Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/202/
* 
sche von Tadjura nach Euhuosa wöhrend der Nacht in Folge 
BerrathS seiner Führer in einen Hinterhalt gefallen, welchen 
die Stämme dieser Gegend ihm gestellt Hatten. Er selbst und 
140 Mann seiner Truppen sind umgekommen, der Reg hat 
den Rückzug bewe»kftelligt und ist nach andauernden sünftägi- 
gen Kämpfen nach Tadjura zurückgekehrt. Der Verlust Mun- 
zingerS wird vom Chedive und seiner Regierung lebhaft bc 
dauert. Werner Munzinger war bekanntlich, gleich dem vor 
zwei Jahren in Lern gestorbenen Prof. jur. Munzinger, ein 
Sohn deS sel. BunresratheS Zosef Munzinger. Im Jahre 
1832 zu Ölten geboren, tst er nur 43 Zadre alt geworden. 
Getne Gymnasialstudien machte er tn Solothurn, von wo aus 
er stch im Zahre 1849 behufs Studiums der orientaltschen 
Sprachen nach München begab. Im Zahre 1852 ging er 
nach Kairo und im Jahre 1853 nach Alexandria, wo e? in 
ein kaufmännisches Geschäft trat. Zm Zahre 1854 unternahm 
er an der Spitze einer Handelsexpedition eine Reise nach dem 
Rothen Meere, lebte dann zu Massaua und Keren. 
Später machte er größere Reisen in Afrika. 1865 wurde 
er zum englischen Konsul in Massaua, 1868 zum französischen 
Konsul in der gleichen Stadt, später zum Gouverneur de» sel- 
den und endlich zum Oberbefehlshaber der für Abessynim 
bestimmten Znvasionsarmee mu dem Titel Pascha ernannt 
Amerika. Die Bolschaft des Präsidenten Grant empfiehlt 
die Abänderung der Konstitution in so fern, als vollständig 
freie Schulen ohne Rücklicht auf Geschlecht, Farbe und Reli- 
gion eingeführt, die Abgaben für Schulen bestimmter Sekten 
verboten werden sollen und das Eigenthum der Kirchen zu be- 
steuern sei. Die Botschaft erklärt ferner: die VerhäUwsse zum 
Ausland feien im allgemeinen befriedigend. In Betreff Cuba's, 
wo der Aufstand ungeändert fortdaure, bege der Präsident die 
Hoffnung auf Beendigung deS Konflikts durch Spaniens ob« 
schon bisher alle Anstrengungen fruchtlos gewesen. Die In^ 
surgenten hätten ihrerseits eine der Anerkennung sähige bürger- 
tiche Organisation nicht einzurichten gewußt; ihre Anerkennung 
sei auch mit den faktischen Verhältnissen unverträglich, und 
ihnen das Recht kriegführender Nationen zuzugestehen, erscheine 
als unklug und unausführbar. Gelinge die Papsitation nicht, so 
werde er noch im Laufe »er Session wettere Vorschläge ma, 
chen. Betreffs der Kinanzfrage erwähnt die Botschaft die Ab- 
Schaffung deS Gesetzes über die GreenbackSzahlung für die 
Staatsschulden, schlügt die Creirung von Schatzfcheinen mit 
langer Verfallszeit an Stelle der Legal-Tendernoten bis zu zwei 
Millionen monatlich und die Ansammlung von Gold im Staats- 
schätz behufs schließlicher Einlösung dieser langsichtigen Scheine 
vor, und empfiehlt endlich möglichste Beschränkung der AuS- 
Haben, Erhöhung der Einnahmen, sowie die Wiedereinführung 
deS Thee- und Wasserzolls. 
Verschiedenes. 
London, 9. Dez. (Untergang deS Dampfers 
„Deutschland".) Während die ersten Nachrichten über daS 
Unglück, welches den Bremer Dampfer „Deutschland" betrof- 
fen hat, vielfach verworren und in manchen Punkten wider- 
sprechend lauteten, liegen jetzt die Aussagen deS CapitänS und 
einzelner Passagiere vor, die eine klare Darstellung deS Her- 
gangS geben. 
Der Dampfer „Deutschland" hatte während deS ganzen 
Sonntags mit einem starken Nordostwind zu kämpfen, und hef- 
tlgeS Schneegestöber benahm jede Aussicht. Im Laufe der 
Nacht wurde alle halbe Stunden das Senkblei ausgeworfen, 
und die letzte Sondirung ergab 17 Faden Wasser. Am 6, 
Morgens 4 Uhr, sah man ein Licht, daS der Kapitän für das 
Licht deS Leuchtschiffes von North Hendifire hielt — eine An 
nahme, die mt den Berechnungen übereinzustimmen schien. 
