Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/206/
des Friedens einig. Voraussichtlich wird dieser Wunsch erfüllt 
werden; die Lösung der orientalischen Frage steht jedoch wob! 
noch in weiter Ferne, und deren Gestaltung ist noch Nieman- 
den klar. Oesterreich und Rußland wünschen zweifelsohne 
aufrichtig die weitere Ausdehnung des AufstandeS zu perhin 
dem und den Frieden und die Ruhe in den türfischen Pro- 
vinzen wieder herzustellen. Die Aufgabe des österreichischen 
Reformprojekts ist indeß sehr schwierig; wir wünschen demsel 
ben vollen Erfolg , dürfen aber nicht unzufrieden sein, wenn 
daS Endergsbniß nicht alles bringt, was w-r wünschen. 
Türkeis Der, vor wenigen Tagen plötzlich gestorbene 
Führer der jungtürkiichen Partei, Mustapha Fazyl Pascha, 
Bruder deS Ehedive von Aegypten und Minister der Pforte 
Kit noch kurz vor seinem Tod ein Schreiben an den Sultan 
gerichtet, welches, abgesehen davon, daß eS die lobenSwertben 
Tendenzen der junqtürklschen Partei ausspricht, die politischen 
Verhältnisse km Reiche deS Padischah äußerst drastisch kenn- 
zeichnet DaS Schreiben lautet folgendermaßen: 
„Ew Maj. Unterthanen, zu welchem Glauben sie sich 
auch bekennen mögen, zerfallen in zwei Klassen: zu der eine« 
gehören diejenigen, welche in zügelloser Weise unterdrücken, 
zur andern die, welche erbarmungslos unterdrückt werben. 
Die ersteren finden in der unbeschränkten Macht, die Ew Maj. 
ausübt, und die jene fich anmaßen, eine Versuchung alle 
Laster zu begehen, die letzteren aber werden durch den Verderb, 
lichen Umgang mit ihren Herren corrumpirt. Da sie verpflich 
tet sind sich unaufhaltsam deren verhaßten Capncen zu unter- 
werfen, und da sie ihre gerechten Klagen nicht vor den Thron 
Gw. Majestät bringen können, so geben sie sich der Gewodn. 
heit einer unheilbaren moralischen Feiahnt hin, und diese- mo* 
ralische Feigheit erzeugt alle Schändlichkeiten deS HerzenS und 
den Ruin deS GetsteS. . Neben der moralischen Schwäche der 
türkischen und christlichen Bevölkerung deS Reiches bin ich 
nicht nur gezwungen Ew. Majestät die Unwissenheit derselben 
sondern auch ihre intellectuelle Entartung vorzuführen 
Die erste Erzieherin der Völker, die alle andern schafft, und 
welche die andern nicht ersetzen können, ist die Freiheit! Eine 
geknechtete Nation verachtet eine Wissenschaft, die ihr doch 
nichts nützt Aber wir kämpfen nur mit dem Ungeheuer des 
NendS. Mehr als einmal, Sire, haben Sie mit Betrübniß 
den Mangel in ihren Finanzen bemerken müssen. Industrie, 
Handel, Ackerbau, alles liegt in dem Reiche danieder. Die 
Völker scheinen daS Bedürfniß und die Kunst der Produktion 
verloren zu haben; sie sehen ihre Beklemmung, und doch ist 
diese nicht im Stande sie zur Energie anzutreiben. . . . WaS 
UNS hindert in derselben Zeit wie die anderen Völker ein thä« 
tlgeS, industrielles Volk zu werden, daS ist, wie ich wohl be 
haupte« darf, unser politisches System. Da wo der Mensch 
seine Nebenmenschen ausbeuten kann, gibt er sich nicht die 
Mühe seinen Geist oder den Boden auszunutzen; und da 
andererseits, in einem Lande wo Tyrannei und Erpressungen 
herrschen, niemand mit Sicherheit die Frucht ftiner Arbeit g- 
nießen kann, arbeitet auch niemand. . . . Die Völker leben 
selbst in materieller Beziehung von der Freiheit, und wo keine 
Rechte extstiren, da muß eS auch an Brod fehlen. . . . Jedes 
Jahr das verfließt beraubt uns einer Stütze im Ausland und 
steht unsere Lebenskraft mehr und mehr schwinden. England 
ist nicht mehr bereit unS so wie vor zwölf Jahren zu unter- 
stützen; Oesterreich, das seit der Nieverlage in Deutschland 
mehr und mehr eine orientalische als oecidentale Macht ge> 
worden, ist verpflichtet sich eine Popularität unter den Slaven 
unserer Nation zu verschaffen. Endlich ist noch besonders 
hervorzuheben, daß überall in Europa die öffentliche Meinung, 
die unS im I. 1855 so günstig war, anfängt sich gegen unS 
auszusprechen. Ja, jeden Morgen, wenn die Politiker Frank- 
reichS, Englands und Italiens die Handlungen ihrer Beamten 
und die Leiden Ihrer Völker studieren, schreiben oder sagen 
S - 
sie: Diese Regierung ist der Reformen unfähig; ste ist zu« 
Untergange vermtheilt;, überlassen wir sie ihr,m Schicksal, und 
versuchen wir nicht eine große Katastrophe zu verhindern, die 
doch unvermeidlich ist. Wohlan, Sire, strafen Sie diese trau- 
rigen Prophezeiungen Lüge! " 
Verschiedenes. 
