Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/191/
den Lesern mittheilen. Eine BraumeisterSgattin aus Pilsen 
chatte ihre verheiratete Tochter in der Nahe von Göpfritz ab- 
geholt u. begleitete sie, die hochschwanger war, in die Heimath. Die 
Mutter fand nun dei dem Eisenbahnunglück den Tod, u. die Tochter 
die unverletzt blieb, erfaßte ein solcher Schrecken, daß sie von Ge- 
burtSwehen befallen wurde und in der Tiefe unter den zer 
trümmerten Wagen ein Kind gebar. Die Schwerverwundeten 
wurden zumeist nach Schwarzenau gebracht, während sich die 
Leichtverletzten, so gut es eben ging, fortschleppten. Die Nach- 
richt von dem entsetzlichen Unglück hatte sich in Wien mit 
Blitzesschnelle verbreitet, und bald war der Perron der Franz- 
JosephS-Bahn mit Menschen überfüllt. ES waren da Frauen 
und Angehörige der Verunglückten, welche Erkundigungen ein- 
Zogen. Die Schwerverwundeten sollten nach Wien mittelst 
Separatzuges befördert werden, doch unterließ man dieß, da 
die Armen in Schwarzenau genügende Unterkunft und Pflege 
fanden. Bloß der verwundete Kondukteur Koch ist mit dem 
Personenzug um 2 Uhr Nachmittags hier angekommen. Das 
Jammern und Klagen der Frauen der getödteten Bahnbedien- 
steten war groß. Mehrere Gemeinderäthe und Ausschüsse des 
neunten Bezirks waren auf den Bahnhof geeilt, und hatten 
ihre Hilfe NamenS der Kommune zur Verfügung gestellt. 
Auch der ReichS-KriegSminister General der Kavallerie Frhr. 
v. Koller sendete, alS er von der Katastrophe Kennmiß er 
langt hatte, Sanitätswagen und emige Regimenteärzte auf 
den'Wiener Bahnhof, um bei einer etwaigen Ankunft Ver- 
wundeter sofort Hilfe zur Hand zu haben. Die Erhebungen, 
welche von dem Bahnkommissär Wilke zur Eruirung der Ur 
sache dieses schaudervollen Unglücks gepflogen wurden, ergaben 
da« Resultat, daß man eö mit einem wohlgeplamen Verbre- 
chen zu thun habe Die Untersuchung der Affaire leitet vor- 
derhand das Bezirksgericht in Zwettl." — Die Generaloirek- 
jion der Franz-Josep'ysbahn theilt mit, daß sich nunmehr mit 
Bestimmtheit behaupten läßt: der Unfall sei durch eme ftevel- 
hafte Hand herbeigeführt worden. Hr. Oberst Menke, Archi- 
tekt Swoboda und Spänglermeister Svittak, welche sich beim 
verunglückten Zug Nr. 9 befanden, haben sich in dieser Be- 
ziehung von Prag aus telegraphisch als Zeug.n freiwillig zur 
Verfügung gestellt; todt sind drei Zugsbegleiter, nämlich: 
Oberkondukteur Riegel, Kondukteur Tauer und Watzin, Post- 
osfizial Radetzki, sowie 4 Paffagiere deren Namen noch nicht 
fonsiatitt werden konnten. Maschinenführer Schleinzer und 
Heizer Caloun konnten noch nicht aufgefunden werden; außer- 
dem sind noch sieben Reisende und zwei Postbedienstete theils 
leicht, theilS schwer verwundet. Beim Zuge befanden sich 
128 Reisende. Für die Verwundeten ist sowohl tn Schwar 
zenau alS auch in Gemünd alle erdenkliche Vorsorge getroffen. 
Die Bahnkörper sind beinahe nicht beschädigt, der Verkehr feit 
Mittag ungestört. 
* Amerika. In Utah starb der Mormonenhäuptling 
Georg Smith. Er war zum Nachfolger Brigham AoungS be- 
stimmt und galt vermöge seiner Begabung als der Einzige, der 
den großen Propheten ersetzen könnte. 
Volkswirthschastliches. 
Der Bauer und die landwirthschaftlichen Maschinen. 
Nachfolgende Andeutungen sind emer vom schweizerischen 
landwirthschaftlichen Vereine gekrönten Preisschrift von Dr. 
Friedr. v. Tschudi entnommen und dürften auch für unsere 
Zustände nicht ohne Interesse und Anregung bleiben, umsomehr 
alS gerade bei uns das Steigen der Arbeitslöhne und der 
Mangel an Taglöhnern schwer auf der Landwirthschaft lastet. 
