Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/78/
sen. Am Abende desselben TageS zogen eine große Menge 
von Studenten vor Don Alsonfo'S Villa und nur nach lan- 
gem Zureden von Seite des Dekans Ettingshausen entschloß 
sich der Zug zum Rückmärsche in die Stadt. 
Ernstlicher gestaltete sich die Sache an den folgenden Ta- 
gen. Tausende von Menschen hatten sich auf den Straßen 
vor der Villa Don Alfonfo'S versammelt. ES mußten Hußa- 
ren requiriert werden, welche versuchten, die schreiende und to- 
bende Menge zu entfernen. Vergeblich blieb jede Aufforderung, 
die Antwort waren Steinwürfe. Da die aufgebotene Mann- 
schaft zu schwach war, mußte Infanterie zu Hilfe gerufen 
werden. Nur mit großer Anstrengung gelang eS die Massen 
zu zerstreuen. Von dem Civile sind bereits zahlreiche leichte 
und schwere Verwundungen bekannt. 
Es ist traurig und empörend, daß derartige Insulte nicht 
bloß einem Manne, sondern auch einem Weibe gegenüber vor- 
kommen können und zwar noch inszeniert von den „Jüngern 
der Wissenschaft." Die „Kölner Zeitung" bemerkt übrigens 
in dieser Hinsicht, daß die Studenten dieser Hochschule auch 
nicht annähernd jene Leistungen auf dem Felde der Wissenschaft 
aufzuweisen haben, wie auf dem deS RanvalS, und einen Com- 
ment führen, der an deutschen Universitäten kaum seines Glei 
chen hat. 
Der Kaiser von Oesterreich, der gegenwärtig in Dalmatien 
und Hen benachbarten Provinzen weilt und von der Bevölker 
ung uberall mit großer Freude empfangen wird, wird am 15. 
d. MtS. von seiner 1 ! / 2 Monat andauernden Reise nach 
Wien zurückkehren. 
Frankreich. Die französischen Blätter geben sich viel 
Mühe aus der gegenwärtigen Stimmung Frankreichs den 
Frieden zu beweisen. Die „Revue des deux Mondes" schildert 
in ibrem neuesten Maiheft den heutigen Zustand der franzö- 
sifchen Stimmung in folgenden beredten Sätzen die wohl etwas 
zu optimistisch gehalten zu sein scheinen. 
„Die Fremden, welche Frankreich gern der Unwissenheit u. 
Leichtfertigkeit zeihen, begehen selbst auffallende Mißgriffe in 
ihren Urtheilen über unser Land. Augenscheinlich stehen sie 
noch unter den Eindrücken einer früheren Zeit. Sie scheinen 
an ein Frankreich zu glauben das aufgewühlt, unruhig, ganz 
den Parteileidenschaften überantwortet oder von der Ungeduld 
der Rache verzehrt und stets bereit sei sich in die Revolution 
oder in den Krieg zu stürzen. Sie können sich kein ruhiges 
Frankreich vorstellen, kein Frankreich das für alle Aufregungen 
mit denen man eS betäubt ziemlich gleichgültig, daS bescheiden 
und gefaßt in seinem Leben der Arbeit, entschieden seinett Ge- 
schaften zugewandt ist, mit einem Wort: sie können sich nicht 
daS wirkliche Frankreich vorstellen, wie eS heute ist und wie eS 
dieEreignisse hinterlassen haben. Dieses neue Frankreich kennen 
viele Ausländer nicht, sie sehen eS von ferne, richten eS fort- 
während nach falschen Gerüchten, selbstsüchtigen Zeugnissen 
oder phantasievollen Correspondenzen, indem sie ihm Absichten 
und Vorbedacht aller Art zuschreiben. Wenn die. welche so 
leichtfertig von unferm Lande sprechen, eS ein wenig in voller 
Aufrichtigkeit und ohne Voreingenommenheit studieren wollten, 
fp würden sie gar bald wahrnehmen, daß sich seit Mehreren 
Jahren eine tiefe Umwandlung vollzieht, und daß Frankreich 
niemals weniger geneigt gewesen ist auf Abenteuer, weder die 
der Revolution noch deS Kriegs, auiSzugehen, daß eS endlich 
nur eine geprüfte Nation ist, welche einzig ihre innere Sicher- 
heit und den äußern Frieden sucht. Ja, mit etwas Billigkeit 
und Einstcht würden die Ausländer, welche nicht gerade in den 
hohen Komödien der Diplomatie eine Rolle spielen, die wahre 
Natur der Arbeit, welche Frankreich betreibt herausfinden, und 
sie würden begreifen, daß bei dieser inneren Wiederaufrichtung, 
welche alles arbeitsvoll macht, bei dieser Reorganisation unserer 
Kräfte, welche man manchmal zu entstellen beliebt, eS nichts 
gibt, was nicht eine Bürgschaft für die Interessen deS Friedens, 
für den Frieden der Welt wäre. In Wahrheit darf man sehr 
ruhig sein ; die Besucher, Fürsten oder einfache Touristen, kön- 
nen nach Paris kommen, sie werden auf ihrem Wege nicht 
diese Kavalleriemassen finden, welche teutonische Luchse im An- 
marsch gegen die Grenze gesehen haben; sie werden nicht die 
geringste Spur einer Aufreizung oder Verschwörung entdecken; 
sie werden die soziale Gefahr in den Polemiken der Blätter, 
ganz und gar nicht in den Straßen sehen. Sie werden 
eine Nation finden, welche stets wohlwollend, der Täuschungen 
müde und bereit der Ruhe sich zu erfreuen die man ihr läßt 
und ziemlich wenig geneigt ist Feuer zu fangen, weder für die 
Generalräthe, deren Sitzungen eben zn Ende sind, noch für 
die Nationalversammlung, deren Sitzungen nun wieder beginnen 
werden, noch für die angeblichen Zwistigkeiten im Kabinet u. 