DaS Schiff hatte eine sehr geringe Fahrgeschwindigkeit, als 
man um halb 5 Uhr den ersten leichten Stoß verspürte, dem 
bald mehrere andere folgten. Der „Deutschland" war auf 
eine Sandhank aufgefahren. Sofort wurde der Befehl gege 
ben, rückwärts zu fahren, aber die Schraube brach und die 
Segel vermochten daS Schiff nicht über die Untiefen hinweg- 
zubringen. Kapitän Brickenstein, der feine Ruhe nicht einen 
Augenblick verlor, ließ nun die üblichen Nothschüsse abfeuern 
und Raketen steigen und die Boote in Bereitschaft setzen. Die 
See ging aber so hoch , daß man nicht daran denken konnte, 
dieselben in'S Wasser zu lassen Nichtsdestoweniger wurden 2 
Boote ohne Befehl herabgelassen: eines derselben, das 6 Per- 
sonen trug, ging sofort unter, das andere, ein Rettungsboot, 
wurde am Dienstag bei Sheerneß an'S Land getrieben; von 
seinen drei Znsassen war jedoch nur noch einer, NamenS Au- 
gust Beck, am Leben. 
An Bord deS „Deutschland" wurden inzwischen die in 
reicher Anzahl vorhandenen RettungSgürtel auögetheilt, und da 
daS Schtff noch so ziemlich wasserfrei war, so wurden die 
Krauen in den Schiffssalon beordert, den Männern der Reihe 
nach Plätze an den Pumpen angewiesen. So verging der 
ganze Montag verhältnismäßig ruhig Die Feuer brannten 
noch und an warmen Speisen war kein Mangel; auch konnte 
die Hilfe schließlich doch nicht lange ausbleiben, denn man 
hatte die Nothsignale des „Deutschland* am Lande wahrge 
nommen und auch beantwortet. DaS Leuchtschiff, welches den 
Kapitän irregeführt hatte, war bei Tag deutlich sichtbar und 
zwei Schiffe fuhren so nahe vorbei, daß die Paffagiere des 
„Deutschland" überzeugt waren, daS Wrack sei nicht unbemerkt 
geblieben, und man komme, Beistand zu leisten. Zndeß blieb 
die Rettung doch auS, und mit Einbruch der Nacht begann 
die Lage fürchterlich zu werden Die Fluth stieg, die Wellen 
begannen hoch über daS Verdeck zu fegen und den Salon 
und die Kajüten zu füllen. Die Frauen wurden nun Rngewie- 
sen sich ins Takelwerk zu begeben, die Männer arbeiteten an 
den Pumpen, aber bald wurde diese Arbeit als nutzlos aufge- 
geben und Zedermann suchte sich so gut als möglich ttcherzu* 
stellen. 
Nun fehlte es leider nicht mehr an haarsträubenden Auftritten. 
Zwei der Passagiere, ein Mann und eine Frau, gaben sich 
selbst den Tod, dem sie nicht mehr entrinnen zu können glaub- 
ten. Manche von den Frauen konnte man kaum dazu dun- 
gen den Salon zu verlassen, um im Takelwerk de» Schreck- 
nissen der Nacht, deS eisig kalten WindeS und des ringS 
tosenden MeereS Trotz zu bieten. Die energische Frau deS 
ProviantmeisterS leistete hier die besten Dienste. Fünf Nonnen 
auS Paderborn jedoch ließen sich weder durch Güte noch Ge- 
walt bewegen den Salon zu verlassen wo sie einen sichern Tod 
finden mußten. Ihr Zammergeschrei trug viel dam bei das 
Grausige der Scene zu erhöhen. Sie flehten unaufhörlich laut 
zu Gott: da sie doch sterben müßten, ihre Leiden wenigstens 
zu verkürzen und blieben im Salon. Als am Dienstag Mor- 
genS mit eingetretener Ebbe daS Verdeck wieder wasserfrei 
war und man sich in den Salon hinunterwagen konnte, wa- 
ren die fünf Nonnen sämmtl'ch ertrunken. Hingegen waren 
manche Züge von Seelenruhe, Heldenmuth und Selbstaufopfe- 
rung zu verzeichnen. 
Leider reichten bei vielen die physischen Kräfte nicht auS. Die 
erstarrten Häyde der einen verloren ihren Hält, gänzliche Er- 
schöpsung überwältigte andere, und so fielen manche aus dem 
sicheren Talelwerk und wurden von den Wogen fortgerissen. 
Im ganzen soll der Verlust von etwa 60 Mtnschenleben zu 
beklagen sein. Genau ist die Zahl noch nicht anzugeben. Am 
DienStag Mittags kam der Schlepper „Liverpool" dem Wrack 
zu Hülfe und brachte was von Passagieren und Mannschaft 
dem Verderben entronnen war nach Harwich. Etliche zwanzig 
Leichen sind bis jetzt aufgefischt worden. Die Poftbeutel sind 
alle erhalten. Die Bank, auf welcher der „Deutschland" auf- 
gefahren ist, gehört zu den äußersten der an der Themse-
        

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