Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/67/
zerstreuten Anhängern und Emissären unterhalten. Die Re- 
gierung würde ohne Zweifel sehnlichst wünschen den Genera- 
len die mit so lautem Geschrei geforderten Verstärkungen an 
Mannschaft und Kriegsmaterial zu schicken, aber die Leere der 
Staatskassen macht es ihr unmöglich hinreichende Streitkräfte 
auf die Füße zu stellen, und so zu organisiren daß sie im 
Stande wären die earlistische Armee von der französischen 
Gränze, ihrer Operationsbasis, abzuschließen. Man begreift 
leicht daß diese Sachlage der spanischen Regierung große Ver- 
legenheiten bereitet, und wie sehr die Staatsmänner dieses 
Landes eine noch wirksamere Betätigung zur Unterstützung 
in dem Kampfe den sie zu bestehen haben, von Seiten der 
französischen Regierung zn erlangen wünschten. Aber dem 
französischen Cabinet wäre eS trotz des guten Willens, von 
dem eS gegen Spanien beseelt, nicht leicht möglich mehr zu 
thun als bisher ohne die Schranken seiner Verbindlichkeiten 
und Pflichten zu überschreiten. Unsere Gränze wird einer 
unausgesetzten Bewachung unterzogen, die alle Schliche derer 
die sie umgehen wollen zu Schanden macht; alle Nachrichten 
welche die spanische Regierung interefsiren, werden ihr mitge- 
theilt sobald sie zur Kenntniß der französischen Behörde ge- 
langen; wenn man aber weiter gienge, könnten daraus Ver- 
Wicklungen entstehen die vor allem sorgfältig zu vermeiden 
Pflicht der französischen Regierung ist. Wir dürfen bedau» 
ern und bedauern ganz ernstlich, daß njcht alle Hoffnungen 
in Erfüllung gegangen sind zu welchen die Thronbesteigung 
deS jungen Königs Don Alfonfo berechtigte: aber niemals 
werden wir der französischen Regierung rathen sich irgendwie 
in die Angelegenheiten der Halbinsel zu mischen. 
Verschiedenes. 
England. Einen Selbstmord eigenthümlicher Art verübte 
dieser Tage ein ausgedienter Soldat in Warrington. Unter 
dem Vorwande sich zu wärmen, erhielt er Zulaß in ein Back- 
hauS, und während der Abwesenheit deS Bäckers legte er sich, 
nachdem er Rock und Weste abgelegt, in einen großen Trog, 
in welchem ein flüssiger Teig angerichtet war. Er versank in 
demselben und erstickte. Nach langem Suchen wurde er als 
Leiche aus dein Teig hervorgezogen. 
* Zürich Die Gemeindeversammlung WädenSweil nahm 
den Antrag deS GemeinderatheS auf Genehmigung deS mit der 
Nordostbahn geschlossenen Vertrages betreffend Übernahme deS 
Baues u. Betriebes der Eisenbahn WädenSweil-Einsiedeln durch 
diese Gesellschaft mit 344 gegen 26a Stimmen an. 
— Für die größern Bauten in u. um Zürich herum wer- 
den in neuerer Zeit französische Sandsteine auS der Gegend 
von Lyon verwendet, die gesägt und zugerüstet von Arbeitern 
aus Süvfrankreich verbaut werden. Die Zürcher Architekten 
sagen, daß sie dabei ihre Rechnung besser finden. 
* Thurgau Vorletzten Mittwoch gegen halb 2 Ubr 
Nachmittags wurden die Einwohner ArbonS durch ein sonder-- 
hareS Glockengeläute von ihrem alten Kirchthurm in Aufregung 
versetzt. Man eilte sogleich in den Thurm, um nach der Ur- 
fache dieses unzeitigen LäutenS zu sehen. Ein Insasse des dor 
tigen Waisenhauses, NamenS I. Metzger, hing am Glocken-- 
seile; er wollte nicht mehr länger WaisenhäuSler bleiben und 
suchte seinem Leben ein Ende zu machen Er wurde noch le- 
bend vom Strange abgelöst und in sein .bisheriges Domizil 
zurückgeführt. Des andern TageS sprang Metzger, der sich'S 
nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, seinem Leben ein Ende 
zu machen, aus dem Fenster deS Hauses auf die Straße. In 
Folge des Sturzes starb er kurze Zeit darauf. 
