Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/68/
unendlich, besonders Vergnügen , ^daS man sich nicht erwirbt, 
das sich immer von selbst darbietet. Wenn für die arbeitenden 
Menschen daS Vergnügen Erholung und Anregungsmittel zu 
neuer Thätigkeit ist', so entbehren die Menschenj, die nur dem 
Genüsse leben, dieses Anregungsmittels. Daher tritt bald Ueber- 
druß und Langeweile ein, und Menschen, die nur genießen u. 
nicht schaffen, werden bald mißmüthig, deS Genusses unfähig, 
und bedürfen immer neuer Anregung, neuer Reizmittel, wollen 
sie vergnügt sein. In den Badeörtern ist nun auch dafür ge- 
sorgt — leider ist dieses Mittel ein trauriges — eS ist daS 
Spiel. Die Erklärung, warum in Bädern so viel und so lei- 
denfchaftlich gespielt wird, liegt einfach in den angeführten Um- 
ständen. DaS Spiel ist das Anregungsmittel für die vom 
NichtSthun und dem steten Vergnügen ermüdeten, gelangweil» 
ten Menschen. 
Die Zeit, welche ich für dey Aufenthalt in *** verwenden 
konnte, war bald verstrichen, ich mußte an die Abreise denken. 
Am letzten Tage meineS Aufenthalts ging ich früh am Tage 
schon auS, noch einmal wollte ich die herrliche Gegend durch- 
wandern, noch einmal mich ergötzen an den schönen Aussichten 
von den verschiedenen Bergen herab und sie meiner Einbil- 
dungSkraft fest einprägen, um die lieblichen Bilder in der Er- 
innerung zu bewahren. Als ich durch den Park ging, der um 
die frühe Morgenstunde immer belebt ist von wandelnden Ba. 
degästen, welche den Brunnen trinken, bemerkte ich eine unge- 
wohnliche Unruhe unter der Gesellschaft. Während sonst AlleS 
aneinander vorbeiwandelte, sich flüchtig grüßend, bildeten sich 
heute hier u. da Gruppen, die lebhaft mit einander sprachen. 
ES mußte etwaS Ungewöhnliches vorgefallen fein. Ich erkun- 
digte mich und erfuhr sogleich, daß der Lord P. .. seltsamer 
Weise vermißt werde. Er war die ganze Nacht nicht nach 
Hause gekommen, waS er noch niemals getban, seine Diener- 
schaft hatte keine Weisung von ihm erhallen und war feinet- 
wegen in großer Unruhe. Sein Haushofmeister hatte schon 
überall herumgefragt, allein niemand wollte den Lord bemerkt 
haben. Einzelne erinnerten sich, daß er den Abend vorher 
gegen 10 Uhr den Spielsaal verlassen hatte, seit dieser Zeit 
war er von niemanden gesehen worden. 
Dieser Lord P... war eine auffallende Erscheinung in 
dem Badeorte. Im Besitze eineö ungeheuern Vermögens lebte 
er auf großem Fuße und verschwendete bedeutende Summen, 
waS natürlich Aller Aufmerksamkeit auf ihn zog. Namentlich 
war er ein leidenschaftlicher Spieler. Er spielte hoch und mit 
dem abwechselndsten Glücke. Hatte er mehrmals die Bank ge 
sprengt und große Summen gewonnen, so war ihm daS Glück 
zu anderen Zeiten so ungünstig gewesen, daß er AlleS verlo- 
ren hatte. In solchem Falle war er immer mehrere Tage 
nicht öffentlich erschienen, biS er frische Geldsendungen bezo- 
gen und mit gewohnter Verschwendung wieder auftreten konnte. 
