Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/20/
und ging eilig in sein Kabinet, auS dem er nach wenigen Mi- 
nuten mit folgendem Briefchen herauskam: 
«Hochgeehrte Frau! Ich kann Ihre Kündigung nicht an- 
nehmen. Indem ich auS Ihren Zeilen erfahren, daß Sie un« 
gern die Wohnung verlassen und nur Rücksicht für mich Sie 
zu diesem Schritte bewegen mochte, würde ich ein Barbar sein, 
wenn ich die hochherzigen Intentionen sowohl Ihrer Trauer, 
wie Ihres Benehmens mir gegenüber nicht besser achtete, als 
daß ich Sie, durch eine allerdings bei mir tief gegründete Ei- 
genheit, aus dem Ihnen liebgewordenen Quartier vertriebe. Ich 
bitte Sie also inständigst, nicht auf Ihrem Entschluß beharren 
zu wollen. Sie würden mich im Falle der Weigerung, verehrte 
Frau, um Sie nicht auS meiner Nähe zu verlieren, veranlassen, 
einen ebenfalls bei mir schon seit längerer Zeit gereiften Ent 
schluß zur Ausführung zu bringen." 
„Und waS willst Du thun?" fragte ich scheinbar argloS 
— denn nur ein Blinder hätte nicht gesehen, wie sein Herz 
an dem Vis-ä-vis hing. 
„Sie Heirathen! Du schwerbegreifender Mensch. — ES 
wäre mein einziges RettungSmittel — dann muß sie die Trauer 
ablegen und bleib? in meiner Nähe." 
„Glaubst Du, daß sie wieder heirathet?" entgegnete ich im 
Tone des Zweiflers. 
„Dem Muthlgen gehört die Welt!" rief Laver — und 
der Brief ging ab. 
ES verstoß kaum eine halbe Stunde, als wir schon sol- 
gende Antwort erhielten: 
„Mein verehrter Herr! Ich muß auf meinem Entschluß 
bestehen. Der letzte Satz Ihres werthen Briefes ist mir ganz 
unverständlich Meine Weigerung, verehrter Herr, schließt aber 
durchaus keine Verminderung der Hochachtung in sich, die ich 
für Sie fühle und stets gleich fühlen werde. A. B." 
„Jetzt geht der Sturm loS!" sagte mein Freund, in seine 
frühere Jovialität zurückfallend. 
Nach kurzer Zeit brachte Haline ein zweites Schreiben £a* 
ver'S in das HauS vis-a-vis Es lautete: 
„Hochgeehrte Frau! Da eS mir unmöglich ist, persönlich 
vor Zhnen zu erscheinen, muß ich wieder zu der leblosen Feder 
meine Zuflucht nehmen; ich hoffe aber, daß die Ueberzeugung 
von meiner Aufrichtigkeit mir die Macht deS lebenden Wortes 
bei Ihnen ersetzen wird. Ich mache nicht gern Phrasen. Die 
Sprache deS Herzens ist die kürzeste. Ich liebe Sie, verehrte 
Frau, und halte um Ihre Hand an. Sie werden in mir einen 
Mann finden, der, trotz mancher Sonderbarkeiten, der Liebe 
einer Frau werth ist. Sie in jeder Hinsicht glücklich zu sehen, 
wird daS Hauptziel meines Lebens sein. Eine direkte Zusage 
darf ich in Ihrer Stellung von Ihnen nicht erwarten. Wenn 
Sie aber, verehrte Frau, die Trauer, die Sie selbst für einen 
so edlen Menschen, wie unzweifelhaft Ihr verstorbener Gatte 
war, sicher lange genug getragen haben, ablegen werden, so 
werde ich dies als ein Zeichen betrachten, nicht ganz ohne 
Hoffnung sein zu dürfen ..." 
Auf diesen Brief folgte natürlich keine Antwort. Die junge 
Frau ließ sich auch fast acht Tage lang gar nicht sehen und 
erst jspäter erfuhren wir, daß sie AbendS oder.NachtS zum 
Kirchhof ging ;und viel dort geweint habe. Da eines TageS 
erschien sie wieder und — o Wunder! — sie trug eine weiße 
Halskrause. Den nächsten Morgen war aber diese wieder ver- 
schwunden. Dann erblickten wir sie mit einer grauen Pelerine 
und diese blieb, wahrscheinlich der kühlen Witterung wegen. 
