Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/79/
er stak in einer Pelz-Muffe. An derselben war auch, ein Zet- 
te! mit der Inschrift: „Munter, aufgeweckt und noch ganz un- 
verdorben; kaut noch nicht einmal Tabak." 
* Statistische Berichte weisen nach, daß Frankreich Tag 
für Tag 180 Millionen Zündhölzchen abnutzt und für dieses 
Vergnügen, wovon unsere Vorväter mit ihrem Stahl und 
Stein und Zunder und Schwefelfaden nicht die leiseste Ahnung 
hatten, alljährlich dem Staate noch 35 Millionen Fr. Steuern 
bezahlt 
* Amtlicher Styl. Der TempS veröffentlicht folgenden 
Satz aus dem Erlasse eines MaireS im Departement de la 
Creuse: „Die wüthenden Hunde, die eS noch nicht sind, wer- 
den hiemit aufmerksam gemacht, nicht ohne ihren Maulkorb 
auszugehen, weil den. Eigentümern angezeigt ist, daß sie von 
den Feldhütern niedergeschlagen werden." 
* Der Bahnzug, welcher früh um halb 6 Uhr von Leit- 
meriz nach Prag abgeht, stand am Ostertage 'bereit. Die 
Passagiere warteten mit Ungeduld und peinlicher Erregung des 
Moments, wo sie ein Billet erhalten würden, mittelst dessen 
sie an das Ziel ihrer Wünsche gelangen könnten. Aber lange 
war dieseö Warten vergebens. Schon pfeift die Maschine in 
der Aussicht, leere Gagen nach sich ziehen zu müssen. Da 
stürzt der Billeteur unter die aufgeregte Menge vor die Kasse 
und ruft: „Meine Herrschaften, i bitt, fohrenS halt ohne Kar 
ten, i Hab mein Schalterschlüssel verloren." ^ 
* Vor einigen Tagen machte der Fischer Stork von Ueber- 
lingen im Bodensee einen glücklichen Ftfchzug; er fing nämlich 
am jenseitigen Ufer mittelst des Netzes einen Riesenhecht von 
1% Ztr. Gewicht,3^ Fuß Lange und 2 Fuß Umfang; 
nebstdem einen Hecht von 8 Pfd. und einen Kretzer von 2V 2 
Pfd Ersterer Fisch wurde von Hrn. Löwenwirth Appert in 
Ueberlingrn für 1t fl. gekauft und befindet sich nun in dessen 
Fischteich, um dereinst die Tafel zu zieren. 
Bei der jüngsten Schwurgerichtssitzung in Posen hat sich 
ein interessanter Fall ereignet. Ein zum Geschwornen einbe- 
rufener Kaufmann aus Schrimm hatte ein „EnibindtmgSge- 
such" eingereicht und dasselbe damit motivirt, daß er wirklich 
zu dumm sei, um den Verhandlungen folgen zu können. So- 
wohl der Gerichtshof als der Staatsanwalt erachteten diese 
Selbsterkenntniß so hoch, daß sie dem originellen Gesuche in 
der That Statt gaben. 
* Tie Einrichtung mit der Taubenpost in Moskau ist 
so weit gedieden, daß nach einer Anordnung der Militärbehörde 
in diesem Sommer alle wichtigen Depeschen während der Ue- 
bungen und Manöver der im UebungSlager bei Moskau ver- 
sammelten Truppen durch Vermittlung von Brieftauben zver- 
sandt werden sotten. Die im August und September vorigen 
JahreS mit den Moskauer Brieftauben angestellten Flugver- 
suche haben herausgestellt, daß die durchschnittliche Flugfchnellig- 
keit dieser geflügelten Boten anderthalb Minuten per Werst 
(1066 Meter) beträgt. 
Der Spieler. 
Aus den Erinnerungen eines Arztes. 
Mitgetheilt vjo» Roderich Benedix. 
(Fortsetzung.) 
Der Präsident richtete noch mehrere Fragen an den Ange- 
schuldigten, dieser blieb in allen Stücken bei seiner Erklärung. 
DaS Zeugenvcrhör begann.' 
Die Gerichtspersonen, welche den Ort deS Verbrechens un 
tersucht hatten, machten die erste Aussage. Der Körper deS 
Ermordeten hatte auf einer kleinen freien Stelle in dem sonst 
überall dichten Gebüsche gelegen, unfern einer steinernen Bank. 
