Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/71/
um 4 Uhr in Eiron (Zndre). Ich bin der Anficht, die zweite 
Erhebung hatte wieder eine bedeutende Höhe erreicht. 
Gaston Tissandier. 
* Bau-Maschine. DaS Wichtigste, was uns die letzte 
Zeit aus Amerika gebracht hat, ist eine Backsteinmaschine, 
welche die Arbeit deS MaurerS ersetzen soll. Die Backsteine 
werden in Kasten hineingegeben, deren Boden Klappen find; 
diese werden in einem bestimmten Tempo zurückgeschoben, wo- 
rauf je ein Stein an seinen Platz fällt, vorher ist aber schon 
durch ein Rad mit ähnlichen Vertiefungen Mörtel zugelassen 
und mit einer Kelle auf die betreffende Stelle ausgearbeitet 
worden. Mr Erfinder dieser Maschine ist Frank in New- 
Bork. Ueber deren Leistungsfähigkeit verlautet noch nichts. 
Jedenfalls ist ein Anfang gemacht und wenn die Sache in 
richtiger Weise fortgeführt wird, so werden wir, sagt „Ar- 
beitgeber," eS noch erleben, daß Häuser statt in einem Vier- 
teljahre in einer Woche per Maschine gebaut werden. 
* Entsetzliche Selbstmorde kamen in Paris in der letzten 
Zeit wieder vor. Eine junge Mutter erhängte sich vor wem- 
gen Tagen in Gegenwart ihrer Kinder, denen sie kein Brod 
mehr zu verschaffen im Stande war, indem sie die Kleinen 
bedeutete: sie wolle ihnen „ein neues Spiel zeigen!" Und 
heme wird erzählt daß ein armer Schuster, entschlossen aus 
Elend seinem Leben ein Ende zu machen, ein entsetzliches 
Mittel ersann um die „Mildthätigkeit auf seine armen Kinver 
zu lenken". Er lud ein Pistol, kniete vor seinem sechsjährig 
gen Knaben nieder und befahl diesem „zum Scherz" loSzu- 
drücken, zwischen die beiden Augen auf seine Stirn zu zielen. 
Und daS Kind zerschmetterte den Schädel seines eigenen Va- 
terS. Solche Gräuel geschehen inmitten der feinstea Civilisa- 
tion, unter der Aegide der vielgepriesenen socialen Ordnung, 
unter dem Schutz einer milden, gefügigen, „conservativen" 
Republik! 
Der Spieler. 
AuS den Erinnerungen eines Arztes. 
Mitgetheilt von Roderich Benedix. 
(Fortsetzung.) 
Gegen Abend kehrte ich zurück. ES war wieder lebendig 
von Lustwandelnden und die Ermordung deS Engländers, noch 
immer der Gegenstand der Unterhaltung, wie ich mit leichter 
Mühe erkannte, denn die Vorbeigehenden sprachen laut und 
eifrig. Endlich traf ich einige Bekannte und blieb bei ihnen 
stehen. Diese theilten mir mit, daß die Behörden eine unge- 
meine Thätigkeit entwickelt hätten, um dem Urheber der Unthat 
auf die Spur zu kommen, überhaupt Licht in den dunkeln Vor- 
fall zu bringen. Bis jetzt hatte man aber noch keine Spur 
gefunden. Ein einziger Umstand hatte sich herausgestellt, der 
eine Handhabe für Nachforschungen zu bieten schien. Als man 
nämlich die abgeschossene Pistole näher ansah, fand eS sich, daß 
dieselbe dem Wirth deS Gasthofs gehörte^ in welchem der Eng- 
länder gewohnt hatte. Dieser Wirth hatte die Pistole auch alS 
die seinige anerkannt und angegeben, er habe immer zwei ge- 
ladene Pistolen über dem Bette hängen, von denen die gefun- 
dene eine sei. Wie dieselbe aber zu der Leiche deS Ermordeten 
gekommen, wollte er nicht wissen. Der Wirth war ein unbe 
scholtener, wohlhabender Mann, den niemand eines Verbrechens 
fähig hielt — auch diese Spur schien demnach nicht weit zu 
* führen. 
Während wir noch sprachen, entstand plötzlich ein Lärm, 
ein Zusammenlaufen. Wir gingen der Gegend deS Auflaufs zu 
und bald eilten einige Leute an uns vorüber mit dem Ausruf: 
„ste haben ihn, sie bringen den Mörder!" Wir blieben stehen, 
der zusammengelaufene Haufen öffnete sich und wir erblickten 
bald zwei Landreiter, die einen Gefangenen in ihrer Mitte führ- 
ten. Nie werde ich den Anblick dieses Unglücklichen vergessen. 