für die Gesetze, welche man vorbereitet, noch für die monoto- 
nen Manifeste der legitimistischen Presse, oder für die letzte 
Rede deS Herrn Gambetta selbst. Die Ordnung im Innern 
und der Friede nach außen, dieß ist die doppelte und unwan- 
delbare Bedingung, welche sich heute Frankreich auferlegt, alleS 
was eS wünscht und die Fremden täuschen sich ebenso sehr, 
wenn sie überall Ungeduld der Revanche, KriegSvorbereitungen 
erblicken, als wenn sie in dem kleinsten Zwischenfall unserer, 
parlamentarischen Geschäfte daS Zeichen naher Umwälzungen 
erblicken." 
Wie das „N. Wiener Tagblatt" berichtet, stünde Lulu ein 
Stiefpapa in Aussicht. Die Fama will wissen, die Exkaiserin 
fei im Begriffe, sich mit einem englischen Lord zu verehelichen. 
Als besonderes Kennzeichen des Schwärmers wird angegeben, 
daß er das drittgrößte Vermögen in England besitze. 
Spanien. ES ist nun ein Vierteljahr verflossen seitdem 
auf dem Kriegsschauplatz im Norden eine größere Aktion nicht 
stattgefunden hat. Zn Madrid hatte man diesen Stillstand der 
großen Operationen theilS gewünscht, theilS für nöthig gehalten; 
letzteres um erst der Armee neue Kräfte zuzuführen ; erstereS 
um den Eindrücken, welche die Thronbesteigung Don Alfonsos 
und dann daS Unternehmen EabreraS auf die Stimmung der 
karlistischen Bevölkerungen und Truppen üben könnten, die 
nöthige Zeit zu lassen um sich geltend zu machen und sich zu 
entwickeln. Die angeführten Ereignisse sind zwar nicht ohne 
alle Wirkung geblieben, doch haben sie im großen und ganzen 
die Lage auf dem alten Punkte gelassen. Unter diesen Um- 
ständen mußte der Gedanke die Operationen wieder kraftig auf- 
zunehmen, von selbst sich aufdrängen und eS heißt nun auch 
wirklich, daß dieselben in kurzem wieder beginnen sollen. Am 
Orio und an der Arga, in Gnipuzkoa und in Navarra soll 
zugleich gehandelt werden, während Loma in das Innere Biz- 
caya'S vordringen soll Die Aushebung hat der Regierung 
etwa 30,000 Mann neue Truppen zugeführt. Bon der an- 
dern Seite hat der Telegraph gemeldet,'daA Don Carlos feine 
Generale nach.Vergara zu einer wichtigen Berathung berufen hat. 
In ihrem bisherigen Stande können weder die Karliften noch 
die RegierungStruppen länger verharren. 
Asten. Der heurige Winter ist auch in China und Ja- 
pan eln sehr strenger gewesen. In einzelnen Gegenden lag 
der Schnee 15—20 Schuh hoch, eS kamen zahlreiche TodeS- 
fälle durch Erfrieren vor und auch sonst war der angerichtete 
Schaden ein recht bedeutender. In Aamahata-Ken stürzte das 
Dach einer Lehranstalt während den Unterrichtsstunden unter 
der Schneelast ein und sämmtliche anwesende Zöglinge kamen 
dabei umS Leben. 
Verschiedenes. 
* Ein New-Aorker Kaufmann hatte eine Bekanntmachung 
erlassen, daß er einen munteren, aufgeweckten Jungen in sei- 
nem Geschäfte brauche. Am Abend klingelte eS an seiner 
Thür und als er heraustritt, findet er einen solchen, 11 Tage 
alt, in einem Körbchen. Der Junge war sorgfältig eingehüllt. 
        

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