Die Hände deS Leichnams waren krampfhaft geschlossen gewe- 
sen, in der einen Hand hatte sich ein Stückchen feingeßlümten 
Kattuns befunden. Die abgeschossene Pistole war fünfzehn 
Schritt von der Stelle, wo der' Leichnam lag, in einem fchma- 
len Fußsteige, der nach jener Bank führte , gefunden worden. 
Sie war von der Feuchtigkeit deS ThaueS mit frischen Rost- 
flecken überzogen. 
Die Pistole lag auf dem Tische deS Gerichts — sie war 
seitdem noch mehr verrostet. 
Die zweite Aussage machte der Arzt, welcher den Leichnam 
secirt hatte. Der Ermordete war durch einen Schuß getödtet. 
Die Kugel war durch den Hals durch und durch gegangen 
und hatte eine Arterie verletzt. Der Tod war durch Verblu- 
tung erfolgt. Der Ermordete konnte noch eine halbe Stunde 
gelebt haben, nachdem er den Schuß erhalten. Die Weste 
des Ermordeten war gewaltsam aufgerissen. Der Arzt folgerte 
daraus, daß der Mörder sein Opfer beraubt und daß zwischen 
Beiden ein kurzer Kampf stattgefunden habe. Bon diesem 
Kampfe müsse auch das Stückchen Kattun herrühren, daß in 
der Hand des Getövteten befindlich gewesen, wahrscheinlich habe 
er dieses Stückchen Kattun von der Kleidung seines Mörders 
abgerissen. 
Der Präsident ließ hierauf ein auf dem Tische bestndli- 
cheS Hemd vorzeigen. ES war daS Hemd Theobalds, daS 
dieser trug, als er verhaftet wurde. Der ganze vordere Theil 
deS HemdeS war zerfetzt, mehrere Stücke herausgerissen. DaS 
Muster des kattunenen Hemdes und deS Stückchens Kattun, 
das in der Hand des Leichnams gefunden worden, war ge 
nau dasselbe. * 
Der Präsident befragte Theobald über diesen Umstand, 
und sprach die Meinung aus, Dieses gewaltsame Zerreißen 
des HemdeS rührte doch wahrscheinlich davon her, daß der 
Verwundete seinen Mörder im letzten Todeskampfe gefaßt und 
ihm so seine Kleider zerfetzt habe. 
Theobald erklärte das Zerrissenseyn feineS HemdeS durch 
deu Umstand, daß er im halben Wahnsinn durch Dornen und 
Büsche gekrochen sei. Auch die übrigen Theile der Kleidung, 
in der er verhaftet worden, trugen Spuren von Zersetzung. 
Der Präsident machte die Geschworenen darauf aufmerk- 
sam, daß daS Hemd Blutflecke hätte, und fragte den Ange- 
klagten, wie er diese erklare. 
Theobald erwiederte: die Dornen, die seine Kleider zer- 
fezt, hätten auch setju Haut zerrissen. 
Der Arzt, der ihn untersucht hatte, bekundete in der 
That, daß Theobald kleine Narben von Rissen, die von Dor- 
nen herzurühren schienen, im Gesicht, an der Brust und den 
Händen habe. 
Der Präsident machte Theobald auf den Umstand auf- 
merksam, daß jenes Stückchen Kattun, in den Händen des 
Leichnams gefunden, und daS Hemd deS Angeklagten von 
demselben Muster sei. 
Theobald wußte diesen Umstand nicht zu erklären. Hier 
müsse ein sonderbarer Zufall obwalten. 
ES traten jetzt nach einander mehrere Badegäste als Zeu- 
gen auf. Alle erinnerten sich, Theobald mehrmals, unter An- 
dern auch am Spieltische gesehen zu haben. Einzelne hatten 
auch bemerkt, daß er unglücklich gespielt hatte. Auch den 
andern Angeklagten, Friedhelm, wollten Einige am Spieltische 
gesehen haben. Den Ermordeten hatten Alle genauer gekannt. 
Drei dieser Zeugen bekundeten übereinstimmend und mit siche 
rer Ueberzeugung, daß der Ermordete am Abend vor seinem 
Tode ungewöhnlich glücklich gespielt habe und daß er mit ei- 
ner bedeutenden Snmme in Gold und Papier, die er gewon- 
nen, und in heiterster Laune davon gegangen sei. Nachdem 
er den Spielsaal verlassen, war er von Niemanden mehr ge- 
sehen worden. 
Der Präsident rief hier die Gerichtsbeamten wieder auf. 
Diese bekundeten, daß die Taschen deS Ermordeten völlig leer 
gewesen seien — nur in der Westentasche hatte sich ein klei- 
neS Briefchen gefunden.
        

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