ES gibt heutzutage, schreibt Tschudi, nicht mehr viele ver- 
ständige Bauern, die da glauben, die Geräthe und Maschinen, 
welche in neuerer Zeit zur Verbesserung deS landwirthschaftli- 
chen Gewerbes erfunden und eingeführt wurden, seien eitle 
Neuerungen und taugen im Grunde nichts. Wenn sie bei 
landwirthschaftlichen Festen die Säe-, Dresch- und Mähmaschi 
nen, die schönen Pflüge, Eggen und Walzen, die Schleifen und 
Hacken, die Jauchepumpen, Mostpressen und all' dieses neue 
befremdliche Geräthe ansehen, so schütteln sie oft wohl zwei- 
felnd den Kopf und denken, ob es zum bloßen Staat hinge- 
stellt sei; sehen sie aber bei den Wett- und Preisarbeiten die 
Ackergeräthe auf dem Felde arbeiten; sehen sie die reine tiefe 
Furche und den wohlgewendeten Erdstreif, den der Dombaöle- 
pflüg hinterläßt; sehen sie, wie Korn und Stroh so rein und 
schön die Dreschmaschine verläßt, so kommen sie allmälig dar 
auf, daß der sinnende Menschenge.st möglicherweise doch noch 
vollendetere Kunstschöpfungen erzeugen könne, als den alten 
Aargauerwendepflug und den Dreschflegel. 
Aber was nützen am Ende dem Bauer die vortrefflichsten 
Erstndungen, wenn er sie nicht benutzen kann; wenn er zu 
arm ist, sich statt seiner alten, mangelhaften Geräthe neue, 
verbesserte anzuschaffen? Freilich nicht viel; aber da muß er 
eben zusehen, wie er ihrer dennoch theilhaft werden kann. Und 
er kann dieß, — wenn auch nicht für sich allein, doch in Ge- 
meinschaft mit Anderen. Zusammenhalten bringt in allen 
Dingen Vieles zu Stande, was dem Einzelnen unmöglich ist. 
Zum Cxempel: 
Es war vor einer Reihe von Jahren, als in der Gemeinde 
Tägerweilen, im Kanton Thurgau, eine Anzahl kleinerer 
Grundbesitzer zusammentrat, eine sogen. Aktiengesellschaft bil- 
dete anl) mittelst Theilhaberscheinen, welche jeder mit zehn Gul- 
den bezahlte, ein Kapital von etwa 400 fl zusammenbrachte. 
Sie schafften daraus im ersten Jahie drei DonchaSlepflüge, 
zwei Quereggen mit eisernen Zinken, eine Pferdehacke, einen 
Häufelpflug, einen Exstirpator, eine Handsämaschine, einen 
Furchenzieher und einen Vorrath gußeiserner und stählerner 
Schaare an. Dann setzten sie durch eine Ordnung die Be- 
nutzung vieser Geräthe fest und liehen sie auch gegen Vergüt- 
ung aus, einen Pflug für 15 Kreuzer, eine Egge um 10 
Kreuzer per Tag. 
Der Erfolg war der, daß schon im ersten Jahre über 80 
Juchart Boren besser gepflügt und geeggt wurden als sonst; 
daß über 300 Juchart mit dem Exkirpator bearbeitet, und viel 
Land mit der RepSsämaschine bestellt wurde. Vielen kleinen 
Bauern war damit gedient, und auS den Leihgebühren wur 
den die Amheithuber mit 4 % ZinS entschädigt. 
DieseS gute Beispiel wurde bald in andern schweizerischen 
Gemeinden nachgeahmt, und neuerdingS werden viele kostbare 
Geräthe, wie Dreschmaschinen u. dgl., gemeinschaftlich ange- 
schafft, und alle Theilhaber befinden sich vortrefflich dabei. So 
macht Eintracht stark. Wenn überhaupt die Lanvwirthe ver- 
ständig genug sind, ordentlich zusammenzuhalten und mit ver- 
einten Kräften einem gemeinsamen Ziele zustreben, so können 
sie überall Großes erreichen. Das soll man nie vergessen! 
Und wenn der Bauer einmal den Vorthei! der Maschinen 
und verbesserten Geräthe eingesehen hat, dann läßt er nicht - 
mehr davon. Bekanntlich werden die Taglöhner immer theurer 
und die Arbeiter immer vielbrauchiger. Statt eine ganze Menge 
kostbarer Arbeiter zum Jäten und Häufeln in die Kartoffel- 
felder tt. zu schicken, während zu Hause die Pferde müßig im^ 
Stalle stehen und den Heustock zusammenfressen, läßt heutzu- 
tage der rechnende Landwirth die Taglöhner ganz weg und 
spannt seine Pferde oder Ochsen vor die Häufelpflüge und 
richtet damit in wenigen Tagen fast ohne Kosten so viel aus, 
wie früher mit einem Haufen von Arbeitern in mehreren Wo- 
chen mit großem Aufwand. 
Und was für gute, exakte, willige und flinke Arbeiter sind 
diese Geräthe und Maschinen! Du hast sie, so oft du sie 
brauchst; sie vertrödeln die Zeit nicht mit Faullenzen, Schwa- 
tzen und Pfeifenanzünden; sie verlangen nicht Essen u. Trin- 
ken, sobald sie in die Thüre treten und hohen Lohn obendrein, 
und daß du ihnen die Schnapsflasche ins Feld nachtragest; sie
        

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