Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/179/
nachgekommen, deßhalb verlange er im Namen dieser Commis- 
Pon, die sich um die neue Einschätzung der Häuser so viel 
Mühe gegeben habe, daß der Landtag in die Berathung des 
Entwurfes eintrete, möge er dann denselben genehmigen oder 
verwerfen; daS nöthige Material zur Beleuchtung der Steuer« 
objekte sei durch den Katafter und die Grundeinschätzungen 
schon längst gegeben, weßhalb er den von dem Abg. Ächädler 
gestellten Antrag als nicht zur Sache gehörend bezeichnen müsse. 
Der Abg. Dr. Schadler erwiedert hieraus, daß er die 
Mühe und Arbeit, welche sich Regierung und Commisfion um 
das Zustandekommen dieses Entwurfes gegeben haben, schon 
einmal anerkennend hervorgehoben habe, doch bleibe er bei der 
Ansicht, daß der Landtag nach dieser verhältnißmäßig kurzen 
Zeit ein entscheidendes Votum über die heutige Borläge noch 
nicht abgeben könne. Die in seinem Antrage gewünschten sta 
tistischen Erhebungen erachte er als durchaus nothwendig, in- 
dem Kataster und Grundeinschätzung wohl die Größe und den 
-annähernden Werth, nicht aber die ProduktionSfähigkeit der 
Grundsteuerobjekte klarstellen. 
Nachdem der fürstl. RegierungSkommissär noch 
einmal Einwendung gegen den vorliegenden Antrag erhoben 
hatte, zieht der Abg. Schädler denselben zurück, um an Stelle 
desselben den Antrag zu stellen, der Landtag wolle beschließen, 
der vorgelegte Entwurf über Revision des prov. Steuergesetzes 
sei nochmals der Finanzkommission zur weiteren Vorberathung 
zu überweisen. 
Wird ohne weitere Debatte mit allen gegen 2 Stimmen 
angenommen. 
Baduz, den 4. November. Bei dem am letzten Dienstage 
hier abgehaltenen Biehmarkte wurden circa 100 Stücke aufge« 
trieben. Verkauft wurde wenig und zu niedrigen Preisen, wie j 
denn überhaupt auch nach den Berichten anderer Märkte die 
diesjährigen Viehpreise gegenwärtig im Sinken begriffen sind. 
Vaduz, den 4. November. Der schweizerische BundeSrath 
hat dem Vertrage über Errichtung eineö öffentlichen Telegra- 
phenbureau an der Bahnstation in Sevelen die Genehmigung 
ertheilt 
Politische Rundschau. 
Deutschland. Der deutsche Reichstag ist eröffnet worden. 
Die Thronrede spricht sich mit Befriedigung über die innere 
^und äußere Lage Deutschlands aus und betont insbesondere, 
' daß der europäische Frieden jetzt eher als in den letzten 20 Jahren 
als gesichert erscheine 
Oesterreich. Die Regierung hat am 29. Okt. im Abge 
ordnetenhaufe daS von früheren Cabineten oft angekündigte, 
aber nie eingehaltene Eisenbahnprogramm dem Hause vorge- 
. legt. Formell geschah dieß durch eine Kreditvorlage, in welcher 
die Regierung für die von ihr zunächst als dringlich erkannten 
Hauptbahnen: die Donau-Uferbahn, die Arlberg-, Predilbahn, 
ferner für die normalspurigen Lokal-Bahnen: Bozen-Meran, 
KriegSdorf- Römerstadt, Czernowitz-Nowosielica, ferner für die 
schmalspurigen Sekundärbahnen: Mürzzufchlag-Neuberg, Eilli- 
Unterdrauburg-Wolftberg, Freudenthal-Freiwaldau, für daS I 
1876 einen Kredit von 12,350,000 fl., ferner für den AuS- 
bau der schon im Bau befindlichen StaatSbahnen u. s. f. einen 
Kredit von 11,350,000 fl., in Gumma daher d?« beträchtli 
chen Betrag von 23.7 Mill. beansprucht. Der Wichtigkeit die- 
ser Vorlage, welche auf eine Reihe von Jahren hinaus den 
österreichischen Staatssäckel mit dem Gesammterforderniß von 
76.5 Mill. belastet und daS österr. Eisenbahnnetz um rund 200 
Meilen vergrößert, entsprach auch die Motivirung, welche der 
Handelsminister Ritter v. Chlumetzky der Vorlage selbst beigab, 
UNd in der er daS eiaentlicke Eisenbabnvroaramm d. & die 
Grundzüge, von denen sich die Regierung in Zukunft in Eisen- 
bahnsragen leiten lassen wird, in lichtvoller Weise entwickelte. 
