Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/16/
Trauer über seinen Verlust die Verwirklichung seines Lebens- 
werkeS — so muß ich nach Ihren vorangegangenen Worten 
die Sorge um Ihre Zukunft nennen — stören, vielleicht qar 
hindern. Ich betrachte eS geradezu als ein Glück für Sie, Ma- 
dame, falls der Verkauf an meinen Freund zu Stande kommt. 
Sie würden ganz im Sinne des edeln Verstorbenen handeln, 
deß bin ich sicher, wenn Sie in dieser Absicht einmal daS Ge- 
wand ablegten. In der Erbschaftssache ist daS HauS zu sieben- 
zigtausend Franken taxkrt. Die Taxe ist wenig zu niedrig, 
lein für meinen Freund muß dieses HauS einen besonderen 
Werth haben, er will bunderttausend geben. Dürste ich morgen 
a!S den Tag zum Abschluß deS Geschäfts bestimmen, würde ich 
daS Aktenstück heute aufsetzen, einen mir bekannten Notar mit- 
bringen u. meinen Freund veranlassen, zu der Stunde, die Sie 
gefälligst angeben wollen, zur Unterschrift und Feststellung deS 
Zahlungstermins hier zU erscheinen; aber wohlgemerkt, verehrte 
Frau, ohne daß ihn diese traurige Kleidung hier erwartet." 
„In diesem einen Fall, mein Herr, will ich Ihren Grün- 
den nachgeben, aber auch nur dieses Eine Mal! Fordern Sie 
eS aber, ich bitte, nicht mehr von mir — ich könnte wirklich 
nicht darauf eingehen." 
Hiermit hatte unser merkwürdiges Zwiegespräch ein Ende. 
Ich weiß nicht, waS mich dazu trieb, so aus »die Ablegung der 
Trauerkleider u. aus die persönliche Zusammenkunft mit Laver 
zu dringen. Die Sache hätte, allerdings etwas umständlicher, 
jedoch auch sonst ebenso gut ohne ihn abgemacht werden kön- 
nen. Es war aber in mir das Gefühl: „wer weiß was ge- 
schieht", .wenn er dieses reizende, bescheidene, treuherzige und 
hilfsbedürftige Geschöpf von Angesicht zu Angesicht und ohne 
die verhaßten Trauerkleider sieht, daS mich so halb unwillkür- 
lich auf dieser Klausel bestehen ließ. Laver stutzte etwaS, als 
ich ihm da? Ergebniß meiner diplomatisch-merkantilen Mission 
mittheilte, war jedoch schneller mit Minem Arrangement ein 
verstanden, a!S ich vermuthete. 
DaS Aktenstück wurde aufgesetzt, der Notar und Zeugen 
erschienen. Die kleine.Truppe wanderte zum Hause hinüber. 
Amalie Boneveldt, so hieß die Wittwe, kam unS in einem 
weißen, mit vielen kleinen jgrünen Blättern durchwehten Mous- 
selinkleide entgegen und bezauberte AlleS durch ihre ungeahnt 
feine, volle Mädchengestalt und ihre treuen sanften Mienen. 
DaS Geschäft war bald abgemacht. Der verdutzte Vormund, 
durch einen Boten eilig herbeigerufen, gab halb wie von Sin- 
nen seine Zustimmung u. ich bewunderte daS angenehine Kon- 
versationStalent meines Freundes der jungen Wittwe gegenüber. 
Er schien eS gar nicht so eilig zu haben, auS dem Trauerhause 
zu kommen; er kam mir plötzlich wie um zwanzig Jahre ver- 
jüngt vor und ich gerieth völlig in Erstaunen über seine feine 
geistreiche und Humoristische Art, Verbindliches zu sagen und 
bedeutende Dinge in der anmuthigsten Form für Damen zum 
Gespräch zu bringen. 
„Lernt man dergleichen unter Löwen, Tigern, Beduinen u. 
Eisbären," sagte ich bei der Rückkehr zu Laver, „so möchte ich 
wahrhaftig auch ^einmal einen solchen Kursus durchmachen." 
— Er lachte, nahm eine Rose, zerpflückte sie und warf die 
