Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/172/
von der Kammer-Mehrheit an den König gerichteten Adresse 
seine Entlassung eingereicht. 
Oesterreich. Aus Wien meldet man den am 17. Okt. 
erfolgten Schluß der Delegationen. An ihrer Stelle wird das 
Abgeordnetenhaus am 19. d. M. wieder zusammentreten. 
Türkei. Die Besitzer türkischer VondS stnd letzter Tage 
mit einer sshr unangenehmen Ueberraschung betraut worden, 
intzem die neueste türkische Finanzspekulation die^ baare Zins- 
zahlung auf die Hälfte beschränkt hat und für die andere 
Hälfte ein sehr zweideutiges Papier anbietet. Unser Ländchen 
hat bei derartigen „Krachmanövern" auf dem europäischen 
Geldmarkte den großen Vortheil, wenig schadhaft berührt zu 
werden, indem unsere Leute fast nichts „in Papieren" machen, 
am allerwenigsten in „türkischen Papieren." So dürfte wohl 
kaum ein türkischer Bonds auf liechtensteinischem Gebiete zu 
- finden sein. Der solide Gelderwerb und die solide Kapital- 
anlage haben glücklicherweise noch festen Fuß in unserem Land- 
chen. Und zwar zu unserem Glücke, üenn gerade die kleinen 
Kapitalisten, Geschäftsleute, Handwerker u. f. w. stnd eS Haupt- 
sächlich die bei jedem großartigen Geldschwindel ihr Geld dazu 
hergeben und dann schließlich den Schaden zu tragen haben, 
weil sie eben in die Geheimnisse nicht ganz „schwindelfreier" 
Manöver der haute finance nicht eingeweiht stnd. 
Den größten Schaden in Folge „des halben StaatSban- 
krotteS" der Türkei erleidet England und Frankreich. An 
Londoner Korrespondent der Allg. Zeitg. bringt unter Anderem 
folgende interessante Notizen, die speziell die englischen Verhält- 
nisse in dieser Sache behandeln Mehr als 2 / 3 der türkischen 
StaatSschuldscheine stnd nach diesen Angaben mit englischem 
Kapital erstanden und befinden sich in englischen Händen. Un- 
ter den bisherigen Verhältnissen hatte die Türkei in runder 
Summe 11 Milk. Pf. St. (1 Pf. St. gleich 25 FrS., also 
275 Millionen Frcs ) jährlich nöthig um die Linsen für ihre 
verschiedenen Anleihen zu decken, davon kommen etwa 7% 
Mill. Pf. Sterl. nach England. Die britische Nation erleidet 
also durch die neueste türkische Finanzspekulation, welche die 
bare Zinszahlung auf die Hälfte beschränkt, eine Einbuße von 
8,750,000 Pf. St. (gleich ca. 94 Mill. FrcS.) und zwar 
jährlich. Dieß ist ein herber Verlust auch für eine so reiche 
Nation wie dle englische. Im nächsten Jahre werden hier 
3,750,000 Pf. St. weniger auszugeben sein und zwar stnd eS 
die kleinen Leute, welche ste weniger auszugeben haben, und 
welche diese Beschränkung ihres Haushaltbudgets am wenigsten 
ertragen können. Die großen Kapitalisten und die haute finance 
hüteten sich wohl türkische BondS in ihren Gelbküsten aufzu- 
bewahren. Die Hauptvorwürfe gehen daher auch gegen die 
englische Regierung selbst. 
