Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/135/
JameS Pearce, der in der Salzseestadt wohnt, kann noch heute 
die Narbe aufweisen, die ihm bei jener Gelegenheit sein Vater 
beibrachte, weil er sich weigerte ein Mädchen zu tödten, welches 
seine Kniee umklammert hielt. — Ein gewisser Bill Stewart, 
der gegenwärtig in Cedar City lebt, und Joe White wurden 
auSersehen, allen Kindern die Hälse abzuschneiden und sie ver- 
richteten ihre Arbeit getreulich. 127 Leichen bedeckten daS 
Blutfeld; mit den Boten und den andern vorher Erschossenen 
waren 133 Menschenleben hingeopfert worden« Haight, Lee 
und Dame sollen sich nun viele Sachen der Ermordeten an- 
geeignet haben und darüber in Feindschaft geratben sein, welche 
schließlich zu diesen Enthüllungen führte. Diese Enthüllungen 
werden von dem gegegenwärtigen Mormonenbischof, dem oben- 
erwähnten John D. Lee, gemacht, welcher sich auS Rache ge- 
gen einen seiner Mitschuldigen zum StaatSzeugeu aufgeworfen 
hat. Die Angelegenheit wurde in Beaver untersucht. ES sind 
umfassende Verhaftungen vorgenommen und über hundert 
Zeugen vorgeladen worden. Die Anklage ist gegen Lee, Dame, 
Haight, Wm. C. Stewart, Elliot, Wilder, Geo Adaje, John 
M. Highee, Samuel JuleS und Philipp Klingmann Smith 
erhoben. Sie werden der Verschwörung mit den Indianern 
zur Ermordung jener Einwanderer und der direkten Betheili 
gung an dem Morde beschuldigt. Game ist jetzt ebenfalls Bi- 
schof und fyat unter den Heiligen, wie sich die Mormonen 
nennen, einen großen Anhang. 
Verschiedenes. 
* Aus dem hessischen Odenwald erzählt man dem Frank- 
surter Journal: „In Nekar-Steinach lebte eine sehr unbemit- 
telte Familie, welche zwei Töchterchen hatte. Die eine der-; 
selben ließ sich vor mehreren Jahren bereden, nach Amerika 
auszuwandern, woselbst sie heirathete und es ihr ganz gut ging, 
so daß.sie ihren Mann nach Nekar-Steinach schickte, um ihre' 
Schwester abzuholen. Er erzählte derselben so viel GuteS von 
seiner neuen Heimath, daß sie sich mit Einwilligung der Eltern 
zur Mitreise entschloß. ES wurde ein Platz auf dem Schiffe 
für sie bestellt und bezahlt, der Tag der Ahreise nahte heran 
— da weigerte sich daS Mädchen plötzlich mit aller Entschiedenheit 
mitzugehen. Sie hatte einen fürchterlichen Traum gehabt, sie be- 
fand sich schon auf dem Schiffe, mitten in dem endlosen Was- 
ser, daS Schiff gerieth in Brand, alle Lösch- und RettungS- 
versuche waren vergebens, das Schiff verbrannte, die Reisen- 
den, welche den Flammen entgehen wollten, sprangen in daö 
Wasser und ertranken; Niemand wurde gerettet. Alles Zure- 
den war vergebens, das Mädchen hatte alles deutlich gesehen, 
sie blieb zurück und der Schwager reiste allein ab. Das Schiff, 
auf welchem der Schwager nach Amerika reiste, war die 
„Austria" und es ist bekannt, daß dasselbe verbrannte und 
mehrere hundert Passagiere in den Flammen oder in dem 
Meere umkamen. Nach einigen Jahren folgte das Mädchen 
doch einer Einladung der Schwester und reiste nach Amerika, 
wo eS ihr bis zu Ende des vorigen Jahres gelang, sich durch 
unermüdliche Arbeit ein kleines Vermögen zu erwerben. Da 
kamen Briefe aus der Heimath, die sehr alten Eltern könnten 
nicht mehr arbeiten, eS ginge ihnen schlecht, und schnell war 
die Tochter entschlossen, ihre Pflicht zu erfüllen. Sie raffte ihr 
kleines Vermögen zusammen, die Schwester gab ihr auch etwas 
mit, sie eilte nach der Heimath, um die alten, schwachen, ver- 
mögenölosen Eltern zu unterstützen und zu verpflegen. Diese 
hatten Nachricht erhalten, daß sie bald kommen werde; sie 
kam aber nicht —- auf dem „Schiller" machte sie die Reise, 
und sie ist nicht unter den wenigen Geretteten! 
* In diesen Tagen ist ein deutscher Baron durch'S Bünd- 
ner Oberland gereist, der. seine 400 Pfund Gewicht hat. Er 
reiSt mit feinem Diener allein in einem besonderen Wagen. 
