Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/83/
glückSsignale verstanden worden wären, eine große Anzahl 
hätte gerettet werden können, und schlägt vor, auf eine inter- 
nationale Gesetzgebung hinzuwirken, welche daS Schießen an 
der Küste außer zum Zwecke des Hülferufs untersagt. 
* Die ^BaSl. Nachr." erzählen folgenden Vorgang: Letz- 
ten Samstag gegen 5 Uhr Nachmittags spielten mehrere Kin- 
der an der Thurgäuer Straße; ein neunjähriges Töchterchen 
schaute unterm Fenster deS dritten resp. vierten Stockwerks ih- 
nen zu. Nun die unten rufen ^Chom au aba l" Darauf die 
kleine Zuschauerin: „Selli grad abe jucke?" Die unten: „Ja, 
seh' darfst'Sl Gesagt gethan: sie zielt auf einen kleinen Sand- 
Haufen und fällt zum Glücke richtig auf denselben auf — und 
bleibt regungslos da liegen. — Lauter Aufschrei der Kinder 
und der zusammenlaufenden Nachbaröleute, die glaubten, das 
Kind als Leiche aufbeben zu müssen. Nach wenigen Minu- 
ten jedoch kehrte die Besinnung der Kleinen zurück und ejne 
geringe Hautabschürfung war die ganze böle Folge deS ver 
wegenen Sprunges. 
* Neue Art Freigepäck auf der Eisenbahn. 
(Wörtlich wahr.) Schaffner (auf einen etwa 10 jährigen 
Jungen deutend): Der Junge hat doch wohl ein Billet für 
sich? — Vater: Nee, wir, meine Frau und ich, haben doch 
wohl mindestens 50 Pfd. Gepäck frei. — Mutter: Und 50 
Pfund hat er noch nicht, denn wir haben ihn erst kurz vor 
der Abfahrt gewogen. 
* In Würzburg starb dieser Tage ein 37 jähriger Mann, 
der so dick war, daß man den Sarg nicht in den Leichenwa- 
gen brachte, sondern eigens nach dem Friedhof tranSportiren 
mußte. Bei dem Begrabnisse konnte der Sarg seiner Schwere 
wegen — der Verstorbene wog bei Lebzeiten — 3 Ctr. 86 
Pfd. — nicht getragen werden und so erfolgte die Einsegnung 
gleich am Grade. 
Der Spieler. 
AuS den Erinnerungen eines Arztes. 
Ätitgetheilt von Roderich Benedix. 
(Fortsetzung.) 
Mit großem Scharfsinn suchte der Redner dann nachzu- 
weisen, daß beide Angeklagte, durch Spielverlust dazu getrieben, 
sich zu dem Verbrechen verbündet hatten. Theobalds Anwesen- 
heit an dem Orte deS Verbrechens sei durch sein eigenes Ge- 
ständniß festgestellt. Die AuSrede mit dem beabsichtigten Selbst- 
mord könne ihrer auffallenden Künstlichkeit wegen keinen Glau- 
den" verdienen. DaS Stückchen Kattun in der Hand deS Er- 
mordeten sei offenbar von .dem Hemde TheobalvS abgerissen 
und dies beweis« unwiderleglich, daß der Angeklagte mit dem 
Ermordeten sich im Kampfe befunden habe. Der Zusammen- 
hang der Begebenheiten nach der That sei klar und offenbar. 
Theobald, dessen Kleidung im Kampfe mit dem Ermordeten 
zerfezt uns mit Blut besteckt worden, habe mit diesen Anzeichen 
seiner That sich nirgends sehen lassen dürfen, ohne Verdacht zu 
erregen. Deßhalb habe er sich in einem abgelegenen Thale ver- 
steckt gehalten, während Friedhelm, der Genosse seines Verbre- 
chenS, sich mit dem Raube entfernt habe, um diesen in Sicher- 
heit zu bringen und für Theobald andere Kleider zu besorgen. 
Für jeden Unbefangenen sei die Sache klar. " Man könne von 
Anfang an den Zusammenhang des Verbrechens verfolgen, von 
dem Augenblicke an, wo der Vorsatz in der Seele der Thäter 
entstanden sei, durch alle Zeitpunkte der Ausführung hindurch. 
Nirgends sei da eine Lücke, eine Dunkelheit. 
Der Vortrag des Staatsanwalts war klar und lichtvoll, 
und wirklich sah man daö Verbrechen in seiner ganzen Ent- 
Wicklung von Anfang bis zu Ende vor sich liegen. 
