Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/159/
mußte cin in höchster Gefahr schwebendes PrivathauS ge- 
räumt werden, während mit der Demolirung des Stations 
gebäudes innegehalten wurde um nicht auch noch Menschen- 
leben in Gefahr zu bringen. Vielleicht schon morgen können 
wir von der Nachricht überrascht werden, daß dasselbe ver 
schwunden sei. Inzwischen traf die Nordostbahn ihre weiteren 
Verfügungen; der bisherige Fahrtenplan der Dampfschiffe tritt 
wieder in Kraft, die Bahn von Zürich bis Horgen wird suS- 
^endirt und nur die Strecke RichterSweil-Dlaruö bis „auf 
weiteres" in Betrieb gelassen. Und was nun? fragt alle 
Welt Noch liegt die definitive Antwort hinter den Couliffen, 
aber sie laßt sich leicht errathen: Die Linie wird zuerst nach 
dem von der Nordostbahn proponirten Projekt oberhalb Hör- 
gen hingeführt, denn an eine Ausfüllung des neuen Lochs 
läßt sich bei der Gefahr steter und neuer Nachrutschungen 
nicht denken Und dazu muß in Berücksichtigung kommen, 
daß die Bahn beim Publikum allen Vertrauens bar geworden 
ist, und nur eine Verlegung der Linie dasselbe wieder einzu- 
holen vermag. Denn wer bürgt dafür, daß nicht oberhalb 
Horgen oder bei RichterSweil und Altendors ähnliche neue 
Unfälle geschehen könnten? Wie in Horgen, so hat auch dort 
daS leise und unablässig wühlende Element sich wahrscheinlich 
tief unter den Boden gewühlt, und die intensive Erschütterung 
schwerer Bavnzüge vermag die Katastrophe herbetzujühren. 
Und schon auS diesem Grund auch maß die überwachende 
Behörde mit ganzer Entschiedenheit die Trace-Adänderung ver- 
langen, welche übrigens niemandem lieber sein wird als Hor 
gen, daS seinen doppelten gehler bereits eingesehen hat. Schwer 
und bitter wird es ihn ohnedies bezahlen müssen. 
Politische Rundschau. 
Deutschland. Den Schluß der diesjährigen größeren 
militärischen Uebungen bildete das am 22. September bei 
Warnemünde abgehaltene Flottenmanöver, an welchem sich 
der Kaiser, der Kronprinz, der Großherzog von Mecklenburg 
und noch über hundert Prinzen, Generale und Offiziere aller 
Grade deS kaiserlichen Gefolges betheiligten. Die Bedeutung 
diefeS TageS ist insofern«: hervorzuheben, als an demselben zum 
ersten Mal ein Kaiser Deutschlands den Bord deutscher KriegS- 
schiffe betrat. 
AuS Baiern meldet man den am 20. September erfolgten 
Tod deS Prinzen Adalbert, des letztgebornen SohneS König 
Ludwig I.. 
Oesterreich. Die Delegationen der beiden Reichshälften 
find in Wien zur Berathung der gemeinsamen ReichSange- 
legenheiten zusammengetreten. Auf die huldigenden Ansprachen 
der Präsidenten derselben antwortete der Kaiser: 
„Ihre Versicherungen treuer Ergebenheit nehme Ich mit 
aufrichtigem Dank entgegen. Ich rechne auf Ihren wiederholt 
erprobten Patriotismus und bin überzeugt Sie werden die Re- 
gierung in allem unterstützen was zur Sicherung der Mona» 
chie und zur unbedingten Wahrung ihrer Interessen nothwen- 
dig erscheint. Die Bewegung, welche in einigen Provinzen 
deS türkischen Reichs entstanden ist, muß durch ihre unmittelbare 
Nachbarschaft und die daraus entspringenden Vielsachen Bezieh, 
ungen die österreichische Monarchie in erster Linie berühren. Un- 
ser herzliches Berhältniß zu den beiden großen Nachbarreichen, 
sowie unsere freundschaftlichen Beziehungen zu den anderen 
Staaten lassen jedoch die Hoffnung als begründet erscheinen, 
daß trotz dieser Ereignisse sowohl die Ruhe für unsere Monar- 
chie als der Friede für Europa erhalten bleiben werde." 
— Sicheren Nachrichten zu Folge wurde in der gemein- 
samen Zollkonferenz über alle Einfuhrzölle Einigung erzielt. 
