Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/42/
bleiben, immerhin aber müsse ihm zur Ehre angerechnet werden, 
daß seine Justizbehörden wenigstens versucht haben gegen den 
Stachel zu lecken. Im Gegensatz zu diM energischen Sprache 
befleißt sich die ^Nordd. Allg. Ztg." emer außerordentlichen 
Reserve, ob, wie sie angibt, wirklich auS dem Grunde weil sich 
fremden LändeS njcht zieme, oder ob etwa 
aÄ zarterRücksichtfürdaS Trifolium Wagener-Ober-Schufter, 
bleibe dahinstellt. Die „Börsenzeitung" ferner sagt: das 
Verdikt der Geschwornen sei erklärlich, da die juridischen Aus- 
führungen der Staatsanwaltschaft nur zu oft jene Klarheit 
vermissen ließen, welche bei dem im allgemeinen für nicht sehr 
hoch zu erachtenden Niveau der in diesem Prozesse fungiren- 
den Geschwornen die für die Beurtheilung deS Falles entschei 
denden Punkte mit zwingender Beweiskraft hätte hervortreten 
lassen. Auch die „Tribüne" sucht sich den Wahrspruch der 
Geschwornen aus der hohen Intelligenz und fachmannischen 
Wchktnntniß OfenheimS gegenüber den schwachen staatlichen 
Hrganen zu erklären, gesteht aber zu, daß, dieses „ Äichtschul- 
big" der AuSbeutungslust der Unternehmer freie Bahn biS zum 
Mußersten eröffne, utid die Schranken niederreiße welche man 
bisher gegen die Bereicherungssucht Einzelner in dem gelten- 
vett Landesrecht aufgerichtet glaubte. 
Her „Berliner Bötsenkourier" hingegen kann eS fachge 
mäß nicht unterlassen für die „saubere Sache" eine Lanze zu 
brechen indem er schreibt: „Das aus unabhängigen Männern 
Zusammengesetzte Volksgericht hat sein Verdikt dahin abgegeben: 
ein kühner (!) schöpferischer Unternehmer dürfe bei der Aus 
führung seiner Ideen auch den eigenen materiellen Vortuet! 
verfolgen, so lange Dritte nicht (?) in ihren Vermögensrechten 
geschädigt werden. DaS ist der Kern des am Sonnabend zu 
ALiett gesprochenen Nichtschuldig, und daö ist ein Rechtsprinzip 
dessen neue und laute Verkündigung auch bei dem verständigeren 
Theile der deutschen Bevölkerung ihren Wiederhall finden muß." 
Die „Kreuzztg" bemerkt hiezu mit Recht: daß, waS die Schä- 
digung von Dritten betrifft, auch der UrtheilSspruch selbst, der 
die Geschädigten auf die Zivilklage verweist, vaS Vorhanden- 
feitt einer solchen darthue, gegen die Suppostu'on aber daß 
auch unsere LandSleute Beifall rufen werden, wird sich jeder 
ehrliche Deutsche, der nicht zu den Börsenjobbern gehört, ver- 
Wahren. 
Italien. Der italienische Senat hat sich für die Beide- 
Haltung der Todesstrafe ausgesprochen. Der Justizminister 
griff persönlich in die Debatte ein, um dem Senat die Roth- 
wendigkeit der Beibehaltung, klar zu machen, wobei er na- 
mentlich auf die Sicherheitszustände in einigen Provinzen hin- 
wieS. Die Todesstrafe bleibt übrigens nur noch für wenige. 
Fälle: Königsmord, Vatermord, vorbedachter Mord und Raub- 
mord. 
England. Die Administration des WeltblatteS „TimeS" 
organisirt auf ihre Kosten einen besonderen Gisenbahndienst 
von London nach Edinburg zu dem ausschließlichen Zweck 
schneller Bedienung ihrer Leser. Der „ZeitungS-Zug" nimmt 
keine Reisende auf, sondern nur Angestellte deS BlatteS, welche 
auf der Fahrt den der Linie entlang plazirten Zeitung^ver- 
käufern und Verträgen, die entsprechende Zahl „Times" zu- 
werfen. Die Züge der andern Eisenbahnlinien brauchen von 
London nach Evinburg 15 % Stunden, der Timeö-Zug durch 
fliegt die Strecke in 13 Stunden. Dieser 2% Stunden 
Zeitgewinn halber legt sich die Administration der „Times" 
solch Ungeheure Opfer auf. 
