Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/7/
Die schwarze Dame. 
Novellette 
von 
Rosenthal-Bonin. 
Wein Freund Laver Bronner war ein eigenthüml icher 
Mensch. Groß, breitschultrig, von mächtigem Körperbau, hatte 
er ein markiges scharfgezeichnetes Gesicht, einen wahren Ur 
wald dichter schwarzer Haare und gleichfarbige buschige Au- 
genbrauen, die seiner ganzen Physiognomie etwas Düsteres, 
Leidenschaftliches gaben. Einen angenehmen Kontrast hiezu 
bildeten seine überaus ruhigen tiefbraunen Augen. Man konnte 
stch in diese stillen Tiefen gar keinen Funken von Leidenschaft 
hineindenken, und wirklich, der Grundcharakter dieseS Man« 
neS war eine seltene Abwesenheit jeder Leidenschaft. Dise 
Eigentümlichkeit hatte sich auch seiner Haltung mitge- 
getheilt; im Gegensatz zu seiner Gestalt, die zur Ueberwin- 
dung gewaltiger Hindernisse, zu großen Kämpfen geschaffen 
schien, trug er sich, als ob sowohl fein Körper wie seine Seele 
ihm ein ganz unnöthiger Ballast wären, und eS viel vernünf 
tiger sein würde, wenn er überhaupt nicht auf diesem Erdkör- 
per herumschlenderte. Von früher Jugend an elternlos, wurde 
er von seinem Großvater, einem reichen Londoner Kaufmann, 
in einer Pension reichlich unterhalten, besuchte daS Gymnasium 
und stand gerade vor dem Abiturienten'Examen, als der Groß- 
vater starb und ihm die Kleinigkeit von 60,000 Pfund hin 
terließ. Er nahm die Nachricht mit einem melancholischen Lä- 
cheln aus, machte gleichmüthig dag Examen, besuchte die Uni- 
versität, studirte in allen vier Fakultäten herum, las viel, schrieb 
wenig und zeichnete sich aur durch Gleichgiltigkeit und ein ge- 
legemlich joviales Wegwerfen von Geld aus. Arme Bursche, 
die an sein Herz appellirten, unterstützte er gerne und zeigte 
recht oft Blitze eines höchst liebenswürdigen drolligen HumorS. 
So entschieden er die Mädchen floh, umsomehr folgten ihm 
deren Blicke, und auffällige Aufmerksamkeiten hübscher Blond- 
köpfe erwiederte er meist mit einem Lächeln, daS zu sagen 
schien — „Mach' Dir nur keine Mühe!" — 
So vergingen vier Jahre, die wir in derselben UniversitätS- 
stadt zubrachten. Während dieser ganzen Zeit habe ich nie be- 
merkt, ^ daß er etwas mit besonderem Eifer erstrebt Hütte, wohl 
aber, daß er sehr bemerkbar einen Gegenstand vermied, näm- 
lich Kirchhöfe und Alles, was mit dem Begrabenwerden in 
Verbindung steht. Wenn er vielleicht doch eine Leidenschaft 
hatte, so war eS dieses ängstliche Pestreben, Allem, was nur 
im Entferntesten an den letzten Akt unseres LebenSdrama'S 
erinnert, auszuweichen. Trotzdem fehlte eS ihm durchaus nicht 
an Muth, dem Tode, wenn eS sein mußte, gerade und kühn 
in'S Auge zu sehen. AlS einst ein Tobsüchtiger auf der Straße 
mit einer schweren eisernen Stange auf alle ihm Begegnenden 
einschlug, schon einige lebensgefährlich verwundet hatte und 
Niemand ihm entgegenzutreten getraute, sprang Laver, der ge- 
rade des WegeS daherkam, auf ihn zu und enlriß ihm die 
Stange, nahm sie hinauf in seine Wohnung und stellte sie zu 
seinen Spazierstöcken. 
Meinez Studienzeit war abgelaufen. Ich verließ die Stadt 
und Laver, der mich feines launenhaften Umgangs gewürdigt 
hatte. Ich hatte meinen ehemaligen Studienfreund gänzlich 
aus dem Gedächtniß verloren, da erhielt ich, eö mochten wohl 
zehn Jahre vergangen sein, auS dem Norden Frankreichs fol- 
genden wunderbaren Brief von dem seltsamen Kameraden. 
Ronen, den 7. Februar 1857. 
