Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/22/
Borwänden hinausgeschoben. Schließlich ist sie jedoch in die 
Enge getrieben worden und hat die befürchteten VerHand- 
lungen aufnehmen müssen. SS handelte sich dabei zunächst um 
die Entscheidung über einen vom linken Zentrum ausgehenden 
Borschlag, das sogenannte Projekt Dusaure oder Corne, wel- 
cheS in der Sitzung vom 28. v. M. mit großer Beredsamkeit 
und Mäßigung von Hrn. de Laboulaye vertheidigt worden 
war. Der erste Artikel dieses Projekts lautete, wie folgt: ,>Die 
Regierung der Republik besteht aus zwei Kammern u. einem 
Prästdenten." Der ganze Werth dieses Artikels liegt in dem 
Worte „Republik"; die Parteien der Linken glaubten nämlich 
die Anerkennung der Republik erzielt zu haben, wenn die Kam- 
mer einen Paragraphen annehme, in dem die Regierung von 
Frankreich unter dem Namen „Republik" bezeichnet sei. Wenn 
man sich die Sache bei Licht besteht, so handelt eS sich hier 
um eine jener Finessen, welche die heutige Nationalversamm- 
Iung mit besonderer Vorliebe anzuwenden scheint. Mac-Mahon 
ist zum Präsidenten der Republik ernannt worden und führt 
Uesen und keinen andern Titel. Wollte man schlicht und ehr- 
lich zu Werke gehen und sich nicht auf allerhand Spitzfindig- 
leiten einlassen, so würde man einfach sagen, daß der Präsi 
dent einer Republik eben nur an der Spitze einer Republik 
stehen kann, und daß Frankreich heute also einen republikani- 
sehen StaatSkörper bildet. Aber die monarchischen Kammer- 
Parteien erhoben jedeS Mal wildeS Geschrei, wenn die Linke 
diese Thatsache in irgend einer Weise feststellen wollte. Die 
gesetzliche Existenz der Republik wurde deshalb so oft in 
Frage gestellt, daß eS die Linke für gerathen hielt, die Ange 
legenheit noch einmal zur Sprache "und zum Abschluß zu brin- 
gen. Der Zweck des Projektes Dufoure war eS dieß zu er- 
reichen Die Nationalversammlung hat dieses Projekt mit 
einer Mehrheit von 23 Stimmen verworfen, und hat damit 
dekretirt, daß Frankreich, obwohl das Oberhaupt den Titel 
Präsident derRepublik führt, vorläufig noch nicht als Republik zu 
betrachten fei. Im übrigen ist gestern von dem Verfassungsprojekt 
des Dreißiger-AuSfchusseS der Art. 1 angenommen worden. 
Darnach besteht die gesetzgebende Gewalt aus zwei Kammern, 
und ist ein neues Wahlgesetz für die Abgeordnetenkammer eben^ 
so näheres betreffs der Zusammensetzung und ErnennungS- 
weise deS Senats vorbehalten. Mit der Annahme des ersten 
Artikels ist jedoch die Hauptschwierigkeit keineswegs beseitigt. 
Die Fragen die sich daran anschließen, sind nämlich die von der 
Stellung deS Prästdenten und von den Bedingungen seiner 
Ernennung, resp. seiner Ersetzung. Bei der Berathung über 
diesen Paragraphen, der einen Nachsatz zum ersten Artikel der 
Konstitution bilden soll, werden sämmtliche Parteien der Lin- 
ken von neuem den Versuch machen die Anerkennung der Re- 
publik als gesetzliche StaatSform zu erlangen. 
In der Sitzung vom 29. Zänner hat die Rechte mit 
Aufbietung aller ihrer Kräfte eine Mehrheit von 23 Stimmen 
erzielen können. Um dieß zu erreichen, hatte man selbst gefähr- 
lich erkrankte Kammermitglieder nach dem Sitzungssaals tranS- 
portirt. Mehrere von diesen Patienten waren so schwach, daß 
sie nicht einmal die Tribüne besteigen konnten um ihr Votum 
abzugeben, so daß der Präsident ihren Stimmzettel in die Urnen 
zu werfen hatte. Da es sich aber bei einer Mehrheit von 23 
Stimmen nur um die Verschiebung von 12 Stimmen handelte, 
so ist eS ganz gut möglich, daß der Zufall die Linke heute 
begünstige und daß diese den endlichen Sieg davontrage. Sel- 
ten wohl hat das Schicksal eines großen Landes auf fo gebrech- 
lichen FAen geruhl wie das heutige Schicksal von Frankreich. 
Wenn stch bei dem gestrigen Regenwetter ein halbes Dutzend 
Deputirter erkältet haben, und deshalb heute das Zimmer hü- 
ten .will, so kann dies entscheiden, ob die Republik oder die 
Monarchie in Frankreich Hergestellt werde. 
In'Deutschland ist der ReichStagI durch'eine Botschaft 
deS Kaisers geschlossen worden. 