Um diesen Mann drehte sich daS Gespräch der Badewelt 
an diesem Morgen. Während leichtsinnige junge Leute lachend 
behaupteten, irgend ein geheimes Abenteuer würde den Lord 
wshl die ganze Nacht festgehalten haben, fürchteten Andere, 
eS möchte ihm ein Unglück zugestoßen sein. Leider war die 
Furcht der Letztern nur zu begründet. Während ich noch hier 
und dahin horchend bei den verschiedenen Gruppen vorbeiging, 
kamen vom Ende des ParkeS ein paar junge Leute in großer 
Eile und offenbarerBestürzung daher, welche ihren Bekannten 
die Worte zuriefen: ,^er Lord ist gefunden, er liegt ermordet 
im Birkengrunde!" Wie ein Hagelschauer schlug diese Nach- 
richt in die ganze Gesellschaft ein und verwandelte die sonst 
heitere, lachende Stimmung der Badewelt in> Bestürzung. 
Der Mord ist etwas Entsetzliches, so daß er, wo er vor- 
kommt, Schrecken und Grauen verursacht. Und tritt etwas 
so Entsetzliches in eine Gesellschaft, die wirklich oder scheinbar 
nur deS Lebens heitere Seite kennt, so ist die Wirkung , um 
so größer. In der That schauderte auch ich zusammen bei 
dieser Nachricht. Von einem Menschen, den man wenige 
Stunden.zuvor in voller Lebenskraft, ja im Vollgenusse deS 
LebenöglückeS gesehen hat, zu erfahren, er sei auS dem Leben 
geschieden, obendrein gewaltsam, durch Mord geschieden, hat 
etwaS UeberwältigendeS. 
Nachdem der erste Schrecken bei der Gesellschaft vorüber 
war, trat Neugier an dessen Stelle. Man wollte das Nähere 
wissen, wollte wissen, wo und wie, aus welchen Gründen die 
That geschehen, wer der Mörder sei. Man fragte, man er- 
kundigte sich, jeder Neuhinzutretende wußte ein neues Gerüchts 
eine neue Vermuthung. Endlich ward der Leichnam deS Er- 
mordeten hereingebracht. Von den Personen, die ihn beglei- 
teten, erfuhr man, der Leichnam habe eine Schußwunde. A5e- 
nige Schritte von ihm sei eine abgeschossene Pistole gefunden 
worden. Jedoch habe diese so weit von dem Leichnam gele- 
gen. daß an einen Selbstmord nicht gedacht werden könne. 
Ueberdieß fei der Todte beraubt worden, weder Brieftasche, 
noch Geldbörse, noch Uhr oder Schmuck hatte man an ihm 
gefunden. Nach dieser Auskunft zerstreuten sich die Badegäste 
und der Park ward leerer. Meinem Vorsätze getreu besuchte 
ich noch einmal alle die schönen Plätze der Umgegend, doch 
hatte mich der Vorfall des Morgens derart verstimmt, daß 
ich meine Heiterkeit nicht wieder gewann. 
(Fortsetzung folgt.) 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: Dr. Rudolf Schädler. 
Korupreise vom Fruchtmarkt in Bregenz vom 9. April. 
Der halbe Metzen 
beste 
mittlere 
geringe 

si 
kr. 
fl 
fr. 
fl- 
kr. 
Korn ..... 
3 
40 
3 
15 
3 
05 
Roggen .... 
2 
80 
2 
60 
2 
50 
Gerste . . . . . 
2 
70 
2 
50 
2 
30 
Türken .... 
2 
80 
2 
50 
2 
20 
Hafer 
1 
70 
1 
60 
1 
50 
Thermometerstand.nach Reaumur in Vaduz. 
Monat 
Morgens 
7 Uhr 
Mittags 
12 Uhr 
Abends 
6 Uhr 
Witterung. 
April 14 
- % 
+ 7 
+ 6 
hell; Reif 
„ 15. 
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+ 8% 
+ 5 
fasthell „ 
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+ 4 
+ 9 
+ 7 
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+ 9% 
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+ 3 
+ 13 
+ 11V2 
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+ 5 
+ 14 
+12 V2 
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„ 20. 
+ 6 
+ 16% 
+ 14 
it 
Telegrafischer Kursbericht von Wien. 
21. April Silber 103.40 
20-Frankenstücke 8.88 
Druck von Heinrich Graff in Feldkirch.
        

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