Blätter in daS Bächlein. 
„Parbleu, die Kündigung haben wir vergessen!" rief ich 
scheinbar erschreckt auS. 
„Hat Zeit bis Morgen!" erwiederte er kurz und ging 
schnell zu einem anderen Thema über. — 
Der nächste Tag kam und die Dame ging in Trauerktei- 
dern zu ihrem Grabe. Laver sprang mürrisch vom Fenster. 
Eine Woche verging; die Dame trauerte nach wie vor. 
Laver kehrte sich in Mißmuth um, wenn er sie erblickte und 
dieS fand stets statt, sobald sie nur einen Fuß auS dem Hause 
setzte. Die Kündigung aber — die Kündigung unterblieb. 
Fragte vielleicht Amalie mit dem halbverstohltnen Blick 
nach dem Fenster hinauf: ob ihr Wirth denn nicht bald über 
sein Haus disponiren, also kündigen wollte, und gab vielleicht 
Laver mit dem Umdrehen die Antwort? — Ich bemerkte nur, 
daß Amalie mit Spannung eine derartige schreckliche Maßregel 
erwarten mußte, denn sie zeigte sich jetzt öfter am Fenster und 
warf sinnend längere Blicke zu uns hinüber; Laver schien sich 
PaS einzuüben, so oft avaneirle er zum Fenster und chassirte 
dann schnell zurück. 
Zwei Monate vergingen. Keine Kündigung. Endlich brach 
ich mein Stillschweigen in dieser Angelegenheit. „Toll ich viel- 
leicht statt Deiner kündigen?" fragte ich. „ES mag Dich ge- 
niren, ich aber trete gewissermaßen als Amtsperson auf—unS 
nimmt man nichts übel." 
„Nein!" erwiederte er kurz, „die Person soll wohnen blek- 
ben, aber endlich einmal die verrückte Trauer ablegen. Ihren 
alten Eheherrn bekommt sie dadurch doch nicht vom Himmel 
herab, u^ sie ist noch zu waS Anderem geschaffen, alS so klö 
sterlich düster ihr Leben zu verdämmern." 
„Mach' ihr doch einmal den Vorschlag!" warf ich ein; 
„Du stehst sehr in ihren Gunsten, wenn Du eS auch nicht be- 
achten willst und die liebenswürdige Person für all ihr Auf- 
schauen zum Fenster nicht einmal grüßest " 
„Ich werde sie grüßen, sobald sie aufhört mich zu ärgern." 
„Diesen Aerger würde ich mir bald auS den Augen schaffen." 
„Und wie denn, Du Macchiavell?" 
„Ei! Sie müßte ausziehen — Du bist ja Wirth und hast 
das vollständige Recht zum Kündigen." 
„Ah! Rede mir nicht von Kündigen. Soll man sich daS 
einzige hübsche Gesicht in der ganzen Umgegend auch noch fort- 
jagen? Ich habe hübsche Frauen um mich gern, wie die Bogel 
auf den Bäumen." 
„O! Du näherst Dich schon dem Thierbandiger sehr bedeu- 
tend, merke ich; nur nach unseren europäischen Verhältnissen, 
wo AlleS eine mildere, sanftere, zahmere Form annimmt — 
Du wüst Vogelfänger und nun nicht Thierbänviger, sondern 
Bogelabrichter." 
(Schluß folgt.) 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: Dr. Rudolf Schädler. 
Kornpreife vom Fruchtmarkt in Bregenz vom 15. Jänner. 
Der halbe Metzen 
beste 
mittlere 
geringe 

1 st 
kr. 
fl. 

fl- 
kr. 
Korn 
1 3 
40 
3 
15 
3 
05 
Roggen .... 
1 2 
80 
2 
60 
2 
60 
Gerste 
1 2 
70 
2 
50 
2 
30 
Türken .... 
2 
80 
2 
50 
2 
20 
Hafer j 
1 
70 
1 
60 
1 
50 
Thermometerstand nach Reaumur in Baduz. 
Monat 
Morgens 
7 Uhr 
Mittags 
1,2 Uhr 
Abends 
6 Uhr 
Witterung. 
Jänner 13 
0 
+ 5 
+ 2 
halb hell 
. 14. 
+ * 
+ 5 
+ 1 
hell 
* 15. 
— 2% 
+ 4% 
+ Vi 
fast hell 
. 16 
+ 1% 
+ 5 
+ 3 
trüb 
. 17- 
+ 3
    

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