22 — 
AuS Spanien kommen Nachrichten denen zu Folge leb- 
hafte Verhandlungen über einen Waffenstillstand zwischen den 
Karlisten uud Alfonsisten im Gange sind. Diese Verhandlun- 
gen, welche die Grundlage deS künftigen Friedens bilden, sol- 
len nötigenfalls auch ohne Mitwirkung deS Don KarloS ab 
geschlossen werden. Dem letzteren wird die Stellung eines In- 
fanten von Spanien eingeräumt werden. 
In Peking ist Tfung-chih, der Kaiser von China, nach 
einem in London 'angelangten Telegramme zufolge, im Alter 
von kaum 19 Jahren am 12. Januar gestorben. Er wurde 
geboren am 27. April 1856, bestieg nach dem Tode seines 
Vaters am 21. August 1861 den Thron, Heirathete im Okto 
ber 1372 A-lou-te, Tochter deS Rektors der Pekinger Akademie, 
Kh'oun-Khi, der zum Herzog gemacht wurde und übernahm 
die Regierung im Februar 1373, bis zu welcher Zeit seine 
Mutter als Regentin die Geschäftsführung in Händen hatte. 
Der Kaiser deS Himmlischen Reiches — daS dürfte manchem 
Leser bei dieser Gelegenheit zu erfahren lieb sein — beherrscht 
alS Autokrat 330,000,000 Seelen, die auf 199,000 englischen 
Quadratmeilen leben. Dem Kaiser stehen in der Negierung 
zur Seite der Geheime StaatSrath, der aus sechs hohen zur 
Hälfte chinesischen, zur Hälfte Mandschu-Beamten und zehn 
Assistenten besteht, und der Generalrath, der einem europäi- 
schen Ministerkabinet ähnlich ist und aus den bedeutendsten 
Offizieren, denen legislative wie exekutive Pflichten obliegen, 
zusammengesetzt ist. Der Kaiser trägt seine Krone nicht auf 
Grund eineS ererbten göttlichen Rechtes, ist auch nicht immer 
de<^ älteste Sohn des Vorgängers auf dem Throne, sondern 
der fähigste. Seine Regierung muß zeigen, ob er für den 
hohen Posten tauglich ist; verletzt er die in den heiligen 
Schriften der Nation gegebenen Grundprinzipien, dann glau- 
ben die Chinesen, daß dcr Himmel durch Zeichen darthue, daß 
der Regent picht der rechte Mann ist. — Ein Enkel deS 
Prinzen Hung ist der vermutliche Thronerbe. 
Verschiedenes 
* W ürzburg, 22. Jan. Gestern Nachmittag zwischen 
2 und 3 Uhr zog ein heftiges Gewitter mit Hagel über un- 
sere Stadt hin. Die Wolken walzten stch in so gewaltigen 
Massen über einander, daß fast Abenddämmerung herrschte. 
Der Sturmwind, der bereits seit mehreren Tagen wie toll 
raSt, verjagte den seltenen Gast rasch aus unseren Grenzen. 
Ein sog. kalter Schlag fuhr in der Nähe der Neubaukirche in 
daS Haus deS Oekonomen Kehlmayer und zerstörte einen Theil 
>eS Schornsteines und der Dachziegel ohne weitern Schaden 
zu verursachen. — In Roßbrunn, Greußendors u. s w. soll 
dasselbe heftig gewesen sein. — In Lengfurt schlug ber Blitz 
m die Kirche ohne zu zünden. — Die Ortspfarrkirche der 
Gemeinde Neunkirchen, Bezirksamt Miltenberg, wurde vom 
Blitze getroffen und stand alsbald in lichten Flammen. — 
Nach weiteren Nachrichten schlug der Blitz auch in die Kirche 
vofl Karbach bei Marktheidenfeld. Gleicherweise wird aus 
Kitzingen 22. Jan. geschrieben: Ein gestern hier vorüberge- 
zogeneS Gewitter hat in Geinsheim bei Marktbreit eingeschla- 
gen und die Kirche, sowie einige -Wohnhäuser in Brand ge- 
setzt. — AuS Speyer, 23. Jan. wird berichtet: Das Gewit- 
ter am Mittag deS 21. hat stch ebenso, wie daS vom 17., 
über den größten Theil der Pfalz und der umliegenden Di- 
strikte erstreckt. So wird von Quirnbach von starkem Hagel 
und heftigem Blitz und Donner berichtet. Aehnliche Nachrich- 
ten liegen aus Ludwigshafen, Kusel, Monsheim u. f. w. vor. 
In Worms war in der Nacht vom 21. auf^ den 22. aber- 
malS ein Gewitter; der Blitz schlug zwei Mal ein, — Der 
Rhein ist in Folge der Regengüsse der letzten Tage stark ge- 
stiegen. AuS Süd - Frankreich wird von Überschwemmungen 
in Folge der Schneeschmelze berichtet. 
* Ein Riesen käse. Die Käsefabrikanten in der We-
        

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