„Ich habe die feste Zuversicht, daß diese Zeilen Dich noch 
am Leben finden, denn wer sollte bei dem gemäßigten Drosch- 
kenpferdetrab deS europäischen Lebens nicht lächelnd noch 
seine Urenkelchen auf den Kopf pätfcheln — und ganz be 
sonders Du mit Deinem Uhrwerksleben. Mich hat die Ge- 
mächlichkeit, das stete sichere Einerlei, die gesetzmäßige Be- 
Häßlichkeit, die breite stets gut unterhaltene Chausse deS eu- 
ropäischen Daseins in die Welt hinauSgetrieben^ Ich habe 
mich mit dem Eisbär am Nordkap herumgejagt; am Chim- 
borasso habe ich meine Beine auf meiner freien Lagerstätte 
sehr eifrig gegen einen Condor vertheidigt; daS Beduinen- 
leben im arabischen Sande habe ich gründlich durchgekostet 
und in Bolivia mich zur besseren Verdauung von Erdbeben 
recht niedlich schütteln lassen, bin abe» zuletzt doch wieder 
zurückgekehrt zu den ungestörten Fleischtöpfen der wohler- 
haltenen alten Hausfrau Europa. Man bekommt eben 
AlleS satt — den Reiz deS Außergewöhnlichen habe ich bis 
zur Hefe ausgeschöpft und meine tüchtigen Kräfte aufge- 
rüttelt und nicht ohne Nutzen verbraucht. — Denke Dir, 
zwei Jahre lange habe ich nichts weiter gethan, als ein 
von Tigern geplagtes indisches Dorf von zweiundzwanzig 
dieser Bestien befreit. Dafür genieße ich denn auch dort 
wahrhaft göttliche Verehrung. Wer von Euch hat solches 
erreicht bei seinen Retorten und Akten? — Jetzt aber, wo 
mir die vierziger Jahre nahe vor der Thüre stehen, will 
ich in größter Seelenruhe mir alle Behaglichkeit der Civili- 
sation angedeihen lassen. Zu diesem Zwecke habe ich nach 
vielem Umhersuchen endlich ein Plätzchen gefunden. Meiy 
HauS ist fertig; mein Garten beherbergt manch seltenes 
Pflänzchen, und ich habe die größte Mühe, mir die Schu- 
len der ganzen Provinz vom Leibe zu halten. Dich aber, 
alter Kamerad, möchte ich gerne 'mal bei mir sehen. - Gleich- 
zeitig mit diesem Briefe habe ich schon ein Eisenbahnbillet 
für Dich in B. bestellt, Du brauchst also gar nichts weiter, 
als Dich in den Zug zu setzen und Dich in sechsunddreißig 
Stunden fast bis vor meine Thüre schleppen zu lassen. Ich 
habe dieses Zwangsverfahren angewendet, weil ich die feste 
Ueberzeugung habe, daß Du sonst nicht kämest." — 
Ts traf sich glücklicher Weise, daß ich Ferien hatte. DaS 
Obertribunal genoß die Julihitze in häußlichen Aktenstudien, 
und ich alS ewig unbesoldeter Assessor packte schleunigst meine 
sieben, wirklich nur sieben Sachen und dampfte meinem glück- 
lichen spleenbehafteten Freunde entgegen. 
Die Normandie ist ein eigenthümlicheS Land. Nach dem 
Meer zu in stark zerklüfteten Felsen abfallend, wo ftetS eine 
starke Brandung den buntgefärbten Sandstein tosend mit 
Schaum umsäumt, ist im Uebrigen das Ländchen ohne Felsen 
und höhere Berge. Prächtiges Grün; wellenförmige Vertie- 
fungen mit schmucken Ortschaften darinnen, auf den Höhen 
Schlösser mit schönen Waldungen dahinter; größere Städte, 
ein bedeutender schiffbarer Fluß, rauschende Bäche, industrielle 
Etablissements und über all diesem ein kräftiger Sonnenschein 
mit frischer Seeluft bildeten den Gefammtcharakter der Land- 
schaft. Ländliche Stille neben stark gewerblichem Treiben. 
Eine schöne, idyllische und doch dabei pikante Schönheit der 
Natur. Zu diesem eine Stadt wie Rouen, daS Ziel meiner 
Reise, historisch berühmt, alterthümlich interessant in ihrem Kern 
und in ihren modernen Theilen mit allem LuzuS und aller 
Verfeinerung der Neuzeit ausgestattet Wahrhaftig der Ge- 
schmack meines Freundes hatte sich unter Tigern und Löwen 
merkwürdig fein ausgebildet. 
Ihn selbst fand ich äußerlich wenig verändert; einige weiße 
Linien in seinem dichten schwarzen Haar abgerechnet und ei- 
nige Schmarren in dem stark gebräunten Gesicht, zeigte nichts 
das zehnjährige Abenteurerleben, das mein Freund unter allen 
Himmelsstrichen geführt. Sein Auge fand ich lebhafter als 
früher, feine Haltung war nicht mehr so lässig und gleichgil- 
tig; er war etwas korpulent geworden und bewegte sich ganz 
mit den Manieren eines jovialen, reichen, hochgebildeten Ren- 
tierS in seinem Schmuckkästchen von HauS u«d in seinem mit
        

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