Hierauf erhielt der Vertheidiger Friedhelms das Wort. Er 
führte zunächst aus, paß sein Klient weder am Orte deS Ver 
brechens noch sonst wo gesehen worden sei, daß an und bei 
ihm keine Spur deS verübten MordeS gefunden worden. Die 
Art und Weise, wie Friedhelm Uhr u. Tuchnadel deS Ermor- 
Veten erworben habe, fand er sehr einfach und rechtlich. Er 
behauptete', eS sei ein allgemeiner Gebrauch leidenschaftlicher 
Spieler, daß sie Kostbarkeiten einsetzten, wenn sie ihr Geld ver- 
loren hätten. Zwar könne sein Klient keine Zeugen stellen, die 
daS behauptete Spiel gesehen hätten, indeß' sei dieser Umstand 
leicht erklärlich. In einem Badeorte wechsle die Bevölkerung 
unaufhörlich, und leicht möchten die Zeugen jenes Spiels nach 
wenigen Tagen abgereist sein, ohne daß man sie ausfindig 
machen könne, da man ihre Namen nicht wisse. In einem 
Badeorte verkehrten ja viele Menschen miteinander, ohne sich 
weiter zu kennen. Wäre Friedhelm an dem Verbrechen bethei 
ligt, so müßte er ein verschmitzter Gauner sein. Allein damit 
reime eS sich nicht zusammen, .daß'er wenige Tage nach dem 
Verbrechen, in einer nahe gelegenen Stadt, die Uhr und Tuch- 
navel habe verkaufen wollen. Ein verschmitzter Mensch würde 
gewußt haben, daß er dadurch leicht Verdacht auf sich lenken 
könne. So aber habe Friedhelm gar nicht geahnt', daß der 
Englander, von dem er Uhr und Tuchnadel gewonnen habe, 
und jener Ermordete, von welchem alle Zeitungen gesprochen, 
ein und dieselbe Person seien, und arglos habe er die Kostbar- 
keiten als sein wohlerworbenes Eigenthum veräußern wollen. 
Diese VertheidigungSrede machte offenbar einen günstigen 
Eindruck. In der That lag gegen Friedhelm nichts vor. als 
der Besitz jmer Uhr und Tuchnadel, und die Art und Weise, 
wie er beides erworben haben wollte, war nicht unglaublich, 
besonders da der Engländer ein leidenschaftlicher und unbeson- 
nener Mensch gewesen war. Daß Jemand am Mittag AlleS 
verliert und wenige Stunden darauf bedeutende Summen ge- 
winnt, ist ein Glückswechsel, der bei dem Spiele häufig vor- 
kommt und nichts Unwahrscheinliches hat. 
Jetzt erhielt der Vertheidiger Theobalds daS Wort. Er 
legte großen Nachdruck auf die Unbescholtenheit seines Klienten 
vor seinem Spielverluste, er schilderte dann mit vieler Wärme 
den Seclenzustand deS Unglücklichen, der ihn zum Selbstmorde 
treiben mußte, und nach seiner warmen Schilderung erschien 
die ganze Erzählung Theobalds gattz natürlich u. wahr. Der 
Venheiviger hätte die Ueberzeugung ver Geschworenen imjd der 
Zuhörer auch sicher für Theobald gewonnen, wenn die Pistole 
und das Stückchen Kattun nicht gewesen wäre. Allein daß der 
Zufall gewollt habe, Theobald sei ^an dem Ort des Verbre^ 
chenS gewesen, um sich zu erschießen und habe in dem wich- 
tigstett Augenblicke die Pistole, durch ein Stöhnen erschreckt, 
fallen lassen, klang seltsam; daß der Zufall gewollt habe, der 
Mörder sei mit einem Hemde desselben Musters, wie das The- 
obaldS bekleidet gewesen, klang noch seltsamer. Daß beide Zu- 
fälle zusammengewirkt haben sollten , war nahezu unglaublich. 
Und doch wußte der Vertheidiger für diese Umstände eben keine 
andere Erklärung zu geben, als den Zufall. 
Als er geendet hatte, fragte der Präsident die Angeklagten, 
ob sie noch etwas zu ihrer Vertheidigung zu sagen hätten. 
Ich hatte während der ganzen Verhandlung beide scharf 
im Auge behalten und ihr Benehmen, ihre Gesichtszüge beob- 
achtet. Friedhelm hatte fortwährend seine ruhige, bescheidene 
Haltung bewährt, erschien seiner Freisprechung gewiß zu fein. 
Theobald jedoch war niedergebeugt und unruhig, man sah ihm 
an, daß er sich die größte Mühe gab, seine innere Aufregung zu 
beherrschen. In dem Augenblicke jedoch, alS sein Vertheidiger 
schilderte, wie er die Pistole angesetzt habe, um seinem Leben 
ein Ende zu machen, war er zusammengezuckt, alS ergriffe ihn 
ein plötzlicher Gedanke. Von da an war er immer unruhiger 
geworden und als jetzt der Präsident fragte, ob er noch etwas 
zu sagen habe, stand er auf und bat man möchte ihm die Pi-
        

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