Seine feine, elegante Kleidung war in höchster Unordnung u. 
stellenweis zerrissen, sein Haupt war unbedeckt, die Haare hin- 
gen ihm wüst um die Schläfe. Den Blick auf seine gefesselten 
Hände gesenkt, ging er zwischen seinen Wächtern und nur zu- 
weilen hob er einen Augenblick den Kopf, daß man sein tobten- 
bleiches Geficht sehen konnte. Mir kam dieses Gesicht bekannt 
vor, ich konnte mich aber im Augenblicke nicht entsinnen, wo 
ich eS gesehen hatte. Die Menschen verliefen sich nach und 
nach, auch ich ging nach Hause, um meine Sachen für meine 
Abreise deS andern TagS zu packen. 
AlS ich in den Saal des Gasthofs zum Abendessen her- 
unter kam, war begreiflicherweise von nichtS als von Er- 
eigniß deS TageS die Rede. Man beschäftigte sich jetzt vorzüg- 
lich mit der Person deS jungen Mannes, der als muthmaßl i- 
cher Mörder verhaftet worden war So viel stellte sich im Ge- * 
spräche nach und nach heraus, daß .dieser junge Mann seit 
einigen Tagen in dem Badeorte anwesend gewesen war. Weh- 
rere hatten ihn oft und unglücklich spielen sehen. Ich entsann 
mich jetzt auch, daß mir sein Gesicht am Spieltische aufgefallen 
war. Andere wollten wissen, daß er am Abend vorher unge- 
wöhnlich stark gespielt u. sehr viel verloren habe. Auch wußte 
man, daß er mit dem Engländer in einem Gasthofe gewohnt 
hatte. Die Vermuthung, daß Verzweiflung über den Spielver- 
lust den jungen Mann zu einem Raubmorde getrieben, ergab 
fich fast von selbst. Die Landreiter hatten ihn auf einsamen 
Waldwegen getroffen, er hatte versucht, sich vor ihnen zu ver- 
bergeu, auf. ihr Anrufen war er geflohen und hatte dadurch 
den Verdacht gegen sich erst recht hervorgerufen. AlS ihn die 
Landreiter eingeholt, hatte er unzusammenhängende, verwirrte 
Antworten gegeben, immer von Erschießen gesprochen und sich 
anfangs seiner Festnehmung wie rasend widersetzt, ^so daß eS 
den Landreitern nur mit Anwendung von Gewalt gelungen 
war, ihn festzunehmen und ins Gefängniß zu bringen. 
DaS war eS , was ich von der unglückseligen Geschichte 
erfuhr. In der Frühe des andern Morgens reiste ich ab und 
noch Tagelang lag mir daS Ereigniß im Gedächmiß, bis ich 
es nqch und nach vergaß. 
Einige Monate nach diesen Vorfällen führte mich der Zu- 
fall wieder durch *** Der Badegäste waren weniger gewor- 
den'^ denn der Herbst begann schon sich nach und nach anzu- 
kündigen. AlS ich die Stadt von fern erblickte^ trat mir die 
Geschichte des Mordes, die ich fast vergessen hatte, wieder recht 
lebendig vor die Seele, doch bald sollte ich noch mehr an sie 
erinnert werden. Kaum im Gasthofe abgestiegen, erfuhr ich, 
daß TagS darauf die Verhandlungen wegen jenes Verbrechens 
vor den Geschworenen beginnen sollten. Ich beschloß sogleich, 
meine Weiterreise um einen Tag zu verschieben und der Ge- 
richtSsitzung beizuwohnen. 
Mit Mühe nur erhielt ich am andern Morgen einen gu- 
ten Platz im Gerichtssaale, der zum Ervrücken voll war von 
Neugierigen, welche der merkwürdiges RechtSfall herbeigelockt 
hakte. Die Verhandlungen begannen wie gewöhnlich mit der 
Bildung deS GeschwornengerichtS und ver Vereidigung dessel- 
ben. Dann wurden die Angeklagten hereingeführt. Ich war 
erstaunt, zwei Angeklagte zu sehen, da ich nur von einem 
wußte, auf dem dringender Verdacht lastete. Der Anklageakt 
ward verlesen. Er begann mit der Erzählung deS Thatbestan- 
des, er berichtete, wie der Engländer erst vermißt, dann er- 
schlagen aufgefunden, wie der erste Angeklagte (er mag Theo- 
bald heißen) unter verdächtigen Umständen verhaftet, wie man 
später bei dem zweiten Angeklagten (dieser mag Friedhelm hei- 
ßen) Uhr und Tuchnavel deS Ermordeten gefunden habe und 
er dadurch der Theilnahme an dem Verbrechen verdächtig fei. 
Die Slnklage gegsen beide Angeschuldigte lautete dann auf ge- 
meinschaftlichen Mord mit Vorbedacht. 
DaS Benehmender beiden Angeklagten war während die- 
fer Vorlesung sehr verschieden. Tbeobald saß mit innerer Auf-
        

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