Anterika. In den Vereinigten Staaten ist nicht wem- 
ger als eine MiMott Arbeiter und Arbeiterinnen brodlos, da 
es nichts für dieselben zu thun gibt. Ein volles Viertel da- 
von sind Eisenbahnarbeiter oder Kohlen- und Eisengruben- 
Arbeiter und andere Handwerker, die für ihr tägliches Brod 
auf den Eifenhandet angewiesen sind. „Für die Gejjenwar^ 
sögt ein Zeitungsbericht, hat die Welt ihren HuWe nach 
Eisen gestillt und eine zweite HnngerSnoth, wie die im Jahre 
1872, ist eine Unmöglichkeit. Die Lieferungsfähigkeit der Bi- 
senwerke der Welt übersteigt bei Weitem dii? gegenwärtigen 
Bedürfnisse". 
Verschiedenes. 
AuS der Rekrutenprüfung. Jüngst wurden in einer 
Schweizerstadt die angehenden Rekruten geprüft und ein Schul- 
inspektor hatte zu untersuchen, wie sie im Schreiben stünden. 
Er gab ihnen als Aufgabe das Thema, ihren Eltern nach 
Hause zu schreiben wie sie in der Kaserne angekommen, wie 
sie sich befinden zc. AuS diesen Briefen werden nun folgende 
Muster mitgetheilt: 
1. Lieder Matter und Futter; Ich bin nun in der GaS- 
renne und habe nur ein Bett mit Strauhsack welcher Euch 
grüßt. Euer Sohn. 
2 Morgen muß ich die Montaur anziehen, aber ich habe 
schon gemargert, weil ich keinen Herdopfel Stock mehr essen 
kann; sag doch dem Muetti, es soll mir die fünf Franken 
schicken, ich habe sie hinterm Abtrittrohr verborgen weil eS 
der Kari nicht zu weißen braucht. 
3. Ich konnte mich nicht frei machen, denn der Jnstruktor 
sagte, ein so großer starker Bengel könne schon dienst thun, 
schick mir jetzt die Unterhosen, denn ich brauche jetzt kein Bauch- 
weh mehr zu haben, wenn eS doch nichts nützt für dienst un- 
tauglich. 
4. In dem Miledärkurz ist eS nicht lustig, denn neben 
mir liegt einer aus B. im Bett der alle Abend faulen KäS 
ist und nur noch das Bett verstänkt. Grüße mir Hansen 
Betbli und sag ihm, ich wolle schon an JnnS tenken, wenn 
ich heimkomme, bringi ich im Züg zu einem Fürtuch, daß eS 
sich vor em Köbi nicht mehr zu schwämmen braucht. 
* AuS dem bayrischen Hochgebirge kommen sehr trübe 
Nachrichten über die Verheerungen, welche die fast beispiello- 
sen Schneemassen dieses Winters im Gefolge haben. Der ganze 
Wildstand ist jetzt ruiturt, alle Höhen und Thäler, Schluchten 
und Gräben liegen unter einer Schneedecke von 5 bis 20 
Fuß. Der Verlust an zu Grunde gegangenen, im Schnee 
begrabenem und noch täglich verendendem Wild läßt sich zur 
Zeit nicht einmal annähernd bestimmen. Weitere noch schlim 
mere Klagen werden aber über die in ihren Folgen weit ver- 
hängnißvollere und täglich zunehmende Abtreibung der in 
Privatbesitz übergegangenen Waldmassen deö bayrischen Hoch- 
gebirgeS erhoben und der dringende Wunsch ausgesprochen, 
daß die gegenwärtig wieder versammelte LandeSvertretung die- 
ser systematischen, die traurigsten Folgen für Land und Lewe 
nach sich ziehenden Waldverwüstung energisch entgegentreten 
möge. 
*Die Chinesen rebelliren gegen die Einführung der 
Nähmaschinen; so wurden in Honkong jüngst mehrere Schnei- 
der, die Maschinen zu benutzen anfingen, gemißhandelt und 
auS der Zunft verbannt. 
* Noch ein Brief aus der Rekrutenschule. „Lieber 
Feder, ich kahn eS gar nicht meer hausalten, bis ich wieder 
bei dir und der Frau Paß bin. Die Spatzen, die wir be- 
kohmen, sind ser klein und ich Hab imer Hunger, Schick mir 
voch von den Raukwürschten atliche und einen von VeterS 
Hammen, der Veter ist schon so gut, er ist ja sonst ein so 
lieber Veter, aber hänke ihn vorher noch ein Tag in daS 
Kämi, damit er dur und dur geräuchert wird. 
ES nimmt mich wunder wie es der braunen Stute geht, 
ob sie der Melcher meistern mag, sonst soll im nur die Katri 
helfen, aber er soll sie vorher am Bauch mit der Reitgerte 
schwach zwicken, sie wird fünft von dem mir immer zahm. 
Vorgestern Hab ich meine Schuh nicht gebuzt gehabt, da 
hat mir der Offenzier vom Tag zwölf Stund in das Loch 
thun lassen, aber ich Hab gleich wieder hinaus können, denn
        

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