Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/6/
seinen Ahnen, ein treuer Vertheidiger der Rechte deS heiligen 
Stuhles sein werde. 
Wie der „GaüloiS" vom 2. Jänn. meldet, Haider König der 
Belgier an Don Alfonso folgendes Beglückwünschungötelegramm 
gerichtet: „An Seine Majestät Alfonso X!!., König von Spanien. 
Eure Majestät kennt meine liebevollen Gefühle für Sie. Ich 
bege die innigsten Wünsche für Ihr Glück und für die lange 
Dauer Ihrer Regierung. Leopold." Aehnliche Glückwünsche 
sollen von dem König von Portugal und mehreren andern 
gekrönten Häuptern eingegangen sein. In der Diplomatie 
glaubt man allgemein, daß die Anerkennung der neuen Regie- 
rung seitens sümmtlicher europäischen Machte dem Einzug deS 
jungen Königs in Madrid auf dem Fuße folgen werde. Ge- 
stern Nachmittags um 5 Uhr erhielt Don Alfonso von seinem 
Marineminister MarqueS de MolinS die telegraphische Anzeige, 
daß daS Flottengeschwader von Cartagena Befehl erhalten 
habe in See zu gehen und den jungen König in Marseille 
abzuholen. Der Minister selbst wird diese Flottille befehligen, 
Alfonso XII. soll in Valencia landen und, ehe er stch nach 
Madrid begibt, den Armeen deö Centrums und deS Nordens 
eiuen Besuch abstatten. CanovaS del Castitlo und die übri< 
gen Mitglieder der Regierung, sowie der zum Gouverneur von 
Madrid ernannte Herzog del Sesto, sollen den jungen Mo- 
narchen in der Hauptstadt erwarten. In der nächsten Beglei- 
tung Don Alfonso's werden sich sein erster Adjutant Oberst de 
BelaSco, der ehemalige Minister Elduayen, der Marquis de 
Pidal und andere bewährte Anhänger befinden. Die Ex-Kö- 
nigin Jsabella bleibt selbstverständlich bis auf weiteres im 
Auslände, deßgleichen gilt eS für entschieden, daß der Herzog 
von Montpenster auS Rücksichten der hohen Politik dem neuen 
König nicht nach Spanien folgen wird. In Paris versichern 
die Bonapartisten, daß Don Alfonso für seine Person ganz 
entschieden mit dem kaiserlichen Prinzen sympathisire, mit 
welchem er noch am Tage vor seiner Abreise von England zu- 
sammen gespeist habe; auf alle Fälle dürfte es aber noch eine 
Weile dauern, ehe der junge König von Spanien in die Lage 
kommen wird auf die Geschicke Frankreichs irgendeinen auch 
nur indirekten Einfluß zu üben. 
Heute Nachmittags um 3 Uhr begab sich das gesammte 
Personal der spanischen Botschaft, den Geschäftsträger Hrn. 
Hernandez y Gorrita an der Spitze, nach dem Hotel Bast- 
lewski um dem König Alfonso seine Huldigungen darzubringen. 
Auf die Ansprache deS Hrn. Hernandez erwiederte der junge 
König: er gebe sich über die Schwierigkeit seiner Aufgabe 
keinen Täuschungen hin, aber gedenke sich mit den fähigsten 
und klügsten Männern aller alten Parteien zu umgeben, und 
er hoffe mit dem Beistande der Armee alle Hindernisse zu über- 
winden und den Frieden in Spanien wieder herzustellen. „WaS 
ich wünsche," schloß Don Alfonso, „das ist der König aller 
Spanier zu sein." — Der „Liberte" versichert man, daß Don 
Alfonso noch von Paris aus das Dekret zur Einberufung der 
CorteS zu erlassen beabsichtige. 
Verschiedenes. 
Baduz, 5. Januar. In BalzerS hat sich am Schlüsse 
vorigen Jahres das Treiben einer abgefeimten Gaunerin ab- 
gespielt, die in ihrem Genre ihres gleichen sucht und wohl 
verdient, auch öffentlich besprochen zu werden. 
