war. Da sie von dem Augenblick 
an, wo sie gefunden worden, in den Händen des Gerichts be- 
findlich gewesen, so konnte sie nicht später geladen worden sein. 
Der Präsident rief den Wirth, dem die Waffe gehörte, wieder 
vor. Dieser zog die Ladung heraus, untersuchte die Kugel u. 
erklärte dann, daS sei noch seine eigene Ladung, er erkenne das 
an der Kugel, welche drei kleine " Löcher habe, die durch eine 
Eigentümlichkeit seiner Kugelform absichtlich erzeugt würden. 
Er sprach sich ferner dahin auS, daß wenn die aufgezogene 
Pistole auS der Hand gefallen oder einige Schritte weggewor 
fen worden sei, leicht der Hahn hätte zuschnappen und daS 
Pulver von der Pfanne fallen können. Da die Pistole dem- 
nach abgedrückt und von dem Nachtthau verrostet gefunden 
worden, so hätte man ste leicht für abgeschossen nehmen können. 
Tiesey Umstand war günstig für Theobald, er entkräftete einen 
der Hauptbeweise gegen ihn, und ließ seine Aussage im Lichte 
der Wahrheit erscheinen. ES war allerdings eine Nachlässig 
keit, daß man die Pistole nicht genauer untersucht hatte. In- 
dessen war diese leicht zu erklären und zu entschuldigen. Man 
hatte die Pistole neben einem, durch einen Schuß getödteten 
Menschen gefunden, der Hahn und die Batterie an dem alten 
Feuerschlosse waren abgeschnappt, 'als wäre geschossen worden, 
die ganze Pistole war mit Rost überzogen: — die VermutKunA 
mit dieser Waffe sei der Schuß geschehen, lag so nahe, daß 
man die Pistole gewiß für abgeschossen hielt und sie nicht wei- 
ter untersucht hatte. 
Der Präsident besprach sich mit den Beisitzern des Gerichts 
einen Äugenblick, plötzlich rief eine Stimme aus den Zuhörern: 
„Herr Präsident, ich habe etwas zu sagen." Der Präsident 
schaute auf, die Stimme ließ sich weiter vernehmen: „etwas 
Wichtiges in Bezug auf die Verhandlungen." Der Präsident 
hieß den Sprecher vortreten und bald arbeitete sich ein Mann 
in mittleren Jahren durch die Zuhörer und trat vor den Tisch. 
Nachdem er den Zeugeneid abgelegt, erklärte er, er sei Kauf- 
Mann, der während der Badezeit einen Laden in *** zu halten 
pflege. Darauf bat er, ihm daS zerfetzte Hemd Theobalds zu 
zeigen, und nachdem er es einen Augenblick geprüft hatte, fuhr 
er fort: „ich habe mich nicht getäuscht, schon auS der Ferne 
glaubte ich das Zeug zu erkennen. Sämmtliche Stücke dieses 
Musters habe ich in der Fabrik aufgekauft und zu Hemden 
verarbeiten lassen. Der Angeklagte Theobald kann dieß Hemd 
nur bei mir gekauft haben." 
Theobald bestätigte dieß und gab an, er hätte drei solcher 
Hemden kurz nach seiner Ankunft in *** gekauft, da ihm daS 
Muster besonders gefallen habe. 
(Schluß folgt.) 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: Dr. Rudolf Schädter. 
Kornpreise vom Fruchtmarkt in Bregenz vom 14. Mai. 
Der halbe Metzen 
beste 
mittlere 
geringe 
fl 
kr. 
fl. 
kr 
fl. 
kr. 
Korn ..... I 
3 
40 
3 
15 
3 
05 
Roggen . . . . 
2 
80 
2 
60 
2 
50 
Gerste . . . . . 
2 
70 
2 
50 
2 
30 
j Türken .... 
2 
80 
2 
50 
2 
20; 
[ Hafer 
1 
70 
1 
60 
1 
50 * 
Thermometerstand nach Reannmr in Baduz. 
| 
Monat 
Morgens 
7 Uhr 
Mittags 
12 Uhr 
Abends 
6 Uhr 
Witterung. 
Mai 12. 
+ 6 
+ Wi 
+ 15 
hell 
„ 13. 
+ 10 V2 
+ 18 
+ 16 
> 
*n 
„ 14 
+ 9% 
+ 18 5/2 
+ 17 
v 
„ 15. 
+ 9 V2 
+19 
+ 17% 
* 
„ 16. 
+ 11 
+20% 
+ 18 
u 
„ 17. 
+ 12 % 
+20 
+14 3 /4 
fast hell 
„ 18. 
+13% 
+20 
+ 16 
halb hell. 
Telegrafischer Kursbericht von Wien. 
19. Mai Silber 102.55 
20-Frankenstücke 8.89 
Druck von Heinrich Graff in Feldkirch.
        

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