* In Villa AlbrechtShöh bei Königsberg hatten zwei Gym- 
nastiker daS 43 Fuß hohe sogenannte Thurmseil passirt, der 
eine auf deS andern Schultern reitend. Sie schickten sich zur 
Wiederholung des Wagestückes an, doch kaum sind sie drei 
Schritte vom Ausgangspunkte ab, so sieht man sie schwanken, 
der eine Mastbaum scheint locker in der Erde geworden zu 
sein. Einen Augenblick später und die Balancirstange fliegt 
herab, gleich darauf stürzten die Gymnastiker aus ihrer Höhe 
herunter, der obere (auf dem andern Sitzende) ergreift mit ei- 
ner Hand das Seil, aber in demselben Augenblicke packt sein 
Gefährte ihn im Sturze beim Fuß und reißt ihn in die Tiefe. 
Jener fällt platt auf Leib und Brust, der andere ihm auf 
daS Kreuz. Ersterer ist zur Stelle todt, Letzterer gibt nur ei- 
nen dumpf röchelnden Laut von sich und wird halbtodt vom 
Platze getragen. 
* Die „Frankf. Ztg." vernimmt, daß bei einem dreitägigen 
Marsch von Fulda nach Frankfurt das 3. Bataillon deS 81. 
JnfanterieregiementS von der glühenden Augusthitze 3 Mann 
— viele sagen sogar 5 Mann an Todten verloren habe. Ein 
halbes Dutzend soll außerdem gefährlich erkrankt sein. Als 
zum erstenmal solche Fälle von Zutodexerzieren bekannt wur- 
den, war in Deutschland ein Schrei der Entrüstung zu ver- 
nehmen. Heute hat man sich an dergleichen Vorkommnisse 
bereits gewöhnt, und kaum noch die OppositionSblätter wie 
das genannte Blatt verkünden der Welt daS Faktum von 
solchen Folgen militärischer Friedensstrapazen. 
* Rußland. Nach der „PeterSb. Ztg." regiert in Finnland 
eine unerträgliche Hitze und ist dort seit etwa drei Wochen 
kein Regentropfen gefallen. DaS Viehfutter ist verdorrt und 
an mehreren Orten sind wieder Waldbrände ausgebrochen, 
welche in der Nähe von Wiborg an drei verschiedenen Punk- 
ten seit zehn Tagen andauern. Zu beiden Seiten der sinn- 
ländischen Bahn befinden sich in -der Gegend von Navara- 
Kixka die Torfmoore, das Gesträuch und die Bäumstärke gleich- 
falls in vollem Brande und verfinstert ein dichter Rauch die 
Lust. 
* AuS dem deutschen Reich, vorab auS der Residenz Ber- 
lm wird sehr über Handelsstockung geklagt. In Geschäften, 
wo 10 Thaler Reingewinn täglich nöthig sind um Miethen 
und andere Unkosten zu decken, werden oft nur 4—5 Thaler 
per Tag eingenommen. Seit zmanzig Jahren erinnert man 
sich keiner so betrübten geschäftlichen Zeit. 
* Im Hafen von Swinemünde fand am hellen ruhigen 
Tage ein Zusammenstoß von zwei Dampfern statt. Der große 
englische Dampfer „Lady Eatharina" fuhr in den Hafen ein, 
der Dampfer „Milo" verließ denselben. Plötzlich, man weiß 
nicht genau, wo die Schuld lag, fuhr der „Milo" mit einem 
ungeheuern Krach der „Lady Eatharina" in die Flanke, machte 
dann einen gewaltigen Ruck, um sich zu befreien, und eS ge- 
lang, nur hatten er zwei ungeheuere Löcher; die „Lady Catha- 
rina" dagegen steckte sofort die Nase ln'S Wasser, hob sich hin- 
ten ganz aus demselben, schwankte und versank. Alles dies 
war ein Werk von neun Minuten. Ein großartiger Sprudel 
mitten im Wasser, durch die beim Schornstein entwichene Luft 
gebildet, zeigte allein die Stelle, wo ein Vermögen von 
200,000 Thalern rasch verschwunden war. Die Besatzung 
deS Schiffes vermochte nur mit Mühe das nackte Leben zu 
retten. Die Kosten der Beseitigung deS im Fahrwasser liegen- 
den Kolosses — er ist 300 Fuß lang — sind vorläufig auf 
60,000 Thaler geschätzt, welche der „Milo" deponiren muß, 
bevor er den Hafen verlassen darf. 
* Große Zerstreutheit. Ein Herr in London wollte un 
längst eine Lady besuchen, aber in deren Vorzimmer sagte ihm 
ein Diener, baß die Dame nicht zu Hause sei. AlS der Be- 
sucher sich zum Gehen umwendete, traf ein Blick zufällig einen 
Spiegel, und in diesem sah er einen Moment das Abbild deS 
KopfeS der Dame, welches das GlaS wiedergeben konnte, da 
eine Thüre, die zur Herrin des Hauses führte, halb offen stand. 
Eine Stunde später besuchte er eine andere Freundin und
        

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