Eine gewisse Barbara Bösch auS Ebnat (Toggenburg) 
kam vor circa einem Vierteljahre nach BalzerS, logierte sich 
auf der „Post" ein und bald hieß eS im Dorfe: eine reiche 
Protestantin will katholisch werden. Unter dem sichern Deck- 
mantel deS scheinbar.religiösen Vorhabens wußte die Gaunerin 
jeden Verdacht fern zu halten und ihren Aussagen und ihrer 
Heuchelei Glauben zu verschaffen. An Zden Weihnachtsfeier 
tagen sollte der feierliche Uebertritt zur katholischen Kirche statt- 
finden. Da der Pfarrer deS OrteS aber, wie man hört, ver- 
dächtige Winke erhielt, so wurde von demselben die Feier ver- 
schoben, indem er sich vorher sichere Aufklärungen von Seite 
ihreS HeimatSorteS verschaffen wollte. Die Weihnachtsfeier- 
tage sollten aber dennoch eine besondere Weihe erhalten. Die 
Gaunerin veranstaltete nämlich „auS eigener Kassa" im Schul- 
hause eine ganz splendide Christbaumbescheerung an fämmtliche 
Schulkinder. Jedes Kind erhielt seine Gabe: Groß und Klein 
waren erschienen, um sich an der allgemeinen Freude zu er- 
götzen. Sprüche, Reden, Lebehochs zollten „der edlen Gönnerin" 
in würdiger Feststimmung den Dank der Gemeinde. — Drei 
Tage nach dieser Feier, eS war am Montag Abend d. 28. 
Dezember ging ein Frauenzimmer, dem Aussehen nach hoch 
in 30 Jahren, halb städtisch, halb ländlich gekleidet, eilig und 
reiserüstig über den Rhein, um für BalzerS unsichtbar zu 
werden. Ihr AeußereS bot nichts sehr Auffallendes; eine 
ziemlich hohe, etwas kräftige Frauengestalt, ein nicht gerade 
einnehmendes und auch nicht abstoßendes Gesicht, die GestchtS- 
züge selbst stark markirt, die hervortretenden dunklen Augen 
mit einem zeitweilig unstäten Charakter; die untere Zahnreih 
vollständig gut erhalten, die obere 'fehlte gänzlich. Wir ma- 
chen aus letzteres aufmerksam, da, wie man hört, die steckbrief. 
liche Bezeichnung von früher aus: „Gebiß vollständig erhalten" 
lautet. ES unterliegt daher wohl keinem Zweifel, daß die 
Gaunerin früher ein künstliches Obergebiß trug und dasselbe, 
alö sie die steckbriefliche Bezeichnung erfuhr, zur Sicherstellung 
ihrer Person nicht mehr benützte 
Die Gaunerin war also über dem Rheine verschwunden 
und am andern Tage, als die Affaire weiter ruchbar wurde, 
allgemeines Erstaunen und Entsetzen. Dazu kam noch an die- 
sem Tage die vom Psarramte gewünschte Aufklärung von dem 
HeimatSorte der Gaunerin. Mit einem Schlage, aber zu spät, 
enthüllte sich in fast mehr komischer als tragischer Weise daS 
Leben und Treiben und Endziel der abgefeimten Gaunerin. 
Die besagte Barbara Bösch war, wie man hört, schon ei- 
nigemale wegen Diebstahl im Zuchthaus gewesen, hatte schon 
einmal anderswo auf ähnliche Weise -die Convertierung ver> 
sucht und soll sogar einmal in einem Frauenkloster die hl. 
Firmung erhalten haben; nebenbei ist dieselbe im Besitze von 
3 unehelichen Kindern. Schon seit längerer Zeit steckbrieflich 
verfolgt wegen eines Diebstahles in Vorarlberg hatte die Gau- 
nerin den Weg nach BalzerS gefunden und diesen Platz zu 
ihrem Wirkungskreis während der Dauer eines Vierteljahres 
auserkoren. WaS die Christbaumbescheerung anbetrifft, so hatte 
die schlaue Diebin die Waaren auS der Schweiz beschickt und 
zwar auf Rechnung und im Namen ihrer Gastwirthin, obwohl 
diese kein Wort davon wußte. Werthvollere Sachen scheint 
sich die Gaunerin selbst reservirt zu haben. Unter Anderem 
hatte dieselbe schon vorher unter gleicher Namensfälschung sich 
ein weißeS seidenes Kleid mit langem weißen Schleier ange- 
schafft, das dann bei dem feierlichen Uebertritte zur katholischen 
Kirche zur Verwendung kommen sollte, und nebenbei darauf 
berechnet gewesm zu sein scheint, ihrem vorgeblichen Reichthume 
neue Stützen zu geben. Ihre vierteljährige Zeche, sowie, wie 
man hört, noch Baarschaft ließ die Diebin bei ihrer „raschen, 
unvorhergesehenen Abreise" mitlaufen. Unter dem Vorwande, 
bei dem Hebrn Pfarrer ihre Schriften genauer zu ordnen, 
hatte die Gaunerin den Heimatschein der Gastwirthin entlockt 
und damit ihren Geleitschein behufs sicherer Reise in Händen. 
Bis jetzt ist man der gemeinen Verbrechen«, die mit dem 
Heiligthume der Religion derartigen Mißbrauch getrieben, noch 
nicht habhaft geworden.
        

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