Die weiße Halskrause erschien wieder und blieb — weiße Man 
schetten — weiße Unterärmel ließen sich zaghaft sehen und blie- 
den. Ein grauer Hut wagte sich an das Tageslicht, ein graues 
Kleid — am nächsten Tage freilich warf das schwarze Kleid 
wieder den alten trüben Schatten. Allein daS graue kam wie 
der — und blieb. Helle Handschuhe lächelten einst plötzlich über 
die Straße. DaS weiße Mousselinkleid mit den grünen Blättern 
schien jetzt sogar im Hause herumzuspuken. Die Trägerin hielt 
sich jedoch so im Hintergrund deS Zimmers, daß unsere vor» 
trefflichsten Fernrohre sie.nicht sicher erreichen konnten Plötzlich 
zeigte eS sich aber unleugbar einen Augenblick,am Fenster — 
nur einen kleinen Augenblick, für Laver indeß vollständig lange 
genug! Sofort ergriff er seinen Hut u. eilte über die Straße. 
Welche Scene sich nun drüben abspielte, das auszuplaudern, 
dürfte von mir — ^selbst wenn mir Laver AlleS haarklein er- 
zählt hätte — nicht allzu diskret sein. Der geehrte Leser bat 
ja seine Phantasie so gut wie ich und wenn er sich sagt, daß 
die junge Wittwe meinen Freund längst im Stillen geliebt habe, 
so wird dies nicht bloS ein leeres Spiel seiner EinbildungS- 
kraft sein. 
DaS fernere Schicksal der beiden Leute ist leicht zu errathen. 
ES gibt wohl keine Frau, die einen liebenswürdigeren u. edel- 
herzigeren Gatten hätte, als Amalie Boneveldt in meinem Freund 
Laver. Er wiederum verbirgt sein ^ilück unter Scherzen und 
verkehrt mit seiner jungen Frau heute noch wie in den ersten 
Tagen semer Ehe. 
Wenn der geneigte Leser sich etwa noch für meine Wenig- 
keit interesstren sollte, so muß ich ihm gestehen, daß die Furcht 
vor etwaigen Gehaltsabzügen mich kurz nach der Hochzeit La- 
ver'S mit inem Schnellzug in mein unbesoldetes Assessorenthum 
zurückeilen ließ. 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: Dr. Rudolf Schädler. 
Kornpreise vom Fruchtmarkt in Bregenz vom 22. Jänner. 
Der halbe Metzen 
beste 
mittlere 
geringe 
fl 
kr. 
st 1 
kr. 
fl. 
kr 
Korn 
3 
40 
3 1 
15 
3 
. 05 
Roggen .... 
2 
80 
2 1 
60 
2 
50 
Gerste 
o 
70 
2 
50 
2 
30 
Türken .... 
2 
80 
2 
50 
2 
20 
Hafer ..... 
1 
70 
1 1 
60 
1 
50 
Thermometerstand nach Reaumur in Vaduz. 
Monat 
Morgens 
7 Uhr 
Mittags 
12 Uhr 
Abends 
6 Uhr 
Witterung. 
Jänner 20 
+ % 
-j— 3 
+ 2 
hell 
. 21. 
+ 4 
+ 
+ 4 
säst bedeckt 
„ 22. 
+ 3% 
0 
+ * 
trüb; Reg. Sturm 
> 23 
— 1 
-}- 2 
4~ * 
trüb 
, 24. 
0 
+ 5 
+ 5% 
halb hell, Föhnst. 
„ 25 
+ 3*4 
+ 5'/. 
+ 3 
trüb 
„ 26. 
+. 
+ 3 % 
+ 3 
„ Reg. Sturm 
Telegrafischer.Kursbericht von Wien. 
27. Jänner Silber 105.85 
20-Frankenstücke 8.91 
Druck von Heinrich Graff in Feldkirch.
        

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