* Postwefen. Schon längere Zeit handelte eS sich um 
Einführung einer wichtigen neuen Einrichtung im Postrpesen, 
welche vom schweizerischen Poftdepartement berathen worden 
ist und den Zweck hat, die Postverwaltung alö Vermittlerin 
für den Einzug von Forderungen jeder Art den Gläubigern 
zur Verfügung zu stellen. Es sind dieS die EinzugSman- 
date, die mit t. April definitiv in Kraft treten sollen. Der 
BundeSrath hat am 27. März das Reglement darüber festge 
stellt. Nach demselben steht eS jedem Gläubiger frei , eine 
beliebige.Forderung, sowohl in der Schweiz, als in Deutsch- 
land, durch die Post einziehen zu lassen. DaS Maximum tu 
neS Einzugsmandates ist für die Schweiz aus 500 Fr und 
im Berkehr mit Deutschland auf 150 Mark oder 87'/ 2 fl. 
festgesetzt. Enveloppen und Formulare sind bei den Postver* 
waltungen zu beziehen DaS Mandat wird an die Poststelle 
deS Wohnortes des Schuldners adresstrt, das von der Post 
einkassirte Geld wird dem Mandanten mittelst gewöhnlichen 
PostmandateS zugesandt. Für den Fall, daß etwa die Ein- 
zahlung durch den Schuldner nicht erhältlich wäre, kann der 
Mandant weitere Verfügungen auf die Rückseite deS Formu- 
larS notiren, wie Zurücksendung des Mandates, oder Zustellung 
an eine dritte Person zum richterlichen Einzug deS Betrages, 
zum Protest u. s. w., dem Mandat können die Belege für 
die Forderungen^ Rechnungen. Wechsel u. f. w. beigelegt wer 
den Der Mandant kann auch bestimmen, ob daS Mandat 
einmal oder zweimal müsse vorgewiesen werden. Ist darüber 
gar nichts bemerkt, so wird die Post daS Mandat nach der 
zweiten vergeblichen Vorweisung dem Mandanten zurücksenden. 
* Eine moderne Dichterin zeichnet die herrschende Gewinn- 
sucht unserer Zeit mit folgendem Verse: 
Wenn Adam und Eva noch weilten 
Auf Erden und wären sich hold — 
Den Apfel, in den sie sich Heilten, 
Nähm Adam nur, wenn er von Gold. 
Der Spieler. 
AuS den Erinnerungen eines ArzteS. 
Mitgetheilt von Roderich Benedix. 
Im Jahre 18.. war ich in dem Badeorte ***. AuS 
allen Ländern Europa's befanden sich Badegäste da und in 
buntem Gewimmel trieben sich Engländer u Franzofen, Russen 
u. Belgier, Deutsche u. Holländer durch einander. DaS Leben 
in einem Badeorte macht einen eigenthümlichen Eindruck. In 
andern Srävten steht man fortwährend den Verkehr deS TageS, 
daS Geräusch deS thätigen Lebens. Die Menschen, welche über 
die Straße gehen', haben meistens Geschäfte, 'jeder geht rasch 
am Andern vorbei, nur mit seinen Gedanken beschäftigt, man 
beachtet sich gegenseitig nicht, man eilt mit flüchtigem Gruße 
an Bekannten vorüber. Wie anders in Badeorten! Hier denkt 
niemand an Erwerb, an Arbeit, an Geschäft; die Sorgen deS 
TageS sind den Badegästen fremd. Wenige sind so krank, daß 
sie ihr Leiden zur Schau tragen, die meisten sind bei wirklichen 
oder eingebildeten Uebeln doch so frisch auf den Beinen, daß 
sie Gesunden sehr ähnlich sehen, viele besuchen auch den Bade- 
ort nur zum Vergnügen. In einer dieser Art zusammengesetz- 
ten Gesellschaft scheint denn auch daS Vergnügen der Haupt 
zweck zu sein, um den sich alles Thun und Treiben dreht — 
ein Badeort hat auch an den Wochentagen das Aussehen, wel- 
ches andere Städte etwa Sonntags haben, wo die Geschäfte 
ruhen; man könnte sagen: . in einem Bade ist eS alle Tage 
Sonntag. 
Für den ruhigen Beobachter bietet daher ein Badeort im 
Anfang viel Anregendes. DaS bunte Gewimmel von Menschen 
aller Nationen ergötzt und fesselt den Blick. Doch nur im An- 
fange. Wo nur daS Vergnügen herrscht, entsteht zuletzt eine 
ungemeine Eintönigkeit. Mit Recht sagt der große Dichter: 
„Alles in der Welt laßt sich ertragen, 
Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen." 
Immer Vergnügen und nur Vergnügen ermüdet auf die Länge 
V
        

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