Die Pforte besaß und verdiente ja kein Vertrauen. Daß 
f die Türkei insolvent war und nie solvent gewesen, wußte je- 
' dermann. Auch ihr System neue Schulden zu machen um die 
alten zu bezahlen, durch neue Anleihen die Zinsen für die 
alten aufzubringen, welches der Divan mit großartiger Naive- 
tät und rührender Bewußtlosigkeit in seinen zur Aufklärung 
des Publikums veröffentlichten Aktenstücken entwickelt, war nicht 
unbekannt. Dieß ist ein Finanzgeheimniß, welches die Gper- 
linge auf den Dächern pfeifen und mit dem uns unsere Schwin 
delgesellschaften und die Resultate der zivilisirten Gründerei nur 
zu vertraut gemacht haben. Diese Methode des Schuldenzah« 
lens ist jedoch, wie die Pforte offiziell versichert „unbequem" 
geworden. Auch dies hat nichts verwunderliches. Wenn ste 
lange bequem gewesen, so wird, ste schließlich „unbequem/und 
ohne unbillig zu sein, kann man keinem Menschen zumuthen, 
seine Schulden durch neue Anleihen zu liquidiren, wenn ihm 
niemand mehr etwas borgen will. Alles dieß ist ebenso selbst- 
verständlich als die Thatsache, daß die Türkei von ihren unter 
falschen Vorspiegelungen aufgenommenen Anleihen den fchlech- 
testen Gebrauch gemacht hat. Da hieß es immer, daß Eisen 
bahnen und Straßen gebaut, kostspielige Reformen zu Gunsten 
der verarmten Bevölkerung durchgeführt, die vernachlässigte»? 
„natürlichen HülsSquellen" deS Reiches ausgebeutet und über- 
Haupt die Civilisation befördert werden sollte. Es wurde nichts 
: befördert als die Verschwendung und die Korruption in den re- 
gierenden Kreisen. DaS Geld, welches nicht absolut zur Zins- 
zahlung erforderlich war, stoß in das Serail des Sultans und- 
in die Taschen seiner zahlreichen und oft wechselnden Günstlinge. 
Weder Eisenbahnen noch Wege wurde« gebaut, wohl aber 
Paläste, Kiosken und einige Panzerschiffe, die unter türkischen 
Händen sehr bald so unnütz geworden sind, wie die Paläste, 
KioSken und der den Serail-Damen mit europäischem Geld 
angetaufte barbarische LuxuS. Wenn man nun noch bedenkt, 
daß sich der GroßKerr, ganz abgesehen von den außerordentlichen 
Windfällen der Anleihen, eine jährliche Eivilliste von 1,800,000 
Pf. St. (gleich 45 Mill. FrS.) zugelegt hat, also mindestens 
fünfmal so viel als die Königin Viktoria, die Beherrscherin deS 
reichsten Landes der Welt, zu beanspruchen wagt; d«ß er übri- 
genS so viel aus den Staatseinkünften ziehen kann als er will, 
"daß alle seine Minister, Paschas und Steuerpächter nur von 
einem Tag auf de» andern zu denken haben, und daher daö 
Eisen der öffentlichen Kassen schmieden solang eS warm ist, daß 
absolut nichts gethan wird um das Land produktiv und die 
ausgebeuteten Steuerpflichtigen erwerbsfähig zu machen — 
wenn man diese und ähnliche Thatsachen bedenkt, so begreift 
man wohl, daß das bisher befolgte jSystem schließlich „un- 
bequem" werden, die ganze Finanzwirthschaft kläglich zusam- 
menstürzen mußte, und daß die Staatsgläubiger, die bei allem 
ihrem Leichtsinn auf die Ressourcen und den guten Willen 
der Pforte nie Vertrauen setzten, in erster Linie die britische 
Regierung für ihre Verluste verantwortlich machen. 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: vr. Rudolf Schadler. 
Zu verkaufen 
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Regula Marok in Triefen. 
Kornpreise vom Fruchtmarkt in Bregenz vom *5. Okt. 
Der halbe Metzen 
I beste 
mittlere 
geringe 

! fl 
kr. 
fl 
kr. 
fl. 
kr. 
Korn 
1 3 
40 
3 
15 
3 
05 
Roggen .... 
1 2 
80 
2 
60 
2 
50 
Gerste 
1 2 
70 
2 
50 
2 
30 
Türken .... 
2 
80 
2 
50 
2 
20 
| Hafer 
1 
70 
1 
60 
1 
50 
Thermometerstand nach Reaumnr in Badnz. 
Monat 
Morgens 
7 Uhr 
Mittags 
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Abends 
6 Uhr 
Witterung. 
Oktober 
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Telegrafischer Kursbericht von Wien. 
20. Okt. Silber 104.15 
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Druck von Heinrich Graff in Feldkirch.
        

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