(Die Explosion in Bremerhaven). Eine Unglücks- 
botschast noch schrecklicher als die über den Untergang des 
DampferS „Deutschland" berichtet über eine am 11. d. M. 
in Bremerhaven erfolgte Dymrmttexplosion folgendes: 
Nachdem der nach New York bestimmte Dampfer .Mosel" 
N'e Passagiere im Vor Halen an Bord genommen hatte, er- 
folgte durch eine zu den Passagie»-Effekten gehörige Kiste mit 
Dynamit eme furchtbare Explosion, welche nach den neuesten 
Nachrichten circa 80 Memchen tödtete und circa 120 mehr 
oder weniger schwer verletzte. 
De Urheberschaft der fürchterlichen Katastrophe ist auf 
den Passagier Thomas zurückgeführt. GS ist aber nicht, wie 
zur Ehre der Menschheit allgemein angenommen wurde, ruch- 
loser Leichtsein, sondern berechnete, kaltblütige Bosheit, die daS 
Werk der Zerstörung angerichtet hat Thomas hat bekannt 
daß er nicht nur Besitzer deS Fasses gewesen ist, sondern daß 
er dieses Faß an Bord der .Mosel" hat bringen wollen, um 
daS Schiff in Grund zu bohren. DaS Motiv dieser teufli- 
schen BoSheit scheint die Absicht zu sein durch übertriebene 
und stngirte Versicherungen Gewinn zu machen, einen Gen'inn 
den er nach seiner Aussage mit anderen hätte theilen müssen. 
Man erzählt, derselbe habe sich nach der Explosion in seine 
Cabine zurückgezogen, und mit einem Revolver, der tbeilweise 
noch geladen im idm vorgefunden worden sei, sich ,i«e Kugel 
durch den Kops gejagt. Thatsache ist, daß der Mann iich in 
seine Kammer eingeschlossen hat, wo er nach gewaltsamer 
Oeffnung der Thür mit einer argen Wunde vor der Stirn 
aufgefunden worden. 
Ueber die Angaben die Thomas bei seiner Vernehmung 
gemacht, wird folgendes gemeldet: derselbe nenne sich William 
King Thomson auS Brooklyn bei New-Rork, fei 35 Jahre 
alt, habe als Capttän das Schiff „Old Dominion" gefahren 
und seinen Namen geändert weil er wegen BlokadebruchS ver- 
folgt worden sei. Den Sprengstoff habe er selbst in Amerika 
gekaust und ihn an seine Adresse senden lassen; daS Zünd- 
uhrwerk sei in Deutschland angefertigt worden und so gestellt 
gewesen daß eS erst nach einer Frist von acht Tagen ablau- 
fen sollte. 
TbomaS ist inzwischen in Folge der sich selbst beigebrach- 
ten Schußverletzungen gestorben. 
Die Wirkungen der Explosion werden folgendermaßen ge- 
schildert: Auf dem Lande war an der Stelle wo die Kiste ab- 
geladen worden war ein 6—7 Fuß tiefes Loch entstanden, 
welches den Eindruck macht, alS sei daS Erdreich nach 
unten gedrängt, der ganze Platz war mit Gliedmaßen, zerris- 
senen Kleidern wie üdersäet In großen Blutlachen lag hier 
ein Arm, dort ein Bein, Eingeweide, verstümmelte Kö»per. 
Nach den Aussagen der Aerzte sollen die Verletzungen viel 
schrecklicher sein als die im Krieg vorkommenden, einigermaßen 
sollen dieselben den durch Granaten und SharpnellS verur- 
sachten Verwundungen ähnlich sein. Viele der Verletzten sind 
auch in Pnvathäusern untergebracht. Die Todten und Ver- 
mißten sind grötttentheils Einwohner von Bremerhaven, von 
den Passagieren dürften nur wenige von der Explosion be- 
troffen sein Wie Augenzeugen erzählen, sollen die Menschen 
40 bis 50 Fuß in die Höhe geschleudert worden sein, einige 
wollen auch eine starke, einem Springbrunnen gleichende, 
Säule haben aufsteigen sehen. Der Lloydinspektor Poppe 
wurde erst im Laufe des Nachmittags ohne Kopf und gräß- 
lich verstümmelt wiedergefunden, und konnte nur an seinem 
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