Mit großer Schärfe beleuchtete der Minister besonders die biS- 
herigen Mängel des Eisenbahnbaues und die Verurtheilung 
der plan- und ziellos mit und ohne StaatSfudvemion ertheil- 
ten Eisenbahnkonzessionen, mit einem Worte: der Kirchthurm- 
Politik aus dem Gebiete deS Eisenbahnwesens, des auf diesem 
Gebiete getriebenen Finanzschwindels u. f. f. erfolgte in scho 
nungslosester, vom Hause beifälligst begrüßter Weise. 
Verschiedenes. 
* Der entbehrliche Kanzler. Kaiser Joslf II. ließ sich 
einst von allen Behörden berichten, ob die gegenwartige Heam- 
tenzahl nöthig sei oder nicht. Fürst Esterhazy, Kanzler von 
Ungarn, berichtete hierauf: „In meiner Kanzlei ist Niemand 
weiter entbehrlich als ich." 
* DaS größte Hotel der Welt ist das Palasthotel in St. 
FranciSto, dessen Bau kürzlich vollendet wurde. ES bedeckt 
ein Areal von 96,250 englischen Quadratfuß und ist 7 Etagen 
hoch. Es zählt 1060 Fenster, 926 Zimmer und 388 Bade- 
zimmer; der Aufgang zu den Etagen geschieht mit Hülfe von 
5 Elevatoren und 7 Haupttreppen; eS sind 45-10 Thüren im 
Hotel, 9000 Glasflammen mit 32 englischen Meilen GaS- 
und Wasserleitung. GS hat Platz für 1200 Gäste und für 
ein Dienstpersonal von 300 Personen. 
* Ein chinesischer Armeebefehl. Zur Zeit deS Krieges 
der Westmächte gegen China erschien folgender chinesischer Ar- 
meebefehl: „Habt vorzüglich auf einen Umstand Acht. Ihr 
habt eS mit einem Volke zu thun, welches so enge Hosen 
trägt, daß, wenn seine Soldaten einmal umfallen, eS ihnen 
nicht mehr möglich ist, wiederaufzustehen. Darum müßt ihrfür's 
erste darauf ausgehen, sie umzuwerfen. Bemalt daher eure 
Gesichter so absonderlich, als ihr nur könnt und nähert ihr 
euch dem Feinde, vann schreit, macht einen fürchterlichen Lärm 
und schneidet die scheußlichsten Fratzen. Darüber werden die 
Feinde erschrecken und umfallen. Habt ihr sie nur erst so weit, 
dann habt ihr sie fest." 
* Eine Dampfkutsche. Letzte Woche sahen die Spaziergän- 
ger der Avenue deS Bois de Boulogne in Paris zu ihrem Er- 
staunen einen Break in vollem Laufe die Straße entlang fah- 
ren, an welchem die Bespannung fehlte. SS war eine Dampf- 
kutsche, welche ohne Geräusch sich bewegte, plötzlich stille hielt, 
nach links und rechts auswich und ohne die geringste Schwie- 
rigkeit um ihre eigene Achse sich zu drehen vermochte. Ueberall, 
wo der Wagen vorbeifuhr, sammelten sich massenhaft Zuschauer, 
deren Neugierde durch die fast wunderbare Sicherheit der Ma- 
schine sich bis zur Bewunderung steigerte. Dieser Wagen 
kömmt von ManS, wo er von eineck dortigen Industriellen, 
Herrn E. Bollee, erfunden und erstellt worden ist. Der fran- 
zösische Minister der öffentlichen Arbeiten soll dem Erfinder be- 
zeugt haben, daß durch seine Maschine daS Problem der 
Straßendampfwagen als gelöst zu betrachten sei. 
* Am 5. Oktober früh 7 Uhr ist noch lebend und noch 
völlig gesund der einu«dfünfzig Jahre alte Heuer Beier aus 
Deuben (Dresden) glücklich wieder ausgegraben worden, nach- 
dem er am 30. September, Morgens 711h? im Windbergschacht 
deS Pottschappler SteinkohlenbauvereinS durch einen zusammen- 
brechenden Ort verschüttet worden war. Er war Vater von 
sechs Kindern. Der Jubel bei seiner Rettung war unbeschreib- 
lich. Er war 122 Stunden ohne Nahrung gewesen und hatte 
sein Leben nur dadurch erhalten, daß er das Oel seiner Gru 
benlampe austrank. Der Gerettete war noch so kräftig, daß 
er ohne Stütze nach Hause gehen und seine Hacke selbst tragen 
konnte.
        

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