Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1875
Erscheinungsjahr:
1875
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1875/134/
Karlisten aber noch weit mehr. Nach diesem Berichte könnte 
sich Seo de Urgell kaum mehr lange halten, da die Karlisten 
ganz in die Citadelle eingeschlossen wären. Man wird aber 
zuwarten müssen, ob diese Depeschen sich wirklich erwahren. 
Die Karlisten meldeten noch gestern, d6ß sie in verschiedenen 
Ausfallen die Belagerer schwer geschädigt und einen Angriff 
auf längere Tage unmöglich gemacht hätten. 
Europäische Türkei. Mit dem Aufstand in der Her- 
zegowina haben sich, zufolge der Wiener Depeschen, die groß- 
mächtlichen Diplomaten angelegentlichst befaßt., und eS heißt, 
Besprechungen des Grafen Andrassy mit den Botschaftern 
Deutschlands und Rußlands hätten zu einer vollständigen 
Einigung über die in dieser Affaire zu befolgende gemeinsame 
Politik geführt. Rußland und Deutschland hätten anerkannt, 
daß Oesterreich ein ganz besonderes Interesse an der Her- 
stellung der Ruhe in der Herzegowina habe, und hätten sich 
auch bereit erklärt, die vom Wiener Kabinet dießfallS in Kon 
stantinopel zu ertheilenven Rathschläge auf's Wärmste zu un 
terstützen. Inzwischen bestätigt eS sich, daß man in Konstan- 
tinopel anfängt, die Sache ernster aufzufassen, und bedeutendere 
Truppenkräfte mobil zu machen beginnt. Das Journal „la 
Turquie" veröffentlicht Details, welche die wachsende Bedeutung 
des Aufstandes in der Herzegowina andeuten. Neue Banden 
von Znsurgenten erheben sich überall, die Dalmatier und Mon- 
tenegriner unterstützen die Rebellen. 
Nach anderweitigen Berichten sind von Prag sogar 5 cze- 
chische Studenten zu den Insurgenten abgereist. Den Serben 
jukt es bereits in allen Gliedern zum lustigen Waffentanz ge- 
gen die grimmig gehaßten Türken und die Montenegriner kön- 
nen die Lust kaum mehr bezwingen, von den schwarzen Bergen 
niederzusteigen, um Säcke mit Türkenohren zu füllen. Ruß- 
land soll sich vergnügt die Hände reiben und schmunzeln ob 
der allgemeinen Aufregung. Ein südslavischeS Reich unter dem 
Fürsten Nikita, daS wäre ja herrlich! Rußland hätte einen 
treuen Verbündeten und der kranke Mann einen schlimmen, 
sehr schlimmen Nachbar mehr. 
Damit unsere Leser auch Näheres über den Schauplatz deS 
Aufstandes erfahren, lassen wir noch folgende Notiz folgen: 
Die ganze, nach Roökiewicz 230,000, nach Sestak und v. 
Scherb 250,000 Seelen zählende Bevölkerung der Herzegowina 
gehört fast ausnahmslos sdie einzige Ausnahme bilden nur 
einige türkische Beamte, jüdische Kaufleute und einige unstät 
umherwandernde Z geuner) dem südslavischen Stamme an. 
Dieselben StammcSgenossen werden aber in Christen und Be- 
kenner des Islam getheilt. Und als ob dem alten bösen Dä 
mon slavischer Zwietracht auch damit noch nicht Genüge ge- 
schehen .wäre, theilen sich auch die Christen wieder in nicht- 
unirte Griechen und Katholiken. 
RoSkiewicz rechnet auf die Herzegowina 60,000 Mohame- 
daner, 47,180 Katholiken und 75,000 Griechen, die Zahl 
der Juden, was wohl etwas zu hoch gegriffen, gibt er auf 
500 Seelen an. Dem Charakter des wirrzerklüfteten Landes ent- 
sprechend, ist auch die Bevölkerung über dasselbe sehr un- 
gleichmäßig vertheilt. Während, die Hochgebirge nur von 
wändernden Zigeunern, halbwilden Hirten und einer Art von 
Heiduken durchzogen werden, die mehr an die magyarischen 
Segeny legeny, als an die poetischen, nur den Türken ver- , 
hängnißvollen ritterlichen Gestalten des bulgarischen und alt- 
serbischen Heidukenthums erinnern, beginnen an den Abhängen ; 
der Berge die Hütten der Christen, zwischen denen sich dann 
in den fruchtbaren Thälern und in den Städten das flavische 
Mohamedanerthum breit macht, das den bessern Grund und 
Boden des Landes fast ausschließlich als Eigenthum besitzt 
und auf die Christen, die ihm seinen Boden als Pächter oder 
Arbeiter bebauen, nicht viel anders als auf miserable, recht- 
lose Leibeigene niederblickt. 