Herzegowina. Die neuesten Wienerblätter veröffentlichen 
folgendes der türkischen Botschaft in Wien zugegangene Te- 
legramm: , Konstantinopel, 25. Sept. (Offiziell publizirt.) 6 
Bataillone die unter Cherket und Selim Pascha von Gaczko 
zur Verstärkung der in Piva stationirenden Truppen entsendet 
wurden, begegneten inZanjiwina, dem Schlüssel Piva'S, 3000 
Insurgenten, und brachten denselben in vierstündigem Gefechte 
eine vollständige Niederlage bei. Die türkischen Truppen zer- 
störten die Verschanzungen bei GloSoita, versprengten andere 
Insurgentenhaufen und gelangten nach Wewa, dessen Garni 
son verstärkt und verproviantirt wurde. TagS darauf wurde 
die Besatzung von Besoya mit Lebensmitteln und Kriegsbedarf 
versorgt. Der Verlust der Insurgenten in diesen Gefechten be- 
trug 200 Todte und viele Verwundete. Zwei türkische Batail- 
lone kehrten wiederstandSloS nach Gaczko zurück, von wo Ver- 
stürkungen nach Duza und Niksitsch entsendet wurden. Zwei 
Bataillone unter Ali Pascha versprengten die Insurgenten in 
die Engpässe bei Wutojak und Woinitza, bei welcher Gelegen- 
heit die Insurgenten bedeutende Verluste an Mannschaften, 
Waffen und Vieh erlitten. Die Truppen verfolgen die In- 
surgenten in dieser Gegend. Die Verluste der Türken sind 
verhältnißmäßig gering. 
Ein weiteres Telegramm bezeichnet den Eintritt Montene- 
gros in die Aktion als nahe bevorstehend. 
Die Aufständischen in der Herzegowina haben an die in- 
ternationalen Kommissäre in MeSkovich eine Denkschrift überreicht, 
welche ein merkwürdiges Licht auf die türkisch-christlichen Pro- 
vinzen wirft. Dieselbe lautet wörtlich: 
„Löbliche europäische Gesandtschaft! Bier Jahrhunderte 
lang schmachtet die elende und beklagenSwerthe Raja, die 
Christen der Herzegowina, in Kummer und Trübsal. Nicht 
im Stande die türkische Tyrannei, Barbarei, VerfolgungSsucht, 
Gewaltthätigkeit und Bedrückung länger zu ertragen, ist in 
diesem Jahre die ganze Rajah aufgestanden und hat die Waf 
fen ergriffen, um endlich im 19. Jahrhundert'der Aufklärung 
dem gebildeten Europa zu beweisen, daß eS für ganz Europa 
eine Sünde und Schande ist, zuzulassen, daß die türkische 
Barbarei das unglücklicheslavis che Volk der Herzegowina kneble 
und in Unwissenheit niederhalte. Ihr Herren! Wir haben ge- 
hört, daß ihr ausgesendet seid von den Herrschern, unsere 
Noch und lvarum wir die Waffen ergriffen haben, zu unter- 
suchen Wohlan! DaS sind die reinen und wahren Gründe. 
1) Fangen wir mit dem Aga an. Der unglückliche Kleinbauer 
der vom Aga ein Grundstück in Pacht nimmt, muß eS bear 
beiten und dem Aga nicht weniger als die Hälfte geben. Kommt 
dann der Aga zu dem Bauer auf Besuch, waS drei- bis vier- 
mal im Jahr geschieht, so kommt er mit seinen Leuten und der 
Bauer ist gezwungen den Aga, dessen Leute und Pferde au<- 
zuhalten; sonst erwarten ihn Schläge und Vefä'ngniß. 2) Im 
türkischen Reiche wird der Zehnt in Pacht gegeben; aber die 
Pächter sammeln im Einverständniß mit den Behörden zehn- 
mal soviel ab, und du, Rajah, zahle und gib her und-dann 
kannst du dich beschweren. 3) Außerdem muß die bedauernS- 
werthe Rajah die Steuer, den Harac, die Pesule und ASkarie 
bezahlen. 4) DaS Abzählen deS Viehs wird seit Menschenge- 
denken in unglückseliger Ordnung geübt. Die Türken sind die 
Abzähler; ihre Glaubensgenossen übergehen sie, dem elenden 
Christen aber zählen sie, wenn er 10 Stück hat, dafür 20 auf, 
damit der arme Christ seinem Aga für Futter und Weide die 
volle Gebühr bezahle. Wem soll der Christ klagen? Dem 
Ali! Wer ist sein Richter? Ali! 5) Wenn der Christ von 
einem Türken vor Gericht belangt wird, oder wenn er einen 
Türken vor Gericht belangt, so fällt der arme Christ mit seinem 
Recht durch, falls er nicht zwei Türken als Zeugen hat und 
man wirft ihn überdieß noch ins Gefängniß. 6) Die Türken 
entführen mit Gewalt unsere Töchter und Weiber und zwingen 
sie zum Islam überzutreten. 7) Wenn ein Christ als Zeuge 
gegen einen Türken auftritt, dann erlebt der Unglückliche nicht 
3 Tage mehr. 8) Den Türken find unsere Geistlichen, unsere 
Kirchen, unsere Glocken, unsere Heiligenbilder ein Grauet, 
welche sie öffentlich schänden und beschimpfen. 9) Wir zahlen
        

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