Amerika. Enthüllungen, welche jetzt nach 18 Jahren 
— über einen der blutigsten und entsetzlichst5N Massenmorde, 
den die Geschichte dieses Jahrhunderts kennt, gemacht werden, 
setzen, wie man auS New-Jork schreibt, dort alle Welt in 
Aufregung. Im September 1857 kam eine große Schaar 
Leute auS Missouri, aus welchem Staat die Mormonen ver 
trieben waren, nach Utah, um sich dort anzusiedeln. ES waren 
Leute aus den rohesten Bevölkerungsschichten, welche sich ein 
Vergnügen daraus machten, die Mormonen durch allerlei ver- 
letzende Redensarten aufzuregen. So behauptete Einer, im 
Besitz ^ des Pistols zu sein, mit dem der von den Mormonen 
abergläubisch verehrte „Prophet" Smith in Karthago erschos 
sen wurde. Andere gaben sich als Nachbarn eines gewissen 
Mac Lean aus, der den Mormonenapostel Pratt ermordet 
hatte, weil dieser ihm seine Frau geraubt hatte. Zwei Ochsen 
nannten sie Brigham und Heber nach dem „Propheten" Joung 
und dem Bischof Heber C. Kimball. Außerdem fluchten sie 
— waS ^ bei den Mormonen durch StaatSgesetze verboten ist 
—, zerstörten muthwillig Getreide auf den Feldern, Zäune u. 
Hütten, tödteten Vieh und vergifteten sogar auch eine Quelle, 
um, wie sie sagten, Indianer auS der Welt zu schaffen. Letzteres 
wird freilich von anderer Seite in Abrede gestellt j und 
behauptet, daß jene Einwanderer, abgesehen von ihrem fana- 
tischen Haß gegen die Mormonen, ganz ordentliche und arbeits- 
same Leute gewesen seien. Wie sich aber dies auch verhalten mag, 
so viel steht fest, daß Die Mormonen gegen die Ankömmlinge 
aufs höchste erbittert waren. Während sie sonst sich durch 
Gastfreundschaft auszeichnen, schlugen sie jener Schaar jegliche 
Unterstützung ab. Wo die Einwanderer hinkamen, wurde 
ihnen die Verabreichung von Lebensmitteln, ja sogar ein La- 
gerplatz verweigert. Geovze A. Smith, gegenwärtig erster 
Rath in der Salzseestadt, ritt dem Zuge voraus, um die 
Mormonen bei Strafe der Exkommunikation vor der Unterstützung 
der Zuzügler zu warnen. ^ In einem KriegSrathe zu Parowan, 
an welchem stch jener Smith, William H. Dame, I. C. 
Haigt und Sohn D. Lee betheiligten, wurde dann der Unter- 
gang der Einwanderer beschlossen. Diese sollten in Santa 
Clara Canyon angegriffen und sämmtliche niedergemacht wer- 
den. Eine Nachhut sollte verhindern, daß auch nicht einer von 
der ganzen Schaar entkam. Die Miliz von Utah wurde of- 
siziell unter die Waffen gerufen — was vielleicht auf die 
Betheiligung Brigham Aoung'S, als deS Oberkommandanten 
derselben schließen läßt —- und die Indianer gegen Zusicherung 
der Beute für die Ausführung deS Unternehmens gewonnen 
Letztere überfielen die Karavane bei Cane Spring, tödteten 7 
und verwundeten 15 der Einwanderer. Das geschah am 
Morgen des 10. September 1857. Die Angegriffenen errich- 
teten aber in aller Cile eine Wagenburg, verschanzten sich u. 
schlugen die Wilden zurück. Als die Nachricht davon in dem 
Mormonenlager bei Cedas eintraf, wurde die Miliz, 60 Mann 
stark, abgeschickt. Die Unglücklichen wurden nun von allen 
Seiten umzingelt und von jeder Zufuhr abgeschnitten; wer sich 
hervorwagte, auch kleine Kindor, welche nach Wasser abgesandt 
waren, wurden erschossen. Nach viertägiger Belagerung er- 
boten sich dann drei Mauner, die Reihen der Feinde zu durch- 
brechen und stch nach Kalifornien durchzuschlagen, um Hülfe 
zu holen. Aber die Indianer setzten ihnen nach; der eine 
wurde sogleich erschossen, der zweite lebendig verbrannt und der 
dritte zu Tode gehetzt. Am 18. September ließen sich die Einge- 
schlossenen von Lee, der unter der Parlamentärflagge zu ihnen 
kam, verleiten, stch der Miliz von. Utah zu ergeben. Als sie 
aber mit wehender amerikanischer Flagge, unter der sie sicher 
zu sein glaubten, auS der Wagenburg hervorkamen, feuerte die 
Miliz auf Lee'S Kommando eine Salve nach der anderen auf 
die Wehrlosen ab. Die Indianer eilten herbei, um ein Uebri- 
geS zu thun, und so wurden alle Männer abgeschlachtet. Das- 
selbe LooS traf die Frauen. Lee selbst tödtete eine Frau, die 
den Dolch gegen ihn gezückt hatte, und eine andere erschoß er.
        

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